»Verdammter Kerl«, flüsterte ich in sein Ohr und wiegte ihn, so gut ich es konnte. »Du bist ein furchtbarer Dummkopf, Jamie Fraser. Und was ist mit Brianna? Das war doch nicht falsch, oder?«
»Nein.« Er schluckte; ich konnte das Geräusch deutlich hören und spürte den Puls in seinem Hals unter meiner Hand. »Aber ihr habe ich dich jetzt auch genommen. Ich liebe dich – und ich liebe Ian, als wäre er mein eigener Sohn. Und ich muss denken, dass ich euch vielleicht nicht beide haben kann.«
»Jamie Fraser«, sagte ich erneut mit aller Überzeugung, die ich in meine Stimme legen konnte, »du bist ein schrecklicher Dummkopf.« Ich strich ihm das Haar aus der Stirn und verschränkte die Finger in dem dicken Zopf in seinem Nacken, um seinen Kopf zurückzuziehen, so dass er mich ansehen musste.
Ich vermutete, dass ihm mein Gesicht genauso erscheinen musste wie mir das seine; wie die gebleichten Knochen eines Schädels mit Lippen und Augen so dunkel wie Blut.
»Du hast mich weder gezwungen, zu mir zu kommen, noch hast du mich Brianna entrissen. Ich bin gekommen, weil ich es wollte – weil ich dich wollte, genauso sehr wie du mich –, und die Tatsache, dass ich hier bin, hat nichts mit dem zu tun, was heute geschehen ist. Wir sind verheiratet, verdammt, vor jeder Instanz, die mir einfällt – vor Gott, vor den Menschen, vor Neptun oder wem auch immer.«
»Neptun?«, sagte er und klang ein wenig verblüfft.
»Sei still«, sagte ich. »Wir sind verheiratet, sage ich, und es ist nichts Böses daran, dass du mich willst oder hast, und kein Gott, der sein Geld wert ist, würde dir deinen Neffen nehmen, nur weil du glücklich sein möchtest. Also! Außerdem«, sagte ich dann und wich ein wenig zurück, um ihn anzusehen, »kommt es nicht in Frage, dass ich zurückgehe, was könntest du also überhaupt dagegen tun?«
Diesmal war das leise Beben in seiner Brust Gelächter, kein Frösteln.
»Dann muss ich dich wohl nehmen, ob ich will oder nicht«, sagte er. Er küsste mich sanft auf die Stirn. »Weil ich dich liebe, bin ich schon mehr als einmal durch die Hölle gegangen, Sassenach; wenn es sein muss, riskiere ich es wieder.«
»Pah«, sagte ich. »Und du glaubst, dich zu lieben ist der reinste Rosengarten gewesen, wie?«
Diesmal lachte er laut.
»Nein«, sagte er, »aber vielleicht hörst du trotzdem nicht damit auf?«
»Vielleicht.«
»Du bist eine furchtbar sture Frau«, sagte er, und das Lächeln klang deutlich in seiner Stimme mit.
»Wer im Glashaus sitzt …«, sagte ich, und dann schwiegen wir beide lange.
Es war schon spät – vielleicht vier Uhr morgens. Der Halbmond stand tief am Himmel und war in den wehenden Wolken nur hin und wieder zu sehen. Die Wolken bewegten sich jetzt schneller; der Wind wechselte die Richtung, und der Nebel riss auf in der Stunde der Wende zwischen Dunkel und Grau. Irgendwo unter uns brüllte lautstark ein Seehund.
»Meinst du, du kämst zurecht, wenn wir jetzt gehen?«, sagte Jamie plötzlich. »Ohne auf den Tag zu warten? Jenseits der Landzunge ist das Terrain nicht so schlecht, dass die Pferde es nicht auch im Dunklen schaffen.«
Mein ganzer Körper schmerzte vor Erschöpfung, und ich hatte Hunger, doch ich erhob mich auf der Stelle und strich mir das Haar aus dem Gesicht.
»Gehen wir«, sagte ich.
Achter Teil
Auf See
Kapitel 40
Ich muss wieder hinab zum Meer
Ihr werdet die Artemis nehmen müssen.« Jared schloss die Abdeckung seines tragbaren Schreibtischs und rieb sich die gerunzelte Stirn. Jamies Verwandter war Mitte fünfzig gewesen, als ich ihn kennengelernt hatte, und jetzt war er über siebzig, doch sein stupsnasiges, kantiges Gesicht, seine schmale Gestalt und sein unermüdlicher Arbeitseifer waren unverändert geblieben. Nur sein Haar kündete von seinem Alter – früher strähnig und dunkel, war es jetzt schütter und schlohweiß, und es war übermütig mit einem roten Seidenband zusammengebunden.
»Sie ist nicht viel mehr als eine mittelgroße Schaluppe mit etwa vierzig Mann Besatzung«, stellte er fest. »Aber es ist spät in der Saison, und etwas Besseres gibt es vermutlich nicht – die Handelsschiffe sind alle seit einem Monat fort. Die Artemis wäre mit dem Konvoi nach Jamaica gefahren, wäre sie nicht durch eine Reparatur aufgehalten worden.«
»Ich bevorzuge eins von deinen Schiffen – und einen deiner Kapitäne«, versicherte ihm Jamie. »Die Größe spielt keine Rolle.«
Jared sah seinen Vetter mit skeptisch hochgezogener Augenbraue an. »Oh? Nun, möglicherweise wirst du auf See feststellen, dass die Größe eine bedeutendere Rolle spielt, als du glaubst. Um diese Jahreszeit dürfte es stürmisch werden, und eine Schaluppe wird auf den Wellen tanzen wie ein Korken. Darf ich fragen, wie du die Überfahrt nach Frankreich überstanden hast, Vetter?«
Jamies Gesicht, das ohnehin angespannt und grimmig war, wurde bei dieser Frage noch grimmiger. Er war das vollkommene Landei, und er litt nicht nur an der Seekrankheit; sie warf ihn buchstäblich um. Er war auf dem ganzen Weg von Inverness bis Le Havre todkrank gewesen, obwohl Meer und Wetter völlig ruhig gewesen waren. Auch jetzt noch waren seine Lippen bleich, und er hatte dunkle Ringe unter den Augen, obwohl er seit sechs Stunden an Land war und wir wohlbehalten in Jareds Lagerhaus am Kai saßen.
»Ich komme schon zurecht«, sagte er knapp.
Jared betrachtete ihn zweifelnd, denn ihm war sehr wohl bewusst, wie Jamie auf Wasserfahrzeuge jeder Art reagierte. Jamie konnte kaum ein Schiff betreten, das vor Anker lag, ohne grün zu werden; den Atlantik zu überqueren und zwei oder drei Monate unentrinnbar in eine wogende Nussschale gesperrt zu sein, war für jeden kühlen Kopf schwer vorstellbar. Mir bereitete der Gedanke einfach nur Sorgen.
»Nun, es ist wohl nicht zu ändern«, sagte Jared mit einem Seufzer, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Wenigstens wirst du ärztlichen Beistand haben«, fügte er mit einem Lächeln in meine Richtung hinzu. »Das heißt, ich gehe doch davon aus, dass du vorhast, ihn zu begleiten, meine Teure?«
»In der Tat«, versicherte ich ihm. »Wie lange wird es dauern, bis das Schiff abfahrbereit ist? Ich würde gern eine gute Apotheke ausfindig machen, um vor der Reise meine Arzneitruhe zu bestücken.«
Jared spitzte konzentriert die Lippen. »Eine Woche, so Gott will«, sagte er. »Die Artemis ist im Moment in Bilbao; ihre Fracht wird aus gegerbtem spanischem Leder und italienischem Kupfer bestehen – das wird sie hier aufnehmen, sobald sie eintrifft, was bei gutem Wind übermorgen der Fall sein sollte. Ich habe für diese Reise noch keinen Kapitän unter Vertrag, doch ich habe einen guten Mann im Kopf; allerdings kann es sein, dass ich nach Paris muss, um ihn zu holen, und das sind jeweils zwei Tagereisen. Rechnet noch einen Tag dazu, um die Vorräte aufzustocken, die Wasserfässer zu füllen und die notwendigen Kleinigkeiten zu besorgen, dann sollte sie morgen in einer Woche bei Tagesanbruch abfahrbereit sein.«
»Und wie lange bis zu den Westindischen Inseln?«, fragte Jamie. Ihm war am ganzen Körper anzusehen, wie angespannt er war, und weder die Reise noch die kurze Ruhepause hatten daran etwas geändert. Er war gespannt wie eine Bogensehne, und das würde vermutlich auch so bleiben, bis wir den Jungen gefunden hatten.
»Während der Saison zwei Monate«, erwiderte Jared nach wie vor mit diesem kleinen Stirnrunzeln. »Aber sie ist seit einem Monat vorbei; wenn ihr in die Winterstürme geratet, könnten es drei werden. Oder mehr.«
Oder ihr kommt gar nicht an, doch als ehemaliger Seemann war Jared viel zu abergläubisch – oder zu taktvoll –, um diese Möglichkeit laut auszusprechen. Dennoch sah ich, wie er unauffällig auf das Holz seines Schreibtischs klopfte.
Genauso wenig, wie er den anderen Gedanken aussprach, der mich beschäftigte; wir hatten keinerlei Beweis dafür, dass das blaue Schiff überhaupt zu den Westindischen Inseln unterwegs war. Wir besaßen nur die Unterlagen, die Jared beim Hafenmeister von Le Havre besorgt hatte und in denen im Lauf der letzten fünf Jahre zwei Besuche des Schiffs verzeichnet waren – das den passenden Namen Bruja trug. Beide Male war ihr Heimathafen mit Bridgetown auf der Insel Barbados angegeben.