»Eines ist mir aber nicht klar«, sagte sie, den Blick auf ihre Arbeit gerichtet. »Woher willst du zwölfhundert Pfund nehmen, Jamie?«
Das hatte ich mich auch bereits gefragt. Die Zahlung der Versicherung für die Druckerei reichte bei weitem nicht an diese Summe heran, und ich bezweifelte, dass sich Jamies Anteil am Erlös des Brandyschmuggels auch nur annähernd in dieser Größenordnung bewegte. Lallybroch selbst konnte das Geld mit Sicherheit nicht entbehren; das Überleben in den Highlands stand immer auf Messers Schneide, und selbst mehrere gute Jahre in Folge lieferten höchstens einen knappen Überschuss.
»Nun, es gibt nur eine Quelle, nicht wahr?« Ian ließ den Blick von seiner Frau zu seinem Schwager und zurück schweifen. Nach kurzem Schweigen nickte Jamie.
»So ist es wohl«, sagte er widerstrebend. Er blickte zum Fenster, wo der Regen in diagonalen Streifen über das Glas strömte. »Aber es ist eine schlimme Jahreszeit dafür.«
Ian zuckte mit den Schultern und beugte sich ein wenig vor. »In ein paar Tagen ist Springflut.«
Jamie runzelte sorgenvoll die Stirn.
»Aye, das stimmt, aber …«
»Niemand hat ein größeres Recht darauf, Jamie«, sagte Ian. Er streckte die Hand aus und drückte seinem Freund lächelnd den gesunden Arm. »Es war doch für Prinz Charles’ Gefolgsleute bestimmt, aye? Und du bist einer von ihnen gewesen, ob du es wolltest oder nicht.«
Jamie erwiderte sein Lächeln mit etwas reumütiger Miene.
»Aye, so ist es wohl.« Er seufzte. »So oder so fällt mir nichts anderes ein.« Er blickte zwischen Ian und Jenny hin und her und debattierte offenbar mit sich selbst, ob er noch etwas hinzufügen sollte. Seine Schwester kannte ihn besser als ich. Sie hob den Kopf von ihrer Handarbeit und fragte ihn scharf.
»Was ist, Jamie?«
Er holte tief Luft.
»Ich möchte Ian mitnehmen«, sagte er.
»Nein«, sagte sie auf der Stelle. Ihre Nadel war stehengeblieben und steckte mitten in einer leuchtend roten Blüte ihres Stickmusters, die sich wie Blut von der weißen Bluse abhob.
»Er ist alt genug, Jenny«, sagte Jamie leise.
»Das ist er nicht!«, widersprach sie. »Er ist noch keine fünfzehn; Jamie und Michael waren beide schon mindestens sechzehn und kräftiger.«
»Aye, aber der Junge ist ein besserer Schwimmer als seine beiden Brüder«, meldete sich Ian besonnen zu Wort. Er hatte die Stirn nachdenklich in Falten gezogen. »Einer der Jungen muss es schließlich tun«, sagte er zu Jenny. Er wies mit einem Ruck seines Kopfes auf Jamie, der den Arm in seiner Schlinge wiegte. »Jamie kann in seinem Zustand wohl kaum schwimmen. Und Claire auch nicht«, fügte er mit einem Lächeln in meine Richtung hinzu.
»Schwimmen?«, fragte ich völlig verdattert. »Wohin denn?«
Im ersten Moment schien Ian verblüfft, dann blickte er Jamie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Oh. Du hast ihr nicht davon erzählt?«
Jamie schüttelte den Kopf. »Doch, aber nicht alles.« Er wandte sich an mich. »Es geht um den Schatz, Sassenach – das Seehundgold.«
Um den Schatz also, den er nicht hatte mitnehmen können und ihn daher wieder an seinem Platz verborgen hatte, ehe er nach Ardsmuir zurückkehrte.
»Ich wusste nicht, wie ich am besten damit umgehen sollte«, erklärte er. »Duncan Kerr hat ihn mir anvertraut, aber ich hatte keine Ahnung, wem er gehörte, wer ihn dort versteckt hatte oder was ich damit tun sollte. ›Die weiße Hexe‹ war alles, was Duncan gesagt hat, und das hat mich nur an dich erinnert, Sassenach.«
Da es ihm widerstrebte, den Schatz für sich selbst zu benutzen, er aber das Gefühl hatte, jemand sollte davon wissen, falls er im Gefängnis starb, hatte er Jenny und Ian einen sorgfältig verschlüsselten Brief nach Lallybroch geschickt, in dem er ihnen das Versteck des Schatzes nannte und den Zweck, dem er – vermutlich – hatte dienen sollen.
Die Zeiten waren damals hart für Jakobiten gewesen, oft sogar noch härter für jene, die nach Frankreich geflohen waren – und Land und Vermögen zurückgelassen hatten –, als für die, die geblieben waren und sich in den Highlands der Verfolgung durch die Engländer ausgesetzt sahen. Ungefähr zur selben Zeit war die Ernte in Lallybroch zweimal nacheinander schlecht ausgefallen, und sie hatten Post aus Frankreich erhalten, die um Hilfe für ihre dort vom Hunger bedrohten ehemaligen Kameraden bat.
»Wir hatten nichts, was wir ihnen hätten schicken können; wir waren hier ja selbst dem Verhungern nahe«, erklärte Ian. »Ich habe Jamie eine Nachricht zukommen lassen, und er meinte, vielleicht wäre es ja nicht falsch, einen kleinen Teil des Schatzes zu benutzen, um Prinz Tearlachs Anhängern zu helfen.«
»Wahrscheinlich war es ja ein Sympathisant der Stuarts gewesen, der den Schatz dort versteckt hatte«, meldete sich Jamie zu Wort. Er sah mich mit hochgezogener Augenbraue an, und sein Mundwinkel zuckte. »Allerdings dachte ich, Prinz Charles schicke ich es besser nicht.«
»Klug von dir«, sagte ich trocken. Bei Charles Stuart wäre es innerhalb von Wochen verprasst gewesen; wer Charles gut kannte – so auch Jamie –, wusste das genau.
Ian hatte seinen ältesten Sohn Jamie mitgenommen und war mit ihm quer durch Schottland zu der Seehundbucht in der Nähe von Coigach geritten. Da sie Angst hatten, dass jemand Wind von dem Schatz bekommen könnte, hatten sie kein Fischerboot genommen, stattdessen war Jamie genau wie sein Onkel einige Jahre zuvor zu dem Seehundfelsen geschwommen. Er hatte den Schatz an Ort und Stelle vorgefunden, zwei Goldmünzen und drei kleinere Edelsteine entnommen und alles in einen kleinen Beutel gesteckt, den er sich fest um den Hals band. Dann hatte er den Rest des Schatzes wieder an seinen Platz gelegt und sich auf den Rückweg durch die Brandung gemacht, bis er erschöpft wieder bei Ian anlangte.
Dann hatten sie sich nach Inverness begeben und ein Schiff nach Frankreich genommen, wo ihnen ihr Verwandter Jared Fraser, ein erfolgreicher Weinhändler, der aus Schottland ausgewandert war, dabei geholfen hatte, die Münzen und Edelsteine diskret zu Bargeld zu machen, und er es übernommen hatte, dieses unter den notleidenden Jakobiten zu verteilen.
Dreimal hatte sich Ian seitdem mit einem seiner Söhne auf den mühseligen Weg zur Küste gemacht, um jedes Mal einen kleinen Teil des verborgenen Vermögens zu entnehmen und damit in einer Notlage auszuhelfen. Zweimal war das Geld an Freunde in Frankreich gegangen; einmal hatten sie es selbst benutzt, um frische Saatkartoffeln für Lallybroch zu kaufen und die Pächter durch den Winter zu bringen, als die Kartoffelernte ausgefallen war.
Nur Jenny, Ian und die beiden älteren Jungen, Jamie und Michael, wussten von dem Schatz. Ian war durch sein Holzbein verhindert, zu der Seehundinsel zu schwimmen, daher musste ihn immer einer seiner Söhne begleiten. Anscheinend war es eine Art Initiationsritus für Jamie und Michael gewesen, dass man ihnen ein solches Geheimnis anvertraute. Nun war möglicherweise Ian an der Reihe.
»Nein«, wiederholte Jenny, doch ich hatte nicht das Gefühl, dass es von Herzen kam. Ian nickte bereits nachdenklich.
»Würdest du ihn auch mit nach Frankreich nehmen, Jamie?«
Jamie nickte.
»Aye, das ist es ja. Ich werde Lallybroch verlassen und mich eine Weile von hier fernhalten müssen, um Laoghaires willen – ich kann hier nicht vor ihrer Nase mit dir leben«, sagte er entschuldigend zu mir, »zumindest nicht, solange sie nicht wieder gut verheiratet ist.« Er richtete sich wieder an Ian.
»Ich habe dir nicht alles erzählt, was in Edinburgh passiert ist, Ian, aber im Großen und Ganzen denke ich, auch dort halte ich mich vorerst lieber nicht auf.«
Ich saß still und versuchte, diese Neuigkeit zu verdauen. Mir war nicht klar gewesen, dass Jamie vorhatte, Lallybroch zu verlassen – oder sogar Schottland, wie es schien.