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»Du bist verletzt«, sagte ich. Ich berührte seine verletzte Hand. »Lass mich einen Blick darauf werfen; ich verbinde es dir.«

»Nein«, sagte er. Er wandte sich ab, um mit angespannter Miene noch einmal verzweifelt in den Nebel hinauszublicken. Als ich erneut die Hand nach ihm ausstreckte, riss er sich los.

»Nein, habe ich gesagt! Lass es!«

Ich schluckte krampfhaft und schlang die Arme unter meinem Umhang um mich selbst. Selbst auf der Landzunge wehte der Wind jetzt nur noch schwach, aber es war dennoch kalt und feucht.

Er rieb sich achtlos mit der Hand über die Vorderseite seines Rocks und hinterließ dabei einen roten Streifen. Er starrte immer noch auf das Meer hinaus, auf die Stelle, an der das Schiff verschwunden war. Er schloss die Augen und presste die Lippen fest aufeinander. Dann öffnete er sie, entschuldigte sich mit einer kleinen Geste bei mir und wandte sich der Landzunge zu.

»Wir sollten wohl die Pferde einfangen«, sagte er. »Komm.«

Wortlos gingen wir zurück über das dichte, kurze Gras und die verstreuten Felsen, schweigend vor Schreck und Schmerz. Ich konnte die Pferde sehen, kleine Strichfiguren, die sich in der Ferne um ihren angebundenen Kameraden scharten. Es schien Stunden gedauert zu haben, von der Landzunge über das Geröllfeld zu laufen; der Rückweg kam mir noch viel länger vor.

»Ich glaube nicht, dass er tot war«, sagte ich nach einer Weile, die mir wie ein Jahr vorkam. Ich legte Jamie zögernd eine Hand auf den Arm, um ihn vielleicht zu trösten, doch er hätte nicht einmal Notiz davon genommen, wenn ich mit einem Totschläger auf ihn eingeprügelt hätte. Er ging langsam weiter und hielt den Kopf gesenkt.

»Nein«, sagte er, und ich sah ihn krampfhaft schlucken. »Nein, er war nicht tot, sonst hätten sie ihn nicht mitgenommen.«

»Haben sie ihn denn an Bord des Schiffes gebracht?«, drängte ich ihn. »Hast du es gesehen?« Ich glaubte, dass es besser für ihn war, wenn er redete.

Er nickte. »Aye, sie haben ihn an Bord gereicht; ich habe es deutlich gesehen. Das ist vermutlich Grund zur Hoffnung«, murmelte er wie zu sich selbst. »Wenn sie ihm nicht auf der Stelle den Schädel eingeschlagen haben, werden sie es jetzt vielleicht auch nicht mehr tun.« Dann fiel ihm plötzlich wieder ein, dass ich da war, und er wandte sich mir zu und sah mir fragend ins Gesicht.

»Geht es dir gut, Sassenach?«

Ich war an mehreren Stellen wund geschürft und völlig verdreckt, und ich hatte weiche Knie vor Angst, doch im Grunde fehlte mir nichts.

»Ja.« Wieder legte ich ihm die Hand auf den Arm. Diesmal ließ er sie dort liegen.

»Das ist gut«, sagte er einen Augenblick später leise. Er steckte meine Hand in seine Ellenbeuge, und wir gingen weiter.

»Hast du irgendeine Ahnung, wer das war?« Ich musste meine Stimme ein wenig heben, damit er mich im Rauschen der Brandung hinter uns hören konnte, doch ich wollte, dass er weiterredete, solange es ging.

Er schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn. Das Ringen um Worte schien ihn allmählich aus seinem Schockzustand zu holen.

»Ich habe gehört, wie einer der Seeleute den Männern in dem Boot etwas zugerufen hat, und er hat Französisch gesprochen. Das heißt aber noch gar nichts – Seeleute kommen überallher. Dennoch, nach allem, was ich an den Docks an Schiffen gesehen habe, glaube ich, dass es nicht aussah wie ein Handelsschiff – oder überhaupt wie ein englisches Schiff«, fügte er hinzu, »obwohl ich nicht genau sagen könnte, warum. Vielleicht lag es an der Art, wie die Segel vertäut waren.«

»Es war blau mit einem schwarzen Streifen«, sagte ich. »Das war alles, was ich sehen konnte, ehe sie das Feuer eröffnet haben.«

War es möglich, die Spur eines Schiffes zu verfolgen? Der Keim dieser Idee ließ mich Hoffnung schöpfen; vielleicht war die Lage ja doch nicht so aussichtslos, wie ich anfangs gedacht hatte. Wenn Ian nicht tot war und wir herausfinden konnten, wohin das Schiff unterwegs war …

»Hast du einen Namen gesehen?«, fragte ich.

»Einen Namen?« Diese Vorstellung schien ihn ein wenig zu überraschen. »Was, auf dem Schiff?«

»Schreibt man den Namen eines Schiffs denn nicht auf die Bordwand?«, fragte ich.

»Nein, wozu?« Er klang aufrichtig verwundert.

»Damit man es erkennt, zum Kuckuck!«, sagte ich ungeduldig. Mein Ton überraschte ihn so, dass er tatsächlich ein wenig lächelte.

»Aye, nun ja, angesichts des Gewerbes, dem sie nachgehen, vermute ich, sie möchten gar nicht, dass man sie erkennt«, sagte er trocken.

Gemeinsam gingen wir ein Stückchen weiter und überlegten. Dann sagte ich neugierig: »Aber woran erkennen sich denn seriöse Schiffe gegenseitig, wenn sie keine Namen tragen?«

Er sah mich an und zog eine Augenbraue hoch.

»Ich kann dich doch von anderen Frauen unterscheiden«, sagte er, »und du trägst deinen Namen auch nicht auf die Brust gestickt.«

»Keinen einzigen scharlachroten Buchstaben«, sagte ich scherzhaft, fügte aber angesichts seines verständnislosen Blicks hinzu: »Du meinst, Schiffe sehen so unterschiedlich aus – und es gibt so wenige davon –, dass du sie durch bloßes Hinsehen auseinanderhalten kannst?«

»Ich nicht«, gestand er ein. »Ich kenne zwar ein paar Schiffe, weil ich ihren Kapitän kenne und an Bord gewesen bin, um mit ihm ein Geschäft zu machen, oder ein paar andere wie die Paketboote, die so oft verkehren, dass ich sie Dutzende von Malen im Hafen gesehen habe. Aber ein Seemann kennt sich da viel besser aus.«

»Dann könnte es möglich sein herauszufinden, wie das Schiff heißt, das Ian entführt hat?«

Er nickte und warf mir einen seltsamen Blick zu. »Aye, ich glaube schon. Ich habe versucht, mich unterwegs an so viele Details wie möglich zu erinnern, damit ich sie Jared schildern kann. Er kennt viele Schiffe und noch viel mehr Kapitäne – und vielleicht kennt ja einer von ihnen ein blaues Schiff, das ziemlich breit ist, mit drei Masten, zwölf Stückpforten und einer schlechtgelaunten Galionsfigur.«

Mein Herz tat einen Satz. »Dann hast du also doch einen Plan!«

»Ich würde es nicht gerade als Plan bezeichnen«, sagte er. »Mir fällt nur einfach nichts anderes ein.« Er zuckte mit den Schultern und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Die Feuchtigkeit, die im Gehen in kleinen Tröpfchen auf uns kondensierte, glitzerte in den roten Haaren seiner Augenbrauen auf und ließ seine Wangen tränennass erscheinen. Er seufzte.

»Unsere Überfahrt aus Inverness ist bereits arrangiert. Das Beste, was ich jetzt wohl tun kann, ist, sie anzutreten. Jared erwartet uns in Le Havre. Vielleicht kann er uns dann helfen herauszufinden, wie das blaue Schiff heißt, und womöglich sogar, wohin es fährt. Aye«, nahm er meine nächste Frage trocken vorweg, »Schiffe haben Heimathäfen, und wenn sie nicht der Marine angehören, haben sie normalerweise ihre festen Routen und Papiere für den Hafenmeister, in denen steht, wohin sie unterwegs sind.«

Allmählich fühlte ich mich so gut wie seit dem Moment nicht mehr, als Ian in Ellens Turm geklettert war.

»Es sei denn natürlich, sie sind Piraten oder Freibeuter«, fügte er mit einem warnenden Blick hinzu, der meiner aufkeimenden Zuversicht augenblicklich einen Dämpfer versetzte.

»Und wenn sie das sind?«

»Dann weiß der Himmel, was zu tun ist, denn ich weiß es nicht«, sagte er knapp, und mehr war ihm nicht zu entlocken, bis wir die Pferde erreichten.

Sie grasten auf der Landzunge in der Nähe des Turms, dort, wo wir Ians Pony zurückgelassen hatten, und verhielten sich, als sei nichts geschehen und als sei das zähe Seegras eine Delikatesse.

»Dumme Viecher«, sagte Jamie und warf ihnen einen mürrischen Blick zu. Er griff nach dem Seil und schlang es zweimal um einen Stein, der aus dem Boden ragte. Er reichte mir das Ende, wies mich wortkarg an, es festzuhalten, warf das andere Ende in den Schornstein, zog sich Rock und Schuhe aus und folgte dem Seil ohne ein weiteres Wort in die Tiefe.