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»Bei meinem Aufbruch«, sagte ich, »standen die Menschen gerade kurz davor, zum Mond zu fliegen. Ich frage mich, ob sie es schaffen.«

»Reichen die Flugmaschinen denn so hoch?«, fragte Jamie. Er warf einen blinzelnden Blick zum Mond. »Es muss doch ziemlich weit sein, auch wenn es in diesem Moment so nah aussieht. Ich habe ein Buch eines Astronomen gelesen – er meinte, es wären vielleicht dreihundert Längen von der Erde bis zum Mond. Hat er unrecht, oder ist es einfach so, dass die Flugzeuge so weit fliegen werden?«

»Dazu ist eine besondere Maschine nötig, die sich Rakete nennt«, sagte ich. »Es ist sogar noch viel weiter bis zum Mond, und wenn man die Erde hinter sich lässt, gibt es im All keine Luft mehr zum Atmen. Sie müssen Luft mit auf die Reise nehmen, genau wie Proviant und Wasser. Sie füllen sie in eine Art Kanister.«

»Tatsächlich?« Er blickte hinauf, das Gesicht voll Licht und Staunen. »Wie es wohl dort aussehen mag?«

»Das weiß ich«, sagte ich. »Ich habe Bilder gesehen. Es ist felsig und kahl und vollkommen leblos – aber wunderschön mit Klippen und Bergen und Kratern … die Krater kann man von hier aus sehen; die dunklen Flecken.« Ich wies kopfnickend auf den lächelnden Mond, dann lächelte ich Jamie an. »Es ist Schottland gar nicht so unähnlich – nur dass es nicht grün ist.«

Er lachte, und weil ihn das Wort »Bilder« anscheinend an etwas erinnerte, griff er in seinen Rock und holte das Päckchen mit den Fotografien heraus. Er ging stets vorsichtig damit um und holte sie niemals heraus, wenn die Möglichkeit bestand, dass jemand sie sah, selbst Fergus nicht, doch jetzt waren wir allein am Heck, und es war kaum wahrscheinlich, dass man uns unterbrach.

Der Mond war so hell, dass Briannas Gesicht gut zu sehen war, leuchtend und immer wieder anders, während er langsam von Bild zu Bild blätterte. Ich sah, dass die Fotos allmählich eselsohrig wurden.

»Meinst du, sie wird einmal auf dem Mond spazieren gehen?«, fragte er leise und hielt bei einem Bild inne, das Brianna an einem Fenster zeigte. Träumend blickte sie hinaus und merkte gar nicht, dass sie fotografiert wurde. Wieder hob er den Blick zu dem Himmelskörper über uns, und ich begriff, dass für ihn ein Flug zum Mond kaum schwieriger oder weiter hergeholt war als die Reise, auf der wir uns befanden. Auch der Mond war schließlich nur ein ferner, unbekannter Ort.

»Ich weiß es nicht«, sagte ich mit einem kleinen Lächeln.

Langsam blätterte er die Bilder durch, konzentriert wie immer beim Anblick des Gesichts seiner Tochter, das dem seinen so ähnlich sah. Ich beobachtete ihn still und freute mich mit ihm über diese Verheißung unserer eigenen Unsterblichkeit.

Ich dachte flüchtig an diesen Stein in Schottland, in den sein Name eingemeißelt war, und schöpfte Trost daraus, wie weit entfernt er war. Wann auch immer unser Abschied kommen würde, es würde vermutlich nicht bald sein. Und wann und wo immer es geschehen würde – Brianna war das, was von uns bleiben würde.

Wieder kamen mir Housmans Zeilen in den Sinn – Halt bei des Grabsteins Name/Das Herz nicht länger pocht/Und sag, er, der dich liebte/Stand stets zu seinem Wort.

Ich trat so eng an ihn heran, dass ich seine Körperwärme durch Rock und Hemd spürte, und legte meinen Kopf an seinen Arm, während er gemächlich ein Foto nach dem anderen betrachtete.

»Sie ist wunderschön«, murmelte er wie jedes Mal, wenn er die Bilder sah. »Und klug, nicht wahr?«

»Ganz wie der Vater«, sagte ich und spürte sein sanftes Glucksen.

Ich spürte, wie er ein wenig erstarrte, als er eins der Bilder umdrehte, und hob den Kopf, um zu sehen, welches es war. Es war am Strand aufgenommen worden, als Brianna ungefähr sechzehn war. Es zeigte sie bis zu den Oberschenkeln in den Wellen, die roten Haare verworren, und ihr Fuß spritzte mit Wasser nach ihrem Freund, einem Jungen namens Rodney, der lachend zurückwich, die Hände gegen die kalte Dusche erhoben.

Mit einem kleinen Stirnrunzeln spitzte Jamie die Lippen.

»Das …«, begann er. »Ist das …« Er hielt inne und räusperte sich. »Ich würde dich niemals kritisieren wollen, Claire«, sagte er sehr vorsichtig, »aber meinst du nicht, dass das ein kleines bisschen … unanständig ist?«

Ich unterdrückte den Drang zu lachen.

»Nein«, sagte ich gefasst. »Eigentlich ist es sogar ein sehr züchtiger Badeanzug – für diese Zeit.« Besagter Badeanzug war zwar ein Bikini, doch er war alles andere als knapp und reichte Brianna bis fast drei Zentimeter unter den Bauchnabel. »Ich habe das Bild ausgesucht, weil ich dachte, du möchtest, äh … so viel wie möglich von ihr sehen.«

Seine Miene war zwar etwas entsetzt, doch seine Augen richteten sich wieder auf das Bild, das ihn unwiderstehlich anzog. Sein Gesicht wurde sanfter, während er sie ansah.

»Aye, nun ja«, sagte er. »Aye, sie ist eine Schönheit, und es freut mich, das zu sehen.« Er hob das Bild, um es sorgfältig zu betrachten. »Nein, es ist nicht das, was sie trägt, was ich meine; die meisten Frauen, die im Freien baden, tun es nackt, und sie schämen sich ihrer Haut nicht. Es ist nur … dieser Junge. Sie sollte doch gewiss nicht fast nackt vor einem Mann stehen?« Er warf einen finsteren Blick auf den armen Rodney, und ich biss mir auf die Unterlippe, als ich mir diesen kleinen Schlaks, den ich sehr gut kannte, als männliche Bedrohung jungfräulichen Anstands vorstellte.

»Nun«, sagte ich und holte tief Luft. Wir bewegten uns hier auf etwas heiklem Territorium. »Nein. Ich meine, Jungen und Mädchen spielen zusammen – genau so. Du weißt, dass sich die Leute in jener Zeit anders kleiden; ich habe es dir erzählt. Man verhüllt sich eigentlich nicht, es sei denn, das Wetter ist kalt.«

»Mmpfm«, sagte er. »Aye, das hast du mir erzählt.« Er vermittelte mir deutlich, dass er auf Grundlage dessen, was ich ihm erzählt hatte, nicht beeindruckt von den moralischen Bedingungen war, unter denen seine Tochter lebte.

Wieder warf er einen finsteren Blick auf das Bild, und ich dachte, was für ein Glück es war, dass weder Brianna noch Rodney anwesend waren. Ich kannte Jamie als Geliebten, Ehemann, Bruder, Onkel, Gutsherrn und Krieger, nicht jedoch in der Rolle des grimmigen schottischen Vaters. Es war wirklich eindrucksvoll.

Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass es vielleicht auch sein Gutes hatte, dass er Briannas Leben nicht persönlich beaufsichtigen konnte; er hätte jeden Jungen, der es wagte, um sie zu werben, zu Tode erschreckt.

Jamie blinzelte das Bild ein paar Mal an, dann holte er tief Luft, und ich konnte spüren, wie er seinen Mut zusammennahm, um mich zu fragen.

»Meinst du, sie ist noch … Jungfrau?« Das kurze Innehalten seiner Stimme war zwar kaum wahrnehmbar, doch es entging mir nicht.

»Natürlich ist sie das«, sagte ich entschlossen. Zumindest hielt ich es für sehr wahrscheinlich, doch dies war die falsche Situation, um auch nur die Möglichkeit eines Zweifels zuzulassen. Es gab Dinge, die ich Jamie in Bezug auf meine eigene Zeit erklären konnte, doch die Idee der sexuellen Freiheit gehörte nicht dazu.

»Oh.« Die Erleichterung in seiner Stimme war unaussprechlich, und ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht loszulachen. »Aye, nun ja, ich war mir ja eigentlich auch sicher, ich wollte nur … also …« Er hielt inne und schluckte.

»Brianna ist ein anständiges Mädchen«, sagte ich. Ich drückte ihm leicht den Arm. »Es mag ja sein, dass Frank und ich nicht gut miteinander ausgekommen sind, aber wir sind gute Eltern für sie gewesen, wenn ich das einmal sagen darf.«

»Aye, das weiß ich doch. Ich wollte auch gar nichts anderes sagen.« Er besaß den Anstand, verlegen zu wirken, und legte das Strandfoto vorsichtig in das Päckchen zurück. Er steckte sich die Bilder wieder in die Tasche und tätschelte sie, um sich zu vergewissern, dass sie gut untergebracht waren.