Der Wind war so stark, dass jede Unterhaltung schwerfiel. Also saßen wir wortlos da, aneinandergelehnt wie die Pferde, mit dem Rücken zur windigen Küste.
»Was ist das?« Jamie hob den Kopf und lauschte.
»Was?«
»Ich dachte, ich hätte jemanden rufen gehört.«
»Vermutlich die Seehunde«, sagte ich, doch ehe meine Worte heraus waren, war er schon auf den Beinen und schritt auf den Rand der Klippen zu.
In der Bucht waberte nach wie vor der Nebel, doch der Wind hatte die Seehundinsel freigelegt, und sie war zumindest im Moment klar zu sehen. Doch es waren keine Seehunde da.
Ein kleines Boot lag auf einem abschüssigen Felsen am Rand der Insel. Kein Fischerboot; es war länger und hatte einen spitzeren Bug und ein Ruderpaar.
Während ich hinsah, kam ein Mann vom Mittelpunkt der Insel. Er trug etwas unter dem Arm, was die Größe und Form der Truhe hatte, die Jamie beschrieben hatte. Doch mir blieb nicht viel Zeit für Spekulationen über die Natur dieses Gegenstandes, denn just in diesem Moment kam ein zweiter Mann vom anderen Ende der Insel her in Sicht.
Dieser hatte Ian dabei. Er hatte sich den halbnackten Körper des Jungen achtlos über die Schulter geworfen, so dass er kopfunter hin- und herschwang und seine schlaffen Arme keinen Zweifel daran ließen, dass der Junge entweder bewusstlos war oder tot.
»Ian!« Jamies Hand hielt mir den Mund zu, ehe ich ein zweites Mal rufen konnte.
»Still!« Er zog mich auf die Knie hinunter, damit man mich nicht sah. Hilflos sahen wir zu, wie der zweite Mann Ian in das Boot hievte und dann die Dollborde packte, um es wieder ins Wasser zu schieben. Wir hatten keine Chance, den Schornstein hinunterzuklettern und zu der Insel zu schwimmen, ehe ihnen die Flucht gelang. Doch wohin?
»Wo sind sie hergekommen?«, keuchte ich. Unten in der Bucht regte sich nichts außer dem Nebel und den Algen, die in der Ebbe wogten.
»Ein Schiff. Es ist ein Beiboot.« Jamie fügte noch etwas Leises, Herzhaftes auf Gälisch hinzu, dann war er fort. Als ich mich umdrehte, sah ich gerade noch, wie er sich auf eins der Pferde schwang und es herumriss. Dann war er fort und ritt wie der Teufel quer über die Landzunge, fort von der Bucht.
Das Terrain hier oben war rauh, doch die Hufe der Pferde waren deutlich besser dafür gewappnet als ich. Ich stieg hastig auf und folgte Jamie, Ians angebundenes Pony im Ohr, das mit schrillem Wiehern protestierte.
Es war weniger als eine Viertelmeile bis zur Seeseite der Felsenzunge, doch es schien ewig zu dauern, bis ich sie erreichte. Ich sah Jamie mit wehenden Haaren vor mir, und hinter ihm das Schiff, das ein Stück vom Ufer entfernt vor Anker lag.
Der Boden fiel hier in einem Gewirr von Felsen ab, das bis zum Meer reichte, nicht so steil wie die Klippen über der Bucht, aber viel zu uneben für ein Pferd. Als ich zum Stehen kam, war Jamie schon abgestiegen und suchte sich seinen Weg durch das Geröll zum Wasser.
Links von mir konnte ich das Boot von der Insel um die Landzunge biegen sehen. Jemand auf dem Schiff musste danach Ausschau gehalten haben, denn ich hörte einen schwachen Ruf aus der Richtung des Schiffs und sah plötzlich kleine Gestalten in der Takelage auftauchen.
Eine davon musste uns ebenfalls gesehen haben, denn plötzlich kam Unruhe an Bord auf; Köpfe tauchten an der Reling auf, und es erschollen weitere Rufe. Das Schiff war blau und ringsum mit einem breiten schwarzen Streifen bemalt. In diesen Streifen war eine Reihe von Stückpforten eingelassen, und in diesem Moment öffnete sich vor meinen Augen die vordere Stückpforte, und das runde schwarze Auge einer Kanone lugte heraus.
»Jamie!«, kreischte ich, so laut ich konnte. Er hob den Blick von den Felsen zu seinen Füßen, sah, wohin ich zeigte, und warf sich flach ins Geröll, als die Kanone feuerte.
Der Knall war zwar nicht furchtbar laut, doch ich hörte eine Art Pfeifen in der Nähe meines Kopfes und duckte mich instinktiv. Rings um mich herum explodierten mehrere Felsen in Wölkchen aus fliegenden Steinsplittern, und etwas spät kam mir der Gedanke, dass die Pferde und ich hier oben auf der Landzunge um einiges besser zu sehen waren als Jamie weiter unten auf den Felsen.
Der Staub hatte sich noch nicht gelegt, als die Pferde, die diese grundlegende Tatsache lange vor mir begriffen hatten, schon auf dem Rückweg zu ihrem angebundenen Kameraden waren. Ich stürzte mich buchstäblich über die Kante der Landzunge, rutschte in einer Schotterwolke ein Stück in die Tiefe und quetschte mich in eine Felsspalte.
Irgendwo über meinem Kopf ertönte eine zweite Explosion, und ich presste mich noch dichter in den Felsen. Offenbar waren die Männer an Bord des Schiffs mit der Wirkung ihres letzten Schusses zufrieden, denn jetzt wurde es relativ still.
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, und die Luft rings um mein Gesicht war mit feinem grauen Staub erfüllt, der einen unwiderstehlichen Hustenreiz auslöste. Ich riskierte einen Blick über meine Schulter und sah gerade noch, wie das Boot an Bord gehievt wurde. Keine Spur von Ian und seinen beiden Häschern.
Lautlos schloss sich vor mir die Stückpforte, und das Seil, an dem der Anker hing, glitt in einer Wasserflut aufwärts. Das Schiff wendete langsam und suchte den Wind. Die Brise war leicht, und die Segel blähten sich kaum, doch auch das reichte schon. Langsam, dann schneller bewegte es sich auf das offene Meer zu. Als Jamie mein Versteck erreichte, war das Schiff in der dichten Wolkenbank, die den Horizont verdeckte, so gut wie verschwunden.
»Himmel«, war alles, was er sagte, als er mich erreichte, doch er umklammerte mich mit aller Kraft. »Himmel.«
Dann ließ er los und wandte sich ab, um einen Blick über das Meer zu werfen. Nichts bewegte sich außer ein paar langsam dahintreibenden Nebelschlieren. Die ganze Welt schien mit Stille geschlagen zu sein; selbst die gelegentlichen Rufe der Lummen und Sturmtaucher waren beim Donnern der Kanone verstummt.
Der graue Fels zu meinen Füßen trug einen frischen Fleck aus hellerem Grau an der Stelle, wo die Kanonenkugel eine große Steinplatte abgesprengt hatte. Sie war keinen Meter oberhalb meiner Zuflucht stecken geblieben.
»Was sollen wir tun?« Ich war wie betäubt, sowohl von den Schrecken des Nachmittags als auch von der schieren Ungeheuerlichkeit der Ereignisse. Unmöglich zu glauben, dass Ian in weniger als einer Stunde so vollständig verschwunden war, als sei er vom Antlitz der Erde getilgt. Dicht und undurchdringlich ragte die Nebelbank ein Stück vor der Küste auf, eine Barriere, die so unpassierbar war wie der Vorhang zwischen der Erde und der Unterwelt.
In meinem Kopf spielten sich immer wieder dieselben Szenen ab: der Nebel, der über die Konturen der Seehundinsel hinwegdriftete, das plötzliche Auftauchen des Bootes, die Männer, die über die Felsen stiegen, Ians hagerer Jungenkörper, weiß wie der Nebel, mit dünnen Gliedmaßen, die hinabbaumelten wie die einer misshandelten Puppe – alles hatte ich mit dieser Klarheit gesehen, die so oft mit Tragödien einhergeht; jede unvergessliche Einzelheit spielte sich wieder und wieder vor meinem inneren Auge ab, immer mit diesem halb bewussten Gefühl, dass ich diesmal imstande sein sollte, es zu ändern.
Jamies Gesicht war zu einer unnachgiebigen Miene erstarrt; tiefe Furchen zogen sich von seiner Nase zu seinem Mund.
»Ich weiß es nicht«, sagte er. »Verdammt, ich weiß nicht, was ich tun soll!« Seine Hände ballten sich plötzlich an seinen Seiten zu Fäusten. Er schloss die Augen und atmete schwer.
Dieses Eingeständnis verängstigte mich noch mehr. In der kurzen Zeit, die ich wieder in seiner Nähe verbracht hatte, hatte ich mich erneut daran gewöhnt, dass Jamie selbst unter den widrigsten Umständen immer wusste, was zu tun war. Dieses Bekenntnis bestürzte mich mehr als alles, was bis jetzt geschehen war.
Ein Gefühl der Hilflosigkeit hüllte mich ein wie der wirbelnde Nebel. Jeder Nerv schrie danach, etwas zu tun. Doch was?
Da sah ich den blutigen Streifen an seiner Manschette; er hatte sich die Hand verletzt, als er über die Felsen kletterte. Hier konnte ich helfen, und ich empfand Dankbarkeit dafür, dass ich doch etwas tun konnte, und wenn es nur eine Kleinigkeit war.