»Entschuldige«, murmelte sie, und die Anspannung in der Kajüte ließ ein wenig nach.
»Schon gut, Kleine«, sagte Jamie schroff. Er blickte sie an und seufzte. »Dennoch, Marsali, wir müssen dich zu deiner Mutter zurückschicken.«
»Ich gehe aber nicht.« Sie hatte sich zwar beruhigt, doch an der Haltung ihres spitzen Kinns hatte sich nichts geändert. Sie richtete den Blick erst auf Fergus, dann auf Jamie. »Er sagt zwar, wir waren nicht miteinander im Bett, doch das waren wir. Zumindest werde ich das sagen. Wenn du mich heimschickst, werde ich allen erzählen, dass er mich gehabt hat; du siehst also – entweder bin ich verheiratet, oder ich bin ruiniert.« Ihr Ton war vernünftig und entschlossen. Jamie schloss die Augen.
»Der Herr bewahre mich vor Frauen«, sagte er zähneknirschend. Er öffnete die Augen und funkelte sie an.
»Also schön!«, sagte er. »Du bist verheiratet. Aber ihr werdet es richtig machen, vor einem Priester. Wir werden uns einen suchen, wenn wir auf den Westindischen Inseln landen. Und bis ihr den Segen habt, rührt Fergus dich nicht an. Aye?« Er warf beiden einen durchdringenden Blick zu.
»Ja, Milord«, sagte Fergus mit überglücklichem Gesicht. »Merci beaucoup!« Marsali sah Jamie mit zusammengekniffenen Augen an, doch da sie merkte, dass er nicht davon abzubringen war, neigte sie sittsam den Kopf und warf mir einen Seitenblick zu.
»Ja, Papa«, sagte sie.
Die Tatsache, dass Fergus und Marsali durchgebrannt waren, hatte Jamie zwar zumindest kurzfristig von den Schiffsbewegungen abgelenkt, doch die lindernde Wirkung war nicht von langer Dauer. Dennoch riss er sich tapfer zusammen, und obwohl er mit jeder Sekunde grüner wurde, weigerte er sich, das Deck zu verlassen und nach unten zu gehen, solange die Küste Schottlands noch zu sehen war.
»Vielleicht sehe ich es nie wieder«, sagte er finster, als ich versuchte, ihn zu überreden, unter Deck zu gehen und sich hinzulegen. Er stützte sich mit dem ganzen Gewicht auf die Reling, über die er sich gerade noch erbrochen hatte, und sein Blick ruhte sehnsüchtig auf der wenig einladenden, kahlen Küste hinter uns.
»Doch, du wirst es wiedersehen«, sagte ich mit instinktiver Gewissheit. »Du kommst zurück. Ich weiß zwar nicht, wann, aber ich weiß, dass du zurückkommst.«
Er wandte den Kopf, um mich verwundert anzusehen. Dann huschte der Hauch eines Lächelns über sein Gesicht hinweg.
»Du hast mein Grab gesehen«, sagte er leise. »Nicht wahr?«
Ich zögerte, aber es schien ihn nicht zu bestürzen, und ich nickte.
»Schon gut«, sagte er. Schwer atmend schloss er die Augen. »Nur … nur sag mir nicht, wann, wenn es dir nichts ausmacht.«
»Das kann ich gar nicht«, sagte ich. »Es waren keine Daten auf dem Stein. Nur dein Name – und meiner.«
»Deiner?« Er riss die Augen auf.
Wieder nickte ich und spürte, wie mir die Erinnerung an diesen Granitstein die Kehle zuschnürte. Es war ein sogenannter »Ehestein« gewesen, ein Viertelkreis, der so gemeißelt war, dass er zusammen mit einem zweiten einen vollständigen Bogen bildete. Ich hatte natürlich nur die eine Hälfte gesehen.
»Alle deine Namen standen darauf. Daran habe ich erkannt, dass du es bist. Und darunter stand ›Geliebter Ehemann von Claire‹. Damals war mir nicht klar, wie das möglich war, aber jetzt verstehe ich es natürlich.«
Er nickte langsam, während er meine Worte sacken ließ. »Aye, ich verstehe. Nun ja, ich denke, wenn ich bei meiner Rückkehr nach Schottland noch mit dir verheiratet bin – dann spielt das ›Wann‹ vielleicht keine so große Rolle.« Er grinste mich an, wenn auch nur schattenhaft, und fügte ironisch hinzu: »Außerdem bedeutet es, dass wir den Jungen lebend finden, denn ich sage dir, Sassenach, ohne ihn setze ich nie wieder einen Fuß auf schottischen Boden.«
»Wir finden ihn«, sagte ich mit einer Gewissheit, die ich in keinster Weise empfand. Ich legte ihm die Hand auf die Schulter, stellte mich neben ihn und sah zu, wie Schottland langsam in der Ferne verschwand.
Als es Abend wurde, waren die Felsen Schottlands im Seenebel verschwunden, und Jamie ließ sich durchgefroren und leichenblass unter Deck führen und zu Bett bringen. An diesem Punkt offenbarten sich die unvorhergesehenen Konsequenzen des Ultimatums, das er Fergus gestellt hatte.
Neben der Kapitänskajüte gab es nur zwei kleine Privatkajüten; wenn man es Fergus und Marsali untersagte, sich eine davon zu teilen, bis ihr Bund den formellen Segen erhalten hatte, würden Jamie und Fergus wohl die eine nehmen müssen und Marsali und ich die andere. Unsere Reise schickte sich an, in mehrfacher Hinsicht entbehrungsreich zu werden.
Ich hatte gehofft, dass die Übelkeit nachlassen würde, wenn Jamie das langsame Auf und Ab des Horizonts nicht mehr sehen konnte, aber dem war nicht so.
»Schon wieder?«, sagte Fergus, der sich mitten in der Nacht verschlafen in seiner Koje auf den Ellbogen erhob. »Wie kann das sein? Er hat doch den ganzen Tag nichts gegessen?«
»Sag ihm das«, sagte ich und bemühte mich, durch den Mund zu atmen, während ich mich mit der Schüssel in der Hand zur Tür schob, was aufgrund der Enge schwierig war. Das Deck hob und senkte sich unter meinen Füßen, die daran nicht gewohnt waren, und ich behielt nur mit Mühe und Not das Gleichgewicht.
»Hier, Milady, wenn Ihr gestattet.« Fergus schwang die nackten Füße aus dem Bett und erhob sich neben mir. Er schwankte und wäre fast mit mir zusammengestoßen, als er nach der Schüssel griff.
»Ihr solltet jetzt schlafen gehen, Milady«, sagte er und nahm sie mir aus den Händen. »Seid versichert, dass ich mich um ihn kümmern werde.«
»Nun ja …« Der Gedanke an meine Koje war unleugbar verlockend. Es war ein langer Tag gewesen.
»Geh, Sassenach«, sagte Jamie. Sein Gesicht war gespenstisch weiß, und im gedämpften Licht der kleinen Öllampe an der Wand sah ich den Schweißfilm, der es überzog. »Ich komme schon zurecht.«
Das stimmte zwar eindeutig nicht, gleichzeitig war es jedoch unwahrscheinlich, dass meine Anwesenheit sonderlich hilfreich sein würde. Das wenige, was getan werden konnte, konnte Fergus ebenso tun; es gab schließlich kein bekanntes Heilmittel für die Seekrankheit. Man konnte nur hoffen, dass Jared recht hatte und dass sie von selbst nachlassen würde, wenn die Artemis die längere Dünung des Atlantiks erreichte.
»Also schön«, sagte ich und gab auf. »Vielleicht geht es dir ja morgen schon besser.«
Jamie öffnete kurz ein Auge, dann stöhnte er und schloss es erschauernd wieder.
»Vielleicht bin ich ja auch tot«, meinte er.
Mit diesem fröhlichen Schlusswort begab ich mich in den finsteren Gang hinaus, um dort prompt über Mr. Willoughby zu stolpern, der sich vor der Kajütentür zusammengerollt hatte. Er grunzte überrascht, doch als er sah, dass ich es war, wälzte er sich gemächlich auf alle viere hoch und kroch bei jeder Schiffsbewegung wankend in die Kajüte. Ohne Fergus’ angewiderten Ausruf zu beachten, rollte er sich um den Säulenfuß des Tisches und schlief prompt wieder ein, eine Miene seliger Zufriedenheit in seinem kleinen, runden Gesicht.
Meine Kajüte befand sich gleich gegenüber auf dem Gang, doch ich hielt einen Moment inne, um die frische Luft einzuatmen, die vom Deck herunterwehte. Es herrschte eine außergewöhnliche Vielfalt an Geräuschen, vom Ächzen und Knacken der Planken und Bohlen bis hin zum Klatschen der Segel und dem Heulen der Takelage … und dem leisen Echo eines Rufs irgendwo an Deck.
Trotz des Lärms und der klaren Luft, die aus dem Gang hereinströmte, schlief Marsali tief und fest, ein schwarzes Häuflein in einer der beiden Kojen. Auch gut, so brauchte ich zumindest nicht zu versuchen, eine peinliche Unterhaltung mit ihr zu beginnen.
Trotz allem empfand ich einen Stich des Mitgefühls mit ihr; dies war vermutlich nicht das, was sie sich unter ihrer Hochzeitsnacht vorgestellt hatte. Mir war zu kalt, um mich umzuziehen; ich kroch vollständig angekleidet in meine kleine Holzkoje, wo ich den Schiffsgeräuschen lauschte. Ich konnte das Zischen des Wassers hören, das an der Außenwand vorüberströmte, keinen halben Meter von meinem Kopf entfernt. Es war ein seltsam beruhigendes Geräusch. Begleitet vom Gesang des Windes und leisen Würgegeräuschen auf der anderen Seite des Korridors, schlief ich friedlich ein.