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»Zehn!« Mayer bekam vor Erstaunen große Augen. »Ich hätte nicht gedacht, dass es in Europa so viele davon gibt.«

Jamie nickte. »Ich bin mir ganz sicher – ich habe sie aus der Nähe gesehen und hatte sie sogar in der Hand.«

»Das sind die Zwillingsköpfe des Alexander«, sagte Mayer und berührte die Münze voller Ehrfurcht. »Eine große Seltenheit. Es ist eine Tetradrachme, die zum Gedenken an die Schlacht von Amphipolos und der Stadtgründung geprägt wurde.«

Jamie hörte ihm aufmerksam zu und lächelte schwach. Er interessierte sich zwar nicht besonders für antikes Geld, doch er wusste einen Menschen mit einer Passion zu schätzen.

Eine weitere Viertelstunde, eine weitere Konsultation des Katalogs, und sie waren fertig. Sie hatten noch vier weitere griechische Drachmen gefunden, die Jamie erkannte, mehrere kleine Gold- und Silbermünzen und ein Exemplar, das sich Quintinarius nannte, eine schwere römische Münze.

Mayer bückte sich und griff erneut in seinen Rucksack. Diesmal zog er ein Bündel zusammengerollter Papiere hervor, die mit einem Band verschnürt waren. Er löste den Knoten und brachte etwas zum Vorschein, das aus der Entfernung aussah wie reihenweise Vogelspuren, sich bei näherem Hinsehen jedoch als hebräische Schrift entpuppte, klein und präzise mit Tinte notiert.

Langsam blätterte er die Seiten durch, hielt hin und wieder mit einem gemurmelten »hm« inne und fuhr dann fort. Schließlich legte er sich die Blätter auf das schäbige Knie, legte den Kopf schief und sah Jamie an.

»Natürlich finden unsere Transaktionen vertraulich statt, Monsieur«, sagte er, »und ich könnte Euch zwar mitteilen, dass wir tatsächlich diese und jene Münze in diesem und jenem Jahr verkauft haben, doch ich könnte Euch den Namen des Käufers nicht nennen.« Er hielt inne, dachte sichtlich nach und fuhr fort.

»Wir haben tatsächlich im Jahr 1745 Münzen wie die von Euch beschriebenen verkauft – drei Drachmen, jeweils zwei mit den Köpfen des Egalabalus und dem Zwillingskopf des Alexander, und nicht weniger als sechs goldene Calpurnier.« Er zögerte.

»Normalerweise wäre das alles, was ich Euch sagen kann. Allerdings … ist mir in diesem Fall zufällig bekannt, Monsieur, dass der ursprüngliche Käufer der Münzen verstorben ist – und zwar bereits seit Jahren. Daher wüsste ich unter den Umständen wirklich nicht …« Er zuckte mit den Schultern und fällte seinen Entschluss.

»Der Käufer war Engländer, Monsieur. Sein Name war Clarence Marylebone, Herzog von Sandringham.«

»Sandringham!«, rief ich verblüfft aus, denn ich konnte nicht an mich halten.

Neugierig richtete Mayer den Blick erst auf mich, dann auf Jamie, dessen Gesicht jedoch nichts außer höflichem Interesse verriet.

»Ja, Madame«, sagte er. »Dass der Herzog tot ist, weiß ich, weil er eine umfassende Sammlung antiker Münzen besaß, die mein Onkel 1746 von seinen Erben erworben hat – die Transaktion ist hier aufgeführt.« Er hob den Katalog ein Stückchen und ließ ihn wieder sinken.

Ich wusste ebenfalls, dass der Herzog von Sandringham tot war, allerdings aus deutlich persönlicherer Erfahrung. Jamies Taufpate Murtagh hatte ihn 1746 in einer finsteren Märznacht umgebracht, kurz bevor die Schlacht von Culloden der jakobitischen Rebellion ein Ende gesetzt hatte. Ich schluckte kurz bei der Erinnerung daran, wie ich den Kopf des Herzogs zum letzten Mal gesehen hatte, die Blaubeeraugen zu einem Ausdruck immenser Überraschung erstarrt.

Mayers Blick wanderte zwischen uns hin und her, dann fügte er zögernd hinzu: »Außerdem kann ich Euch sagen, dass sich, als mein Onkel die Sammlung nach seinem Tod erworben hat, keine Tetradrachmen darin befunden haben.«

»Nein«, murmelte Jamie vor sich hin. »Das ist ja auch unmöglich.« Dann fasste er sich wieder, erhob sich und griff nach der Karaffe, die auf der Anrichte stand.

»Ich danke Euch, Mayer«, sagte er förmlich. »Und nun lasst uns trinken, auf Euch und Euer kleines Buch.«

Ein paar Minuten später kniete Mayer auf dem Boden und schloss sein zerschlissenes Bündel wieder. Den kleinen Beutel mit silbernen Livres, den ihm Jamie als Bezahlung gegeben hatte, hatte er in der Tasche. Er erhob sich und verbeugte sich seinerseits vor Jamie und vor mir, ehe er sich aufrichtete und seinen schäbigen Hut aufsetzte.

»Ich wünsche Euch Lebewohl, Madame«, sagte er.

»Euch auch, Mayer«, erwiderte ich. Dann fragte ich etwas zögernd: »Ist ›Mayer‹ wirklich Euer einziger Name?«

In seinen großen blauen Augen flackerte etwas auf, doch er antwortete höflich, während er sich den schweren Sack auf den Rücken hievte: »Ja, Madame. Den Frankfurter Juden ist es nicht gestattet, Familiennamen zu tragen.« Er blickte mit einem schiefen Lächeln auf. »Aus Bequemlichkeit rufen uns die Nachbarn nach einem alten roten Wappenschild, der vor vielen Jahren auf die Fassade unseres Hauses gemalt wurde. Aber darüber hinaus … nein, Madame. Wir haben keinen Namen.«

Dann kam Josephine herbei, um unseren Besucher in die Küche zu führen, wobei sie sorgsam darauf bedacht war, stets mehrere Schritte vorauszugehen, die Nase verkniffen, als röche sie etwas Unangenehmes. Mayer folgte ihr stolpernd, und seine klobigen Holzschuhe klapperten über den gebohnerten Fußboden.

Jamie entspannte sich auf seinem Stuhl, und sein Blick war nachdenklich.

Ein paar Minuten später hörte ich, wie sich unten die Haustür beinahe knallend schloss, gefolgt vom Klappern der Holzpantinen auf der steinernen Treppe. Jamie hörte es ebenfalls und wandte sich dem Fenster zu.

»Nun denn, alles Gute, Mayer Rot-Schild«, sagte er lächelnd.

Ich stutzte, und auch ich blickte zum Fenster, wo sich das Geklapper längst im Straßenlärm verloren hatte. »Vermutlich fängt jeder irgendwann einmal klein an.«

»Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste«, merkte ich an. »Jo-ho-ho und ’ne Buddel voll Rum.«

Jamie sah mich fragend an.

»Oh, aye?«, sagte er.

»Wobei der Herzog der tote Mann ist«, erklärte ich. »Meinst du, der Seehundschatz hat wirklich ihm gehört?«

»Ich kann es nicht mit Gewissheit sagen, aber es kommt mir zumindest wahrscheinlich vor.« Seine beiden steifen Finger trommelten meditativ auf den Tisch. »Als mir Jared von Mayer erzählt hat, dachte ich, es lohnt sich zumindest nachzufragen – denn es ist doch am wahrscheinlichsten, dass die Person, die die Bruja losgeschickt hat, um den Schatz zu holen, auch die ist, die ihn dort versteckt hat.«

»Das klingt logisch«, sagte ich, »aber wenn es der Herzog war, der den Schatz dort versteckt hat, kann es nicht dieselbe Person gewesen sein. Meinst du, der ganze Schatz war fünfzigtausend Pfund wert?«

Jamie blinzelte sein Spiegelbild in der Rundung der Karaffe an und überlegte. Dann ergriff er das Glasgefäß und schenkte sich nach, um besser denken zu können.

»An Metallwert nicht, nein. Aber ist dir aufgefallen, was für Preise manche dieser Münzen aus Mayers Katalog beim Verkauf erzielt haben?«

»Ja.«

»Bis zu tausend Pfund – Sterling! – für ein schimmeliges Stückchen Metall!«, sagte er staunend.

»Ich glaube zwar nicht, dass Metall schimmelt«, sagte ich, »aber ich weiß, was du meinst. Jedenfalls«, sagte ich und tat das Thema mit einer Handbewegung ab, »geht es doch um eine einzige Frage: Meinst du, bei dem Seehundschatz könnte es sich um die fünfzigtausend Pfund handeln, die der Herzog den Stuarts versprochen hatte?«

Als sich Charles Stuart Anfang 1744 in Frankreich aufhielt, um seinen königlichen Vetter Louis zu überreden, ihm Unterstützung zu gewähren, hatte ihn eine verschlüsselte Offerte des Herzogs von Sandringham über fünfzigtausend Pfund erreicht – genug, um eine kleine Armee anzuheuern –, unter der Bedingung, dass er englischen Boden betrat, um den Thron seiner Vorfahren zurückzuerobern.

Ob es dieses Angebot gewesen war, das den launenhaften Prinzen schließlich überzeugt hatte, seine zum Scheitern verurteilte Exkursion zu unternehmen, würden wir nie erfahren. Es war genauso gut möglich, dass er eine Wette mit einem Saufkumpan eingegangen war oder dass ihn ein – tatsächliches oder eingebildetes – falsches Wort seiner Mätresse nach Schottland getrieben hatte, im Gepäck nicht mehr als sechs Begleiter, zweitausend holländische Breitschwerter und ein paar Fässer Branntwein, um die Clanführer der Highlands zu betören.