»Ach, das spielt jetzt keine Rolle!«, fuhr ihn seine Mutter an. »Ab mit dir nach oben ins Bett; dein Vater wird sich morgen mit dir befassen.«
Ian richtete den Blick hilflos auf die Tür zur Stube, dann auf mich. Er zuckte noch einmal mit den Schultern, betrachtete den nassen Hut in seinen Händen, als fragte er sich, wie dieser dort hingekommen war, dann schlurfte er langsam durch den Flur davon.
Jenny stand völlig reglos da, ohne den Blick von mir abzuwenden, bis sich die Schwingtür am Ende des Flurs leise hinter dem Jungen schloss. Die Anstrengung hatte ihr Gesicht mit Falten durchzogen, und unter ihren Augen lagen die Schatten der Schlaflosigkeit. Auch wenn sie so grazil und aufrecht war wie eh und je, wirkte sie doch ausnahmsweise so alt, wie sie war, wenn nicht sogar älter.
»Du bist also wieder da«, sagte sie ausdruckslos.
Da es mir sinnlos erschien, eine derart rhetorische Frage zu beantworten, nickte ich nur knapp. Das Haus ringsum war still und voller Schatten, denn ein dreiarmiger Kerzenleuchter auf dem Tisch war die einzige Beleuchtung im Flur.
»Lassen wir das jetzt«, sagte ich leise, um den Schlummer des Hauses nicht zu stören. Im Moment war schließlich nur eines wichtig. »Wo ist Jamie?«
Nach kurzem Zögern nickte sie ebenfalls und akzeptierte damit vorerst meine Gegenwart. »Im Zimmer«, sagte sie und wies mit einer Handbewegung auf die Tür der Wohnstube.
Ich setzte mich in Bewegung, dann hielt ich inne. Eines noch. »Wo ist Laoghaire?«, fragte ich.
»Fort«, sagte sie. Im Schein der Kerzen waren ihre Augen ausdruckslos und dunkel – unergründlich.
Ich nickte als Antwort und trat durch die Tür, die ich sanft, aber entschieden hinter mir schloss.
Weil er für das Sofa zu groß war, lag Jamie auf einem Feldbett, das sie vor dem Feuer aufgestellt hatten. Schlafend oder bewusstlos; sein regloses Profil ragte dunkel und scharfkantig vor der Glut der Kohlen auf.
Was auch immer er war, tot war er nicht – zumindest noch nicht. Als sich meine Augen jetzt an das gedämpfte Licht des Feuers gewöhnten, konnte ich sehen, wie sich seine Brust unter dem Nachthemd und der Decke langsam hob und senkte. Eine Feldflasche mit Wasser und eine Flasche Brandy standen auf dem Tischchen neben dem Bett. Über die Lehne des Polstersessels am Feuer war ein Schultertuch geworfen; Jenny hatte dort gesessen und bei ihrem Bruder gewacht.
Im Moment schien es keinen Grund zur Eile zu geben. Ich löste die Schnüre am Hals meines Umhangs, breitete das durchnässte Kleidungsstück über die Sessellehne und nahm mir stattdessen das Schultertuch. Meine Hände waren kalt; ich schob sie mir unter die Arme, um sie in etwa auf Normaltemperatur zu bringen, ehe ich ihn berührte.
Als ich mich schließlich traute, ihm eine aufgetaute Hand auf die Stirn zu legen, hätte ich sie fast zurückgerissen. Er glühte wie eine gerade abgefeuerte Pistole, und er zuckte und stöhnte bei meiner Berührung. Fieber, in der Tat. Einen Moment stand ich da und blickte auf ihn hinunter, dann trat ich vorsichtig an die Seite des Bettes und setzte mich in Jennys Sessel. Ich glaubte nicht, dass er mit einer derart hohen Körpertemperatur lange schlafen würde, und es schien mir eine Schande zu sein, ihn unnötig früh zu wecken, nur um ihn zu untersuchen.
Aus dem Umhang in meinem Rücken tropfte Wasser auf den Boden, ein langsamer, unregelmäßiger Rhythmus. Es erinnerte mich unangenehm an einen alten Aberglauben der Highlands – das »Todestropfen«. Kurz vor einem Todesfall, so erzählt man sich, kann man im Haus Wasser tropfen hören, wenn man für solche Dinge empfänglich ist.
Dem Himmel sei Dank hatte ich normalerweise keinen Sinn für derartige übernatürliche Phänomene. Nein, dachte ich ironisch, damit du aufmerksam wirst, ist schon ein Riss in der Zeit notwendig. Das brachte mich zum Lächeln, wenn auch nur flüchtig, und es vertrieb den Schauder, den ich empfunden hatte, als ich an das Todestropfen denken musste.
Doch auch als die Kälte der Regennässe allmählich von mir abfiel, fühlte ich mich weiter unwohl, und der Grund dafür lag nahe. Es war noch gar nicht so lange her, dass ich an einem anderen improvisierten Bett gestanden hatte und tief in den Stunden der Nachtwache über den Tod und eine vergeudete Ehe nachgedacht hatte. Die Gedanken, die mir im Wald gekommen waren, waren auf dem hastigen Rückweg nach Lallybroch nicht verstummt, und auch jetzt meldeten sie sich wieder, ohne dass ich es wollte.
Für Frank war die Entscheidung eine Frage der Ehre gewesen – mit mir verheiratet zu bleiben und Brianna an Kindes statt aufzuziehen. Eine Frage der Ehre – und des Widerwillens, eine Verantwortung von sich zu weisen, die er als die seine betrachtete. Nun, auch hier lag ein Ehrenmann vor mir.
Laoghaire und ihre Töchter, Jenny und ihre Familie, die schottischen Strafgefangenen, die Schmuggler, Mr. Willoughby und Geordie, Fergus und die Pächter – wie viele solcher Verantwortlichkeiten hatte Jamie in den Jahren unserer Trennung noch auf sich geladen?
Franks Tod hatte mich von einer solchen Verpflichtung befreit; Brianna selbst von einer weiteren. Die Krankenhausverwaltung hatte in weiser Voraussicht das letzte große Band zertrennt, das mich noch an jenes Leben fesselte. Ich hatte Zeit gehabt – und Joe Abernathys Hilfe –, um mich der kleineren Verpflichtungen selbst zu entledigen, um Vollmachten zu erteilen und Aufgaben zu delegieren, Besitz zu veräußern und Verträge zu lösen.
Jamie war ohne Vorwarnung und ungefragt damit konfrontiert worden, dass ich wieder in sein Leben trat; er hatte keine Zeit gehabt, Entscheidungen zu treffen oder Konflikte zu klären. Und er war ein Mensch, der sich nie vor einer Verpflichtung drückte, selbst um der Liebe willen nicht.
Ja, er hatte mich angelogen. Hatte nicht darauf vertraut, dass ich seine Verpflichtungen anerkennen würde, an seiner Seite stehen – oder ihn verlassen – würde, je nachdem, was seine Lebensumstände forderten. Er hatte Angst gehabt – genau wie ich Angst gehabt hatte; Angst, dass er sich nicht für mich entscheiden würde, wenn er vor der Wahl zwischen einer zwanzig Jahre alten Liebe und seiner gegenwärtigen Familie stand.
»Wem willst du hier eigentlich etwas vormachen, L. J.?«, hörte ich Joe Abernathys Stimme voller Verachtung und Zuneigung sagen. Ich hatte mich auf meiner Flucht zum Craigh na Dun mit der Geschwindigkeit und Entschlossenheit eines zum Tode Verurteilten auf dem Weg zum Galgen bewegt. Und es war die Hoffnung gewesen, dass Jamie mir folgen würde, die meinen Weg verlangsamt hatte.
Natürlich hatten mich Gewissensbisse und verletzter Stolz getrieben, doch die Sekunde, in der Ian gesagt hatte, »er liegt im Sterben«, hatte diese Beweggründe als fadenscheinig entlarvt.
Meine Ehe mit Jamie war für mich gewesen, als drehte sich ein großer Schlüssel, der mit jedem Millimeter das komplexe Zusammenspiel der Federn und Bolzen in meinem Inneren in Gang setzte. Auch Brianna hatte diesen Schlüssel handhaben können; es hatte nicht viel gefehlt, und sie hätte die Tür zu meinem Selbst aufgeschlossen. Doch immer klemmte das Schloss bei der letzten Drehung – bis ich die Druckerei in Edinburgh betreten hatte und sich der Mechanismus mit einem letzten, entscheidenden Klicken gelöst hatte. Jetzt stand die Tür einen Spaltbreit offen, und das Licht einer unbekannten Zukunft schimmerte hindurch. Doch um sie ganz zu öffnen, war mehr Kraft vonnöten, als ich allein besaß.
Ich beobachtete das Heben und Senken seiner Atmung, das Wechselspiel von Licht und Schatten auf den kräftigen, klaren Konturen seines Gesichtes, und ich wusste, dass nur eines wirklich zwischen uns zählte – die Tatsache, dass wir beide noch am Leben waren. Hier war ich also. Wieder. Und ganz gleich, was es ihn oder mich kosten würde, hier würde ich auch bleiben.
Ich merkte gar nicht, dass sich seine Augen geöffnet hatten, bis er etwas sagte.
»Du bist also zurückgekommen«, sagte er. »Ich habe es gewusst.«
Ich öffnete den Mund, um zu antworten, doch er redete weiter, die Augen auf mein Gesicht geheftet, die Pupillen zu dunklen Abgründen geweitet.