»Aber man muss es dennoch versuchen«, sagte sie voll Überzeugung. »Man kann es nicht einfach lassen, oder?«
Ich wusste nicht, ob sie das auf mich bezog, aber ich schüttelte den Kopf.
»Nein«, sagte ich. »Das kann man nicht. Du hast recht, man muss es versuchen.«
Wir lächelten einander ein wenig schüchtern zu.
»Du wirst dich doch gut um ihn kümmern?«, sagte Jenny plötzlich. »Selbst wenn ihr geht. Das tust du doch, aye?«
Ich drückte ihr die kalten Finger und spürte dabei die Knochen, die leicht und zerbrechlich wirkten.
»Ja«, sagte ich.
»Dann ist es gut«, sagte sie leise und erwiderte den Druck.
Einen Moment saßen wir da und hielten uns bei den Händen, dann schwang die Kellertür auf, und ein nasser Windstoß wehte die Treppe hinunter.
»Mama?« Ian steckte mit aufgeregt leuchtenden Augen den Kopf in den Keller. »Hobart MacKenzie ist da! Pa sagt, komm schnell!«
Jenny sprang auf und hätte fast vergessen, den Korb mit den Zwiebeln aufzuheben.
»Ist er denn bewaffnet?«, fragte sie nervös. »Hat er eine Pistole oder ein Schwert dabei?«
Ian schüttelte den Kopf, und sein dunkles Haar hob sich wild im Wind.
»Oh nein, Mama!«, sagte er. »Es ist schlimmer. Er hat einen Anwalt dabei!«
Ich konnte mir kaum etwas vorstellen, das weniger Ähnlichkeit mit der verkörperten Rachsucht hatte als Hobart MacKenzie. Er war ein schmächtiger Mensch von etwa dreißig mit hellblauen, blond bewimperten Augen, die ständig tränten, und verschwommene Gesichtszüge, die mit einem zurückweichenden Haaransatz begannen und zu einem ähnlich fliehenden Kinn dahinschwanden, das wirkte, als wollte es sich in seinem Kragen verkriechen.
Als wir durch die Haustür kamen, stand er im Flur und strich sich vor dem Spiegel die Haare glatt. Seine adrett gelockte Pagenkopfperücke hatte er neben sich auf dem Tisch liegen. Er blinzelte uns alarmiert an, dann griff er hastig nach der Perücke, stopfte sie sich auf den Kopf und verneigte sich im selben Atemzug.
»Mrs. Jenny«, sagte er. Seine kleinen Kaninchenaugen huschten in meine Richtung, dann fort, dann wieder zurück, als hoffte er, dass ich eigentlich gar nicht da war, obwohl er fürchtete, dass es doch der Fall war.
Jenny blickte von ihm zu mir, seufzte tief und packte den Stier bei den Hörnern.
»Mr. MacKenzie«, sagte sie mit einem förmlichen Hofknicks. »Darf ich Euch meine Schwägerin Claire vorstellen? Claire, Mr. Hobart MacKenzie aus Kinwallis.«
Ihm klappte der Mund auf, und er gaffte mich einfach nur an. Ich machte Anstalten, ihm die Hand zu reichen, überlegte es mir aber anders. Ich hätte gern gewusst, was Emily Post in einer solchen Situation empfohlen hätte, doch da Miss Post nicht anwesend war, musste ich improvisieren.
»Wie schön, Euch kennenzulernen«, sagte ich und lächelte, so herzlich es ging.
»Äh …«, sagte er. Zögernd neigte er den Kopf in meine Richtung. »Ähm … Euer … Diener, Ma’am.«
Glücklicherweise öffnete sich an diesem Punkt die Tür der Wohnstube. Mein Blick fiel auf die schmächtige, adrette Gestalt im Türrahmen, und ich stieß einen entzückten Aufschrei aus, als ich sie erkannte.
»Ned! Ned Gowan!«
Es war tatsächlich Ned Gowan, der betagte Rechtsanwalt aus Edinburgh, der mich einst davor bewahrt hatte, als Hexe auf dem Scheiterhaufen zu enden. Inzwischen war er noch deutlich betagter, durch das Alter geschrumpft und so faltig, dass er mich an die getrockneten Äpfel im Kartoffelkeller erinnerte.
Doch seine leuchtenden schwarzen Augen waren noch dieselben, und sie hefteten sich sofort mit großer Freude auf mich.
»Meine Liebe!«, rief er aus und hastete hoppelnd auf mich zu. Er griff strahlend nach meiner Hand und drückte sie mit leidenschaftlicher Höflichkeit an seine welken Lippen.
»Ich hatte gehört, Ihr wärt …«
»Wie kommt es, dass Ihr …«
»… welche Freude, Euch zu sehen!«
»… so froh, Euch wiederzusehen, aber …«
Hobart MacKenzies Hüsteln unterbrach diesen hingerissenen Wortwechsel, und Mr. Gowan hob verblüfft den Blick, dann nickte er.
»Oh, aye, natürlich. Erst das Geschäftliche, meine Liebe«, sagte er mit einer galanten Verbeugung, »und wenn Ihr dann so freundlich wärt, würde ich gern von Euren Abenteuern hören.«
»Äh … ich werde mein Bestes tun«, sagte ich und fragte mich, wie viel er wohl würde hören wollen.
»Großartig, großartig.« Er sah sich im Flur um, und seine Äuglein fielen auf Hobart und Jenny, die ihren Umhang aufgehängt hatte und sich gerade das Haar glatt strich. »Mr. Fraser und Mr. Murray sind bereits in der Stube. Mr. MacKenzie, wenn Ihr und die Damen so freundlich wärt, Euch zu uns zu gesellen, können wir Eure Angelegenheit vielleicht zügig regeln und uns angenehmeren Dingen zuwenden. Wenn Ihr gestattet, meine Liebe?« Er hielt mir einladend den knochigen Ellbogen hin.
Jamie befand sich nach wie vor auf dem Sofa, wo ich ihn zurückgelassen hatte, und annähernd im gleichen Zustand – nämlich lebend. Die Kinder waren fort, mit Ausnahme eines kleinen Posaunenengels, der in Tiefschlaf auf Jamies Schoß zusammengerollt lag. Jamies Haar war jetzt auf beiden Seiten mit mehreren kleinen Zöpfen verziert, die mit Seidenbändern durchflochten waren, was ihm ein unpassend festliches Aussehen verlieh.
»Du siehst aus wie der Feige Löwe von Oz«, sagte ich leise zu ihm und setzte mich hinter seinem Sofa auf ein Fußkissen. Ich hielt es zwar nicht für wahrscheinlich, dass Hobart MacKenzie etwas Böses im Schilde führte, doch falls etwas geschah, wollte ich in Jamies unmittelbarer Nähe sein.
Er zog ein verblüfftes Gesicht und hob sich die Hand an den Kopf.
»Was?«
»Schsch«, sagte ich. »Ich erzähle es dir später.«
Die anderen Teilnehmer hatten sich jetzt im Zimmer verteilt – Jenny saß bei Ian auf der anderen Couch, und Hobart und Mr. Gowan nahmen auf zwei Samtsesseln Platz.
»Wir sind vollständig?«, erkundigte sich Mr. Gowan und sah sich um. »Alle Beteiligten sind anwesend? Exzellent. Nun, zunächst einmal muss ich meine persönliche Rolle erklären. Ich bin hier als Anwalt für Mr. Hobart MacKenzie und vertrete die Interessen von Mrs. James Fraser …« Er sah, wie ich zusammenfuhr, und fügte präzise hinzu, »das heißt, der zweiten Mrs. James Fraser, geborene Laoghaire MacKenzie. Ist das verstanden?«
Er warf einen fragenden Blick auf Jamie, und dieser nickte.
»Ja.«
»Gut.« Mr. Gowan nahm ein Glas vom Tisch und trank einen winzigen Schluck. »Meine Klienten, die MacKenzies, haben meinen Vorschlag akzeptiert, auf legalem Wege eine Lösung des Dilemmas zu suchen, welches meines Wissens die Folge der plötzlichen und unerwarteten – wenn auch natürlich überaus glücklichen –«, fügte er mit einer Verneigung in meine Richtung hinzu, »Rückkehr der ersten Mrs. Fraser ist.«
Er sah Jamie mit einem tadelnden Kopfschütteln an.
»Mein lieber junger Mann, es ist Euch gelungen, Euch in beträchtliche legale Schwierigkeiten zu verwickeln, wie ich zu meinem Bedauern sagen muss.«
Jamie zog die Augenbraue hoch und sah seine Schwester an.
»Aye, nun ja, ich hatte Hilfe«, sagte er trocken. »Von was für Schwierigkeiten sprechen wir denn?«
»Nun, zunächst einmal«, sagte Ned Gowan fröhlich, und seine glitzernden schwarzen Augen versanken in Netzen aus Falten, als er mich anlächelte, »könnte Euch die erste Mrs. Fraser mit Fug und Recht wegen Ehebruchs und krimineller Unzucht verklagen. Die Strafen dafür umfassen …«
Jamies Blick fiel jetzt auf mich, ein rascher blauer Schimmer.
»Ich glaube, diese Möglichkeit bereitet mir keine großen Sorgen«, informierte er den Anwalt. »Was noch?«
Ned Gowan nickte pflichtschuldigst und hielt seine verwitterte Hand hoch, während er die Punkte an den Fingern abzählte.
»Was die zweite Mrs. Fraser betrifft – geborene Laoghaire MacKenzie –, so könntet Ihr natürlich der Bigamie angeklagt werden, der betrügerischen Absicht, des Betrugs – ob nun mit Absicht oder nicht, was getrennt zu klären wäre –, der kriminellen Irreführung«, hier klappte er glücklich den vierten Finger ein und holte Luft für Weiteres, »und …«