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Jamie hatte diesem Katalog geduldig gelauscht. Jetzt unterbrach er und beugte sich vor.

»Ned«, sagte er sanft, »was zum Teufel will die verflixte Frau?«

Der kleine Anwalt blinzelte hinter seiner Brille, senkte die Hand und hob den Blick zu den Balken der Zimmerdecke.

»Nun, der größte Wunsch der Dame ist es ihren eigenen Worten nach«, sagte er vorsichtig, »Euch auf dem Marktplatz von Broch Mordha kastrieren und Euch die Eingeweide herausreißen zu lassen, dazu Euren Kopf auf einem Spieß über ihrem Tor.«

Jamies Schultern vibrierten kurz, und er fuhr zusammen, weil die Bewegung seinen Arm erschütterte.

»Ich verstehe«, sagte er, und sein Mund zuckte.

Ein Lächeln vertiefte die Falten rings um Neds betagten Mund.

»Ich sah mich gezwungen, Mrs. – also, der Dame«, verbesserte er sich mit einem Blick in meine Richtung und einem Hüsteln, »ihr jedenfalls mitzuteilen, dass der Rechtsweg ihren Wünschen deutliche Grenzen setzt.«

»Natürlich«, sagte Jamie trocken. »Aber ich nehme an, im Großen und Ganzen möchte sie mich nicht unbedingt als Ehemann zurück?«

»Nein«, meldete sich Hobart unerwartet zu Wort. »Als Krähenfutter vielleicht, aber nicht als Ehemann.«

Ned warf seinem Klienten einen kalten Blick zu.

»Ihr wollt Euren Fall doch nicht durch Zugeständnisse vor dem Vergleich kompromittieren, aye?«, sagte er tadelnd. »Oder wofür bezahlt Ihr mich?« Er wandte sich mit unverminderter professioneller Würde wieder an Jamie.

»Miss MacKenzie wünscht zwar nicht, die eheliche Verbindung mit Euch zu erneuern – eine Vorgehensweise, die ohnehin unmöglich wäre«, fügte er der Gerechtigkeit halber hinzu, »es sei denn, Ihr wünscht, Euch von der gegenwärtigen Mrs. Fraser scheiden zu lassen und eine erneute Heirat –«

»Nein, das möchte ich nicht«, versicherte ihm Jamie hastig mit einem weiteren Blick in meine Richtung.

»Nun, in diesem Fall«, fuhr Ned unbeeindruckt fort, »würde ich meinen Klienten raten, dass es, wenn möglich, wünschenswerter wäre, die Kosten – und das öffentliche Spektakel«, fügte er hinzu und sah Hobart mit mahnend hochgezogener Augenbraue an, worauf dieser hastig nickte, »eines Gerichtsverfahrens zu vermeiden, in dessen Verlauf ja die Fakten ans Licht kämen. Da dies so ist …«

»Wie viel?«, unterbrach Jamie.

»Mr. Fraser!« Ned Gowans Miene war schockiert. »Ich habe doch noch kein Wort von irgendeiner pekuniären Vereinbarung gesagt …«

»Nur, weil Ihr viel zu sehr damit beschäftigt seid, Euch zu amüsieren, Ihr hinterlistiger kleiner Gauner«, sagte Jamie. Er war zwar gereizt – auf seinen Wangen brannten zwei rote Flecken –, doch auch er war belustigt. »Kommt zur Sache, aye?«

Ned Gowan neigte feierlich den Kopf.

»Nun, Ihr müsst verstehen«, begann er, »dass ein erfolgreicher Prozess zu den beschriebenen Anklagepunkten in beträchtlichen Schadensersatzforderungen für Mrs. MacKenzie und ihren Bruder resultieren könnte – wirklich sehr beträchtlich«, fügte er mit einem letzten Anflug anwaltlicher Schadenfreude über diese Aussicht hinzu.

»Schließlich wurde Miss MacKenzie nicht nur öffentlich erniedrigt und lächerlich gemacht, was zu akuten seelischen Qualen führte, sondern ihr droht auch der Verlust ihrer bedeutendsten finanziellen Stütze …«

»Ihr droht nichts dergleichen«, unterbrach ihn Jamie hitzig. »Ich habe ihr doch gesagt, dass ich sie und die beiden Mädchen weiter unterstützen werde! Wofür hält sie mich nur?«

Ned wechselte einen Blick mit Hobart, der den Kopf schüttelte.

»Du willst nicht wissen, wofür sie dich hält«, versicherte Hobart Jamie. »Ich hätte selbst niemals gedacht, dass sie solche Wörter kennt. Aber du hast vor zu zahlen?«

»Aye, das habe ich.«

»Aber nur, bis sie wieder verheiratet ist.« Alle Köpfe wandten sich überrascht in Jennys Richtung, und sie nickte Ned Gowan entschlossen zu.

»Wenn Jamie mit Claire verheiratet ist, war die Ehe zwischen ihm und Laoghaire doch nicht rechtmäßig, oder?«

Der Anwalt nickte.

»Das ist wahr, Mrs. Murray.«

»Nun denn«, sagte Jenny entschieden. »Es steht ihr frei, sofort wieder zu heiraten, nicht wahr? Und sobald sie das tut, braucht mein Bruder ihren Haushalt nicht mehr zu versorgen.«

»Eine exzellente Anmerkung, Mrs. Murray.« Ned Gowan ergriff seinen Federkiel und kritzelte geschäftig vor sich hin. »Nun, wir machen Fortschritte«, erklärte er, als er das Schreibgerät wieder hinlegte, und strahlte in die Runde. »Das Nächste, was zu klären wäre …«

Eine Stunde später war die Whiskykaraffe leer, die Pergamentbögen auf dem Tisch waren mit Ned Gowans Hühnerfüßchen übersät, und alle waren matt und erschöpft – außer Ned selbst, der so rüstig und hellwach war wie eh und je.

»Exzellent, exzellent«, deklarierte er erneut und schob die Papiere ordentlich zusammen. »Also – die wichtigsten Punkte des Vergleichs lauten wie folgt: Mr. Fraser erklärt sich einverstanden, Miss MacKenzie die Summe von fünfhundert Pfund als Kompensation für die Aufregung, die Unannehmlichkeiten und den Verlust seiner ehelichen Dienste zu zahlen«, an diesem Punkt prustete Jamie leise, doch Ned gab vor, ihn nicht zu hören, und fuhr mit seiner Zusammenfassung fort, »und darüber hinaus verpflichtet er sich, ihren Haushalt mit der Summe von einhundert Pfund per annum zu unterstützen, bis die erwähnte Miss MacKenzie erneut ehelicht, zu welchem Zeitpunkt er diese Zahlung einstellen kann. Zudem verpflichtet sich Mr. Fraser, Miss MacKenzies Töchtern eine Mitgift in Höhe von jeweils dreihundert Pfund zur Verfügung zu stellen, und als letzte Maßnahme verzichtet er darauf, Miss MacKenzie des tätlichen Angriffs in mörderischer Absicht anzuklagen. Dafür verzichtet Miss MacKenzie auf sämtliche weiteren Ansprüche gegenüber Mr. Fraser. Findet dies Euer Verständnis und Eure Zustimmung, Mr. Fraser?« Er sah Jamie mit hochgezogener Augenbraue an.

»Aye, das tut es«, sagte Jamie. Er war blass, weil er zu lange gesessen hatte, und an seinem Haaransatz erschienen feine Schweißperlen, doch er saß kerzengerade da, das kleine schlafende Mädchen mit dem Daumen im Mund auf dem Schoß.

»Exzellent«, sagte Ned erneut. Er erhob sich strahlend und verneigte sich vor den Anwesenden. »Wie unser Freund Dr. John Arbuthnot sagt: ›Das Gesetz ist ein bodenloser Abgrund.‹ Im Moment jedoch kaum bodenloser als mein Magen. Deutet dieses köstliche Aroma womöglich auf einen Lammbraten hin, Mrs. Jenny?«

Bei Tisch saß ich auf der einen Seite neben Jamie, auf der anderen saß Hobart MacKenzie, der jetzt ganz gesund und entspannt aussah. Mary MacNab brachte uns den Braten und stellte ihn gewohnheitsmäßig vor Jamie hin. Ihr Blick ruhte einen Moment zu lange auf ihm. Mit der gesunden Hand ergriff er das lange, scharfe Tranchiermesser und hielt es Hobart höflich hin.

»Möchtest du, Hobart?«, sagte er.

»Och, nein«, sagte Hobart und winkte ab. »Lass es lieber deine Frau tun. Ich kann nicht mit einem Messer umgehen – würde mir stattdessen wahrscheinlich den Finger abschneiden. Du kennst mich doch, Jamie«, sagte er ganz unbefangen.

Jamie warf seinem ehemaligen Schwager über das Salzgefäß hinweg einen langen Blick zu.

»Das hätte ich früher auch gedacht, Hobart«, sagte er. »Reich mir den Whisky, aye?«

»Was wir tun müssen, ist, dafür zu sorgen, dass sie schnellstens heiratet«, verkündete Jenny. Die Kinder und Enkelkinder hatten sich zurückgezogen, und Ned und Hobart hatten den Rückweg nach Kinwallis angetreten, so dass wir vier zurückblieben und bei Brandy und Cremetörtchen die Lage Revue passieren lassen konnten.

Jamie wandte sich an seine Schwester. »Die Kuppelei ist ja eher deine Stärke«, sagte er mit einem hörbar gereizten Unterton. »Wenn du es dir in den Kopf setzt, fallen dir doch sicher ein, zwei geeignete Männer ein?«

»Sicher«, sagte sie mit demselben Unterton. Sie war mit einer Stickerei beschäftigt; ihre Nadel durchstieß den Leinenstoff und blitzte im Lampenschein auf. Draußen hatte es heftig zu hageln begonnen, doch im Studierzimmer war es gemütlich, und ein kleines Kaminfeuer und der Lichtkegel der Lampe breiteten ihre Wärme über den abgenutzten Schreibtisch und seine Bürde von Büchern und Mappen.