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Für ein Schiff war die Artemis ordentlich und sauber, aber wenn man zweiunddreißig Männer – und zwei Frauen – mit sechs Tonnen grob gegerbter Felle, zweiundvierzig Fässern Schwefel und genügend Kupfer- und Eisenblech für eine komplette Außenverkleidung der Queen Mary auf einer Fläche von fünfundzwanzig mal acht Metern zusammenpfercht, sind Abstriche an der grundlegenden Hygiene unvermeidlich. Der zweite Tag war noch nicht vorüber, als ich bereits eine Ratte – zwar nur eine kleine, wie Fergus meinte, aber dennoch eine Ratte – im Frachtraum aufgescheucht hatte, wo ich meine Arzneitruhe holen wollte, die beim Beladen des Schiffes irrtümlich dort verstaut worden war. In meiner Kajüte hörte ich es nachts leise trippeln, und als ich die Laterne anzündete, entpuppte es sich als das Gekrabbel mehrerer Dutzend mittelgroßer Küchenschaben, die panisch Richtung Schatten flüchteten.

Die Abtritte, zwei kleine Viertelgalerien in Bugnähe, rechts und links des Schiffs, bestanden aus nicht viel mehr als einem Bretterpaar mit einem strategischen Schlitz, das zweieinhalb Meter über den tosenden Wellen hing, so dass der Benutzer stets Gefahr lief, im unangebrachtesten Moment einen kalten Seewasserschwall abzubekommen. In Verbindung mit einer Ernährung, die aus gepökeltem Schwein und Zwieback bestand, war dies vermutlich der Grund dafür, dass so viele Seeleute an Verstopfung litten.

Mr. Warren, der Steuermann, teilte mir voll Stolz mit, dass jeden Morgen die Decks gewischt wurden, das Messing poliert und überhaupt alles auf Vordermann gebracht wurde. Doch alles Schrubben in der Welt konnte die Tatsache nicht verbergen, dass dieser begrenzte Raum von vierunddreißig Menschen bewohnt wurde und nur einer von uns badete.

Angesichts dieser Umstände wurde ich mehr als überrascht, als ich am zweiten Morgen auf der Suche nach kochendem Wasser die Kombüsentür öffnete.

Ich hatte dieselben trüben, schmuddeligen Bedingungen erwartet, die auch in den Kajüten und im Frachtraum herrschten, und war wie geblendet durch das Sonnenlicht, das durch ein Deckengitter auf eine Reihe derart blankgeputzter Kupfertöpfe fiel, dass ihre Metallböden rosa glänzten. Ich blinzelte, während sich meine Augen an den Glanz gewöhnten, und sah, dass die Kombüse massive Wände mit eingebauten Fächern und Schränken hatte, so dass sie auch gegen die schwerste See gewappnet war.

Blaue und grüne Glasflaschen mit Gewürzen, zum Schutz vor Beschädigung liebevoll einzeln in Filz gehüllt, vibrierten leise auf ihrem Regal über den Töpfen vor sich hin. Das tödliche Sortiment blitzender Messer, Metzgerbeile und Fleischspieße hätte ausgereicht, um mit einem Walkadaver fertig zu werden, wäre ein solcher aufgetaucht. Am Schott hing ein umrandetes Doppelregal voller rundlicher Gläser und flacher Teller, auf denen frische Rübenspitzen zum Austreiben standen. Über dem Herd blubberte sanft ein enormer Topf, aus dem duftender Dampf aufstieg. Und inmitten all dieses makellosen Glanzes stand der Koch, der mich mürrisch betrachtete.

»Hinaus«, sagte er.

»Guten Morgen«, sagte ich so freundlich wie möglich. »Mein Name ist Claire Fraser.«

»Hinaus«, wiederholte er unverändert schroff.

»Ich bin Mrs. Fraser. Mein Mann ist der Supercargo, und ich bin auf dieser Fahrt die Schiffsärztin«, sagte ich und zahlte ihm den unfreundlichen Blick mit gleicher Münze zurück. »Ich benötige so bald wie möglich sechs Gallonen kochendes Wasser zum Reinigen der Abtritte.«

Seine kleinen, leuchtend blauen Augen wurden noch kleiner und leuchtender, und ihre schwarzen Pupillen richteten sich auf mich wie Pistolenläufe.

»Ich bin Aloysius O’Shaughnessy Murphy«, sagte er. »Schiffskoch. Und fordere Euch auf, Eure Füße von meinem frisch geputzten Deck zu nehmen. Ich dulde keine Frauen in meiner Kombüse.« Er funkelte mich unter dem schwarzen Tuch hinweg an, das er sich um den Kopf geknotet hatte. Er war mehrere Zentimeter kleiner als ich, was er jedoch dadurch ausglich, dass sein Taillenumfang den meinen um einen guten Meter übertraf und die Schultern eines Ringers besaß, die anscheinend ohne den Umweg über einen Hals in einen Kopf wie eine Kanonenkugel übergingen. Das Ensemble wurde durch ein Holzbein komplettiert.

Würdevoll trat ich einen Schritt zurück und sprach ihn aus der relativen Sicherheit des Korridors an.

»In diesem Fall«, sagte ich, »könnt Ihr mir das Wasser ja durch den Kombüsenjungen nach oben bringen lassen.«

»Das könnte ich«, pflichtete er mir bei. »Ich könnte es vielleicht auch lassen.« Er wandte mir den breiten Rücken zu, um mir mitzuteilen, dass ich entlassen war, und widmete sich einem Hackbrett, einem Beil und einer Hammelkeule.

Ich stand einen Moment im Gang und überlegte. Das Beil prallte mit regelmäßigen Geräuschen auf das Holz. Mr. Murphy griff in sein Gewürzregal, nahm, ohne hinzusehen, eine Flasche, und streute eine ordentliche Menge des Inhalts über das gewürfelte Fleisch. Staubiger Salbeiduft erfüllte den Raum, um augenblicklich in der Schärfe einer Zwiebel unterzugehen, die er mit einem beiläufigen Schwung des Beils entzweihackte und in die Mischung warf.

Offenbar existierte die Besatzung der Artemis doch nicht nur von Pökelfleisch und Zwieback. Allmählich wurden mir die Gründe für Kapitän Raines’ doch recht rundlichen Körperbau klar. Ich steckte den Kopf erneut durch die Tür, achtete aber darauf, draußen stehen zu bleiben.

»Kardamom«, sagte ich entschlossen. »Muskatnüsse. Dieses Jahr getrocknet. Frischer Anisextrakt. Zwei große Ingwerwurzeln ohne Flecken.« Ich hielt inne. Mr. Murphy hatte das Häckseln eingestellt und hielt sein Beil reglos über den Block.

»Und«, fügte ich hinzu, »ein halbes Dutzend ganze Vanilleschoten. Aus Ceylon.«

Er drehte sich langsam um und wischte sich die Hände an der Lederschürze ab. Anders als seine Umgebung war weder die Schürze noch seine restliche Aufmachung fleckenlos.

Der Mann hatte ein breites, gerötetes Gesicht mit einem steifen blonden Bart, der an eine Küchenbürste erinnerte und sacht bebte wie die Fühler eines großen Insekts, als er mich jetzt ansah. Seine Zunge fuhr heraus, um über seine gespitzten Lippen zu lecken.

»Safran?«, fragte er heiser.

»Eine halbe Unze«, sagte ich prompt, verkniff mir jedoch sorgsam jede Spur von Triumph.

Er atmete tief ein, und die Lust leuchtete ihm hell aus den kleinen blauen Augen.

»Ihr findet draußen eine Matte, Ma’am, falls Ihr Euch die Schuhe abputzen und hereinkommen möchtet.«

Nachdem ein Abtritt so weit sterilisiert war, wie es innerhalb der Grenzen des mit kochendem Wasser Machbaren und des Fergus Zumutbaren möglich war, kehrte ich in meine Kajüte zurück, um mich für das Mittagessen zurechtzumachen. Marsali war nicht da; sicherlich kümmerte sie sich um Fergus, dessen Bemühungen in meiner Sache an wahres Heldentum gegrenzt hatten.

Ich spülte mir die Hände mit Alkohol ab, bürstete mir das Haar und überquerte dann den Gang, um nachzusehen, ob Jamie vielleicht doch etwas essen oder trinken wollte. Ein Blick kurierte mich von dieser Vorstellung.

Man hatte mir und Marsali die größere Kajüte zugeteilt, was bedeutete, dass jede von uns etwa einen halben Quadratmeter Platz hatte, die Betten nicht mitgerechnet. Diese waren Holzkojen, die in die Wand eingebaut waren, etwa einen Meter fünfundsechzig lang. Marsali passte problemlos in ihre Koje, aber ich war gezwungen, eine etwas gekrümmte Position einzunehmen wie eine Kaper auf Toast, was bewirkte, dass ich mit kribbelnden Füßen aufwachte.

Jamie und Fergus schliefen in ähnlichen Kojen. Jamie hatte sich seitlich in eine davon hineingequetscht wie eine Schnecke in ihr Haus und besaß im Moment auch ansonsten große Ähnlichkeit mit einem solchen Tier, denn seine Haut sah grau und klebrig aus und war mit gelben und grünen Streifen überzogen, die einen gemeinen Kontrast zu seinem roten Haar bildeten. Als er mich hereinkommen hörte, öffnete er ein Auge, betrachtete mich ein paar Sekunden trübe und schloss es wieder.