Doch es spielte keine Rolle; ich würde es einfach niederschreiben müssen, damit es da war, falls sie es brauchte.
Doch was war wahrhaftig, was würde für sich stehen, trotz des Wandels der Zeiten und Sitten, was würde ihr wirklich hilfreich sein? Vor allem jedoch, wie konnte ich ihr sagen, wie sehr ich sie wirklich liebte?
Ich sah das ganze, gähnende Ausmaß meines Vorhabens vor mir, und meine Finger klammerten sich fest um den Stift. Ich konnte nicht nachdenken – nicht, wenn ich diesen Brief schreiben wollte. Ich konnte nur den Stift ansetzen und hoffen.
Baby, schrieb ich und hielt inne. Dann schluckte ich und begann erneut.
Du bist mein Baby, und Du wirst es immer bleiben. Was das bedeutet, wirst Du erst erfahren, wenn Du selbst ein Kind hast, aber ich sage es Dir trotzdem schon – Du wirst immer ein Teil von mir bleiben wie damals, als Du zu meinem Körper gehört hast und ich Deine Bewegungen in mir spüren konnte. Immer.
Ich kann Dich betrachten, wenn Du schläfst, und an all die Nächte denken, in denen ich Dich ins Bett gebracht habe, im Dunklen gekommen bin, um auf Deinen Atem zu lauschen, meine Hand auf Dich zu legen und zu spüren, wie sich Deine Brust hebt und senkt, und dabei zu wissen, dass – was auch immer geschieht – alles richtig steht um die Welt, weil Du am Leben bist.
All die Namen, die ich Dir im Lauf der Jahre gegeben habe – mein Schätzchen, mein Liebes, mein Häschen, mein Kleines, Zwergnase … ich weiß, warum es bei den Juden und den Moslems neunhundert Namen für Gott gibt; ein kleines Wort ist nicht genug für die Liebe.
Ich kniff die Augen fest zusammen, um wieder sehen zu können, und schrieb hastig weiter; ich wagte es nicht, mir Zeit für die Wahl meiner Worte zu nehmen, sonst würde ich sie niemals schreiben.
Ich erinnere mich noch an jede Einzelheit, von der feinen Zickzacklinie aus goldenem Flaum auf Deiner Stirn, als Du wenige Stunden alt warst, bis zu dem zerbeulten Nagel an Deinem großen Zeh, den Du Dir letztes Jahr gebrochen hast, als Du Dich mit Jeremy gestritten und ihm vor die Autotür getreten hast.
Gott, es bricht mir das Herz, wenn ich mir vorstelle, dass es jetzt vorbei ist damit … Dich zu beobachten, all die kleinen Veränderungen zu sehen – ich werde es nie erfahren, wenn Du aufhörst, an Deinen Nägeln zu kauen, falls Du das überhaupt jemals tust. Mit anzusehen, wie Du plötzlich größer wurdest als ich und Dein Gesicht seine jetzige Form annahm. Ich werde mich immer daran erinnern, Brianna, immer und ewig.
Es gibt vermutlich sonst niemanden auf der Erde, Brianna, der weiß, wie Deine Ohren auf der Rückseite ausgesehen haben, als Du drei Jahre alt warst. Ich habe neben Dir gesessen und Dir Dr. Seuss vorgelesen und dann gesehen, wie diese Öhrchen vor Freude rot wurden. Deine Haut war so klar und verletzlich, dass ich das Gefühl hatte, jede Berührung könnte einen Fingerabdruck auf Dir hinterlassen.
Ich habe Dir ja gesagt, dass Du wie Jamie aussiehst. Von mir hast Du aber auch etwas – sieh Dir das Bild meiner Mutter in dem Karton an und das kleine Schwarzweißfoto mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Du hast dieselbe klare breite Stirn wie sie; ich habe sie auch. Außerdem habe ich auch viele Frasers gesehen – ich glaube, dass Du auch im Alter schön bleiben wirst, wenn Du Deine Haut pflegst.
Pass auf alles auf, Brianna – oh, ich wünschte … nun ja, ich wollte immer Dein Leben lang auf Dich aufpassen und Dich beschützen, aber das kann ich nicht, ob ich bleibe oder gehe. Aber pass Du auf Dich auf – für mich.
Jetzt wellten die Tränen das Papier; ich musste innehalten, um sie fortzutupfen, damit sie die Tinte nicht bis zur Unleserlichkeit verschmierten. Ich wischte mir das Gesicht ab und fuhr fort, langsamer jetzt.
Du solltest wissen, Brianna – es tut mir nicht leid. Trotz allem tut es mir nicht leid. Inzwischen wirst Du ja das eine oder andere darüber wissen, wie einsam ich so lange gewesen bin, ohne Jamie. Es spielt keine Rolle. Wenn der Preis für diese Trennung Dein Leben gewesen ist, können weder Jamie noch ich das bedauern. Ich weiß, dass er nichts dagegen hätte, dass ich für ihn spreche.
Brianna … Du bist meine Freude. Du bist perfekt und wundervoll – und ich höre Dich jetzt in diesem enervierten Ton sagen: »Aber natürlich denkst du das – du bist meine Mutter!« Ja, genau deshalb weiß ich es.
Brianna, Du bist das alles wert – und mehr. Ich habe in meinem Leben schon viele Dinge getan, aber das Wichtigste war es, Deinen Vater und Dich zu lieben.
Ich putzte mir die Nase und griff nach einem frischen Blatt Papier. Das war das Wichtigste; es war unmöglich, alles zu sagen, was ich fühlte, aber das war das Beste, was ich vermochte. Was konnte ich wohl noch hinzufügen, was ihr helfen konnte, gut zu leben, erwachsen zu werden und zu altern? Was hatte ich gelernt, das ich an sie weitergeben konnte?
Wähle einen Mann, der so ist wie Dein Vater, schrieb ich. Egal, welcher. Ich schüttelte den Kopf, nachdem ich das geschrieben hatte – konnte es zwei unterschiedlichere Männer geben? –, ließ es aber stehen und dachte an Roger Wakefield. Wenn Du Dich für einen Mann entschieden hast, versuch nicht, ihn zu ändern, schrieb ich mit mehr Überzeugung. Es geht nicht. Noch wichtiger – lass nicht zu, dass er versucht, Dich zu ändern. Auch ihm wird es nicht gelingen, aber Männer versuchen es trotzdem jedes Mal.
Ich biss auf das Ende des Stiftes und schmeckte bittere Tinte. Und schließlich schrieb ich den letzten und besten Rat, den ich in Bezug auf das Älterwerden kannte.
Halte Dich gerade und versuche, nicht fett zu werden.
Mit all meiner Liebe, für immer,
Mama
Jamie stand mit bebenden Schultern neben mir an der Reling – ich konnte nicht sagen, ob er lachte oder etwas anderes empfand. Sein Leinenhemd leuchtete weiß im Mondlicht, und sein Kopf malte sich dunkel vor dem Mond ab. Schließlich drehte er sich um und zog mich an sich.
»Ich glaube, sie wird bestens zurechtkommen«, flüsterte er. »Denn ganz gleich, welcher Trottel sie gezeugt hat, kein Mädchen hat je eine bessere Mutter gehabt. Küss mich, Sassenach, und glaube mir – um nichts in der Welt würde ich dich ändern.«
Kapitel 43
Phantomschmerzen
Fergus, Mr. Willoughby, Jamie und ich hatten die sechs schottischen Schmuggler seit unserer Abreise aus Schottland nicht aus den Augen gelassen, doch keiner von ihnen verhielt sich auch nur ansatzweise verdächtig, und nach einer Weile stellte ich fest, dass mein Argwohn ihnen gegenüber nachließ. Dennoch begegnete ich ihnen zurückhaltend – außer Innes. Mir war endlich klargeworden, warum ihn weder Fergus noch Jamie für einen möglichen Verräter hielten; da er nur einen Arm hatte, war Innes der einzige Schmuggler, der den Steuereintreiber an der Straße nach Arbroath unmöglich aufgehängt haben konnte.
Innes war ein stiller Mensch. Keiner der Schotten war das, was man als redselig bezeichnet hätte, doch selbst gemessen an ihrer beträchtlichen Schweigsamkeit war er noch reserviert. Ich war daher nicht überrascht, ihn eines Morgens hinter einer Luke dabei zu beobachten, wie er sich schweigend krümmte und offenbar einen inneren Kampf austrug.
»Habt Ihr Schmerzen, Innes?«, fragte ich und blieb stehen.
»Och!« Er richtete sich verblüfft auf, nahm dann jedoch seine halb hockende Haltung wieder ein, den Arm fest vor seinen Bauch gepresst. »Mmpfm«, murmelte er, und sein schmales Gesicht errötete, weil man ihn so ertappte.
»Bitte kommt doch mit«, sagte ich und nahm ihn beim Ellbogen. Er blickte sich zwar panisch nach Erlösung um, doch ich zog ihn zwar unwillig, aber ohne ein Wort des Protestes hinter mir her in meine Kajüte, wo ich ihn zwang, sich auf den Tisch zu setzen, und ihm das Hemd auszog, um ihn untersuchen zu können.