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Sie sah sich vorsichtig um, weil sie hörte, dass sich unten auf der Treppe Schritte in Bewegung setzten, dann beugte sie sich dicht zu mir herüber.

»Mutter hat gesagt, ich soll es tun«, flüsterte sie. Und damit erhob sie sich und ging hastig aus dem Zimmer. In der Tür strich sie an ihrer Mutter vorbei.

Ich stellte keine Fragen. Jenny hatte ein Kleid für mich gefunden – von einer ihrer älteren Töchter –, und wir unterhielten uns nicht mehr als nötig, während sie mir hineinhalf.

Als ich mich angekleidet und mir die Schuhe angezogen hatte, mir das Haar gekämmt und hochgesteckt hatte, wandte ich mich ihr zu.

»Ich möchte gehen«, sagte ich. »Auf der Stelle.«

Sie widersprach nicht, sondern betrachtete mich nur von oben bis unten, um sich zu vergewissern, dass ich kräftig genug war. Dann nickte sie, und ihre dunklen Wimpern verdeckten die Katzenaugen, die denen ihres Bruders so ähnlich waren.

»Ich glaube, das ist das Beste«, sagte sie leise.

Es war später Vormittag, als ich Lallybroch zum endgültig letzten Mal verließ. Zu meinem Schutz trug ich einen Dolch an meiner Taille, obwohl es unwahrscheinlich war, dass ich ihn brauchen würde. Die Satteltaschen meines Pferdes enthielten Proviant und mehrere Flaschen Ale, genug für den Weg zum Steinkreis. Ich hatte daran gedacht, Jamie die Bilder von Brianna aus dem Rock zu nehmen, doch nach kurzem Zögern hatte ich sie dort gelassen. Sie gehörte für immer zu ihm, auch wenn ich es nicht tat.

Es war ein kalter Herbsttag, und Nieselregen erfüllte das Versprechen des trüben Morgens. Rings um das Haus war niemand in Sicht, als Jenny das Pferd aus dem Stall führte und es am Kopfstück festhielt, damit ich aufsteigen konnte.

Ich zog mir die Kapuze meines Umhangs tiefer ins Gesicht und nickte ihr zu. Letztes Mal hatten wir uns zum Abschied wie Schwestern unter Tränen umarmt. Sie ließ die Zügel los und trat zurück, und ich lenkte das Pferd auf die Straße zu.

»Gute Reise!«, hörte ich sie mir nachrufen. Ich antwortete nicht und blickte nicht zurück.

Ich ritt den Großteil des Tages vor mich hin, ohne viel Notiz davon zu nehmen, wohin ich ging; ich achtete nur darauf, die generelle Richtung einzuhalten, ansonsten konnte sich der Wallach den Weg durch die Bergpässe selber suchen.

Ich machte halt, als das Licht zu schwinden begann, ließ das Pferd grasen, legte mich in meinen Umhang gehüllt auf den Boden und schlief auf der Stelle ein – ich wollte nicht wach bleiben, aus Angst, ich könnte nachdenken und mich erinnern. Betäubung war meine einzige Zuflucht. Ich wusste, dass sie nachlassen würde, doch ich klammerte mich an ihr tröstendes Grau, solange es ging.

Es war der Hunger, der mich am nächsten Tag widerwillig zurück ins Leben rief. Ich hatte gestern den ganzen Tag keine Pause zum Essen eingelegt und auch am Morgen beim Aufstehen nicht, doch um die Mittagszeit hatte mein Magen laut zu protestieren begonnen, und ich hielt in einem kleinen Tal an einer glitzernden Quelle an und wickelte den Proviant aus, den mir Jenny in die Satteltasche gesteckt hatte.

Es gab Haferkekse und Ale und mehrere kleine, frisch gebackene Brotlaibe, die halbiert und mit Schafskäse und eingelegtem Gemüse gefüllt waren. Highland-Sandwiches, die herzhafte Kost der Schafhirten und Krieger, so typisch für Lallybroch, wie es die Erdnussbutter für Boston gewesen war. Sehr passend, dass meine Reise nun damit endete.

Ich aß ein Sandwich, trank eine der Aleflaschen leer und schwang mich wieder in den Sattel, um weiter nach Nordosten zu reiten. Unglücklicherweise hatte das Essen nicht nur meinen Körper gestärkt, sondern auch meine Gefühle wieder zum Leben erweckt. Je höher wir in die Wolken stiegen, desto tiefer sank meine Stimmung – und sie war von Anfang an niedergeschlagen gewesen.

Das Pferd war zwar motiviert, doch ich war es nicht. Am frühen Nachmittag wurde mir klar, dass ich nicht mehr weiterkonnte. Ich führte das Pferd in ein kleines Dickicht, so dass es von der Straße aus nicht zu sehen war, band es lose an und wanderte tiefer in die Bäume hinein, bis ich eine umgestürzte Esche fand, deren glatte Rinde voller grüner Moosflecken war.

Ich setzte mich vornübergebeugt hin, die Ellbogen auf den Knien und den Kopf auf den Händen. Mir taten sämtliche Knochen weh – eigentlich nicht von der Auseinandersetzung des gestrigen Tages oder von der Strapaze des Reitens; aus Trauer.

Selbstbeherrschung und Urteilsvermögen hatten in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt. Es hatte mich einiges gekostet, die Kunst des Heilens zu lernen; zu geben und mitzufühlen, stets jedoch kurz vor dem gefährlichen Punkt innezuhalten, an dem ich zu viel gab, um noch wirkungsvoll arbeiten zu können. Ich hatte Distanz und Rationalität gelernt, zu einem hohen Preis.

Im Zusammenleben mit Frank hatte ich auch den Balanceakt des Anstands gelernt; Freundlichkeit und Respekt, die immer diesseits der unsichtbaren Grenze zur Leidenschaft blieben. Und Brianna? Die Liebe zu einem Kind lässt keinen Raum für Freiheit; bei der ersten Bewegung im Mutterleib entsteht eine Hingabe, die genauso machtvoll wie blindlings ist und der man sich genauso wenig widersetzen kann wie dem Geburtsprozess selbst. Doch so machtvoll sie auch ist, diese Liebe ist stets mit Kontrolle verbunden; man ist die Verantwortliche, die Beschützerin, die Aufpasserin, die Hüterin – gewiss mit großer Leidenschaft, doch niemals Selbstvergessenheit.

Immer und immer hatte ich die Balance zwischen Mitgefühl und Erfahrung finden müssen, zwischen Liebe und Urteilsvermögen, zwischen Menschlichkeit und Rücksichtslosigkeit.

Nur bei Jamie hatte ich alles gegeben, was ich hatte – hatte ich alles riskiert. Ich hatte die Vorsicht, das Urteilsvermögen und die Erfahrung über Bord geworfen und mit ihnen die Annehmlichkeiten und die Einschränkungen einer hart erarbeiteten Karriere. Ich hatte ihm nichts mitgebracht als mich selbst, war in seiner Gegenwart nur ich selbst gewesen, hatte ihm meine Seele genauso wie meinen Körper geschenkt, hatte es zugelassen, dass er mich nackt sah, darauf vertraut, dass er mich sah, wie ich war, und er meine Schwächen in Ehren halten würde – weil es schon einmal so gewesen war.

Ich hatte Angst gehabt, dass er es nicht wieder können würde. Oder es nicht wieder wollen würde. Und hatte dann diese wenigen Tage perfekten Glücks erlebt, in denen ich gedacht hatte, was einmal wahr gewesen war, sei es wieder; dass ich frei war, ihn zu lieben, mit allem, was ich hatte und war, und mit derselben Aufrichtigkeit geliebt zu werden.

Die Tränen rannen mir heiß und nass durch die Finger. Ich trauerte um Jamie und um das, was ich mit ihm gewesen war.

Weißt du, sagte seine Stimme flüsternd, was es bedeutet, wieder »Ich liebe dich« zu sagen und es auch so zu meinen?

Ich wusste es. Und ich saß mit dem Kopf in den Händen unter den Kiefern und wusste, dass ich es nie wieder so meinen würde.

Ich war so sehr in meine jämmerlichen Gedanken vertieft, dass ich die Schritte erst hörte, als er mich fast erreicht hatte. Beim Knacken eines Astes fuhr ich wie ein aufgeschreckter Fasan von dem umgestürzten Baum auf und wirbelte zu dem Angreifer herum. Das Herz in der Kehle und den Dolch in der Hand.

»Himmel!« Der Anschleicher, der mindestens so sehr erschrocken war wie ich, scheute vor der nackten Klinge zurück.

»Was zum Teufel machst du hier?«, wollte ich wissen. Ich drückte mir die freie Hand an die Brust. Mein Herz hämmerte wie eine Kesselpauke, und ich war mir sicher, dass ich genauso bleich war wie er.

»Himmel, Tante Claire! Wo hast du denn gelernt, das Messer so zu ziehen? Du hast mich zu Tode erschreckt.« Ian fuhr sich mit der Hand über die Stirn, und sein Adamsapfel hüpfte auf und ab, als er schluckte.

»Das beruht auf Gegenseitigkeit«, versicherte ich ihm. Ich versuchte, den Dolch zurück in die Scheide zu schieben, doch meine Hand zitterte jetzt zu sehr. Mit wackeligen Knien ließ ich mich wieder auf den Eschenstamm sinken und legte mir das Messer auf den Oberschenkel.