»Es geht ihr etwas besser, danke. Die Tränke, die Ihr verschrieben habt, sind sehr hilfreich gewesen. Sie ist viel ruhiger und schläft im Augenblick recht regelmäßig. Ich muss Euch noch einmal für Eure gütige Zuwendung danken.«
»Gern geschehen«, sagte ich. »Ich hoffe, dass ihr die Reise gut bekommen wird.« Wir verabschiedeten uns mit den üblichen guten Wünschen, und Mr. Willoughby und ich setzten unseren Rückweg zu Jared über die Rue du Nord fort.
»Reverend heißt sehr heilige Mann, nicht wahr?«, sagte Mr. Willoughby nach einer kurzen Pause. Er hatte das übliche Problem der Orientalen, den Buchstaben »r« auszusprechen, so dass das Wort »Reverend« aus seinem Mund ausgesprochen malerisch klang, doch ich verstand auch so, was er meinte.
»Das ist wahr«, sagte ich und blickte neugierig auf ihn hinunter. Er spitzte die Lippen und bewegte sie schmatzend, dann stieß er ein deutlich belustigtes Grunzen aus.
»Nicht so heilig, dieser Reverend«, sagte er.
»Warum sagt Ihr das?«
Er sah mich mit glänzenden, schlauen Äuglein an.
»Ich ihn sehe einmal, Madame Jeanne. Nicht lautes Reden da. Sehr still da, Reverend.«
»Tatsächlich?« Ich machte kehrt, um zurückzublicken, doch die hochgewachsene Gestalt des Reverends war in der Menge verschwunden.
»Stinkende Huren«, sagte Mr. Willoughby betont und illustrierte seine Worte mit einer extrem unanständigen Geste in seiner Leistengegend.
»Ja, ich verstehe«, sagte ich. »Nun, vermutlich ist selbst das Fleisch eines Predigers der Free Church hin und wieder schwach.«
Beim Abendessen erwähnte ich die Begegnung mit dem Reverend, ohne allerdings Mr. Willoughbys Bemerkungen über die außerplanmäßigen Aktivitäten des Reverends hinzuzufügen.
»Ich hätte ihn fragen sollen, wohin er auf den Westindischen Inseln fährt«, sagte ich. »Nicht, dass er ein besonders schillernder Begleiter wäre, aber es könnte doch nützlich sein, dort einen Bekannten zu haben.«
Jared, der mit dem systematischen Verzehr seines Kalbsbratens beschäftigt war, hielt inne, um zu schlucken, dann sagte er: »Mach dir deswegen keine Gedanken, meine Liebe. Ich habe eine Liste mit nützlichen Bekanntschaften zusammengestellt und Euch Briefe geschrieben, die Ihr dort an eine Reihe von Freunden überbringen könnt, die Euch gewiss Beistand leisten werden.«
Er schnitt sich einen anständigen Bissen Kalb ab, wischte damit durch einen Klecks Weinsoße und kaute ihn, während er Jamie nachdenklich betrachtete.
Dann kam er offenbar zu einem Entschluss, schluckte, trank einen Schluck Wein und sagte im Konversationston: »Wir sind uns als Ebenbürtige begegnet, Vetter.«
Ich starrte ihn verdattert an, doch Jamie erwiderte nach kurzer Pause: »Und trennten uns als Freunde.«
Ein Lächeln breitete sich über Jareds schmales Gesicht.
»Ah, das ist hilfreich!«, sagte er. »Ich war mir nicht ganz sicher, aye? Dachte aber, den Versuch ist es wert. Wo wurdest du aufgenommen?«
»Im Gefängnis«, erwiderte Jamie knapp. »Aber es ist die Loge von Inverness.«
Jared nickte zufrieden. »Aye, gut. Es gibt Logen auf Jamaica und Barbados – ich gebe dir Briefe für die Meister mit. Aber die größte Loge befindet sich auf Trinidad – dort gibt es mehr als zweitausend Mitglieder. Wenn du mehr Hilfe brauchst, um den Jungen zu finden, solltest du dort fragen. Alles, was sich auf den Inseln zuträgt, spricht sich früher oder später zu dieser Loge herum.«
»Würdet ihr mir vielleicht erzählen, wovon ihr redet?«, unterbrach ich die beiden.
Jamie sah mich an und lächelte.
»Freimaurer, Sassenach.«
»Du bist Freimaurer?«, entfuhr es mir. »Davon hast du mir gar nichts gesagt.«
»Das darf er auch gar nicht«, sagte Jared etwas scharf. »Die Riten der Freimaurerei sind geheim und nur den Mitgliedern bekannt. Ich kann Jamie nur deshalb eine Empfehlung an die Loge in Trinidad mitgeben, weil er bereits einer von uns ist.«
Das Gespräch wandte sich wieder allgemeinen Dingen zu, und Jamie und Jared sprachen über die Vorräte für die Artemis, doch ich schwieg und konzentrierte mich auf meinen Teller. So klein der Zwischenfall auch gewesen war, er hatte mir wieder ins Gedächtnis gerufen, wie viel ich nicht von Jamie wusste. Einst hätte ich einmal gesagt, dass ich ihn so gut kannte, wie ein Mensch einen anderen kennen kann.
Jetzt gab es Momente, in denen wir uns im Vertrauen miteinander unterhielten oder ich an seiner Schulter einschlief oder ihn nach dem Liebesakt in den Armen hielt, in denen ich das Gefühl hatte, ihn auch jetzt noch so zu kennen, seine Gedanken und sein Herz so klar vor mir zu sehen wie das Bleikristall der Weingläser auf Jareds Tafel.
Und andere, so wie jetzt, in denen ich plötzlich über einen unerwarteten Teil seiner Vergangenheit stolperte oder ihn still dastehen sah, versunken in Erinnerungen, die ich nicht teilte. Mit einem Mal fühlte ich mich unsicher und allein und zauderte am Rand der Kluft, die uns trennte.
Jamies Fuß presste sich unter dem Tisch gegen den meinen, und er blickte mit einem verstohlenen Lächeln zu mir hinüber. Er hob sein Glas, um mir wortlos zuzuprosten, und ich erwiderte sein Lächeln und fühlte mich seltsam getröstet. Die Geste erinnerte mich plötzlich daran, wie wir in unserer Hochzeitsnacht nebeneinandergesessen und an unserem Wein genippt hatten, Fremde, die Angst voreinander hatten, und das Einzige, was zwischen uns existierte, war ein Ehekontrakt – und das Versprechen, die Wahrheit zu sagen.
Ich weiß, dass es Dinge gibt, die du mir nicht sagen kannst, hatte er gesagt. Ich werde dich nie bedrängen oder darauf bestehen. Aber worum ich dich bitte – wenn du mir etwas erzählst, lass es die Wahrheit sein. Im Moment gibt es zwischen uns nichts außer – Respekt vielleicht. Und Respekt hat Raum für Geheimnisse, denke ich, aber nicht für Lügen.
Ich hob meinerseits das Glas und trank und spürte, wie das kräftige Bouquet des Weins in meinem Kopf aufbrandete und meine Wangen von Röte erwärmt wurden. Jamies Blick war immer noch auf mich geheftet, und er ignorierte Jareds Monolog über Schiffszwieback und Kerzen. Sein Fuß stieß den meinen wortlos fragend an, und ich antwortete mit leisem Druck.
»Aye, ich kümmere mich gleich morgen darum«, sagte er als Erwiderung auf eine von Jareds Fragen. »Aber jetzt, Vetter, werde ich mich, glaube ich, zurückziehen. Es ist ein langer Tag gewesen.« Er schob seinen Stuhl zurück, stand auf und hielt mir den Arm hin.
»Begleitest du mich, Claire?«
Ich stand auf, und der Wein strömte mir durch die Glieder, so dass mir warm wurde und ein wenig schwindelig. Unsere Blicke begegneten sich, und wir verstanden einander. Jetzt gab es mehr zwischen uns als nur Respekt, und Raum genug, um all unsere Geheimnisse zu teilen. Alles mit der Zeit.
Am Morgen hatten Jamie und Mr. Willoughby gemeinsam mit Jared einiges zu erledigen. Auch ich hatte noch eine kleine Erledigung vor – und das tat ich lieber allein. Zwanzig Jahre zuvor hatte es in Paris zwei Menschen gegeben, die mir sehr am Herzen lagen. Meister Raymond war fort, tot oder verschwunden. Die Chancen, dass die andere Person noch lebte, waren zwar klein, doch ich musste sichergehen, ehe ich Europa vielleicht zum letzten Mal verließ. Holpernden Herzens stieg ich in Jareds Kutsche und trug dem Kutscher auf, zum Hôpital des Anges zu fahren.
Das Grab befand sich auf dem kleinen Friedhof, der dem Konvent vorbehalten war, im Schatten der nahen Kathedrale. Obwohl die Luft, die von der Seine herüberwehte, feucht und kalt war und der Tag bewölkt, herrschte im Inneren der Friedhofsmauern ein sanftes Licht, das von den hellen Sandsteinen zurückgeworfen wurde, die den kleinen Hof vor dem Wind schützten. Im Winter wuchsen hier keine Stauden oder Blumen, aber die unbelaubten Eschen breiteten sich wie zarte Spitze gen Himmel aus, und trotz der Kälte grünte hier Moos, das die Steine umarmte.
Er war ein kleiner Stein aus weißem Marmor. Ein Flügelpaar breitete sich darüber und behütete das Wort, das den einzigen weiteren Schmuck des Steins bildete. »Faith« stand dort.