»Warum?«, sagte ich schließlich leise. Ich sah nur ihren Scheitel, denn sie war über ihre Tätigkeit gebeugt. Mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks zog ihre Hand eine Zwiebel nach der anderen aus dem aufgehängten Zopf, brach die festen, trockenen Triebe aus der Strähne und warf die Zwiebel in den Korb.
»Warum hast du es getan?«, sagte ich. Ich brach eine Zwiebel von einem anderen Zopf ab, doch statt sie in den Korb zu legen, hielt ich sie in den Händen und rollte sie hin und her, so dass das papierne Häutchen zwischen meinen Handflächen raschelte.
»Warum habe ich was getan?« Ihre Stimme war jetzt wieder vollkommen beherrscht; nur wenn man sie gut kannte, konnte man den angestrengten Unterton hören. Ich kannte sie gut – zumindest hatte ich sie einmal gut gekannt.
»Du meinst, warum ich meinen Bruder mit Laoghaire verkuppelt habe?« Sie blickte flüchtig auf, die glatten schwarzen Augenbrauen fragend hochgezogen, doch dann beugte sie sich wieder über ihren Zwiebelzopf. »Du hast recht; er hätte es nicht getan, wenn ich ihn nicht dazu gedrängt hätte.«
»Also hast du ihn dazu gedrängt«, sagte ich. Der Wind rüttelte an der Tür des Kellers und wehte eine kleine Staubwolke über die Steinstufen.
»Er war einsam«, sagte sie leise. »So einsam, dass ich es nicht ertragen konnte, ihn so zu sehen. Er war so lange am Boden zerstört gewesen, weil er um dich trauerte.«
»Ich dachte, er wäre tot«, sagte ich leise als Antwort auf den unausgesprochenen Vorwurf.
»Es hätte auch nicht viel gefehlt«, sagte sie scharf, dann hob sie seufzend den Kopf und strich sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Aye, vielleicht hast du wirklich nicht gewusst, dass er noch lebte; es gab ja genug, die Culloden nicht überlebt haben – und er dachte damals auf jeden Fall, du wärst tot und verloren. Aber er war schwer verwundet, und damit meine ich nicht nur sein Bein. Und als er aus England nach Hause kam …« Sie schüttelte den Kopf und griff nach einer weiteren Zwiebel. »Eigentlich sah er gut aus, aber …« Sie warf mir einen direkten Blick zu, und wieder erinnerten ihre schrägen Augen verstörend an die ihres Bruders. »Er ist einfach ein Mann, der nicht allein schlafen sollte, aye?«
»Zugegeben«, sagte ich knapp. »Aber wir leben beide noch. Warum hast du Laoghaire alarmiert, als wir mit dem Jungen zurückgekommen sind?«
Im ersten Moment antwortete Jenny nicht, sondern griff nur rhythmisch weiter nach Zwiebeln, um sie abzubrechen.
»Ich habe dich gemocht«, sagte sie schließlich so leise, dass ich sie kaum hören konnte. »Dich vielleicht sogar geliebt, als du damals mit Jamie hier gelebt hast.«
»Ich mochte dich auch«, sagte ich genauso leise. »Warum also?«
Jetzt endlich kamen ihre Hände zur Ruhe und ballten sich zu Fäusten, während sie zu mir aufblickte.
»Als Ian mir gesagt hat, dass du wieder da bist«, sagte sie leise und richtete den Blick auf die Zwiebeln, »hättest du mich mit einer Feder zu Boden werfen können. Erst war ich aufgeregt, wollte dich sehen … wollte hören, wo du gewesen warst …«, fügte sie hinzu und zog fragend die Augenbrauen hoch. Ich antwortete nicht, und sie fuhr fort.
»Aber dann habe ich Angst bekommen«, sagte sie leise. Ihr Blick glitt beiseite, abgeschirmt von ihren dichten schwarzen Wimpern.
»Ich habe dich gesehen, weißt du«, sagte sie, und ihr Blick war nach wie vor in die unsichtbare Ferne gerichtet. »Als er Laoghaire geheiratet hat und sie am Altar standen … warst du bei ihnen und hast links neben ihm gestanden, zwischen ihm und Laoghaire. Und ich wusste, dass das bedeutete, dass du ihn dir zurückholen würdest.«
Meine Nackenhaare kribbelten sacht. Sie schüttelte langsam den Kopf, und ich sah, dass sie bei der Erinnerung bleich geworden war. Sie setzte sich auf ein Fass, und der Umhang breitete sich rings um sie aus wie eine Blüte.
»Ich gehöre nicht zu denen, die mit dem zweiten Gesicht geboren werden, und es passiert mir auch nicht regelmäßig. Ich hatte das noch nie erlebt und hoffe, dass es mir nie wieder vorkommt. Aber ich habe dich dort gesehen, so deutlich, wie ich dich jetzt sehe, und es hat mir solche Angst gemacht, dass ich noch während der Zeremonie aus dem Raum gehen musste.« Sie schluckte und richtete den Blick direkt auf mich.
»Ich weiß nicht, wer du bist«, sagte sie leise. »Oder … oder … was. Wir wussten nicht, wer deine Familie ist oder woher du kommst. Ich habe dich nie danach gefragt, nicht wahr? Jamie hatte sich für dich entschieden, das war genug. Doch dann warst du fort, und nach so langer Zeit … dachte ich, er hätte dich vielleicht so weit vergessen, dass er wieder heiraten könnte … und glücklich sein.«
»Aber er war es nicht«, sagte ich und hoffte, dass Jenny es bestätigen würde.
Das tat sie, indem sie den Kopf schüttelte.
»Nein«, sagte sie leise. »Aber Jamie ist ein treuer Mensch, aye? Ganz gleich, wie es gewesen ist zwischen den beiden, zwischen ihm und Laoghaire; da er geschworen hatte, ihr Mann zu sein, hätte er sie nie ganz im Stich gelassen. Sollte er doch den Großteil seiner Zeit in Edinburgh verbringen; ich wusste, dass er immer hierher zurückkehren würde – dass die Highlands seine Heimat sein würden. Doch dann bist du zurückgekehrt.«
Ihre Hände lagen reglos in ihrem Schoß; ein seltener Anblick. Sie waren immer noch elegant geformt, langfingrig und geschickt, doch die Fingerknöchel waren rot und rauh von der jahrelangen Arbeit, und die Adern malten sich blau unter der feinen weißen Haut ab.
»Wusstest du«, sagte sie, den Blick auf ihren Schoß gerichtet, »dass ich noch nie weiter als zehn Meilen von Lallybroch fort gewesen bin, in meinem ganzen Leben nicht?«
»Nein«, sagte ich etwas verblüfft. Sie schüttelte langsam den Kopf und blickte dann zu mir auf.
»Du dagegen schon«, sagte sie. »Ich nehme an, du bist viel und weit gereist.« Ihr Blick suchte mein Gesicht nach Anhaltspunkten ab.
»Ja.«
Sie nickte, als überlegte sie.
»Du wirst wieder gehen«, sagte sie beinahe flüsternd. »Ich wusste, dass du wieder gehen würdest. Du bist nicht an diesen Ort gebunden, nicht wie Laoghaire – nicht wie ich. Und er würde mit dir gehen. Und ich würde ihn nie wiedersehen.« Sie schloss kurz die Augen, dann öffnete sie sie wieder und sah mich unter den feinen dunklen Wimpern hinweg an.
»Das ist der Grund«, sagte sie. »Ich dachte, wenn du von Laoghaire erfährst, würdest du sofort wieder gehen – was du ja getan hast –«, fügte sie hinzu und verzog schwach das Gesicht, »und Jamie würde bleiben. Aber du bist zurückgekommen.« Ihre Schultern hoben sich zu einem kleinen, hilflosen Achselzucken. »Und ich sehe, dass es nichts nützt; er ist mit dir verbunden, auf Gedeih und Verderb. Du bist es, die seine Frau ist. Und wenn du wieder gehst, wird er mit dir gehen.«
Hilflos suchte ich nach Worten, die sie beruhigen konnten. »Das tue ich nicht. Ich gehe nicht wieder fort. Ich möchte doch nur mit ihm hierbleiben – für immer.«
Ich legte ihr die Hand auf den Arm, und sie erstarrte kaum merklich. Dann legte sie ihre Hand über die meine. Ihre Finger waren kühl, und die Spitze ihrer langen, geraden Nase war rot vor Kälte.
»Die Leute haben verschiedene Meinungen, was das zweite Gesicht betrifft, aye?«, sagte sie kurz darauf. »Manche sagen, es ist ein Fluch; dass, was auch immer man auf diese Weise sieht, auch geschehen wird. Aber andere sagen, nein, es ist nur eine Warnung; hört auf sie, dann könnt ihr die Dinge ändern. Was meinst du?« Sie sah mich neugierig von der Seite an.
Ich holte tief Luft, und der Geruch der Zwiebeln stieg mir brennend in die Nase. Das traf mich mitten ins Herz.
»Ich weiß es nicht«, sagte ich, und meine Stimme bebte sacht. »Ich dachte immer, wenn man die Dinge im Voraus wüsste, könnte man sie natürlich ändern. Aber heute … ich weiß es nicht«, schloss ich leise und dachte an Culloden.
Jenny beobachtete mich, und ihre Augen waren so dunkelblau, dass sie im Zwielicht des Kellers beinahe schwarz erschienen. Wieder fragte ich mich, wie viel Jamie ihr wohl erzählt hatte – und wie viel sie von sich aus wusste.