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Ich stand da und blickte auf den Stein, bis es mir vor den Augen verschwamm. Ich hatte eine Blume mitgebracht; eine rosa Tulpe – mitten im Dezember in Paris nicht leicht zu finden, doch Jared besaß einen Wintergarten. Kniend legte ich sie auf den Stein und strich mit dem Finger über das sanft gerundete Blütenblatt, als sei es die Wange eines Neugeborenen.

»Ich hatte nicht gedacht, dass ich weinen würde«, sagte ich ein wenig später.

Ich spürte Mutter Hildegardes Hand auf meinem Kopf.

»Le Bon Dieu ordnet die Dinge so, wie Er es für das Beste hält«, sagte sie leise. »Doch Er teilt uns nur selten mit, warum.«

Ich holte tief Luft und wischte mir mit einem Zipfel meines Umhangs über die Wangen. »Aber es ist so lange her.« Ich erhob mich langsam, und als ich mich umdrehte, sah ich, wie mich Mutter Hildegarde mit tiefem Mitgefühl und Neugier betrachtete.

»Ich habe festgestellt«, sagte sie bedächtig, »dass die Zeit für Mütter im Grunde nicht existiert, wenn es um ihre Kinder geht. Es spielt keine Rolle, wie alt das Kind ist – mit einem Wimpernschlag kann die Mutter es wieder so sehen, wie es war, als es geboren wurde, als es laufen lernte, in jedem beliebigen Alter … zu jeder Zeit, selbst wenn das Kind erwachsen ist und selber Kinder hat.«

»Vor allem, wenn sie schlafen«, sagte ich und senkte den Blick noch einmal auf den kleinen weißen Stein. »Dann kann man stets das Baby sehen.«

»Ah.« Mutter Hildegarde nickte zufriedengestellt. »Ich hatte doch den Eindruck, dass Ihr noch mehr Kinder bekommen habt; irgendwie wirkt Ihr so.«

»Eins.« Ich sah sie an. »Und woher wisst Ihr so viel über Mütter und Kinder?«

Ihre kleinen schwarzen Augen leuchteten scharfsichtig unter den dichten Brauen hervor, die völlig weiß geworden waren.

»Im Alter benötigt man nur sehr wenig Schlaf«, sagte sie und zuckte mit den Schultern. »Manchmal wandere ich nachts durch die Stationen. Die Patienten sprechen mit mir.«

Mit fortschreitendem Alter war sie ein wenig geschrumpft; ihre breiten Schultern waren etwas zusammengesunken, und sie war spindeldürr unter dem schwarzen Serge ihrer Tracht. Doch auch so war sie noch größer als ich, und sie überragte auch die meisten der anderen Nonnen, jetzt zwar eher wie eine Vogelscheuche, doch so gebieterisch wie eh und je. Sie trug einen Gehstock, bewegte sich aber aufrecht und festen Schrittes, und ihr Blick war unverändert durchdringend. Den Stock benutzte sie eher, um Müßiggänger anzustoßen oder Untergebene zu dirigieren, als um sich darauf zu stützen.

Ich putzte mir die Nase, und wir schlugen den Weg ein, der zurück zum Kloster führte. Während wir langsam zurückspazierten, fielen mir hier und da noch weitere kleine Steine zwischen den größeren auf.

»Sind das alles Kinder?«, fragte ich ein wenig überrascht.

»Die Kinder der Nonnen«, sagte sie gelassen. Ich starrte sie mit offenem Mund an, und sie zuckte mit den Schultern, elegant und ironisch wie immer.

»Es kommt vor«, sagte sie. Sie ging noch einige Schritte weiter, dann fügte sie hinzu: »Nicht oft, natürlich.« Sie wies mit ihrem Stock über den Friedhof.

»Dieser Ort ist den Schwestern vorbehalten, einigen Wohltätern des Hospitals – und denen, die sie lieben.«

»Die Schwestern oder die Wohltäter?«

»Die Schwestern. He, du Lump!«

Mutter Hildegarde hielt inne, weil sie einen Krankenträger erspähte, der untätig an der Kirchenmauer lehnte und eine Pfeife rauchte. Während sie ihm im schneidend eleganten Höflingsfranzösisch ihrer Kindheit eine Standpauke hielt, blieb ich im Hintergrund stehen und sah mich auf dem kleinen Friedhof um.

An der Rückwand, doch immer noch auf geweihtem Boden, befand sich eine Reihe kleiner Steintafeln, jede mit einem einzelnen Namen – »Bouton«. Unter jedem Namen befand sich eine römische Ziffer von I bis XV. Mutter Hildegardes geliebte Hunde. Ich warf einen Blick auf ihren gegenwärtigen Begleiter, den sechzehnten Träger dieses Namens. Diesmal war er kohlrabenschwarz und gelockt wie ein Persianer. Er saß kerzengerade zu ihren Füßen, die runden Augen auf den Missetäter gerichtet, ein schweigendes Echo der lautstarken Missbilligung seiner Herrin.

Die Schwestern und die, die sie lieben.

Mutter Hildegarde kam zurück, und ihre strenge Miene ging auf der Stelle in ein Lächeln über, das ihre Gnomenzüge in Schönheit verwandelte.

»Ich bin so froh, dass Ihr noch einmal gekommen seid, ma chère«, sagte sie. »Kommt mit nach innen; ich finde gewiss etwas, das Euch auf Eurer Reise von Nutzen ist.« Sie schob sich den Stock unter den Ellbogen und stützte sich stattdessen auf meinen Arm. Sie ergriff ihn mit ihrer warmen, knochigen Hand, deren Haut so dünn wie Papier geworden war. Ich hatte das seltsame Gefühl, dass nicht ich diejenige war, die sie stützte, sondern dass es umgekehrt war.

Als wir in die kleine Eibenallee einbogen, die auf das Hôpital zuführte, blickte ich zu ihr auf.

»Ich hoffe, Ihr haltet mich nicht für unhöflich, Mutter«, sagte ich zögernd, »aber es gibt eine Frage, die ich Euch gern …«

»Dreiundachtzig«, erwiderte sie prompt. Sie grinste breit und zeigte dabei ihre langen gelben Pferdezähne. »Jeder will das wissen«, sagte sie gutmütig. Sie sah sich noch einmal nach dem kleinen Friedhof um und zuckte dann gleichmütig mit der Schulter.

»Noch nicht«, sagte sie zuversichtlich. »Le Bon Dieu weiß, wie viel hier noch zu tun ist.«

Kapitel 41

Wir setzen die Segel

Es war ein kalter, grauer Tag – eine andere Sorte gibt es in Schottland im Dezember nicht –, als die Artemis am Cape Wrath anlegte, an der Nordwestküste.

Ich blickte aus dem Wirtshausfenster in die undurchdringliche graue Trübheit, die die Uferklippen verbarg. Die Gegend erinnerte deprimierend an die Landschaft in der Nähe der Seehundinsel, es roch nach abgestorbenem Tang, und die Wellen brachen so laut, dass selbst im Inneren der kleinen Schenke am Kai jedes Gespräch unmöglich war. Ians Entführung war inzwischen fast einen Monat her. Jetzt war Weihnachten vorüber, und wir befanden uns immer noch in Schottland, nicht mehr als ein paar Meilen von der Insel der Seehunde entfernt.

Jamie schritt draußen auf dem Dock hin und her, denn trotz des kalten Regens hielt es ihn nicht innen am Feuer. Die Seereise von Frankreich zurück nach Schottland war für ihn genauso schlimm gewesen wie der Hinweg, und ich wusste, dass ihn die Aussicht auf zwei oder drei Monate an Bord der Artemis mit Grauen erfüllte. Gleichzeitig jedoch brannte er derart schmerzhaft darauf, den Entführern nachzusetzen, dass ihn jede Verzögerung mit Frustration erfüllte. Mehr als einmal war ich in Le Havre mitten in der Nacht aus dem Schlaf erwacht, um festzustellen, dass er nicht da war und allein durch die Straßen von Le Havre wanderte.

Diese letzte Verzögerung jedoch hatte er ironischerweise selbst verursacht. Wir hatten in Cape Wrath angelegt, um Fergus an Bord zu nehmen und mit ihm eine kleine Gruppe von Schmugglern – Jamie hatte ihm vor unserer Abreise nach Le Havre aufgetragen, sie zusammenzutrommeln.

»Unmöglich zu sagen, was wir auf den Westindischen Inseln vorfinden werden, Sassenach«, hatte Jamie mir erklärt. »Ich habe nicht vor, allein gegen eine Schiffsladung Piraten anzutreten oder mit Männern in den Kampf zu ziehen, die ich nicht kenne.« Die Schmuggler stammten alle von der Küste und waren zumindest mit Booten und dem Ozean vertraut, wenn nicht sogar mit Schiffen; sie würden als Teil der Besatzung auf der Artemis anheuern, die aufgrund der späten Jahreszeit unterbesetzt war.

Cape Wrath war ein kleiner Hafen, in dem um diese Jahreszeit kaum Verkehr herrschte. Außer der Artemis waren nur noch ein paar Fischerboote und eine Ketsch am hölzernen Kai vertäut. Doch es gab eine kleine Schenke, in der sich die Besatzung der Artemis fröhlich die Wartezeit vertrieb, wobei die Männer, die nicht ins Haus passten, draußen unter den Traufen hockten und sich von ihren Kameraden im Inneren die vollen Alekrüge durch die Fenster reichen ließen. Jamie wanderte am Ufer entlang und kam nur zu den Mahlzeiten herein. Dann nahm er am Feuer Platz, und die Dampfschwaden, die aus seiner nassen Kleidung aufstiegen, waren wie ein Bild seiner zunehmenden Bedrückung.