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So oder so hatte er die fünfzigtausend Pfund nie erhalten, weil der Herzog vorher umgekommen war. Zu den Überlegungen, die mich in schlaflosen Nächten plagten, zählte auch die Frage, ob das Geld irgendetwas geändert hätte. Hätte Charles Stuart es erhalten, hätte er dann seine zerlumpte Highlandarmee bis nach London geführt, den Thron zurückerobert und die Krone seines Vaters wieder an sich gebracht?

Wenn … ja, wenn, dann wäre die jakobitische Rebellion vielleicht erfolgreich verlaufen, und Culloden wäre möglicherweise nie geschehen, ich wäre nie durch den Steinkreis zurückgekehrt … und Brianna und ich wären vermutlich im Kindbett gestorben und wären seit vielen Jahren zu Staub verfallen. Zwanzig Jahre sollten doch ausgereicht haben, um mich zu lehren, wie müßig ein jedes »Wenn« war.

Auch Jamie hatte nachgedacht und rieb sich grübelnd die Nase.

»Möglich, dass es so war«, sagte er schließlich. »Man hätte nur den richtigen Markt für die Münzen und Edelsteine gebraucht – du weißt ja, dass ihr Verkauf Zeit braucht; wenn man sie in Eile loswerden muss, bekommt man nur einen Bruchteil des Preises. Aber wenn man lange genug Zeit hat, nach guten Käufern zu suchen – aye, dann könnten fünfzigtausend zusammenkommen.«

»Duncan Kerr war doch Jakobit, oder?«

Jamie runzelte die Stirn und nickte. »Ja. Aye, es könnte sein – obwohl es weiß Gott eine umständliche Art ist, einem Armeekommandeur ein Vermögen zur Bezahlung seiner Truppen zur Verfügung zu stellen!«

»Ja, aber außerdem ist es platzsparend, gut zu transportieren und leicht zu verstecken. Fünfzigtausend Pfund Sterling in Geldschränken mit bewachten Kutschen zu transportieren, hätte einiges mehr an Aufmerksamkeit erregt, als insgeheim einen Mann mit einer kleinen Holzschatulle über den Kanal zu schicken.«

Wieder nickte Jamie. »Und wenn man schon eine solche Raritätensammlung besäße, würde es keine Aufmerksamkeit erregen, wenn man sie erweitert, und vermutlich würde niemand Notiz davon nehmen, was für Münzen man besitzt. Es wäre ein Leichtes gewesen, die wertvollsten herauszusuchen und sie unbemerkt durch billige Münzen zu ersetzen. Kein Bankier, der tratschen könnte, weil man Geld oder Landbesitz transferiert.« Er schüttelte bewundernd den Kopf.

»Es ist klug ausgedacht, wer auch immer dahintersteckt.« Er richtete den Blick fragend auf mich.

»Aber warum ist Duncan Kerr dann fast zehn Jahre nach der Schlacht von Culloden aufgetaucht? Und was ist ihm zugestoßen? War er da, um das Vermögen auf der Seehundinsel zu verstecken oder um es mitzunehmen?«

»Und wer hat jetzt die Bruja geschickt?«, schloss ich für ihn. Ich schüttelte ebenfalls den Kopf.

»Zum Teufel, wenn ich das weiß. Vielleicht hatte der Herzog ja einen Mitwisser? Doch wenn es so war, haben wir keine Ahnung, wer es gewesen ist.«

Jamie seufzte, und weil er vom langen Sitzen ungeduldig wurde, stand er auf und räkelte sich. Er blickte aus dem Fenster nach dem Sonnenstand, seine übliche Methode, die Uhrzeit zu bestimmen, ob eine Uhr zur Hand war oder nicht.

»Aye, nun ja, wir werden auf See genug Zeit zum Spekulieren haben. Aber jetzt ist es fast Mittag, und die Kutsche nach Paris fährt um drei Uhr los.«

Die Apotheke an der Rue de Varennes existierte nicht mehr. An ihrer Stelle standen dicht gedrängt ein gutgehendes Wirtshaus, eine Pfandleihe und eine kleine Goldschmiedewerkstatt.

»Meister Raymond?« Der Pfandleiher zog die angegrauten Augenbrauen zusammen. »Ich habe von ihm gehört, Madame«, er warf mir einen argwöhnischen Blick zu, welcher nahelegte, dass das, was er gehört hatte, kein Anlass zur Bewunderung war, »doch er ist schon seit Jahren fort. Aber wenn Ihr einen guten Apotheker braucht, Krasner an der Place d’Aloes oder vielleicht Madame Verrue in der Nähe der Tuilerien …« Er warf einen neugierigen Blick auf Mr. Willoughby, der mich begleitete, dann beugte er sich über die Ladentheke, um mich vertraulich anzusprechen.

»Wärt Ihr eventuell daran interessiert, Euren Chinesen zu verkaufen, Madame? Ich habe einen Klienten mit einem ausgeprägten Geschmack für den Orient. Ich könnte einen sehr guten Preis für Euch erzielen – und würde nicht mehr als die übliche Provision nehmen, das versichere ich Euch.«

In Le Havre, einer Hafenstadt, in der es von Fremden jeder Beschreibung wimmelte, hatte Mr. Willoughby relativ wenig Aufmerksamkeit erregt. In den Straßen von Paris jedoch rief er mit seiner Steppjacke über dem blauen Seidenpyjama und dem aus praktischen Gründen mehrmals um den Kopf gewickelten Zopf reihenweise Kommentare hervor. Allerdings stellte sich heraus, dass er beträchtliches Wissen über Heilkräuter und andere medizinische Substanzen besaß.

»Bai jei ai«, sagte er zu mir und nahm eine Fingerspitze voll Senfsamen aus einer offenen Schachtel in Krasners Verkaufsraum. »Gut für shen-yen – Nieren.«

»Ja, das stimmt«, sagte ich überrascht. »Woher wusstet Ihr das?«

Er ließ den Kopf leicht von links nach rechts rollen, wie es anscheinend seine Angewohnheit war, wenn er sich freute, weil es ihm gelungen war, jemanden in Erstaunen zu versetzen.

»Ich gekannt Heiler«, war jedoch alles, was er sagte, ehe er sich abwandte, um auf einen Korb zu zeigen, der etwas enthielt, das wie getrocknete Lehmkugeln aussah.

»Shan-yü«, sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. »Gut – sehr gut – reinigt Blut, Leber arbeitet gut, keine trockene Haut, hilft sehen. Ihr kauft.«

Ich trat näher heran, um die fraglichen Gegenstände in Augenschein zu nehmen, und stellte fest, dass es eine besonders unansehnliche Art von getrockneten Aalen war, die zu Kugeln zusammengerollt und mit Lehm ummantelt waren. Der Preis war jedoch ganz akzeptabel, daher legte ich zwei der widerlichen Dinger in den Korb an meinem Arm.

Das Wetter war mild für Anfang Dezember, und wir kehrten zu Fuß zurück zu Jareds Haus an der Rue Tremoulins. Die Straßen leuchteten in der Wintersonne, und es wimmelte von Händlern, Bettlern, Prostituierten, Ladenmädchen und den anderen Bewohnern des ärmeren Teils von Paris, die alle das vorübergehende Tauwetter nutzten.

An der Ecke der Rue du Nord und der Allée des Canards jedoch sah ich etwas ausgesprochen Ungewöhnliches; eine hochgewachsene Gestalt mit schrägen Schultern, die einen schwarzen Rock und einen runden schwarzen Hut trug.

»Reverend Campbell!«, rief ich aus.

Er fuhr bei dieser Anrede herum, dann erkannte er mich, zog den Hut und verbeugte sich.

»Mistress Malcolm!«, sagte er. »Wie überaus angenehm, Euch wiederzusehen.« Sein Blick fiel auf Mr. Willoughby; er blinzelte, und sein Gesicht erstarrte zu einer Miene der Missbilligung.

»Äh … das ist Mr. Willoughby«, stellte ich ihn vor. »Er ist ein … Geschäftspartner meines Mannes. Mr. Willoughby, Reverend Archibald Campbell.«

»Ist das so.« Reverend Campbell wirkte immer streng, doch jetzt brachte er es fertig, so auszusehen, als hätte er Stacheldraht gefrühstückt und ihn unbekömmlich gefunden.

»Ich dachte, Ihr hättet vorgehabt, von Edinburgh aus zu den Westindischen Inseln zu segeln«, sagte ich in der Hoffnung, seinen eisigen Blick von dem Chinesen abzulenken. Es funktionierte; sein Blick richtete sich auf mich und taute gelinde auf.

»Ich danke Euch für die freundliche Nachfrage, Madame«, sagte er. »Ich hege diese Absicht nach wie vor. Allerdings hatte ich zunächst dringend etwas in Frankreich zu erledigen. Ich fahre Donnerstag in einer Woche in Edinburgh ab.«

»Und wie geht es Eurer Schwester?«, fragte ich. Er warf noch einen angewiderten Blick auf Mr. Willoughby, dann trat er einen Schritt zur Seite, so dass ihn der Chinese nicht mehr direkt sehen konnte, und senkte die Stimme.