»Er wartet vor der Haustür. Der Butler hat versucht, ihn fortzuschicken, aber er beharrt darauf, dass er mit Euch verabredet ist, Monsieur James?« Der fragende Ton dieser letzten Worte deutete an, dass etwas Unwahrscheinlicheres zwar kaum denkbar war, dass die Pflicht sie jedoch zwang, das Unvorstellbare zu berichten.
Jamie zog die Augenbrauen hoch. »Eine Person? Was denn für eine Person?« Josephines Lippen pressten sich aufeinander, als könnte sie sich wirklich nicht überwinden, es auszusprechen. Allmählich wurde ich neugierig auf diese Person und begab mich zum Fenster. Wenn ich den Kopf weit hinaussteckte, konnte ich gerade eben die Oberseite eines sehr staubigen schwarzen Schlapphuts auf der Türschwelle sehen, viel mehr aber nicht.
»Er sieht aus wie ein fahrender Händler und trägt ein Bündel auf dem Rücken«, berichtete ich. Ich lehnte mich noch weiter aus dem Fenster und stützte mich auf die Fensterbank. Jamie packte mich an der Taille und zog mich ins Zimmer zurück, um dann seinerseits den Kopf hinauszustecken.
»Och, es ist der Münzhändler, von dem Jared gesprochen hat!«, rief er aus. »Lasst ihn nur heraufkommen.«
Josephine verschwand mit einem Blick, der Bände sprach, um kurz darauf mit einem hochgewachsenen, schlaksigen Mann von vielleicht zwanzig zurückzukehren, der furchtbar hinterwäldlerisch gekleidet war und unter seinem Rock eine Kniehose ohne Schnallen trug, die ihm um die dünnen Unterschenkel schlabberte, dazu rutschige Strümpfe und die billigsten Holzpantinen.
Unter dem schmutzigen schwarzen Hut, den er im Haus höflicherweise absetzte, kam ein schmales Gesicht mit intelligenten Augen zum Vorschein, das von einem ebenso langen wie spärlichen braunen Bart geziert wurde.
Da in Le Havre außer einigen wenigen Seemännern quasi niemand einen Bart trug, war die kleine blanke Schädelkappe auf dem Kopf des Neuankömmlings kaum noch nötig, um mir zu sagen, dass er Jude war.
Der junge Mann verbeugte sich unbeholfen vor mir, dann vor Jamie, und kämpfte mit den Riemen des Bündels auf seinem Rücken.
»Madame«, sagte er und nickte mit dem Kopf, so dass seine Seitenlocken tanzten, »Monsieur. Es ist ausgesprochen gütig von Euch, mich zu empfangen.« Er sprach ein seltsames Französisch und intonierte es wie eine Art Singsang, die es schwermachte, ihm zu folgen.
Im Prinzip verstand ich zwar Josephines Zurückhaltung gegenüber dieser … Person, doch er hatte große, arglose blaue Augen, und ich musste ihn trotz seiner wenig einnehmenden Erscheinung anlächeln.
»Wir sind es, die Euch dankbar sein sollten«, sagte Jamie unterdessen. »Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Ihr so unverzüglich kommt. Mein Vetter sagt mir, Ihr heißt Mayer?«
Der Münzhändler nickte, und unter den Strähnen seines jugendlichen Bartes breitete sich ein schüchternes Lächeln aus.
»Ja, Mayer. Es macht mir keine Umstände; ich war ohnehin in der Stadt.«
»Aber Ihr kommt doch aus Frankfurt, nicht wahr? Das ist ein langer Weg«, sagte Jamie höflich. Er lächelte, während er Mayers Aufmachung betrachtete, die aussah, als hätte er sie von einem Abfallhaufen gerettet. »Noch dazu ein staubiger, vermute ich«, fügte er hinzu. »Nehmt Ihr ein Glas Wein?«
Dieses Angebot schien Mayer zu verwirren, doch nachdem er den Mund ein paar Mal geöffnet und wieder geschlossen hatte, begnügte er sich schließlich damit, wortlos zu nicken.
Sobald er jedoch sein Bündel geöffnete hatte, schwand seine Schüchternheit dahin. Obwohl der formlose Beutel von außen so aussah, als enthielte er bestenfalls seine Mittagsmahlzeit und etwas schäbige Wäsche zum Wechseln, entpuppte sich das Innere als Ansammlung von kleinen Holzfächern, die sehr geschickt in ein Gestell im Inneren des Rucksacks eingepasst waren. Die einzelnen Fächer waren sorgfältig mit kleinen Lederbeuteln gefüllt, die sich aneinanderschmiegten wie Eier in einem Nest.
Mayer zog ein zusammengefaltetes Tuch unter dem Gestell hervor, schlug es auseinander und breitete es mit einer ausladenden Geste auf Jamies Schreibtisch aus. Dann öffnete er ein Lederbeutelchen nach dem anderen und holte den Inhalt heraus, glänzende Scheiben, die er ehrfürchtig auf dem blauen Samt plazierte.
»Eine goldene Aquilia Severa«, sagte er und berührte eine kleine Münze, die uns mit der weichen Patina antiken Goldes von dem Samt entgegenglänzte. »Und hier eine Sesterze der Calpurnier.« Seine Stimme war leise und seine Hände geschickt, während sie am Rand einer nur wenig abgenutzten Silbermünze entlangstrichen oder sie wiegten, um uns das Gewicht zu demonstrieren.
Er hob den Blick von den Münzen, deren Edelmetall sich in seinen leuchtenden Augen widerspiegelte.
»Monsieur Fraser sagt mir, Ihr möchtet gern so viele griechische und römische Raritäten in Augenschein nehmen wie möglich. Ich habe natürlich nicht meine gesamte Sammlung dabei, aber ich besitze einige davon – und ich könnte noch mehr aus Frankfurt holen lassen, wenn Ihr das wünscht.«
Jamie schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich fürchte, dazu bleibt uns keine Zeit, Mr. Mayer. Wir …«
»Nur Mayer, Monsieur Fraser«, unterbrach ihn der junge Mann zwar mit vollkommener Höflichkeit, jedoch mit einem schwach gereizten Unterton.
»Verstehe«, sagte Jamie mit einer kleinen Verneigung. »Ich hoffe, mein Vetter hat keine falschen Vorstellungen bei Euch geweckt, Mr. Mayer. Ich werde mit Freuden für Eure Reisekosten aufkommen und auch für Euren Zeitaufwand, aber ich habe nicht den Wunsch, etwas aus Eurer Sammlung zu kaufen … Mayer.«
Die Augenbrauen des jungen Mannes fuhren gleichzeitig mit seiner Schulter fragend in die Höhe.
»Was ich wünsche«, sagte Jamie und beugte sich vor, um die Münzen auf dem Tisch genauer zu betrachten, »ist, Eure Sammlung mit meiner Erinnerung an einige antike Münzen zu vergleichen, um Euch dann – falls ich Ähnlichkeiten sehe – zu fragen, ob Ihr – oder besser Eure Familie, denn Ihr selbst seid vermutlich zu jung – jemanden kennt, der möglicherweise vor zwanzig Jahren solche Münzen erworben hat.«
Er blickte zu dem jungen Juden auf, der verständlicherweise erstaunt wirkte, und lächelte.
»Das ist möglicherweise viel verlangt, ich weiß. Aber mein Vetter sagt mir, dass Eure Familie zu den wenigen zählt, die mit solchen Dingen handeln, und dass sie bei weitem das größte Wissen besitzt. Falls Ihr mich außerdem mit eventuellen Personen vertraut machen könntet, die sich auf den Westindischen Inseln für solche Dinge interessieren, wäre ich Euch zu großem Dank verpflichtet.«
Einen Moment saß Mayer da und blickte ihn an, dann senkte er den Kopf, und die Sonne glitzerte in den kleinen Gagatperlen auf, die seine Kappe säumten. Es war nicht zu übersehen, dass seine Neugier geweckt war, doch er fasste nur an seinen Rucksack und sagte: »Mein Vater oder meine Onkel besitzen wohl solche Münzen, ich nicht; doch ich habe hier den Katalog, in dem jede Münze verzeichnet ist, die in den letzten dreißig Jahren durch unsere Hand gegangen ist. Ich sage Euch gern, was ich kann.«
Er zog das Samttuch in Jamies Richtung und lehnte sich zurück.
»Seht Ihr hier etwas, das Ähnlichkeit mit den Münzen in Eurem Gedächtnis hat?«
Jamie studierte die aufgereihten Münzen mit großer Konzentration, dann stieß er sacht gegen eine Silbermünze, die in etwa die Größe eines amerikanischen Vierteldollars besaß. Drei springende Delphine umringten darauf einen Kampfwagenfahrer in der Mitte.
»Diese hier«, sagte er. »Es waren mehrere dabei, die so ähnlich aussahen – mit kleinen Unterschieden, aber alle mit diesen Delphinen.« Er richtete den Blick noch einmal auf die Münzen und pickte eine abgenutzte Goldmünze mit einem verschwommenen Profil heraus, dann eine silberne, die etwas größer und in besserem Zustand war und auf der ein Männerkopf sowohl von vorn als auch im Profil abgebildet war.
»Diese hier«, sagte er. »Vierzehn von den Goldmünzen und zehn Exemplare der Münze mit den beiden Köpfen.«