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»Ich wiederhole«, sagte ich und versuchte, mich wieder zu fassen, »was machst du hier?« Ich hatte eine ziemlich gute Vorstellung davon, was er hier machte, und ich wollte nichts davon hören. Andererseits brauchte ich noch einen Moment, um mich von meinem Schreck zu erholen, ehe ich verlässlich stehen konnte.

Ian biss sich auf die Unterlippe, sah sich um, und auf mein zustimmendes Nicken hin setzte er sich umständlich neben mir auf den Baumstamm.

»Onkel Jamie schickt mich …«, begann er. Mehr brauchte ich gar nicht zu hören; ich stand auf, ließ meine Knie Knie sein, schob mir den Dolch in den Gürtel und wandte mich ab.

»Warte, Tante Claire! Bitte!« Er fasste nach meinem Arm, doch ich riss mich los und versuchte, mich zu entfernen.

»Es interessiert mich nicht«, sagte ich und trat nach den Farnwedeln, die mir im Weg waren. »Geh nach Hause, Ian. Ich muss zu meiner Familie.« Zumindest hoffte ich das.

»Aber es ist nicht so, wie du denkst!« Da er mich nicht daran hindern konnte, die Lichtung zu verlassen, folgte er mir und redete auf mich ein, während er sich unter dem niedrigen Geäst hindurchduckte. »Er braucht dich, Tante Claire, wirklich! Du musst mit mir zurückkommen!«

Ich antwortete ihm nicht; ich war bei meinem Pferd angekommen und band es los.

»Tante Claire! Kannst du mir denn nicht zuhören?« Er tauchte auf der anderen Seite des Pferdes auf und blickte mich aus schlaksiger Höhe über den Sattel hinweg an. Er sah seinem Vater furchtbar ähnlich, während er jetzt das gutmütige Gesicht ängstlich verzog.

»Nein«, sagte ich knapp. Ich hob den Fuß in den Steigbügel und schwang mich mit einem erfreulich majestätischen Rauschen meiner Röcke und Unterröcke in den Sattel. Einzig die Tatsache, dass Ian die Zügel des Pferdes fest umklammert hielt, verhinderte meinen würdevollen Aufbruch.

»Lass los«, sagte ich entschlossen.

»Erst, wenn du mich anhörst«, sagte er. Er blickte funkelnd zu mir auf, die Zähne stur zusammengebissen, und seine sanften braunen Augen brannten. Ich funkelte zurück. Bei aller Schlaksigkeit besaß er die hagere Muskularität seines Vaters; wenn ich nicht bereit war, ihn niederzureiten, schien mir kaum etwas anderes übrigzubleiben, als ihn anzuhören.

Also schön, beschloss ich. Es würde zwar weder ihm noch seinem doppelzüngigen Onkel etwas nützen, aber ich würde ihm zuhören.

»Rede«, sagte ich und nahm all meine Geduld zusammen.

Er holte tief Luft und betrachtete mich argwöhnisch, um zu sehen, ob ich es ernst meinte. Nachdem er zu diesem Schluss gekommen war, atmete er pustend aus, so dass das feine braune Haar auf seiner Stirn flatterte, und richtete sich auf, um zu beginnen.

»Nun«, fing er an und schien plötzlich unsicher. »Es … ich … er …«

Ich stieß einen enervierten Kehllaut aus. »Fang am Anfang an«, sagte ich. »Aber übertreibe es nicht, hm?«

Er nickte und bohrte sich konzentriert die Zähne in die Oberlippe.

»Nun, nach deinem Aufbruch ist im Haus großer Streit ausgebrochen, als Onkel Jamie zurückgekommen ist«, begann er.

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte ich. Ich musste feststellen, dass sich unwillkürlich Neugier in mir regte, doch ich kämpfte sie nieder und setzte eine völlig gleichgültige Miene auf.

»Ich habe Onkel Jamie noch nie so wütend gesehen«, sagte er, ohne den Blick von meinem Gesicht abzuwenden. »Und Mutter auch nicht. Sie sind hemmungslos übereinander hergefallen, alle beide. Vater hat versucht, sie zu beruhigen, aber es war, als hätten sie ihn gar nicht gehört. Onkel Jamie hat Mutter eine aufdringliche Hexe genannt, die ihre Nase in alles hineinstecken muss, und … noch viel Schlimmeres«, fügte er errötend hinzu.

»Er hätte es nicht an Jenny auslassen dürfen«, sagte ich. »Sie hat doch nur versucht zu helfen – glaube ich.« Mir wurde übel bei dem Gedanken, dass ich auch diese Kluft verursacht hatte. Jenny war Jamies wichtigster Halt gewesen, seit ihre Mutter gestorben war, als sie noch Kinder waren. Kannte der Schaden, den ich durch meine Rückkehr hervorgerufen hatte, denn gar keine Grenzen?

Zu meiner Überraschung lächelte Jennys Sohn flüchtig. »Nun, man kann nicht sagen, dass es einseitig war«, sagte er trocken. »Meine Mutter lässt sich nämlich nicht einfach so beschimpfen. Onkel Jamie hat auch den einen oder anderen Bissabdruck davongetragen.« Er schluckte, als er daran dachte.

»Ich hatte sogar Angst, dass sie sich gegenseitig verletzen würden. Mutter ist mit einer Eisenpfanne auf Jamie losgegangen, und er hat sie ihr aus der Hand gerissen und sie aus dem Küchenfenster geworfen. Vor Schreck sind die Hühner vom Hof gelaufen«, fügte er mit einem schwachen Grinsen hinzu.

»Genug von den Hühnern, Ian«, sagte ich und blickte kalt auf ihn hinunter. »Erzähl weiter; ich möchte los.«

»Nun, dann hat Onkel Jamie das Bücherregal in der Stube umgeworfen – ich glaube nicht, dass es Absicht gewesen ist«, fügte der Junge hastig hinzu, »er war nur viel zu aufgewühlt, um nach rechts oder links zu sehen – und ist zur Tür hinaus. Vater hat den Kopf aus dem Fenster gesteckt und ihm nachgerufen, wohin er geht, und er hat gesagt, er will dich suchen.«

»Warum bist du dann hier und nicht er?« Ich beugte mich ein wenig vor und beobachtete seine Hand an den Zügeln; falls es so aussah, als ließe der Griff seiner Finger nach, konnte ich ihm die Zügel vielleicht entreißen.

Ian seufzte. »Onkel Jamie wollte gerade losreiten, als Tante … äh … ich meine seine Fr–« Er errötete kläglich. »Laoghaire. Sie … sie ist vom Hügel auf den Hof gekommen.«

An diesem Punkt gab ich es auf, die Gleichgültige zu spielen.

»Und was ist dann passiert?«

Er runzelte die Stirn. »Es gab fürchterliches Geschrei, aber ich konnte nicht viel hören. Tante … ich meine Laoghaire – sie scheint nicht zu wissen, wie man sich richtig streitet, so wie meine Mama und Onkel Jamie. Sie weint und jammert einfach nur unablässig. Mama sagt, sie ist eine Heulsuse«, fügte er hinzu.

»Mmpfm«, sagte ich. »Und?«

Laoghaire war vom Pferd gerutscht, hatte sich an Jamies Bein geklammert und ihn mehr oder weniger mit zu Boden gezerrt, erzählte Ian. Dann war sie vor der Haustür zu einem Häuflein Elend zusammengesunken, hatte die Arme um Jamies Knie geschlungen und dabei lautstark Tränen vergossen, wie man es von ihr gewohnt war.

Da er ihr nicht entkommen konnte, hatte Jamie Laoghaire schließlich zum Stehen hochgezogen, sie sich über die Schulter geworfen und sie ins Haus und die Treppe hinaufgetragen, ohne die faszinierten Blicke seiner Familie und der Dienstboten zu beachten.

»Aha«, sagte ich. Ich begriff, dass ich die Zähne aufeinandergebissen hatte, und löste sie bewusst voneinander. »Also hat er dich hinter mir hergeschickt, weil er selbst zu sehr mit seiner Frau beschäftigt war. Dieser Schuft! Wie dreist von ihm! Er glaubt, er kann einfach jemanden losschicken, der mich zurückholt wie ein Dienstmädchen, weil es ihm gerade ungelegen kommt, sich selbst auf den Weg zu machen? Er glaubt wirklich, er kann sich alles leisten, oder? Arroganter, selbstsüchtiger, anmaßender … Schotte!« Ich war so sehr von der Vorstellung abgelenkt, wie Jamie Laoghaire die Treppe hinauftrug, dass »Schotte« die schlimmste Beschimpfung war, die mir spontan einfiel.

Meine Hand umklammerte die Kante des Sattels, so fest, dass meine Knöchel weiß waren. Ohne mich weiter um Raffinesse zu bemühen, beugte ich mich vor und griff nach den Zügeln.

»Lass los!«

»Aber Tante Claire, so ist es doch gar nicht!«

»Was ist nicht so?« Durch seinen verzweifelten Ton alarmiert, blickte ich auf. Sein langes, schmales Gesicht war nervös verzerrt, so sehr drängte es ihn, mir die Lage klarzumachen.

»Onkel Jamie ist nicht zu Hause geblieben, um bei Laoghaire zu sein!«

»Warum hat er dich dann geschickt?«

Er holte tief Luft und legte die Hände wieder fest um die Zügel.

»Sie hat auf ihn geschossen. Er hat mich gebeten, dich zu suchen, weil er im Sterben liegt.«

»Wenn du lügst, Ian Murray«, sagte ich zum Dutzendsten Mal, »wird es dir bis ans Ende deines Lebens leidtun – und es wird ein kurzes Leben sein!«