»Ist das so«, sagte ich mit demselben kleinen Stich im Magen, den ich empfunden hatte, als Jamie die Tür des Bordells an der Queen Street öffnete. »Sie sind also Partner?«
»Nun, eine Art.« Fergus klang bedauernd. »Milord besitzt nur einen Anteil von fünf Prozent dafür, dass er das Lagerhaus gefunden und alles arrangiert hat. Der Beruf des Druckers ist viel weniger einträglich als der Betrieb eines hôtel de joie.« Marsali blickte sich zwar nicht um, doch ich hatte den Eindruck, dass die Starre ihrer Schultern zunahm.
»Was du nicht sagst«, gab ich zurück. Edinburgh und Madame Jeanne lagen schließlich weit hinter uns. »Erzähl weiter. Am Ende schneidet noch jemand Jamie die Kehle durch, ehe ich herausfinde, warum.«
»Natürlich, Milady.« Fergus neigte respektvoll den Kopf.
Die Schmuggelware harrte sicher versteckt ihres Verkaufs, und die Schmuggler hatten haltgemacht, um sich mit etwas Trinkbarem zu stärken, ehe sie sich im zunehmenden Tageslicht auf den Heimweg machten. Zwei der Männer hatten darum gebeten, ihren Anteil sofort ausbezahlt zu bekommen, weil sie das Geld benötigten, um Spielschulden zu bezahlen und Lebensmittel für ihre Familien zu kaufen. Jamie war einverstanden gewesen und hatte sich in die Schreibstube des Lagerhauses begeben, wo sie eine kleine Menge Gold aufbewahrten.
Während sich die Männer in einer Ecke des Lagerhauses beim Whisky entspannten, wurden ihre Scherze und ihr Gelächter durch eine plötzliche Vibration unterbrochen, die den Boden unter ihren Füßen erbeben ließ.
»In Deckung!«, rief MacLeod, ein erfahrener Lagerarbeiter, und die Männer hatten sich in Sicherheit gebracht, noch ehe sie sahen, wie der Stapel großer Fässer vor der Schreibstube dröhnend erzitterte und ein Zwei-Tonnen-Fass mit schwerfälliger Anmut hinunterrollte, um zu einem aromatischen See aus Ale zu zerspringen, innerhalb von Sekunden, gefolgt von einer Kaskade seiner monströsen Kameraden.
»Milord ging gerade vor dem Stapel vorüber«, sagte Fergus und schüttelte den Kopf. »Es war allein der Gnade der seligen Jungfrau zu verdanken, dass er nicht zermalmt wurde.« Eins der polternden Fässer hatte ihn nur um Zentimeter verfehlt, und einem weiteren war er nur entkommen, indem er kopfüber aus dem Weg und unter ein leeres Weingestell stürzte.
»Wie ich schon sagte, so etwas kommt häufig vor«, sagte Fergus schulterzuckend. »Allein in den Lagerhäusern Edinburghs kommen jedes Jahr ein Dutzend Männer bei solchen Unfällen um. Aber angesichts der anderen Zwischenfälle …«
In der Woche vor dem Malheur mit den Fässern war ein kleiner Schuppen voller Verpackungsstroh in Flammen aufgegangen, während Jamie darin beschäftigt war. Anscheinend war eine Laterne umgefallen, die zwischen ihm und der Tür stand, so dass sich das Stroh entzündete und Jamie in dem fensterlosen Schuppen hinter einer plötzlichen Flammenwand in der Falle saß.
»Glücklicherweise war der Schuppen ein sehr wurmstichiges Gebäude, dessen Bretter halb verrottet waren. Er brannte zwar wie Zunder, aber Milord konnte ein Loch in die Rückwand treten und unverletzt hinauskriechen. Wir dachten zuerst, die Laterne wäre von selbst umgestürzt, und waren äußerst dankbar für sein Entkommen. Erst später hat mir Milord erzählt, er hätte ein Geräusch gehört – vielleicht einen Schuss, vielleicht auch nur das Knacken, das in einem alten Lagerhaus entsteht, wenn sich die Bretter setzen –, und als er sich umdrehte, sah er sich den Flammen gegenüber, die vor ihm in die Höhe schossen.«
Fergus seufzte. Er sah furchtbar müde aus, und ich fragte mich, ob er vielleicht wach geblieben war, um während der Nacht auf Jamie aufzupassen.
»Also«, sagte er und zuckte erneut mit den Schultern. »Wir wissen es nicht. Möglich, dass das alles nur Unfälle waren – vielleicht aber auch nicht. Doch im Licht der Ereignisse von Arbroath betrachtet …«
»Könnte es sein, dass ihr einen Verräter unter den Schmugglern habt«, sagte ich.
»Genau, Milady.« Fergus kratzte sich am Kopf. »Doch was Milord noch größeres Kopfzerbrechen bereitet, ist der Mann, den der Chinese bei Madame Jeanne erschossen hat.«
»Weil du glaubst, er war ein Zollagent, der Jamie von den Docks bis in das Bordell gefolgt ist? Jamie hat gesagt, das könnte nicht sein, weil er keinen Einsatzbefehl bei sich hatte.«
»Kein Beweis«, stellte Fergus fest. »Was jedoch noch schlimmer ist, ist das Buch, das er in der Tasche hatte.«
»Das Neue Testament?« Mir war nicht klar, welche besondere Bedeutung das haben sollte.
»Oh, aber es gibt sie, Milady – oder ich sollte sagen, es könnte sie geben«, verbesserte sich Fergus. »Es war nämlich ein Buch, das Milord persönlich gedruckt hatte.«
»Ich verstehe«, sagte ich langsam, »zumindest beginne ich, zu verstehen.«
Fergus nickte ernst. »Natürlich wäre es schlimm gewesen, wenn der Zoll imstande gewesen wäre, die Spur des Brandys vom Hafen zum Bordell zu verfolgen – aber nicht verheerend. Wir hätten ein anderes Versteck gefunden; tatsächlich hatte Milord sogar Absprachen mit den Besitzern zweier Wirtshäuser getroffen, die … doch das spielt jetzt keine Rolle.« Wieder winkte er ab. »Doch wenn die Agenten der Krone den berüchtigten Schmuggler Jamie Roy mit dem respektablen Mr. Malcolm aus der Carfax Close in Verbindung brachten …« Er spreizte beide Hände breit auseinander. »Versteht Ihr?«
Ich verstand. Wenn der Zoll seiner Tätigkeit als Schmuggler zu nahe kam, konnte Jamie schlicht seine Helfer entlassen, sich von den gewohnten Orten fernhalten, eine Weile verschwinden und sich in seine Tarnung als Drucker zurückziehen, bis es ihm sicher schien, sein illegales Tun wieder aufzunehmen. Doch wenn beide Identitäten entdeckt und miteinander verknüpft wurden, bedeutete das nicht nur, dass er beide Einkommensquellen gleichzeitig verlor, sondern auch, dass er auf eine Weise Verdacht erregte, die zur Entdeckung seines tatsächlichen Namens, seiner aufwieglerischen Aktivitäten und damit nach Lallybroch und zu seiner Vorgeschichte als Rebell und abgeurteilter Verräter führen konnte. Sie hätten genug Beweise gehabt, um ihn ein Dutzend Mal zu hängen – und einmal reichte schließlich schon.
»Natürlich verstehe ich. Also ging es Jamie nicht nur um Laoghaire und Hobart MacKenzie, als er zu Ian gesagt hat, es wäre nicht das Schlechteste, wenn wir eine Weile nach Frankreich verschwinden.«
Paradoxerweise erfüllten mich Fergus’ Enthüllungen durchaus mit Erleichterung. Wenigstens war ich nicht ganz allein dafür verantwortlich, dass Jamie ins Exil getrieben wurde. Mein Wiederauftauchen mochte zwar die Krise mit Laoghaire heraufbeschworen haben, doch mit diesen Dingen hatte ich nichts zu tun.
»Exakt, Milady. Und doch wissen wir nicht mit Gewissheit, ob uns einer der Männer verraten hat – oder, falls es einen Verräter unter ihnen gibt, ob dieser Milord nach dem Leben trachtet.«
»Das stimmt.« Es stimmte tatsächlich, auch wenn es nicht sehr beruhigend war. Wenn einer der Schmuggler vorhatte, Jamie gegen Bezahlung zu verraten, war das eine Sache. Wenn sein Motiv jedoch persönliche Rache war, war es gut möglich, dass sich der Mann gedrängt sah, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, jetzt, da wir – zumindest vorübergehend – außer Reichweite des königlichen Zolls waren.
»Falls ja«, fuhr Fergus fort, »muss es einer der sechs Männer sein, die ich abholen sollte. Alle sechs waren dabei, als die Fässer losgerollt sind und als der Schuppen in Flammen aufgegangen ist; alle sind schon einmal im Bordell gewesen.« Er hielt inne. »Und sie waren alle dabei, als wir in Arbroath auf der Straße in den Hinterhalt geraten sind und den erhängten Steuereintreiber gefunden haben.«
»Wissen sie alle von der Druckerei?«
»Oh, nein, Milady! Milord hat immer peinlich darauf geachtet, dass keiner der Schmuggler davon erfahren hat – doch es ist immer möglich, dass ihn einer von ihnen in Edinburgh auf der Straße gesehen hat, ihm bis zur Carfax Close gefolgt ist und so von A. Malcolm erfahren hat.« Er lächelte ironisch. »Milord ist schließlich nicht gerade ein unauffälliger Mensch, Milady.«