»Danke, Kind«, sagte ich und strahlte ihn an.
»Bist du sicher, dass das unsere Großtante Claire ist?«, fuhr der Junge fort und sah mich skeptisch an. »Mama sagt, Großtante Claire war vielleicht eine Hexe, aber diese Dame sieht gar nicht so aus. Ich kann überhaupt keine Warze auf ihrer Nase sehen!«
»Danke«, sagte ich diesmal etwas trockener. »Und wie heißt du?«
Er wurde plötzlich schüchtern, als er so direkt angesprochen wurde, und vergrub den Kopf an Jamies Ärmel, weil er nicht antworten wollte.
»Das ist Angus Walter Edwin Murray Carmichael«, antwortete Jamie für ihn und raufte ihm das seidige blonde Haar. »Maggies Ältester, meistens Wally genannt.«
»Wir nennen ihn Rotzfahne«, informierte mich ein kleines rothaariges Mädchen, das neben meinem Knie stand. »Weil er immer eine verschmierte Nase hat.«
Angus Walter riss das Gesicht vom Hemd seines Onkels los und funkelte seine kleine Verwandte an. Er war dunkelrot vor Wut.
»Das ist sie nicht!«, rief er. »Nimm das zurück!« Ohne abzuwarten, ob sie es tun würde oder nicht, stürzte er sich mit geballten Fäusten auf sie, wurde aber von der Hand seines Großonkels zurückgerissen, die ihn beim Kragen packte.
»Man schlägt keine Mädchen«, teilte ihm Jamie entschieden mit. »Ein Mann macht so etwas nicht.«
»Aber sie hat gesagt, ich habe eine Rotznase!«, jammerte Angus Walter. »Ich muss sie schlagen!«
»Außerdem ist es auch nicht nett, persönliche Bemerkungen über das Aussehen eines Menschen zu machen, Mistress Abigail«, sagte Jamie streng zu dem kleinen Mädchen. »Du solltest dich bei deinem Vetter entschuldigen.«
»Aber er ist doch …«, beharrte Abigail, dann schnappte sie Jamies unerbittlichen Blick auf und senkte errötend den Kopf. »Tut mir leid, Wally«, murmelte sie.
Wally schien zwar zunächst nicht gewillt, dies als adäquate Entschädigung für die erlittene Beleidigung zu betrachten, ließ sich aber schließlich überreden, seine Cousine zu verschonen, weil ihm sein Onkel eine Geschichte versprach.
»Erzähl uns die mit dem Kelpie und dem Reiter!«, rief meine rothaarige Bekannte, die jetzt doch mitreden wollte.
»Nein, die mit dem Teufel und dem Schachspiel«, meldete sich eins der anderen Kinder zu Wort. Jamie schien wie ein Magnet auf sie zu wirken; zwei Jungen rupften an seiner Bettdecke, während ein kleines braunhaariges Mädchen neben seinem Kopf auf die Sofalehne geklettert war und angefangen hatte, ihm konzentriert kleine Zöpfe zu flechten.
»Nonkie hübsch«, murmelte sie, ohne in den Hagel der Vorschläge einzustimmen.
»Es ist Wallys Geschichte«, sagte Jamie mit fester Stimme und unterdrückte den beginnenden Aufruhr mit einer Handbewegung. »Er darf sie sich aussuchen.« Er zog ein sauberes Taschentuch unter dem Kopfkissen hervor und hielt es Wally an die Nase, die tatsächlich ziemlich unappetitlich aussah.
»Nase putzen«, sagte er leise und dann lauter, »und dann sag mir, was du hören möchtest, Wally.«
Wally schniefte gehorsam und sagte dann: »St. Bride und die Gänse bitte, Nonkie.«
Jamies Blick suchte den meinen und ruhte nachdenklich auf meinem Gesicht.
»Also schön«, sagte er nach kurzer Pause. »Nun denn. Ihr wisst, dass Graugänse ihr Leben lang mit einem Partner zusammenbleiben? Wenn man auf der Jagd eine Gans erlegt, muss man immer darauf warten, dass ihr Partner kommt, um sie zu betrauern. Dann muss man die zweite Gans auch töten, sonst wird sie sich zu Tode trauern, und ihre Rufe nach dem verlorenen Partner werden am Himmel widerhallen.«
Der kleine Benjamin bewegte sich in seiner Umhüllung und wand sich in meinen Armen. Jamie lächelte und richtete sein Augenmerk wieder auf Wally, der mit offenem Mund auf dem Knie seines Onkels saß.
»Also«, sagte er, »es war einmal, vor viel mehr hundert Jahren, als ihr euch vorstellen könnt, als Bride das erste Mal die Felsen der Highlands betrat, zusammen mit dem heiligen Michael …«
An diesem Punkt quäkte Benjamin leise und fing an, die Vorderseite meines Kleides abzusuchen. Jamie junior und seine Geschwister schienen verschwunden zu sein, und nachdem sich kurzes Wippen und Tätscheln als vergeblich erwies, verließ ich das Zimmer, um Benjamins Mutter zu suchen, und ließ die Geschichte unvollendet hinter mir.
Ich fand die Gesuchte in der Küche, umringt von einer großen Schar von Frauen und Mädchen, und nachdem ich ihr Benjamin übergeben hatte, blieb ich noch eine Weile, um mich vorzustellen und die anderen vorgestellt zu bekommen und jene Rituale über mich ergehen zu lassen, mit denen sich Frauen offen und weniger offen ein Bild voneinander machen.
Die Frauen waren alle sehr freundlich; offenbar wussten sie, wer ich war, denn während der gesamten Begrüßung sah ich keinerlei Überraschung über die Rückkehr von Jamies erster Frau – entweder von den Toten oder aus Frankreich, je nachdem, was man ihnen erzählt hatte.
Dennoch nahm ich seltsame Untertöne wahr. Sie vermieden es gewissenhaft, mir Fragen zu stellen; anderswo wäre das möglicherweise nur Höflichkeit gewesen, nicht aber in den Highlands, wo man Fremden auch bei ganz beiläufigen Besuchen ihre gesamte Lebensgeschichte entlockte.
Und sie behandelten mich zwar mit großer Höflichkeit und Freundlichkeit, warfen sich aber gegenseitig kleine Blicke aus den Augenwinkeln zu, sahen sich hinter meinem Rücken an oder tauschten beiläufig leise Bemerkungen auf Gälisch aus.
Das Seltsamste jedoch war Jennys Abwesenheit. Sie war Lallybrochs Herdfeuer; noch nie war ich in diesem Haus gewesen, ohne dass es von ihrer Präsenz erfüllt war und all seine Bewohner um sie kreisten wie Planeten um die Sonne. Nichts sah ihr weniger ähnlich, als ihre Küche zu verlassen, während das Haus so voller Gäste war.
Ihre Präsenz war zwar deutlich wahrnehmbar wie der Duft der frischen Kiefernzweige, die in der hinteren Vorratskammer aufgehäuft lagen und das Haus mit ihrem Aroma zu durchziehen begannen, doch von Jenny selbst war nichts zu sehen.
Seit meiner Rückkehr mit Ian war sie mir aus dem Weg gegangen – angesichts der Umstände nur verständlich, dachte ich. Auch ich hatte das Gespräch mit ihr nicht gesucht. Wir wussten beide, dass eine Aussprache unumgänglich war, doch bis jetzt hatten wir sie vermieden.
Es war warm und gemütlich in der Küche – zu warm. Allmählich stieg mir die Geruchsmischung aus trocknendem Stoff, heißer Stärke, nassen Windeln, verschwitzten Menschen, in Schmalz bratenden Pfannkuchen und backendem Brot zu Kopf, und als Katherine meinte, sie brauchte einen Krug Sahne für die Scones, ergriff ich die Gelegenheit zur Flucht und meldete mich freiwillig dazu, sie aus der Molkerei zu holen.
Nach dem Gedränge der erhitzten Körper in der Küche war die kalte, feuchte Luft im Freien so erfrischend, dass ich eine Minute stehen blieb und mir die Küchengerüche aus Haar und Röcken schüttelte, ehe ich die Molkerei ansteuerte. Dieses Nebengebäude lag ein Stück vom Wohnhaus entfernt in der Nähe des Melkunterstandes, der wiederum an die beiden Gehege mit den Schafen und Ziegen angrenzte. Es gab zwar Kühe in den Highlands, doch wenn überhaupt, hielt man sie oft nur ihres Fleisches wegen.
Als ich wieder aus der Molkerei kam, sah ich zu meiner Überraschung, dass Fergus am Koppelzaun lehnte und den Blick missmutig auf das Auf und Ab der wolligen Rücken vor sich gerichtet hatte. Ich hatte nicht damit gerechnet, ihn hier zu sehen, und fragte mich, ob Jamie wusste, dass er wieder da war.
Jennys kostbare Merinoschafe – importiert, von Hand gefüttert und um einiges verwöhnter als ihre Enkelkinder – erspähten mich im Vorübergehen und kamen im Pulk an den Zaun gerannt, weil sie auf Leckerbissen hofften. Verblüfft über den Aufruhr, blickte Fergus auf, dann winkte er halbherzig. Er rief etwas, doch es war unmöglich, ihn im Lärm der Ziegen zu verstehen.
In der Nähe des Geheges stand eine große Tonne mit vom Frost geschädigten Kohlköpfen; ich zog einen der großen, welken grünen Köpfe hervor und verteilte die Blätter an über ein Dutzend hungriger Lippen, um sie zum Schweigen zu bringen.