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Als ich mich in der folgenden Nacht unruhig in der kühlen Enge meiner Koje hin und her wälzte, kam mir der Gedanke, wie seltsam dieser morgendliche Zwischenfall gewesen war. Wäre dies Lallybroch gewesen und die Schotten Jamies Pächter, hätten sie ihn nicht nur ohne Zögern auf die Angelegenheit angesprochen, es wäre gar nicht nötig gewesen. Er hätte von sich aus gewusst, worin das Problem bestand, und seinerseits Maßnahmen ergriffen, um die Lage in Ordnung zu bringen. Da ich daran gewöhnt war, dass Jamies Männer ihm mit intimem Vertrauen und fragloser Treue zur Seite standen, bestürzte mich diese Distanz.

Jamie saß am nächsten Morgen nicht am Tisch des Kapitäns, weil er mit zwei Seeleuten im Beiboot ausgefahren war, um Heringe zu fangen, doch ich begegnete ihm mittags bei seiner Rückkehr – sonnenverbrannt, gutgelaunt und voller Schuppen und Fischblut.

»Was hast du denn mit Innes gemacht, Sassenach?«, fragte er grinsend. »Er hält sich steuerbord im Abtritt versteckt und sagt, du hast ihm verboten herauszukommen, solange er nicht geschissen hat.«

»Ich habe es nicht wörtlich so gesagt«, erklärte ich. »Ich habe nur gesagt, wenn er bis heute Abend noch keine Verdauung hatte, bekomme er einen Einlauf mit Ulmenextrakt.«

Jamie wandte den Kopf in die Richtung des Abtritts.

»Nun, dann sollten wir hoffen, dass Innes’ Verdauung mitspielt, denn wenn eine solche Drohung über ihm hängt, verbringt er sonst mit Sicherheit den ganzen Rest der Reise dort.«

»Oh, ich würde mir da keine Sorgen machen; jetzt, da er und die anderen ihren Porridge wieder haben, sollte ihre Verdauung den Dienst wieder aufnehmen, ohne dass ich eingreifen muss.«

Jamie blickte überrascht auf mich hinunter.

»Ihren Porridge wieder haben? Was meinst du damit, Sassenach?«

Ich erklärte ihm von der Entstehung und vom Ausgang des Haferbreikrieges, während er eine Schüssel Wasser holte, um sich die Hände zu waschen. Er zog stirnrunzelnd die Augenbrauen zusammen und schob sich die Ärmel hoch.

»Sie hätten damit zu mir kommen sollen«, sagte er.

»Ich vermute, das hätten sie früher oder später auch getan«, sagte ich. »Ich habe es nur zufällig herausbekommen, als ich Innes stöhnend hinter einer Luke gefunden habe.«

»Mmpfm.« Er begann, sich die Blutflecken von den Fingern zu schrubben, und befreite sich mit einem kleinen Bimsstein von den klebrigen Schuppen.

»Diese Männer sind anders als deine Pächter in Lallybroch, oder?«, sprach ich meinen nächtlichen Gedanken aus.

»Ja«, sagte er leise. Er tauchte seine Finger in die Schüssel, und überall, wo Schuppen im Wasser trieben, bildeten sich kleine schimmernde Kreise. »Ich bin nicht ihr Gutsherr; nur der Mann, der sie bezahlt.«

»Aber sie mögen dich«, wandte ich ein, dann erinnerte ich mich an das, was Fergus erzählt hatte, und verbesserte mich schwach. »Zumindest fünf von ihnen.«

Ich reichte ihm das Handtuch. Er nahm es mit einem flüchtigen Kopfnicken entgegen und trocknete sich die Hände ab. Dann senkte er den Blick auf das Tuch und schüttelte den Kopf.

»Aye, MacLeod und die anderen mögen mich – zumindest fünf von ihnen«, wiederholte er ironisch. »Und sie werden mir beistehen, wenn es sein muss – fünf von ihnen. Aber sie kennen mich nicht näher und ich sie auch nicht, außer Innes.«

Er schüttete das schmutzige Wasser über Bord, klemmte sich die leere Schüssel unter den Arm und machte kehrt, um unter Deck zu gehen. Dabei bot er mir den Arm an.

»Es war nicht nur die Sache der Stuarts, die in Culloden gestorben ist, Sassenach«, sagte er. »Kommst du mit zum Abendessen?«

Erst in der nächsten Woche fand ich heraus, warum Innes anders war. Vielleicht, weil ihn der Erfolg meines Abführmittels ermutigt hatte, suchte mich Innes einige Tage später aus freien Stücken in meiner Kajüte auf.

»Ich frage mich, Mistress«, sagte er höflich, »ob es wohl ein Heilmittel für etwas gibt, was gar nicht da ist.«

»Was?« Ich muss ein sehr verwundertes Gesicht gezogen haben, denn er hob zur Illustration seinen leeren Hemdsärmel hoch.

»Mein Arm«, sagte er. »Er ist nicht mehr da, wie Ihr ja deutlich sehen könnt. Und trotzdem habe ich dort manchmal höllische Schmerzen.« Er errötete ein wenig.

»Ich habe mich jahrelang gefragt, ob ich nur ein bisschen von Sinnen bin«, vertraute er mir mit gesenkter Stimme an. »Aber ich habe mich mit Mr. Murphy unterhalten, und er sagt, mit dem Bein, das er verloren hat, ist es genauso, und Fergus sagt, er wird manchmal wach und spürt, wie seine fehlende Hand jemandem in die Tasche gleitet.« Er lächelte flüchtig, und seine Zähne blitzten unter dem langen Schnurrbart auf. »Also dachte ich, wenn es normal ist, einen Körperteil zu spüren, der gar nicht da ist, gibt es vielleicht auch ein Mittel dagegen.«

»Ich verstehe.« Ich rieb mir das Kinn und überlegte. »Ja, es ist normal; man nennt es Phantomschmerz, wenn man einen Körperteil verloren hat und ihn trotzdem spürt. Was die Mittel dagegen betrifft …« Ich runzelte die Stirn und versuchte, mich zu erinnern, ob ich je von einer Therapie für so etwas gehört hatte. Um Zeit zu gewinnen, fragte ich: »Wie habt Ihr den Arm denn verloren?«

»Oh, es war eine Blutvergiftung«, sagte er beiläufig. »Ich habe mich eines Tages mit einem Nagel an der Hand verletzt, und es hat sich entzündet.«

Ich starrte den Ärmel an, der ihm leer von der Schulter hing.

»Was Ihr nicht sagt«, erwiderte ich schwach.

»Oh, aye. Aber es war mein Glück; es war der Grund, warum ich nicht mit dem Rest deportiert worden bin.«

»Mit welchem Rest?«

Er blickte mich überrascht an. »Oh, mit den anderen Gefangenen aus Ardsmuir. Hat Mac Dubh Euch nichts davon erzählt? Als sie die Festung nicht mehr als Gefängnis benutzt haben, haben sie alle schottischen Gefangenen als Leibeigene in die Kolonien geschickt – alle außer Mac Dubh, weil er zu bedeutend war und sie ihn nicht aus den Augen lassen wollten, und mir, weil mir der Arm fehlte und ich für harte Arbeit nicht zu gebrauchen war. Also haben sie Mac Dubh an einen anderen Ort gebracht, und mich hat man gehen lassen – begnadigt und freigelassen. Ihr seht also, der Unfall war mein Glück, bis auf die Schmerzen, die mich manchmal nachts überkommen.« Er verzog das Gesicht und hob die Hand, als wollte er sich den nicht existierenden Arm reiben, hielt inne und sah mich achselzuckend an, um mir das Problem zu verdeutlichen.

»Ich verstehe. Ihr wart also mit Jamie im Gefängnis. Das wusste ich nicht.« Ich ging den Inhalt meiner Arzneitruhe durch und fragte mich, ob ein allgemeines Schmerzmittel wie Weidenrindentee oder Andorn mit Fenchel wohl bei Phantomschmerzen wirken würde.

»Oh, aye.« Innes verlor jetzt seine Schüchternheit und begann, offener zu sprechen. »Ich wäre längst verhungert, wenn Mac Dubh nicht nach mir Ausschau gehalten hätte, als man ihn endlich auch freigelassen hat.«

»Er hat Ausschau nach Euch gehalten?« Aus dem Augenwinkel sah ich etwas Blaues aufblitzen und winkte Mr. Willoughby zu, der im Gang vorüberkam.

»Aye. Als man ihn von seinem Ehrenwort entbunden hat, hat er Nachforschungen angestellt, um zu sehen, ob er jemanden von den Männern aufspüren konnte, die man nach Amerika gebracht hatte – zu sehen, ob vielleicht jemand zurückgekehrt war.« Er zuckte mit den Schultern, was durch den fehlenden Arm noch betonter wirkte. »Doch ich war der Einzige von ihnen, der in Schottland war.«

»Ich verstehe. Mr. Willoughby, habt Ihr einen Vorschlag, was man hier tun könnte?« Ich winkte dem Chinesen, näher zu kommen und einen Blick auf den Arm zu werfen. Ich erklärte ihm das Problem und freute mich zu hören, dass er tatsächlich einen Vorschlag hatte. Wieder zogen wir Innes das Hemd aus, und ich beobachtete genau, wie Mr. Willoughby mit den Fingern Druck auf bestimmte Stellen an Hals und Oberkörper ausübte und dabei erklärte, was er tat.