Выбрать главу

»Was hast du denn vor, Jamie?« Jenny hatte jeden Anschein aufgegeben, als stickte sie, und hatte die Hände in den Schoß gelegt.

Er rieb sich die Nase und sah müde aus. Er war heute zum ersten Mal aufgestanden; im Stillen fand ich, er hätte schon seit Stunden wieder im Bett sein sollen, doch er war nicht davon abzubringen gewesen, beim Abendessen zugegen zu sein und sich mit allen zu unterhalten.

»Nun«, sagte er langsam. »Jared hat mir schon mehr als einmal einen Posten in seinem Geschäft angeboten. Vielleicht bleibe ich ja in Frankreich, wenigstens für ein Jahr. Ich dachte, der Junge könnte uns vielleicht begleiten und in Paris zur Schule gehen.«

Jenny und Ian wechselten einen langen Blick von jener Sorte, mit denen lange verheiratete Ehepaare innerhalb weniger Herzschläge ein ganzes Gespräch führen können. Schließlich legte Jenny den Kopf zur Seite. Ian lächelte und nahm ihre Hand.

»Es wird alles gut, mo nighean dubh«, sagte er leise und zärtlich zu ihr. Dann wandte er sich an Jamie.

»Aye, nimm ihn mit. Es wird eine große Chance für den Jungen sein.«

»Bist du sicher?«, fragte Jamie zögernd an seine Schwester gewandt, nicht an Ian. Jenny nickte. Ihre blauen Augen glitzerten im Lampenschein, und ihre Nasenspitze war ein bisschen rot.

»Vermutlich ist es besser, wenn wir ihm die Freiheit schenken, solange er noch glaubt, dass wir sie zu verschenken haben«, sagte sie. Sie sah erst Jamie an, dann mich, direkt und unverwandt. »Aber ihr passt gut auf ihn auf, aye?«

Kapitel 39

O Verloren! Und es trauert der Wind

Dieser Teil Schottlands ähnelte eher den Mooren im Norden Yorkshires als den grünen Tälern und Seen rings um Lallybroch. Es gab fast keine Bäume, nur immense Flächen felsiger Heide, die sich zu kahlen Hügeln erhoben, bis sie den drückenden Himmel berührten und abrupt im wallenden Nebel verschwanden.

Je näher wir der Küste kamen, desto dichter wurde der Nebel, der jeden Nachmittag früher einsetzte und jeden Morgen länger blieb, so dass wir nur gegen Mittag für ein paar Stunden annähernd klare Sicht zum Reiten hatten. Entsprechend langsam kamen wir voran, doch das störte uns eigentlich nicht sehr, abgesehen von Ian, der es gar nicht abwarten konnte, die Stelle endlich zu erreichen.

»Wie weit ist es vom Ufer bis zu der Seehundinsel?«, fragte er Jamie inzwischen zum zehnten Mal.

»Eine Viertelmeile, würde ich sagen.«

»So weit kann ich doch schwimmen«, erwiderte der Junge wieder zum zehnten Mal. Seine Hände hielten die Zügel fest umklammert, und er hatte die Zähne entschlossen zusammengebissen.

»Aye, das weiß ich doch«, versicherte ihm Jamie geduldig. Er sah mich an, und in seinem Mundwinkel lauerte der Hauch eines Lächelns. »Es wird aber nicht nötig sein; schwimm einfach nur gerade auf die Insel zu, dann trägt dich die Strömung hin.«

Der Junge nickte und verfiel in Schweigen, doch in seinen Augen leuchtete die Vorfreude.

Die Felsenzunge über der Bucht war in Nebel gehüllt und verlassen. Unsere Stimmen hallten seltsam durch den Dunst, und bald stellten wir das Reden ein, weil es zu gespenstisch war. Weit unter mir konnte ich die Seehunde brüllen hören, ein Geräusch, das lauter und leiser wurde und sich mit dem Rauschen der Brandung vermischte, so dass es hin und wieder klang, als riefen sich Seemänner im Tosen des Meeres etwas zu.

Jamie zeigte Ian den Felsenschornstein, den sie Ellens Turm nannten. Er löste ein zusammengerolltes Seil von seinem Sattel und steuerte dann vorsichtig über den zerklüfteten Fels der Landzunge auf den Eingang zu.

»Behalte dein Hemd an, bis du unten bist«, rief er dem Jungen zu, damit ihn dieser trotz der Wellen hören konnte. »Sonst zerfetzt dir der Fels den Rücken.«

Ian nickte zum Zeichen, dass er verstand, band sich das Seil fest um die Taille, warf mir ein nervöses Grinsen zu, tat zwei ruckartige Schritte und verschwand in der Erde.

Das andere Ende des Seils hatte sich Jamie um die Hüfte gebunden, und nun gab er mit der gesunden Hand Stück für Stück nach, während der Junge in die Tiefe stieg. Ich kroch auf allen vieren über das kurze Gras und die Kiesel zum bröckeligen Rand der Klippe, von wo ich den halbmondförmigen Strand unter mir sehen konnte.

Es kam mir sehr lange vor, doch schließlich sah ich Ian aus dem unteren Ende des Schornsteins kommen, eine kleine Ameisengestalt. Er band sein Seil los, sah sich um, erspähte uns oben auf der Klippe und winkte überschwenglich. Ich winkte zurück, doch Jamie murmelte nur: »Nun mach schon, Mann.«

Ich konnte spüren, wie er sich neben mir anspannte, als Ian über die Felsen zum Wasser kraxelte, und ich fühlte sein Zucken, als sich die kleine Gestalt kopfüber in die graublauen Fluten stürzte.

»Brrr!«, sagte ich, während ich zusah. »Das Wasser muss doch eiskalt sein.«

»Das ist es auch«, sagte Jamie mitfühlend. »Ian hat recht, es ist eine schlechte Jahreszeit zum Schwimmen.«

Sein Gesicht war bleich und angespannt. Ich glaubte nicht, dass sein verletzter Arm die Ursache für seine Blässe war, obwohl der lange Ritt und die Anstrengung mit dem Seil auch nicht hilfreich gewesen sein konnten. Während Ian durch den Turm stieg, hatte er nichts als Optimismus an den Tag gelegt, doch jetzt versuchte er erst gar nicht, seine Sorge zu verhehlen. Es war nun einmal so, dass wir keine Möglichkeit hatten, zu Ian zu gelangen, falls irgendetwas schiefging.

»Vielleicht hätten wir warten sollen, bis sich der Nebel lichtet«, sagte ich, mehr, um ihn abzulenken, als weil ich das wirklich dachte.

»Wenn wir bis Ostern Zeit hätten, hätten wir das tun können«, stimmte er mir ironisch zu. »Obwohl ich wirklich sagen muss, dass ich es schon klarer erlebt habe als heute«, fügte er hinzu und blinzelte in die wabernde Düsternis hinunter.

Die drei Inseln waren von den Klippen aus nur hin und wieder zu sehen, weil der Nebel sie umwehte. Auf den ersten zwanzig Metern hatte ich Ians Kopf als tänzelnden Punkt im Wasser sehen können, doch jetzt war er im Nebel verschwunden.

»Meinst du, er schafft es?« Jamie bückte sich, um mir aufzuhelfen. Sein Rock fühlte sich feucht und rauh an, von Nebel und feinen Gischttröpfchen durchtränkt.

»Aye, er kommt schon zurecht. Er ist ein guter Schwimmer, und es ist auch gar nicht so schwer, sobald man die Strömung erreicht.« Dennoch starrte er in den Nebel, als könnte er die Schleier durchdringen, wenn er sich nur genug bemühte.

Auf Jamies Rat hatte Ian seinen Abstieg mit der einsetzenden Ebbe begonnen, um sich die Gezeiten so weit wie möglich zunutze zu machen. Ein Blick über die Kante zeigte mir eine treibende Masse aus Blasentang, die bereits halb gestrandet war, weil der Landstreifen immer breiter wurde.

»Zwei Stunden vielleicht, bis er zurückkommt«, beantwortete Jamie meine unausgesprochene Frage. Widerstrebend wandte er sich von der vernebelten Bucht ab, die zu beobachten sinnlos war. »Verdammt, ich wünschte, ich wäre selbst gegangen, Arm oder nicht.«

»Jamie und Michael haben es doch beide auch geschafft«, rief ich ihm ins Gedächtnis. Er lächelte mich reumütig an.

»Oh, aye. Ian wird es auch schaffen. Es ist nur, dass es um einiges leichter ist, etwas Gefährliches selbst zu tun, als zu warten und sich Sorgen zu machen, während es jemand anders tut.«

»Ha«, sagte ich zu ihm. »Dann weißt du ja jetzt auch, wie es ist, mit dir verheiratet zu sein.«

Er lachte.

»Oh, aye, wahrscheinlich. Außerdem wäre es eine Schande, den Jungen um sein Abenteuer zu bringen. Dann komm, gehen wir aus dem Wind.«

Wir begaben uns ein Stück landeinwärts, fort vom bröckeligen Rand der Klippen, und setzten uns, um zu warten. Die Körper der Pferde boten uns Schutz. Es waren einfache, zottelige Highlandponys, auf die das unangenehme Wetter keinen Eindruck zu machen schien, denn sie standen einfach mit gesenkten Köpfen zusammen und hatten die Kruppen in den Wind gedreht.