Выбрать главу

»Beschreib es mir noch einmal – das Schiff, das den Jungen entführt hat«, sagte Jared. »Wie tief lag es im Wasser? Hoch, oder tief, als wäre es schwer für eine Seereise beladen?«

Jamie schloss einen Moment die Augen, um sich zu konzentrieren, dann öffnete er sie und nickte. »Schwer beladen, das könnte ich schwören. Die Stückpforten befanden sich keine zwei Meter über dem Wasser.«

Jared nickte zufrieden. »Dann war sie im Begriff, in See zu stechen, nicht zu landen. Ich habe Kundschafter in alle größeren Häfen in Frankreich, Portugal und Spanien geschickt. Mit etwas Glück finden sie den Hafen, wo sie abgelegt hat, dann verraten uns die Papiere ihr tatsächliches Ziel.« Seine dünnen Lippen verzogen sich plötzlich nach unten. »Es sei denn, sie ist ein Piratenschiff geworden und segelt unter falschen Papieren.«

Vorsichtig stellte der alte Weinhändler die Schreibunterlage beiseite, deren Mahagoniholz im Lauf der Jahre einen herrlich dunklen Ton angenommen hatte, und erhob sich steif.

»Nun, das ist alles, was wir im Moment tun können. Gehen wir nach Hause; Mathilde wird schon mit dem Essen warten. Morgen kann ich mit dir die Frachtbriefe und Bestellungen durchgehen, und deine Frau kann sich auf die Suche nach ihren Kräutern machen.«

Es war fast fünf Uhr und damit um diese Jahreszeit vollständig dunkel, doch Jared hatte zwei Wachmänner bestellt, die uns das kurze Stück bis zu seinem Haus begleiteten. Sie trugen Fackeln, um uns den Weg zu leuchten, und waren mit Knüppeln bewaffnet. Le Havre war eine blühende Hafenstadt, und die Gegend rings um das Kai war kein Ort, an dem man nach Anbruch der Dunkelheit allein umherspazierte, erst recht nicht, wenn man als wohlhabender Weinhändler bekannt war.

Trotz der anstrengenden Schiffsreise, der nasskalten Atmosphäre und des Fischgeruchs von Le Havre und meines nagenden Hungers spürte ich, wie sich meine Stimmung hob, während wir den Fackeln durch die engen, dunklen Straßen folgten. Dank Jareds Hilfe hatten wir jetzt zumindest eine Chance, Ian zu finden.

Jared war mit Jamie einer Meinung gewesen, dass die Piraten der Bruja – denn das waren sie für mich – Ian vermutlich nichts antun würden, wenn sie ihn nicht sogleich umgebracht hatten. Ein gesunder junger Mann, ganz gleich welcher Rasse, ließ sich auf den Westindischen Inseln für mindestens zweihundert Pfund als Sklave oder Leibeigener verkaufen, für die heutige Zeit eine respektable Summe.

Wenn sie vorhatten, aus Ians Verkauf Profit zu schlagen, und wenn wir wussten, welchen Hafen sie ansteuerten, sollte es eigentlich nicht schwer sein, den Jungen zu finden und ihn zurückzuholen. Ein Windstoß und ein paar kalte Tropfen aus den tiefhängenden Wolken dämpften meinen Optimismus ein wenig und erinnerten mich daran, dass sowohl die Bruja als auch die Artemis die Inseln erst einmal erreichen mussten. Und die Winterstürme standen kurz bevor.

Im Lauf der Nacht nahm der Regen zu und trommelte beharrlich auf das Schieferdach über unseren Köpfen. Normalerweise hätte ich das Geräusch beruhigend und einschläfernd gefunden; unter den jetzigen Umständen erschien mir das leise Rauschen bedrohlich, nicht friedvoll.

Obwohl Jared uns reichlich aufgetischt und dazu exzellente Weine serviert hatte, war ich nicht imstande zu schlafen, denn vor meinem inneren Auge sah ich regengetränkte Segel und die Dünung schwerer See. Wenigstens hielt meine morbide Fantasie nur mich selber wach; Jamie war nicht mit mir nach oben gekommen, sondern er war unten geblieben, um gemeinsam mit Jared die Vorbereitungen für die kommende Reise zu besprechen.

Jared war bereit, ein Schiff und einen Kapitän aufs Spiel zu setzen, um uns bei der Suche zu helfen. Dafür würde Jamie als Supercargo mitfahren.

»Als was?«, hatte ich gesagt, als ich diesen Vorschlag hörte.

»Supercargo«, hatte mir Jared geduldig erklärt. »Das ist der Mann, dessen Pflicht es ist, das Ein- und Ausladen der Fracht zu beaufsichtigen sowie ihren Verkauf und Abtransport. Der Kapitän und die Besatzung fahren das Schiff nur; es muss sich auch jemand um die Ladung kümmern. Falls der gute Zustand der Fracht in Gefahr gerät, können die Anordnungen des Supercargos sogar die Autorität des Kapitäns außer Kraft setzen.«

Und so fädelten sie es ein. Jared war zwar zu einigem Risiko bereit, um einem Verwandten zu helfen, doch er sah nicht ein, warum er davon nicht auch profitieren sollte. Daher hatte er hastig dafür gesorgt, dass in Bilbao und Le Havre eine gemischte Ladung zusammengestellt wurde; wir würden nach Jamaica fahren, um sie zu löschen, und die Artemis dann für den Rückweg mit Rum beladen, den die Zuckerrohrplantage von Fraser et. Cie. auf Jamaica herstellte.

Diese Rückreise jedoch würde erst stattfinden, wenn gutes Segelwetter herrschte, Ende April oder Anfang Mai. Von unserer Ankunft in Jamaica irgendwann im Februar bis zur Rückkehr nach Schottland im Mai konnte Jamie über die Artemis und ihre Besatzung verfügen, um Barbados – oder andere Orte – anzusteuern und dort nach Ian zu suchen. Drei Monate. Ich hoffte, dass das reichen würde.

Es war ein großzügiges Angebot. Dennoch war Jared, der seit vielen Jahren als Weinhändler in Frankreich lebte, so reich, dass ihn der Verlust eines Schiffes zwar gewiss bestürzen, nicht aber lähmen würde. Mir war klar, dass Jared nur einen kleinen Teil seines Vermögens aufs Spiel setzte, wir jedoch unser Leben.

Der Wind schien sich zu legen; er heulte nicht mehr ganz so heftig durch den Kamin. Da ich immer noch nicht schlafen konnte, stieg ich aus dem Bett, legte mir eine Bettdecke um die Schultern, um mich zu wärmen, und trat ans Fenster.

Der Himmel war dunkelgrau gescheckt; die dahinrasenden Regenwolken wurden durch den Mond, der sich dahinter verbarg, mit gleißendem Licht umrahmt, und das Glas war regenüberströmt. Dennoch drang so viel Licht durch die Wolken, dass ich die Masten der Schiffe ausmachen konnte, die keine Viertelmeile entfernt am Kai vertäut lagen. Sie wankten hin und her, ihre Segel zum Schutz vor dem Sturm gerefft, und sie hoben und senkten sich rastlos im Rhythmus der Wellen, die sie an ihren Ankern schüttelten. In einer Woche würde ich mich auf einem solchen Schiff befinden.

Ich hatte es nicht gewagt, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie mein Leben wohl aussehen würde, nachdem ich Jamie gefunden hatte – es war ja möglich, dass ich ihn doch nicht fand. Dann hatte ich ihn gefunden und mich kurz nacheinander als Gattin eines Druckers in der politischen und literarischen Welt von Edinburgh gesehen, als Schmugglerbraut, die ständig in gefährliche Abenteuer verwickelt wurde, und schließlich auf einer Highland-Farm, ein geschäftiges, sesshaftes Leben, das ich schon einmal geführt und sehr genossen hatte.

Jetzt waren mir all diese Möglichkeiten in ebenso schneller Abfolge wieder entrissen worden, und wieder sah ich mich einer ungewissen Zukunft gegenüber.

Seltsamerweise erfüllte mich das weniger mit Bestürzung als mit Erregung. Ich war zwanzig Jahre lang sesshaft gewesen, festgewachsen wie eine Seepocke durch meine Verpflichtungen gegenüber Brianna, Frank und meinen Patienten. Jetzt hatte mich das Schicksal – und mein eigenes Zutun – von all diesen Dingen fortgerissen, und ich fühlte mich, als würde ich haltlos von der Brandung umhergeworfen, als sei ich Gewalten ausgeliefert, die um einiges stärker waren als ich selbst.

Das Glas war von meinem Atem beschlagen. Ich malte ein kleines Herz in den Nebel, wie ich es an kalten Tagen morgens für Brianna gemacht hatte. Dann hatte ich ihre Initialen in das Herz geschrieben – B. E. R. für Brianna Ellen Randall. Ob sie sich wohl noch Randall nannte, fragte ich mich, oder Fraser? Ich zögerte, dann zeichnete ich zwei Buchstaben in das Innere des Herzens – ein »J« und ein »C«.