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Offenbar hatte Jenny den Haushalt von meiner Anwesenheit in Kenntnis gesetzt. Bedeutete das auch, dass sie sie akzeptierte? Ich bezweifelte es. Sie hatte eindeutig gewünscht, dass ich ging, und sie war alles andere als begeistert, mich wiederzuhaben. Wenn ich hierblieb, würden sowohl Jenny als auch Jamie mir einiges über Laoghaire erklären müssen. Und ich würde hierbleiben.

»Danke«, sagte ich höflich zu der Köchin. Ich nahm eine frische Tasse Tee mit und ging in die Stube zurück, um zu warten, bis es Jamie beliebte, wieder aufzuwachen.

Den ganzen Vormittag über blieben die Leute, die an der Tür vorbeigingen, hin und wieder stehen, um blinzelnd hineinzuschauen, doch sie gingen stets hastig weiter, wenn ich aufblickte. Schließlich machte Jamie kurz vor Mittag Anstalten aufzuwachen; er regte sich, seufzte, stöhnte, als die Bewegung seinen Arm erschütterte, und ließ sich noch einmal zurücksinken.

Ich ließ ihm einige Momente Zeit zu begreifen, dass ich hier war, doch seine Augen blieben geschlossen. Aber er schlief nicht; die Konturen seines Körpers waren leicht angespannt, nicht im Schlummer erschlafft. Ich hatte ihm die ganze Nacht beim Schlafen zugesehen; ich kannte den Unterschied.

»Also schön«, sagte ich. Ich lehnte mich im Sessel zurück und machte es mir außerhalb seiner Reichweite bequem. »Dann lass es mich hören.«

Ein kleiner blauer Schlitz tauchte unter den langen kastanienbraunen Wimpern auf, dann verschwand er wieder.

»Mmmm?«, sagte er und tat so, als erwachte er langsam. Seine Wimpern zuckten auf seinen Wangen.

»Versuch nicht, mich hinzuhalten«, sagte ich kühl. »Ich weiß genau, dass du wach bist. Mach die Augen auf und erzähl mir von Laoghaire.«

Die blauen Augen öffneten sich und ruhten alles andere als gnädig auf mir.

»Du hast keine Angst, dass ich einen Rückfall bekomme?«, erkundigte er sich. »Ich habe immer gehört, dass man Kranke nicht zu sehr beanspruchen soll. Es wirft sie zurück.«

»Du hast ja den Arzt hier sitzen«, versicherte ich ihm. »Ich weiß, was ich tun muss, wenn du vor Anstrengung ohnmächtig wirst.«

»Das habe ich befürchtet.« Mit zusammengekniffenen Augen blickte er flüchtig zu der Schatulle mit den Medikamenten und den Spritzen auf dem Tisch hinüber, dann wieder zu mir. »Mein Hintern fühlt sich an, als hätte ich mich nackt in einen Ginsterbusch gesetzt.«

»Gut«, sagte ich liebenswürdig. »In einer Stunde bekommst du noch eine. Jetzt wirst du erst einmal reden.«

Seine Lippen pressten sich fest aufeinander, doch dann entspannten sie sich, und er seufzte. Mühsam schob er sich mit einer Hand zum Sitzen hoch und lehnte sich in die Kissen. Ich half ihm nicht.

»Also schön«, sagte er schließlich. Er sah mich nicht an, sondern hielt den Blick auf die Bettdecke gerichtet, wo sein Finger den Rand des Sternenmusters nachzeichnete.

»Nun, es ist nach meiner Rückkehr aus England gewesen.«

Auf seiner Rückkehr aus dem Lake District hatte er den Carter Bar überquert, einen breiten Höhengürtel, der England von Schottland trennt und auf dessen breitem Rücken man in alter Zeit die Märkte und Gerichtstage der Grenzregion abgehalten hatte.

»Es gibt dort einen Grenzstein, vielleicht kennst du ihn; er sieht aus, als könnte er eine ganze Weile überdauern.« Er sah mich fragend an, und ich nickte. Ich kannte den Stein, es war ein gewaltiger Menhir von gut drei Metern Höhe. In meiner Zeit hatte jemand auf der einen Seite ENGLAND und auf der anderen SCHOTTLAND eingemeißelt.

Wie Tausende andere Reisende im Lauf der Jahre hatte auch er dort Rast gemacht, die Vergangenheit und das Exil im Rücken, die Zukunft – und die Heimat – zu seinen Füßen, jenseits des Dunstschleiers der grünen Lowland-Täler in den grauen Felsenbergen der Highlands, die im Nebel verborgen lagen.

Mit der gesunden Hand fuhr er sich fortwährend durch das Haar, wie immer, wenn er nachdachte, bis die Wirbel auf seinem Scheitel in kleinen, leuchtenden Büscheln zu Berge standen.

»Du wirst nicht wissen, wie es ist, so lange unter Fremden zu leben.«

»Ach nein?«, sagte ich mit einem Hauch von Schärfe. Er blickte verblüfft zu mir auf, dann lächelte er schwach und senkte den Blick wieder auf die Decke.

»Aye, vielleicht doch«, sagte er. »Man verändert sich, aye? Sosehr man auch versucht, sich daran zu erinnern, woher man kommt und wer man ist – man wird anders. Nicht zu einem der Fremden; das könnte man niemals werden, selbst wenn man es wollte. Aber dennoch anders als der Mensch, der man einmal war.«

Ich dachte daran, wie ich schweigend neben Frank gestanden hatte, Treibgut in den Strudeln der Partys an der Universität, wie ich einen Kinderwagen durch die frostigen Parks von Boston geschoben hatte, mit anderen Ehefrauen und Müttern Bridge gespielt und Konversation betrieben hatte, in der unvertrauten Sprache der häuslichen Mittelklasse. Fremde, in der Tat.

»Ja«, sagte ich. »Ich weiß. Sprich weiter.«

Er seufzte und rieb sich mit dem Zeigefinger über die Nase. »Also bin ich heimgekehrt«, sagte er. Er blickte auf, und in seinem Mundwinkel verbarg sich ein Lächeln. »Was war es, was du Ian gesagt hast? Zuhause ist der Ort, wo sie dich aufnehmen müssen, wenn du dort hingehen musst?«

»Richtig«, sagte ich. »Es ist ein Zitat von einem Dichter namens Frost. Aber was meinst du damit? Deine Familie war doch sicher froh, dich zu sehen!«

Er runzelte die Stirn und befingerte die Bettdecke. »Aye, das waren sie«, sagte er langsam. »Das ist es nicht – ich will nicht sagen, dass sie mir das Gefühl vermittelt haben, nicht willkommen zu sein, ganz und gar nicht. Aber ich war so lange fort gewesen – Michael und die kleine Janet und Ian konnten sich gar nicht mehr an mich erinnern.« Er lächelte reumütig. »Aber sie hatten von mir gehört. Immer, wenn ich in die Küche kam, haben sie sich an die Wände gedrückt und mich mit großen Augen angestarrt.«

Er beugte sich ein wenig vor; er wollte unbedingt, dass ich ihn verstand.

»Als ich noch in der Höhle versteckt gelebt habe, war es anders. Ich war nicht im Haus, und sie haben mich nur selten gesehen, aber ich war immer hier, ich war immer Teil der Familie. Ich habe für sie gejagt; ich wusste Bescheid, wenn sie hungern oder frieren mussten, wenn die Ziegen krank waren oder die Kohlernte schlecht ausfiel oder wenn es unter der Küchentür plötzlich zog. Dann bin ich ins Gefängnis gegangen«, sagte er abrupt. »Und nach England. Ich habe ihnen geschrieben – und sie mir –, aber es ist einfach nicht dasselbe, ein paar schwarze Worte auf dem Papier zu sehen, die von Dingen erzählen, die vor Monaten geschehen sind. Und dann bin ich zurückgekommen …«

Er zuckte mit den Schultern und fuhr zusammen, weil sein Arm bei der Bewegung schmerzte. »Es war anders. Ian hat mich zwar gefragt, was ich davon halte, die Weide des alten Kirby einzuzäunen, aber ich wusste, dass er es mit seinem Sohn längst beschlossen hatte. Oder ich war auf den Feldern unterwegs, und die Leute haben mich argwöhnisch angeblinzelt, weil sie mich für einen Fremden gehalten haben. Wenn sie mich dann erkannten, bekamen sie große Augen, als hätten sie ein Gespenst gesehen.«

Er hielt inne und schaute zum Fenster hinaus, wo die Dornenranken der Rose seiner Mutter an das Glas schlugen, wenn der Wind die Richtung änderte. »Ich glaube, ich war auch ein Gespenst.« Er warf mir einen schüchternen Blick zu. »Falls du weißt, was ich meine.«

»Vielleicht«, sagte ich. Der Regen lief jetzt in Streifen über das Glas, und die Tropfen spiegelten das Grau des Himmels wider.

»Man fühlt sich, als sei die Verbindung zur Erde gerissen«, sagte ich leise. »Man schwebt durch die Zimmer, ohne die eigenen Schritte zu spüren. Man hört die Leute mit einem reden, ohne sie zu verstehen. Ich erinnere mich daran, dass es so war – ehe Brianna geboren wurde.« Doch dann war eine Verbindung enstanden; Brianna war es gewesen, die mich im Leben verankerte.