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Wortlos schenkte ich ihm Wasser aus der Feldflasche ein und hielt ihm den Becher an die Lippen. Er zog zwar die Augenbraue hoch, trank aber gierig und ließ den Kopf dann wieder auf das Kissen fallen. Einen Moment atmete er tief ein und aus und hielt die Augen geschlossen, dann öffnete er sie und sah mich direkt an.

»Ich hatte schon zweimal im Leben so hoch Fieber, dass es mich beinahe umgebracht hat«, sagte er. »Ich glaube, diesmal ist es wohl so weit. Ich hätte dich zwar nicht holen lassen, aber … ich bin froh, dass du hier bist.« Er schluckte, dann fuhr er fort. »Ich … wollte dir sagen, dass es mir leidtut. Und richtig von dir Abschied nehmen. Ich würde dich nie bitten, bis zum Ende zu bleiben, aber … würdest du … würdest du bei mir bleiben – nur ein bisschen?«

Seine rechte Hand lag flach auf die Matratze gedrückt und half ihm, stillzuhalten. Ich konnte sehen, dass er darum rang, seine Stimme und seinen Blick von jedem Flehen frei zu halten, damit es nach einer einfachen Bitte klang, die ich auch ablehnen konnte.

Ich setzte mich neben ihm auf das Bett, vorsichtig, um ihn keiner Erschütterung auszusetzen. Der Feuerschein fiel leuchtend auf eine Hälfte seines Gesichtes, schlug Funken in seinen rotgoldenen Bartstoppeln und fing sich hier und dort in den kleinen Silbersträhnchen, während die andere Hälfte unter einer Maske aus Schatten lag. Er sah mir unverwandt in die Augen. Ich hoffte, dass man mir dieselbe Sehnsucht, die auch in seinem Gesicht zu sehen war, nicht ganz so deutlich anmerken konnte.

Ich streckte die Hand aus und fuhr ihm über die leise kratzenden Bartstoppeln.

»Ich bleibe noch ein bisschen«, sagte ich. »Aber du wirst nicht sterben.«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Du hast mich mit Hilfe von etwas, was ich noch heute für Hexerei halte, aus dem ersten Fieber gerettet. Und Jenny hat mich beim nächsten Mal mit blanker Sturheit durchgebracht. Da ihr diesmal beide hier seid, könnte ich mir sogar vorstellen, dass ihr es schafft, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich so etwas noch einmal durchstehen möchte. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich, glaube ich, lieber einfach sterben und es hinter mir haben.«

»Undankbarer Mensch«, sagte ich. »Feigling.« Hin- und hergerissen zwischen Frustration und Zärtlichkeit, tätschelte ich ihm die Wange und stand auf, um in die tiefe Tasche meines Rocks zu fassen. Es gab da einen Gegenstand, den ich stets bei mir trug, weil ich ihn nicht den Ungewissheiten der Reise anvertrauen wollte.

Ich legte die kleine, flache Schatulle auf den Tisch und öffnete den Verschluss. »Ich werde dich auch diesmal nicht sterben lassen«, teilte ich ihm mit, »auch wenn die Versuchung groß sein mag.« Vorsichtig holte ich den zusammengerollten grauen Flanellstoff hervor und legte ihn leise klirrend auf den Tisch. Ich rollte ihn auseinander, so dass die nebeneinander aufgereihten, glänzenden Spritzen ans Licht kamen, und suchte in der Schatulle nach dem Fläschchen mit den Penizillintabletten.

»Was in Gottes Namen ist das?«, fragte Jamie, der die Spritzen neugierig betrachtete. »Das sieht gefährlich aus.«

Ich antwortete nicht, weil ich damit beschäftigt war, Penizillintabletten in dem Fläschchen mit sterilem Wasser aufzulösen. Ich wählte einen der Glaszylinder aus, bestückte ihn mit einer Nadel und schob die Spitze durch das Gummi, das den Flaschenhals verschloss. Ich hielt sie ins Licht und zog vorsichtig am Kolben der Spritze, während ich die dicke weiße Flüssigkeit im Inneren des Glasröhrchens beobachtete und Ausschau nach Bläschen hielt. Dann zog ich die Nadel aus der Flasche, drückte vorsichtig auf den Kolben, bis ein Tropfen Flüssigkeit aus der Spitze perlte und langsam an der Nadel entlangrollte.

»Dreh dich auf die gesunde Seite«, sagte ich an Jamie gewandt, »und zieh dein Hemd hoch.«

Er warf einen hellwachen, argwöhnischen Blick auf die Nadel in meiner Hand, gehorchte aber widerstrebend. Beifällig betrachtete ich das Terrain.

»Dein Hintern hat sich seit zwanzig Jahren kein bisschen verändert«, stellte ich fest und bewunderte die gut bemuskelten Rundungen.

»Deiner auch nicht«, erwiderte er höflich, »aber ich bestehe trotzdem nicht darauf, dass du ihn entblößt. Bist du plötzlich von Wollust überwältigt?«

»Im Moment nicht«, sagte ich ungerührt und betupfte eine Hautstelle mit einem brandygetränkten Tüchlein.

»Das ist wirklich guter Brandy«, sagte er und blickte über seine Schulter hinweg, »aber eigentlich wende ich ihn normalerweise am anderen Ende an.«

»Es ist der beste Alkohol, den ich zur Hand habe. Jetzt halt still und entspann dich.« Mit sicherer Hand stieß ich zu und drückte den Kolben langsam in die Spritze.

»Autsch!« Jamie rieb sich schmollend den Allerwertesten.

»Es hört gleich auf zu brennen.« Ich goss zwei Fingerbreit Brandy in den Becher. »Jetzt kannst du einen Schluck haben – einen sehr kleinen Schluck.«

Wortlos leerte er den Becher und sah zu, wie ich die Spritzen wieder einrollte. Schließlich sagte er: »Ich dachte, man steckt Nadeln in Stoffpüppchen, wenn man jemanden verhexen will; nicht in einen lebenden Menschen.«

»Das ist keine Nadel; es ist eine Injektionsspritze.«

»Es ist mir egal, wie man es nennt; es hat sich angefühlt wie ein verdammter Hufnagel. Wärst du so freundlich, mir zu erklären, warum es meinem Arm helfen soll, wenn du mich in den Hintern stichst?«

Ich holte tief Luft. »Erinnerst du dich noch, wie ich dir einmal von Bakterien erzählt habe?«

Er sah mich verständnislos an.

»Winzige Tierchen, die so klein sind, dass man sie nicht sieht«, erklärte ich weiter. »Sie können durch verdorbenes Essen oder Wasser in deinen Körper gelangen oder durch offene Wunden, und wenn das geschieht, können sie dich krank machen.«

Neugierig betrachtete er seinen Arm. »Ich habe also Bakterien in meinem Arm, ja?«

»Mit absoluter Sicherheit.« Ich tippte mit dem Finger auf die flache Schatulle. »Aber die Arznei, die ich dir gerade in den Hintern gespritzt habe, tötet Bakterien. Du bekommst jetzt bis morgen Abend alle vier Stunden eine Spritze, und dann sehen wir, wie es dir geht.«

Ich hielt inne. Jamie starrte mich kopfschüttelnd an.

»Verstehst du mich?«, fragte ich. Er nickte langsam.

»Aye, ich verstehe. Ich hätte dich vor zwanzig Jahren auf dem Scheiterhaufen brennen lassen sollen.«

Kapitel 37

Was ist ein Name

Nachdem ich ihm eine Injektion verabreicht und ihn bequem zurechtgelegt hatte, wachte ich bei ihm, bis er wieder einschlief, und ließ ihn meine Hand halten, bis sich seine Finger im Schlaf entspannten und ihm die Finger schlaff an seine Seite sanken.

Ich blieb den Rest der Nacht an seinem Bett sitzen. Hin und wieder döste ich ein und weckte mich selbst mit Hilfe der inneren Uhr, die allen Ärzten zu eigen ist und die auf den Schichtwechsel in einem Krankenhaus eingestellt ist. Zwei weitere Injektionen, die letzte bei Tagesanbruch, und bis dahin hatte das Fieber seinen Griff schon deutlich gelockert. Er fühlte sich zwar immer noch sehr warm an, doch seine Haut brannte nicht mehr, und es fiel ihm leichter, zur Ruhe zu kommen. Nach der letzten Spritze fand er schon nach kurzem Murren und einem schwachen Stöhnen, weil sein Arm schmerzte, in den Schlaf.

»Die verdammten Bakterien im achtzehnten Jahrhundert sind nichts gegen Penizillin«, sagte ich an seine schlafende Gestalt adressiert. »Widerstand zwecklos. Selbst wenn du Syphilis hättest, hätte ich sie in null Komma nichts erledigt.«

Und was nun?, fragte ich mich, während ich zur Küche wankte, weil ich heißen Tee und etwas zu essen brauchte. Eine Frau, die ich nicht kannte, vermutlich die Köchin oder das Hausmädchen, war gerade dabei, den Ziegelofen zu befeuern, der auf das tägliche Brot wartete, das in seinen Formen auf dem Tisch stand, während der Teig aufging. Sie schien nicht überrascht, mich zu sehen, sondern räumte mir eine kleine Fläche zum Hinsetzen frei und brachte mir Tee und frische Pfannkuchen, ehe sie sich mit einem gemurmelten »Guten Morgen, Ma’am« wieder an die Arbeit machte.