Mr. Willoughby zischte – er verstand und war zutiefst erschrocken. Der Wäscheberg, der sich während unseres Gesprächs unruhig umhergeworfen hatte, war plötzlich still.
Ich sah Mr. Willoughby an. Er zuckte mit den Schultern. Ich verschränkte die Arme und wartete. Nach einer Minute schob sich ein langer, eleganter, nackter Fuß aus den Laken. Im nächsten Moment stieß der andere dazu, und beide ruhten auf dem Boden.
»Zum Kuckuck mit euch, ihr beiden«, sagte eine tiefe schottische Stimme in sehr bösem Ton. »Nun kommt schon herein.«
Fergus und Marsali lehnten Schulter an Schulter gemütlich an der Heckreling; Fergus hatte ihr den Arm um die Taille gelegt, und ihr langes Haar flatterte im Wind.
Als er Schritte kommen hörte, blickte sich Fergus um. Dann keuchte er auf, fuhr herum und bekreuzigte sich mit großen Augen.
»Sag … ja … kein … Wort, bitte«, sagte Jamie zähneknirschend.
Fergus öffnete den Mund, doch es kam nichts heraus. Marsali, die sich jetzt ebenfalls umdrehte, stieß einen schrillen Schrei aus.
»Pa! Was ist mit dir passiert?«
Die unübersehbare Angst und Sorge in ihrem Gesicht hielt Jamie von der schneidenden Bemerkung ab, die ihm anscheinend auf der Zunge gelegen hatte. Sein Gesicht entspannte sich ein wenig, und die dünnen Goldnadeln, die hinter seinen Ohren aufragten, zuckten wie die Fühler einer Ameise.
»Schon gut«, sagte er schroff. »Es ist nur irgendein Unfug, mit dem der Chinese die Kotzerei heilen will.«
Marsali trat mit großen Augen auf ihn zu und streckte vorsichtig den Finger aus, um die Nadeln zu berühren, die unterhalb der Handfläche in der Haut seines Handgelenks steckten. Drei weitere blitzten an der Innenseite seines Beins auf, knapp oberhalb des Knöchels.
»Und … und wirkt es?«, fragte sie. »Wie fühlt es sich an?«
Jamies Mund zuckte; allmählich gewann er seinen normalen Humor zurück.
»Ich fühle mich wie eine verdammte Puppe, die jemand mit Nadeln gespickt hat, um jemand anderen zu verwünschen«, sagte er. »Aber ich habe mich auch seit einer Viertelstunde nicht mehr übergeben, also vermute ich, dass es wohl wirkt.« Rasch richtete er einen finsteren Blick zur Reling, wo Mr. Willoughby und ich nebeneinanderstanden.
»Noch habe ich zwar keine Lust, an einer Gurke zu lutschen, aber ich würde vielleicht so weit gehen, es mit einem Glas Ale zu versuchen, falls du weißt, wo es zu finden ist, Fergus.«
»Oh. Oh ja, Milord. Wenn Ihr mitkommen möchtet?« Fergus, der sich das Gaffen nicht verkneifen konnte, streckte zögernd die Hand aus, um Jamie beim Arm zu nehmen, überlegte es sich dann jedoch anders und steuerte auf die Achterluke zu.
»Soll ich Murphy sagen, er soll anfangen, dir etwas zu kochen?«, rief ich Jamie nach, als er sich abwandte, um Fergus zu folgen. Er bedachte mich mit einem langen, ungerührten Blick. Die goldenen Nadeln ragten ihm in Zwillingsbüscheln aus den Haaren und glänzten im Morgenlicht wie Teufelshörner.
»Treib’s nicht zu weit, Sassenach«, sagte er. »Ich vergesse das nämlich nicht. Verknotete Hoden – pah!«
Mr. Willoughby hatte diesem Wortwechsel keine Beachtung geschenkt. Er hockte im Schatten des Wasserfasses, das zur Erfrischung der Deckwache diente, und zählte an den Fingern nach, anscheinend auf eine Rechenaufgabe konzentriert. Als Jamie davonstapfte, blickte er auf.
»Nicht Ratte«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Auch nicht Drache. Tsei-mi geboren in Jahr von Ochse.«
»Tatsächlich?«, sagte ich und blickte den breiten Schultern und dem rothaarigen Kopf nach, der sich hartnäckig gegen den Wind stemmte. »Wie passend.«
Kapitel 42
Der Mann im Mond
Nachdem Jamie den Inhalt des Frachtraums mit den Ladebriefen verglichen hatte, um sicherzugehen, dass die Artemis tatsächlich die korrekten Mengen an Häuten, Blechen und Schwefel an Bord hatte, war seine Arbeit auf See zunächst getan. Seine Pflichten würden beginnen, wenn wir Jamaica erreichten, wo die Fracht abgeladen, erneut kontrolliert und verkauft werden musste, unter Berücksichtigung der anfallenden Steuern, Provisionen und erforderlichen Papiere.
Bis dahin gab es für ihn wie für mich nur wenig zu tun. Auch wenn Mr. Picard, der Bootsmann, Jamies kraftvolle Statur begehrlich betrachtete, war es klar, dass nie ein Seemann aus ihm werden würde. Er war zwar nicht weniger geschickt und beweglich als die Mitglieder der Besatzung, doch da er keinerlei Ahnung von Tauen und Segeln hatte, war er höchstens in Situationen zu brauchen, in denen reine Körperkraft gefragt war. Er konnte einfach nicht leugnen, dass er Soldat war, kein Seemann.
Er nahm mit Begeisterung an den Kanonenübungen teil, die jeden zweiten Tag abgehalten wurden, half dabei, die vier großen Kanonen unter großem Getöse ein- und auszufahren, und verbrachte Stunden damit, sich mit Tom Sturgis, dem Kanonier, über esoterische Kanonenlehre zu unterhalten. Während der donnernden Übungen hielten Marsali, Mr. Willoughby und ich uns vorsichtig am Rande, behütet von Fergus, der aufgrund seiner fehlenden Hand von dem Feuerwerk ausgeschlossen war.
Zu meiner leisen Überraschung hatte mich die Besatzung recht fraglos als Schiffsärztin akzeptiert. Es war Fergus, der mir erklärte, dass auf kleinen Handelsschiffen selbst ein Barbier, der gleichzeitig als Heiler fungierte, nicht üblich war. Meistens war es die Frau des Kanoniers – wenn er eine hatte –, die sich um die kleineren Verletzungen und Erkrankungen der Besatzung kümmerte.
Ich bekam die üblichen gequetschten Finger, verbrannten Hände, entzündeten Hautstellen, Zahnabszesse und Verdauungsbeschwerden zu sehen, aber bei einer Besatzung von zweiunddreißig Mann gab es über meine morgendliche Sprechstunde hinaus selten etwas zu tun.
In der Folge hatten Jamie und ich viel freie Zeit. Und während die Artemis langsam dem großen Atlantikstrom nach Süden folgte, verbrachten wir den Großteil dieser Zeit miteinander.
Zum ersten Mal seit meiner Rückkehr nach Edinburgh hatten wir Zeit zum Reden; Zeit, uns erneut mit all den halb vergessenen Dingen vertraut zu machen, die wir voneinander wussten, die neuen Facetten zu entdecken, die von unseren Erlebnissen geschliffen worden waren, uns einfach nur aneinander zu freuen, ohne dass uns die Gefahr oder der Alltag ablenken konnten.
Unablässig schlenderten wir über das Deck und legten eine Meile nach der anderen zurück, während wir uns über alles und nichts unterhielten und uns gegenseitig auf die Phänomene auf See aufmerksam machten; die spektakulären Sonnenauf- und -untergänge, Schwärme seltsamer grüner und silberner Fische, enorme Inseln aus dahintreibendem Tang, die Tausende kleiner Krebse und Quallen beherbergten, die windschnittigen Delphine, die mehrere Tage nacheinander parallel zu unserem Schiff schwammen und hin und wieder aus dem Wasser sprangen, als wollten sie einen Blick auf die merkwürdigen Kreaturen über dem Meer werfen.
Der Mond ging zügig auf, gigantisch und golden, eine große leuchtende Scheibe, die aus dem Wasser himmelwärts glitt wie Phoenix aus der Asche. Das Wasser war jetzt dunkel und die Delphine unsichtbar, doch ich hatte das Gefühl, dass sie noch da waren und mit dem Schiff auf seiner Reise durch die Dunkelheit mithielten.
Die Szene wirkte selbst auf die Seeleute, die das schon tausendmal gesehen hatten, so atemberaubend, dass sie bei dem Anblick innehielten und über seine Schönheit seufzten, während sich die gewaltige Scheibe just so weit erhob, dass sie über dem Rand der Welt hing. Sie schien so nah, als könnte man sie berühren.
Jamie und ich standen dicht nebeneinander an der Reling und bewunderten den Mond, der dicht vor uns zu hängen schien, so dass wir problemlos die dunklen Flecken und Schatten auf seiner Oberfläche ausmachen konnten.
»Man glaubt fast, man könnte mit dem Mann im Mond sprechen, so nah scheint er zu sein«, sagte er lächelnd und winkte dem träumenden Goldgesicht am Himmel grüßend zu.
»›Siebengestirn weinend schwindet/und der Mond ist unter dem Meer‹«, zitierte ich. »Und sieh nur, da unten ist er auch.« Ich zeigte über die Reling, wo die Spur aus Mondlicht breiter wurde und im Wasser leuchtete, als sei tatsächlich ein Zwillingsmond darin versunken.