Ich musste die Stimme erheben, um mir Gehör zu verschaffen. Der zunehmende Wind rauschte an mir vorüber. Er hob mir das Haar in wehenden Girlanden von den Schultern und peitschte mir die Röcke fest um die Beine. Das Wetter passte zur allgemeinen Dramatik; gewaltige schwarze Wolken erdrückten die Gebirgspässe und kochten über die Felsen hinweg wie Gischt, während leiser Donner grollte wie die ferne Brandung auf festgewalztem Sand.
Ian, der keine Luft bekam, schüttelte nur den gesenkten Kopf und beugte sich in den Wind. Er führte beide Pferde zu Fuß über ein trügerisches Stück Sumpfland am Ufer eines kleinen Sees. Ich blickte instinktiv auf mein Handgelenk und vermisste meine Rolex.
Es war schwer zu sagen, wo die Sonne stand, da der heranrollende Sturm den halben westlichen Horizont verdeckte, doch die Oberkante der schwarzgefärbten Wolken erstrahlte in einem gleißenden Weiß, das beinahe golden war. Mir war die Fähigkeit abhandengekommen, anhand von Sonne und Himmel zu bestimmen, wie spät es war, doch ich glaubte nicht, dass es später war als früher Nachmittag.
Lallybroch war noch mehrere Stunden entfernt; ich glaubte nicht, dass wir vor Anbruch der Dunkelheit dort eintreffen würden. Da ich mich nur sehr unentschlossen auf den Craigh na Dun zubewegt hatte, hatte ich fast zwei Tage benötigt, um das Wäldchen zu erreichen, in dem mich Ian eingeholt hatte. Er hatte gesagt, er hätte nur einen Tag zu meiner Verfolgung benötigt; er hatte ungefähr gewusst, wohin ich unterwegs war, und er hatte das Pony, das ich ritt, selbst beschlagen; er hatte meine Spur deutlich lesen können, wo immer sie im Moor an einer matschigen Stelle auftauchte.
Zwei Tage seit meinem Aufbruch; einer – oder mehr – für den Rückweg. Drei Tage also, seit Jamie verletzt worden war.
Ich konnte Ian nur wenige nützliche Einzelheiten entlocken; nun, da seine Mission erfolgreich gewesen war, wollte er nur noch so schnell wie möglich nach Lallybroch zurück und sah keinen Sinn in weiteren Gesprächen. Jamies Schussverletzung befand sich an seinem linken Arm, sagte er. So weit, so gut. Dann war ihm die Kugel in die Seite gedrungen. Nicht gut. Jamie war bei Bewusstsein gewesen, als Ian ihn zuletzt gesehen hatte – das war gut –, doch er hatte beginnendes Fieber gehabt. Gar nicht gut. Was die Nachwirkungen eines möglichen Schocks, die Art oder Höhe des Fiebers oder die bisherige Behandlung betraf, so konnte Ian nur mit den Schultern zucken.
Möglich also, dass Jamie im Sterben lag – oder auch nicht. Es war ein Risiko, das ich nicht eingehen konnte, und Jamie wusste das genau. Einen Moment lang fragte ich mich, ob es vorstellbar war, dass er sich selbst angeschossen hatte, um meine Rückkehr zu erzwingen. Nach unserem letzten Wortwechsel konnte er kaum Zweifel daran hegen, wie ich reagiert hätte, wenn er mir selbst gefolgt wäre oder gar versucht hätte, mich mit Gewalt zur Rückkehr zu bewegen.
Es fing jetzt an zu regnen, ein sanftes Tröpfeln, das sich in meinem Haar und auf meinen Wimpern verfing und mir alles vor den Augen verschwimmen ließ wie von Tränen. Jenseits der sumpfigen Stelle stieg Ian wieder auf und ritt voraus auf den letzten Pass zu, der nach Lallybroch führte.
Jamie war sicherlich durchtrieben genug, um einen solchen Plan zu ersinnen, und mutig genug, um ihn auszuführen. Andererseits kannte ich ihn nicht als leichtsinnigen Menschen. Er war schon viele große Risiken eingegangen – zum Beispiel, mich zu heiraten, dachte ich reumütig –, jedoch nie, ohne die Kosten abzuwägen und bereit zu sein, sie auch zu bezahlen. Ob er geglaubt hätte, die Möglichkeit, mich nach Lallybroch zurückzulocken, wäre die Möglichkeit wert, dass er tatsächlich starb? Das erschien mir nicht sehr logisch, und Jamie Fraser war ein Mensch, der ausgesprochen logisch dachte.
Ich zog mir die Kapuze meines Umhangs tiefer ins Gesicht, um mich vor dem zunehmenden Regen zu schützen. Ians Schultern und Oberschenkel waren dunkel vor Nässe, und von der Krempe seines Schlapphuts tropfte der Regen, doch er saß aufrecht im Sattel und ignorierte das Wetter mit der stoischen Herablassung eines wahren Schotten.
Nun denn. Da Jamie vermutlich nicht selbst auf sich geschossen hatte – war er überhaupt verletzt? Es war möglich, dass er die Geschichte nur erfunden und seinen Neffen zu mir geschickt hatte, damit dieser sie erzählte. Bei genauerem Nachdenken erschien es mir jedoch kaum vorstellbar, dass Ian mir die Nachricht so überzeugend überbracht hätte, wenn sie erfunden gewesen wäre.
Ich zuckte mit den Schultern, worauf mir prompt ein kaltes Rinnsal in die Vorderseite meines Umhangs lief, und beschloss, so geduldig wie möglich das Ende des Weges abzuwarten. Jahre der medizinischen Praxis hatten mich gelehrt, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen; die Realität eines jeden Falls war unweigerlich einzigartig, und meine Reaktion darauf musste es ebenfalls sein. Meine Gefühle jedoch waren sehr viel schwerer zu kontrollieren als meine erlernten Reaktionen.
Jedes Mal, wenn ich Lallybroch verlassen hatte, hatte ich geglaubt, ich würde nie zurückkehren. Hier war ich nun, wieder auf dem Rückweg. Zweimal hatte ich Jamie in der Gewissheit verlassen, dass ich ihn nie wiedersehen würde, und doch, hier war ich nun und kehrte zu ihm zurück wie eine Brieftaube zu ihrem Schlag.
»Eins sage ich dir, Jamie Fraser«, murmelte ich vor mich hin. »Wenn du bei meinem Eintreffen nicht an der Schwelle des Todes stehst, wirst du es ein Leben lang bereuen!«
Kapitel 36
Angewandte Hexenkunst
Es war schon seit Stunden dunkel, als wir Lallybroch endlich nass bis auf die Haut erreichten. Das Haus war still und dunkel bis auf zwei schwach erleuchtete Fenster im Parterre. Einer der Hunde bellte einmal warnend auf, doch Ian brachte das Tier zum Schweigen, und nachdem es kurz an meinem Steigbügel geschnuppert hatte, verschwand die schwarz-weiße Gestalt wieder in der Dunkelheit des Innenhofs.
Die Warnung hatte ausgereicht, um jemanden zu alarmieren; als Ian mich in den Flur führte, öffnete sich die Tür der Wohnstube. Jenny steckte den Kopf hinaus, das Gesicht angespannt vor Sorge.
Bei Ians Anblick trat sie in den Flur, und ihre Miene verwandelte sich in freudige Erleichterung, auf der Stelle gefolgt von der rechtschaffenen Empörung einer Mutter, deren Nachwuchs sich auf Abwege begeben hat.
»Ian, du kleiner Schuft!«, sagte sie. »Wo bist du nur die ganze Zeit gewesen? Dein Pa und ich waren krank vor Sorge um dich!« Sie hielt inne, um ihn hastig zu betrachten. »Geht es dir gut?«
Als er nickte, verspannten sich ihre Lippen wieder. »Aye, nun ja. Jetzt bist du geliefert, Junge, das sage ich dir! Wo zum Teufel bist du überhaupt gewesen?«
Schlaksig, grobknochig und triefend nass, wie er war, hatte Ian größte Ähnlichkeit mit einer ertrunkenen Vogelscheuche, doch er war auch so groß, dass er seiner Mutter den Blick auf mich versperrte. Er beantwortete Jennys strafende Worte nicht, sondern zuckte verlegen mit der Schulter und trat beiseite, so dass der Blick seiner Mutter voll Verblüffung auf mich fiel.
Wenn meine Auferstehung von den Toten sie aus der Fassung gebracht hatte, so raubte ihr mein erneutes Wiederauftauchen die Sprache. Ihre dunkelblauen Augen, die normalerweise schräg standen wie die ihres Bruders, öffneten sich so weit, dass sie rund zu sein schienen. Sie starrte mich lange an, ohne etwas zu sagen, dann schwenkte ihr Blick wieder zu ihrem Sohn hinüber.
»Ein Kuckuck«, sagte sie beinahe im Konversationston. »Das ist es, was du bist, Junge – ein dicker Kuckuck im Nest. Weiß Gott, wessen Sohn du eigentlich sein solltest; meiner jedenfalls nicht.«
Ian wurde feuerrot und ließ den Blick sinken, als die Glut seine Wangen erreichte. Mit dem Handrücken schob er sich das feine, feuchte Haar aus den Augen.
»Ich – nun ja, ich war nur …«, begann er, die Augen auf seine Schuhe geheftet. »Ich konnte doch nicht …«