Doch schon nach dem ersten Schritt ins Innere der Kajüte konnte ich sehen, dass Mr. Murphys kulinarisches Können erneut verschwendet sein würde. Jamie hatte es fertiggebracht, seine Umgebung so deprimierend und unangenehm wie nur möglich zu gestalten, so wie es nur ein Mann vermag, der sich unwohl fühlt. In der kleinen Kajüte war es stickig und feucht; die enge Koje war mit einem Tuch verhangen, um sie sowohl vom Licht als auch von der Luft abzuschirmen, und ein kleiner Berg durchgeschwitzter Decken und ungewaschener Kleider türmte sich darauf.
»Aufwachen«, sagte ich fröhlich. Ich setzte das Tablett ab und öffnete den improvisierten Vorhang, der aus einem von Fergus’ Hemden zu bestehen schien. Das Licht in der Kajüte kam aus einem großen Prisma, das über uns in die Decke eingelassen war. Es fiel auf die Koje und illuminierte ein Gesicht von gespenstischer Blässe und unheilvollem Ausdruck.
Er öffnete ein Auge drei Millimeter weit.
»Verschwinde«, sagte er und schloss es wieder.
»Ich habe dir Frühstück mitgebracht«, sagte ich entschlossen.
Das Auge öffnete sich wieder, blau und eisig.
»Erwähne bitte das Wort ›Frühstück‹ nicht«, sagte er.
»Dann nenn es eben Mittagessen«, sagte ich. »Spät genug ist es ja.« Ich zog einen Schemel an seine Seite, nahm eine Gurke vom Tablett und hielt sie ihm einladend unter die Nase. »Du sollst daran lutschen«, sagte ich zu ihm.
Langsam öffnete sich das andere Auge. Er sagte nichts, doch er ließ die beiden blauen Augäpfel umherwandern, um sie dann mit einem derart vielsagenden Ausdruck auf mich zu heften, dass ich die Gurke hastig fortzog.
Langsam senkten sich die Augenlider wieder.
Stirnrunzelnd betrachtete ich das Trümmerfeld. Er lag auf dem Rücken und hatte die Knie hochgezogen. Die eingebaute Koje bot dem Schläfer zwar mehr Halt als die schwingenden Hängematten der Besatzung, doch sie war für die üblichen Passagiere konstruiert, die – der Kojenlänge nach zu urteilen – höchstens bescheidene eins sechzig messen durften.
»Das Bett muss doch furchtbar unbequem für dich sein«, sagte ich.
»Das ist es auch.«
»Möchtest du es stattdessen mit einer Hängematte versuchen? Du könntest dich zumindest ausstrecken …«
»Nein, das möchte ich nicht.«
»Der Kapitän sagt, er benötigt eine Auflistung der Fracht von dir – sobald es dir möglich ist.«
Mit geschlossenen Augen äußerte er einen ebenso knappen wie nicht wiederholbaren Vorschlag, was Kapitän Raines mit seiner Liste tun konnte.
Ich seufzte und ergriff seine widerstandslose Hand. Sie war kalt und feucht, und sein Puls schlug schnell.
»Nun«, sagte ich nach einer Pause. »Vielleicht können wir es mit etwas versuchen, was ich mit meinen Operationspatienten gemacht habe. Es hat anscheinend manchmal geholfen.«
Er stieß ein tiefes Stöhnen aus, widersprach aber nicht.
Ich hatte mich oft ein paar Minuten mit den Patienten unterhalten, ehe man sie in den Operationssaal brachte. Meine Anwesenheit schien sie zu beruhigen, und ich hatte festgestellt, dass sie die OP besser überstanden, wenn ich sie dazu bewegen konnte, sich auf etwas anderes als die bevorstehende Prozedur zu konzentrieren – es kam seltener zu Blutungen, die Übelkeit nach der Narkose fiel schwächer aus, und die Heilung schien besser zu verlaufen. Ich hatte es schon oft genug erlebt, um zu glauben, dass es keine Einbildung war; Jamie hatte nicht völlig unrecht gehabt, als er Fergus versicherte, der Geist könne stärker sein als das Fleisch.
»Lass uns an etwas Schönes denken«, sagte ich so tief und beruhigend möglich. »Denk an Lallybroch, an den Hügel hinter dem Haus. Denk an die Kiefern, die dort stehen – kannst du ihre Nadeln riechen? Denk an den Rauch, der an einem klaren Tag aus dem Küchenschornstein steigt, und an einen Apfel in deiner Hand. Denk daran, wie er sich in deiner Hand anfühlt, ganz hart und glatt, und dann …«
»Sassenach?« Jamie hatte beide Augen geöffnet und heftete sie mit großer Konzentration auf mich. In den Mulden seiner Schläfen glänzte der Schweiß.
»Ja?«
»Verschwinde.«
»Was?«
»Verschwinde«, wiederholte er ganz sanft, »sonst breche ich dir den Hals. Verschwinde, und zwar sofort.«
Ich erhob mich würdevoll und ging hinaus.
Mr. Willoughby lehnte an einem Pfosten im Gang und blinzelte nachdenklich in die Kajüte hinein.
»Ihr habt nicht zufällig diese Steinkugeln dabei, oder?«, fragte ich.
»Doch«, antwortete er mit überraschter Miene. »Heilkugeln für Tsei-mi?« Er fing an, in seinem Ärmel zu kramen, doch ich gebot ihm mit einer Geste Einhalt.
»Was ich damit tun möchte, ist, sie ihm um die Ohren zu schlagen, aber ich vermute, das würde Hippokrates nicht gefallen.«
Mr. Willoughby lächelte unsicher und nickte mehrmals nacheinander, um seine Wertschätzung meiner Worte auszudrücken, was auch immer ich damit sagen wollte.
»Ach, sei’s drum«, sagte ich. Ich blickte mich nach dem stinkenden Wäscheberg um. Er regte sich schwach; eine Hand kam zum Vorschein und tastete vorsichtig über den Boden, bis sie die Schüssel fand. Die Hand packte das Gefäß und verschwand damit in den finsteren Tiefen der Koje, aus der unverzüglich trockene Würgegeräusche drangen.
»Verdammter Kerl!«, sagte ich, und meine Ungeduld vermischte sich mit Mitleid – und leisem Erschrecken. Zwei Tage auf der Nordsee waren eine Sache, wie würde es nach zwei Monaten um ihn stehen?
»Stur Kopf«, pflichtete mir Mr. Willoughby heftig nickend bei. »Er ist Ratte, denkt Ihr, oder Drache?«
»Er stinkt wie ein ganzer Zoo«, sagte ich. »Aber warum denn Drache?«
»Man wird geboren im Jahr von Drachen, Jahr von Ratte, Jahr von Schaf, Jahr von Pferd«, erklärte Mr. Willoughby. »Jedes Jahr anders, andere Menschen. Ihr wissen, ist Tsei-mi Ratte oder Drache?«
»Ihr meint, in welchem Jahr er geboren wurde?« Ich erinnerte mich vage an die Speisekarten in chinesischen Restaurants, die mit den chinesischen Tierkreiszeichen verziert waren, inklusive der angeblichen Charaktereigenschaften derer, die im jeweiligen Jahr geboren waren. »Es war 1721, aber ich weiß nicht auswendig, welches Tier zu diesem Jahr gehört.«
»Ich glaube, Ratte«, sagte Mr. Willoughby mit einem nachdenklichen Blick auf die zerwühlte Bettwäsche, die sich unruhig hob und senkte. »Ratte sehr schlau, immer Glück. Aber Drache auch, könnte sein. Er viel Lust im Bett, Tsei-mi? Drachen große Leidenschaft.«
»In letzter Zeit eher nicht«, sagte ich und beobachtete den Wäscheberg aus dem Augenwinkel. Er hob sich und fiel wieder zusammen, als hätte sich der Inhalt plötzlich umgedreht.
»Ich China Medizin«, sagte Mr. Willoughby, der dieses Phänomen nachdenklich beobachtete. »Gut bei Erbrechen, Bauch, Kopf, überall Ruhe und Frieden.«
Ich betrachtete ihn mit Interesse. »Tatsächlich? Das würde ich gern sehen. Habt Ihr es bei Jamie schon ausprobiert?«
Der kleine Chinese schüttelte bedauernd den Kopf.
»Nicht will«, erwiderte er. »Sagt zum Teufel, wirft über Bord, wenn ich komme Nähe.«
Mr. Willoughby und ich wechselten einen Blick des vollkommenen Einvernehmens.
»Wisst Ihr«, sagte ich und hob meine Stimme um das eine oder andere Dezibel, »fortgesetztes trockenes Würgen ist sehr schlecht für einen Menschen.«
»Oh, höchst schlecht, ja.« Mr. Willoughby hatte sich heute Morgen die vordere Schädelhälfte rasiert; die kahle Rundung glänzte, als er jetzt heftig nickte.
»Es zerfrisst die Magenschleimhaut und reizt die Speiseröhre.«
»Das ist so?«
»Oh ja. Es erhöht den Blutdruck und überdehnt zudem die Bauchmuskeln. Es kann sogar zu Muskelfaserrissen und Hernien kommen.«
»Ah.«
»Und«, fuhr ich nochmals ein wenig lauter fort, »es kann dazu führen, dass sich die Hoden im Hodensack umeinanderknoten und die Blutzufuhr abgeschnitten wird.«
»Ooh!« Mr. Willoughby bekam große Augen.
»Wenn das passiert«, sagte ich unheilvoll, »hilft normalerweise nur noch die Amputation, ehe der Wundbrand einsetzt.«