Ich betastete seinen hageren, haarigen Bauch und fühlte die feste, glatte Masse der Leber auf der einen Seite und die etwas gewölbte Rundung des Magens auf der anderen. Die Abstände, in denen die Schmerzen kamen, unter denen er sich wand wie ein Wurm am Haken, und dann wieder nachließen, ließen zwar kaum Zweifel daran, dass es simple Blähungen waren, die ihn plagten, doch ich ging lieber gründlich vor.
Ich tastete nach der Gallenblase und fragte mich im selben Moment, was genau ich tun würde, falls es sich als akute Gallenkolik oder Blinddarmentzündung entpuppte. Vor meinem inneren Auge konnte ich mir seine Bauchhöhle vorstellen, als läge sie tatsächlich offen vor mir, während meine Finger die weichen, rundlichen Formen unter der Haut in Bilder übersetzten – die komplexen Windungen der Därme, geschützt durch die gelbe Hülle ihrer fettgepolsterten Membran, die glitschig glatten Lappen der Leber, tief dunkelrot, so viel dunkler als der leuchtende Scharlachton des Herzbeutels weiter oben. Diese Höhle zu öffnen, bedeutete selbst mit modernen Narkosemitteln und Antibiotika ein Risiko. Ich wusste, dass ich mich früher oder später mit der Notwendigkeit konfrontiert sehen würde, es zu tun, aber ich hoffte aufrichtig, dass es später sein würde.
»Einatmen«, sagte ich mit den Händen auf seiner Brust und sah in meinem Kopf die rötliche, fein verästelte Oberfläche einer gesunden Lunge vor mir. »Jetzt ausatmen«, und spürte, wie die Farbe zu sanftem Blau verblasste. Kein Rasseln, kein Stocken, schöner, klarer Atemfluss. Ich griff nach einem der dicken Papierbögen, die ich als Hörrohre benutzte.
»Wann hattet Ihr zuletzt Verdauung?«, erkundigte ich mich, während ich das Papier zu einer Röhre zusammenrollte. Das Gesicht des Schotten nahm die Farbe frischer Innereien an. Im Bann meines unerbittlichen Blickes murmelte er etwas Zusammenhangloses, aus dem ich gerade eben das Wort »vier« heraushören konnte.
»Vier Tage?«, sagte ich und unterband seinen Fluchtversuch, indem ich ihm die Hand auf die Brust legte und ihn flach auf den Tisch drückte. »Haltet still; ich höre mir das kurz an, nur um sicherzugehen.«
Die Herzgeräusche waren beruhigend normal; ich konnte das leise, fleischige Klicken hören, mit dem sich die Klappen öffneten und schlossen, alles so, wie es sein sollte. Ich war mir meiner Diagnose hinreichend sicher – eigentlich schon von Anfang an –, doch inzwischen hatten wir Publikum, dessen Köpfe neugierig zur Tür hereinlugten; Innes’ Kameraden, die uns beobachteten. Um es dramatischer wirken zu lassen, bewegte ich das Ende meines Hörrohrs weiter abwärts und lauschte nach Darmgeräuschen.
Ganz wie vermutet war das Gurgeln festsitzender Gase im oberen Teil des Dickdarms gut zu hören. Der untere Teil dagegen war blockiert; dort gab es kein Geräusch.
»Ihr habt Blähungen«, sagte ich, »und Verstopfung.«
»Aye, das weiß ich doch«, murmelte Innes und sah sich hektisch nach seinem Hemd um.
Ich legte meine Hand auf das Kleidungsstück, um zu verhindern, dass er sich entfernte, während ich ihn über seine Ernährung in der letzten Zeit ausfragte. Wenig überraschend bestand sie so gut wie vollständig aus Pökelfleisch und Zwieback.
»Was ist denn mit den getrockneten Erbsen und dem Hafermehl?«, fragte ich erstaunt. Nachdem ich mir einen Überblick über den normalen Proviant an Bord verschafft hatte, hatte ich vorsichtshalber – zusätzlich zu meinem Fässchen Limettensaft und den Heilkräutern – dreihundert Pfund getrocknete Erbsen und eine ähnliche Menge Hafermehl einlagern lassen, um die normalen Mahlzeiten der Seeleute damit zu ergänzen.
Innes blieb zwar wortkarg, doch die Frage löste eine wahre Flut an Enthüllungen und Beschwerden der Zuschauer an der Tür aus.
Jamie, Fergus, Marsali und ich dinierten täglich mit Kapitän Raines und kamen in den Genuss von Murphys Ambrosia, so dass mir gar nicht bewusst gewesen war, woran es in der Messe der Seeleute fehlte. Das Problem lag offenbar bei Murphy, der zwar hohe Maßstäbe an die Tafel des Kapitäns anlegte, die Mahlzeiten der Besatzung jedoch als lästige Pflicht betrachtete, nicht als Herausforderung. Er beherrschte die Routine, die Mahlzeiten der Männer schnell und kompetent fertigzustellen, und widersetzte sich jedem Verbesserungsvorschlag, der weitere Zeit oder Mühe in Anspruch nehmen würde, aufs heftigste. Er weigerte sich resolut, sich mit Unsinnigkeiten wie dem Einweichen von Erbsen oder dem Kochen von Haferbrei abzugeben.
Die Schwierigkeit wurde verstärkt durch Murphys eingefleischte Vorurteile gegenüber Porridge, einer groben schottischen Pampe, die seinen Sinn für Ästhetik verletzte. Ich kannte seine Meinung, weil ich gehört hatte, wie er angesichts der Frühstückstabletts mit dem Porridge, nach dem Jamie, Marsali und Fergus süchtig waren, Bemerkungen über »Hundekotze« gemacht hatte.
»Mr. Murphy sagt, Pökelfleisch und Schiffszwieback waren dreißig Jahre lang gut genug für jede Besatzung, die er bekocht hat, wenn es Feigenkuchen oder Pflaumenpudding zum Nachtisch gab und sonntags Rind – obwohl, wenn das Rindfleisch ist, bin ich ein Chinese –, also ist es auch gut genug für uns«, platzte Gordon heraus.
Genauso, wie er an polyglotte Besatzungen aus französischen, italienischen, spanischen und norwegischen Seeleuten gewöhnt war, war Murphy auch daran gewöhnt, dass seine Mahlzeiten mit jener heißhungrigen Gleichgültigkeit akzeptiert und verspeist wurden, die allen Nationalitäten gemein war. Die Sturheit, mit der die Schotten auf ihrem Haferbrei beharrten, rief wiederum seine irische Unnachgiebigkeit auf den Plan, und inzwischen stand die Angelegenheit, die anfangs nur eine kleine schwelende Unstimmigkeit gewesen war, kurz vor dem Überkochen.
»Wir wussten doch, dass es Porridge geben sollte«, erklärte MacLeod, »denn das hat uns Fergus gesagt, als er uns gefragt hat, ob wir mitfahren. Aber wir haben seit der Abfahrt aus Schottland nichts als Fleisch und Zwieback bekommen, und wenn man das nicht gewohnt ist, bekommt man davon Bauchschmerzen.«
»Wir wollten Jamie Roy nicht mit so etwas belästigen«, meldete sich Raeburn zu Wort. »Geordie hat einen Topf dabei, und wir haben uns selber Porridge auf den Lampen in unserem Quartier gekocht. Aber wir haben unseren Getreidevorrat aufgebraucht, und Mr. Murphy hat die Schlüssel zur Vorratskammer.« Er blickte mir schüchtern unter seinen rotblonden Wimpern entgegen. »Wir wollten ihn nicht fragen, weil wir ja wussten, was er von uns hält.«
»Ihr wisst nicht zufällig, was das Wort ›Dögeneet‹ bedeutet, oder, Mistress Fraser?«, fragte MacRae mit hochgezogener Augenbraue.
Während ich dieser Klagelitanei zuhörte, hatte ich eine Reihe von Kräutern aus meiner Kiste herausgesucht – Anis und Engelwurz, zwei große Prisen Andorn und ein paar Zweige Minze. Ich band sie in ein Stück Gaze, schloss die Kiste und reichte Innes sein Hemd, in welchem er sich augenblicklich auf der Suche nach Zuflucht vergrub.
»Ich werde mit Mr. Murphy sprechen«, versprach ich den Schotten. »Unterdessen«, sagte ich zu Innes und reichte ihm das Gazebeutelchen, »kocht Euch hiermit eine schöne Kanne Tee und trinkt bei jeder Wachablösung eine Tasse. Wenn wir bis morgen kein Resultat haben, werden wir es mit stärkeren Mitteln versuchen.«
Wie als Antwort entfuhr Innes ein quietschender Furz, der von seinen Kollegen ironisch bejubelt wurde.
»Aye, recht so, Mistress Fraser, vielleicht macht er sich ja vor Angst in die Hose«, sagte MacLeod und brach in breites Grinsen aus.
Rot wie eine geplatzte Arterie nahm Innes das Bündel, nickte mir wortlos dankend zu und flüchtete Hals über Kopf. Die anderen Schmuggler folgten ihm weitaus gemächlicher.
Es folgte eine ziemlich erbitterte Debatte mit Murphy, die jedoch ohne Blutvergießen mit dem Kompromiss endete, dass ich für die Zubereitung des Frühstücksbreis der Schotten zuständig sein würde, vorausgesetzt, dass ich mich auf einen einzigen Topf nebst Löffel beschränkte, dass ich beim Kochen nicht sang und dass ich darauf achtete, in der heiligen Kombüse kein Durcheinander anzurichten.