»Wohl wahr«, sagte ich im selben Ton. »Aber jetzt kennen sie doch alle Jamies richtigen Namen – Kapitän Raines nennt ihn Fraser.«
»Ja«, sagte er mit einem schwachen, grimmigen Lächeln. »Das ist der Grund, warum wir herausfinden müssen, ob wir tatsächlich einen Verräter an Bord haben – und wer es ist.«
Ich sah ihn an, und zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass Fergus inzwischen in der Tat ein erwachsener Mann war – und zwar ein sehr gefährlicher. Ich hatte ihn als zehnjährigen Jungen mit Nagerzähnen gekannt, und für mich würde sein Gesicht immer eine Spur dieses Jungen tragen. Doch es war lange her, dass er ein Pariser Straßenkind gewesen war.
Marsali hatte während des Großteils dieser Unterhaltung unverwandt auf das Meer hinausgeblickt, weil sie es vermeiden wollte, mit mir sprechen zu müssen. Doch sie hatte uns offensichtlich zugehört, und jetzt sah ich, wie ihr ein Schauder über die schmalen Schultern lief – ob vor Kälte oder Nervosität, konnte ich nicht sagen. Vermutlich war sie nicht auf eine Seefahrt mit einem potentiellen Mörder eingestellt gewesen, als sie zugestimmt hatte, mit Fergus durchzubrennen.
»Am besten bringst du Marsali nach unten«, sagte ich zu Fergus. »Sie wird ja schon blau. Keine Sorge«, sagte ich mit kühler Stimme zu Marsali, »ich komme vorerst nicht in die Kajüte.«
»Wohin geht Ihr denn, Milady?« Fergus blinzelte mich etwas argwöhnisch an. »Milord wünscht gewiss nicht, dass Ihr …«
»Das habe ich auch nicht vor«, beruhigte ich ihn. »Ich gehe in die Kombüse.«
»Die Kombüse?« Seine feinen schwarzen Augenbrauen fuhren auf.
»Um zu sehen, ob Aloysius O’Shaughnessy Murphy etwas gegen die Seekrankheit vorzuschlagen hat«, sagte ich. »Wenn wir Jamie nicht wieder auf die Beine bekommen, wird er keinen Deut darum geben, ob ihm jemand die Kehle durchschneidet oder nicht.«
Murphy, den ich mit einer Unze getrockneter Orangenschale und einer Flasche von Jareds bestem Rotwein bestach, tat mir den Gefallen gern. Mehr noch, er schien die Suche nach etwas, was Jamie bei sich behalten würde, als berufliche Herausforderung zu betrachten, und verbrachte diverse Stunden mit der meditativen Betrachtung seines Gewürzregals und seiner Vorratskammern – ohne Erfolg.
Wir durchsegelten zwar keine Stürme, doch die Winterwinde trieben eine gewaltige Dünung vor sich her, und die Artemis kämpfte sich mühsam über die glasigen Wellenberge hinweg, die sie jedes Mal drei Meter anhoben und wieder fallen ließen. Manchmal empfand ich selbst eine Spur von Übelkeit, wenn ich das hypnotische Heben und Abkippen der Heckreling vor dem Horizont beobachtete, und wandte mich dann hastig ab.
Nichts deutete darauf hin, dass Jamie vorhatte, Jareds Prophezeiung zu erfüllen und sich in die Senkrechte zu begeben, weil er sich plötzlich an die Schiffsbewegungen gewöhnt hatte. Mit einer Gesichtsfarbe wie verdorbener Karamellpudding verharrte er in seiner Koje und bewegte sich nur, um zum Abtritt zu wanken, von Mr. Willoughby und Fergus abwechselnd rund um die Uhr bewacht.
Positiv betrachtet, unternahm keiner der sechs Schmuggler etwas, was man auch nur irgendwie als Bedrohung empfinden konnte. Alle äußerten besorgtes Mitgefühl über Jamies Zustand und hatten ihn – sorgfältig bewacht – kurz in seiner Kajüte besucht, ohne dass irgendetwas Verdächtiges geschehen wäre.
Was mich betraf, so verbrachte ich meine Tage damit, das Schiff zu erkunden, mich um die kleinen medizinischen Notfälle zu kümmern, die der Alltag der Seeleute mit sich brachte – hier ein gequetschter Finger, dort eine angeknackste Rippe, Zahnfleischbluten und ein Wurzelabszess –, und in einer Ecke der Kombüse, in der mich Murphy gnädigerweise arbeiten ließ, Kräuter zu zerstampfen und Arzneien herzustellen.
Marsali war nicht mehr in unserer gemeinsamen Kajüte, wenn ich aufstand; bei meiner Rückkehr schlief sie schon, und wenn sich eine Begegnung aufgrund der beengten Verhältnisse an Bord oder beim Essen nicht vermeiden ließ, verharrte sie in feindseligem Schweigen. Ich vermutete, dass diese Feindseligkeit zum Teil ihrer verständlichen Solidarität mit ihrer Mutter und zum Teil der Frustration entsprang, weil sie die Nachtstunden in meiner Gesellschaft verbringen musste statt mit Fergus.
Falls sie tatsächlich weiterhin unberührt war – und ihrem mürrischen Verhalten nach war ich mir da hinreichend sicher –, so war dies einzig Fergus’ Respekt vor Jamies Anordnung zu verdanken. Jamie selbst konnte man als Hüter der Tugend seiner Stieftochter im Moment getrost vernachlässigen.
»Was, doch nicht auch die Suppe?«, sagte Murphy. Das breite rote Gesicht des Kochs verfinsterte sich bedrohlich. »Ich habe schon erlebt, dass sich Leute vom Totenbett erhoben haben, nachdem sie diese Suppe gekostet haben!«
Er nahm Fergus das Töpfchen mit der Suppe ab, roch kritisch daran und hielt es mir unter die Nase.
»Hier, riecht einmal. Markknochen, Knoblauch, Kümmelsamen und ein Stückchen Schweineschwarte für den Geschmack, alles sorgfältig durch Musselin abgeseiht, weil manche Leute mit einem empfindlichen Magen keine festen Stücke vertragen können, aber hier findet Ihr keine, nicht eins!«
Tatsächlich war die Suppe goldbraun und klar, und ihr appetitlicher Duft ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen, obwohl ich erst vor einer Stunde exzellent gefrühstückt hatte. Kapitän Raines besaß einen empfindlichen Magen; daher hatte er bei der Auswahl eines Kochs und der Ausstattung der Kombüse große Sorgfalt walten lassen, wovon die gesamte Offiziersmesse profitierte.
Mit seinem Holzbein und den körperlichen Dimensionen eines Rumfasses sah Murphy zwar durch und durch aus wie ein Pirat, doch tatsächlich stand er in dem Ruf, der beste Schiffskoch in Le Havre zu sein – wie er mir selbst ohne jede Überheblichkeit erzählt hatte. Er betrachtete die Seekrankheit als Herausforderung für sein Können, und da Jamie auch am vierten Tag noch flachlag, fühlte er sich persönlich vor den Kopf gestoßen.
»Ich zweifle nicht daran, dass es eine wundervolle Suppe ist«, versicherte ich ihm. »Es ist nur einfach so, dass er überhaupt nichts bei sich behalten kann.«
Murphy grunzte skeptisch, wandte sich ab und goss die restliche Suppe vorsichtig in einen der diversen Kessel, die Tag und Nacht über dem Kombüsenfeuer dampften.
Mit furchtbar finsterer Miene fuhr er sich durch das schüttere blonde Haar, öffnete einen Schrank und schloss ihn wieder und beugte sich dann murmelnd über eine Vorratstruhe.
»Vielleicht ein bisschen Schiffszwieback?«, brummte er. »Auf jeden Fall etwas Trockenes. Vielleicht aber auch ein Hauch Essig; eingelegte Gürkchen zum Beispiel …«
Fasziniert sah ich zu, wie die großen Wurstfinger des Kochs geschickt über seine Vorräte hinweghuschten, hier und dort einen Leckerbissen herauszupften und alles in Windeseile auf einem Tablett arrangierten.
»Äh, versuchen wir es hiermit«, sagte er und reichte mir das fertige Tablett. »Lasst ihn an den Essiggürkchen lutschen, aber er soll noch nicht hineinbeißen. Dann ein Bissen einfacher Zwieback – ich glaube, es sind noch keine Maden darin –, aber er soll kein Wasser dazu trinken. Dann ein Stückchen Gurke, gut kauen, um den Speichelfluss anzuregen, einen Bissen Zwieback und so weiter. Wenn er das bei sich behält, können wir es vielleicht mit etwas Pudding versuchen, habe ihn dem Kapitän gestern frisch zum Abendessen gekocht. Wenn das gutgeht …« Seine Stimme folgte mir aus der Kombüse und fuhr mit dem Katalog des Nahrungsangebots fort, »… Milchtoast, mit Ziegenmilch gebacken und ganz frisch … dann eine schöne Eierschaumcreme mit Whisky …«, dröhnte es durch den Gang, während ich mit dem vollbeladenen Tablett um die enge Ecke bog und vorsichtig über Mr. Willoughby hinwegstieg, der wie üblich neben Jamies Tür an der Wand des Gangs hockte wie ein kleiner blauer Schoßhund.