»Nein, das kann ich mir vorstellen.« Auch Männer, denen es normalerweise vor dem Gedanken graute, einen anderen Mann zu benutzen, konnten sich in der Not der Verzweiflung dennoch dazu durchringen. Jamie nicht. Nach allem, was ich über seine Erlebnisse mit Jack Randall wusste, vermutete ich, dass er eher tatsächlich verrückt geworden wäre, statt sich auf einen solchen Ausweg zu verlegen.
Er zuckte leicht mit den Schultern, dann stand er schweigend da und blickte auf das Meer hinaus. Schließlich senkte er den Blick auf seine Hände, die er vor sich gespreizt hatte, um sich an der Reling festzuhalten.
»Ich habe mich gewehrt – gegen die Soldaten, die mich festgenommen haben. Ich hatte Jenny versprochen, es nicht zu tun – sie dachte, sie würden mich verletzen –, aber als der Zeitpunkt da war, konnte ich nicht anders.« Wieder zuckte er mit den Schultern und öffnete und schloss mit langsamen Bewegungen die rechte Hand. Es war seine verkrüppelte Hand; der Mittelfinger war von einer dicken Narbe gezeichnet, die sich über die beiden ersten Fingerglieder zog, und der Ringfinger war vom zweiten Glied an steif, so dass der Finger unbeholfen abstand, selbst wenn Jamie die Hand zur Faust ballte.
»Damals habe ich mir den Finger wieder gebrochen, am Kinn eines Dragoners«, sagte er reumütig und wackelte vorsichtig mit dem Finger. »Es war das dritte Mal; das zweite Mal war in Culloden. Es hat mir nicht viel ausgemacht. Aber sie haben mich in Ketten gelegt, und das hat mir etwas ausgemacht.«
»Das kann ich mit vorstellen.« Es war schwer – nicht schwierig, aber erstaunlich schmerzvoll –, mir diesen geschmeidigen, kraftvollen Körper von Ketten bezwungen vorzustellen, gefesselt und erniedrigt.
»Im Gefängnis gibt es keine Zurückgezogenheit«, sagte er. »Ich glaube, das hat mir noch mehr ausgemacht als die Eisen. Tag und Nacht, immer unter Beobachtung, und man musste sich schlafend stellen, um mit seinen Gedanken allein zu sein. Was das andere betrifft …« Er prustete flüchtig und schob sich das lose Haar hinter sein Ohr. »Nun, man wartet, bis das Licht fort ist, denn die einzige Heimlichkeit, die es gibt, ist die Dunkelheit.«
Die Zellen waren nicht groß, und die Männer lagen nachts dicht beieinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Da die Dunkelheit die einzige Wand war und nur das Schweigen Zurückgezogenheit bot, war es unmöglich, nicht mitzubekommen, wie die einzelnen Männer ihre Bedürfnisse stillten.
»Ich habe über ein Jahr lang Ketten getragen, Sassenach«, sagte er. Er hob die Arme, breitete sie einen halben Meter auseinander und hielt abrupt inne, als hätte er eine unsichtbare Grenze erreicht. »So weit konnte ich sie bewegen – und nicht weiter«, sagte er und hielt den Blick auf seine reglosen Hände gerichtet. »Und es war unmöglich, meine Hände zu bewegen, ohne dass die Kette ein Geräusch machte.«
Hin- und hergerissen zwischen Scham und Drang, wartete er in der Dunkelheit, umgeben vom Gestank der Männer, und lauschte dem murmelnden Atem seiner Kameraden, bis die leisen Geräusche in seiner Nähe ihm verrieten, dass niemand das verräterische Klirren seiner Eisen beachten würde.
»Wenn es eines gibt, das ich sehr gut weiß, Sassenach«, sagte er leise und warf einen kurzen Blick auf Fergus, »dann, wie sich ein Mann beim Liebesakt mit einer Frau anhört, die nicht da ist.«
Er zuckte mit den Schultern und riss plötzlich die Hände auf der Reling auseinander, um seine unsichtbaren Ketten zu sprengen. Dann blickte er mit einem halben Lächeln auf mich hinunter, und ich sah die dunklen Erinnerungen hinter dem spöttischen Humor in seinen Augen lauern.
Was ich ebenfalls sah, war das furchtbare Drängen, das Verlangen, das so stark war, dass es Einsamkeit und Erniedrigung überdauert hatte, Elend und Trennung.
Vollkommen still standen wir da, ohne Notiz vom Hin und Her auf dem Deck zu nehmen. Er wusste besser als jeder andere, wie man seine Gedanken verbirgt, doch vor mir verbarg er sie jetzt nicht.
Der Hunger drang ihm bis ins Mark, und auch ich schien als Antwort darauf innerlich zu zerfließen. Seine Hand lag zwei Zentimeter neben der meinen auf der hölzernen Reling, langfingrig und kraftvoll … Wenn ich ihn berührte, dachte ich plötzlich, würde er sich umdrehen und mich nehmen, hier auf den Planken des Decks.
Als hätte er meinen Gedanken gehört, ergriff er plötzlich meine Hand und presste sie fest an den harten Muskel seines Oberschenkels.
»Wie oft haben wir miteinander geschlafen, seit du zu mir zurückgekehrt bist?«, flüsterte er. »Ein-, zweimal im Bordell. Dreimal unterwegs in der Heide. Und dann in Lallybroch und in Paris.« Seine Finger klopften mir leicht auf das Handgelenk, einer nach dem anderen, im Rhythmus meines Pulsschlags.
»Jedes Mal habe ich dein Bett so hungrig verlassen, wie ich gekommen war. Auch jetzt brauche ich nur den Duft deines Haars zu riechen, wenn es mein Gesicht streift, oder deinen Oberschenkel an meinem zu spüren, wenn wir uns zum Essen setzen, und schon bin ich bereit. Und dich an Deck stehen zu sehen, wenn dir der Wind das Kleid an den Körper presst …«
Er sah mich an, und sein Mundwinkel zuckte sacht. Ich konnte den Puls in seinem Hals schlagen sehen, und seine Haut war errötet vom Wind und vor Verlangen.
»Es gibt Momente, Sassenach, in denen ich dich für einen Kupferpenny auf der Stelle nehmen würde, den Rücken zum Mast und die Röcke über die Taille geschoben, und der Teufel kann die verdammte Besatzung holen!«
Meine Finger zuckten krampfhaft in seiner Handfläche, und er fasste kräftiger zu, während er mit einem freundlichen Nicken auf den Gruß des Kanoniers antwortete, der auf seinem Weg zur Viertelgalerie an uns vorüberkam.
Die Glocke zum Kapitänsdinner läutete unter meinen Füßen, eine wohlklingende metallische Vibration, die mir durch die Fußsohlen drang und mein Knochenmark schmelzen ließ. Fergus und Marsali stellten ihre Spiele ein und gingen nach unten, und die Besatzung begann mit den Vorbereitungen für die Wachablösung, doch wir blieben an der Reling stehen, die Blicke brennend aufeinander geheftet.
»Der Kapitän lässt Euch grüßen, Mr. Fraser, ob Ihr wohl zum Essen kommt?« Es war Maitland, der Kajütenjunge, der seine Nachricht aus sicherem Abstand überbrachte.
Jamie holte tief Luft und riss seinen Blick von mir los.
»Aye, Mr. Maitland, wir kommen sofort.« Er holte noch einmal Luft, rückte sich den Rock auf den Schultern zurecht und bot mir den Arm an.
»Sollen wir hinuntergehen, Sassenach?«
»Einen Moment.« Ich zog die Hand aus meiner Tasche, weil ich gefunden hatte, was ich suchte. Ich nahm seine Hand und drückte ihm den Gegenstand hinein.
Er blickte auf das Konterfei König Georges in seiner Hand hinunter, dann hob er den Kopf und sah mich an.
»Aufgeschoben ist nicht aufgehoben«, sagte ich. »Lass uns essen gehen.«
Auch der nächste Tag sah uns wieder an Deck; es war zwar nach wie vor sehr kühl, doch die Kälte war der stickigen Atmosphäre in den Kajüten bei weitem vorzuziehen. Wir nahmen unseren üblichen Weg, auf der einen Seite des Schiffs hin und auf der anderen zurück. Doch dann blieb Jamie stehen und lehnte sich an die Reling, um mir eine Anekdote über das Druckereigewerbe zu erzählen.
Ein kleines Stück weiter saß Mr. Willoughby im Schneidersitz im Schutz des Hauptmastes, ein kleines Töpfchen mit feuchter schwarzer Tinte neben seiner Schuhspitze und ein großes weißes Blatt Papier vor sich auf dem Deck. Die Spitze seines Pinsels berührte das Papier so leicht wie ein Schmetterling und hinterließ überraschend kraftvolle Formen.
Unter meinen faszinierten Augen begann er an der Oberkante des Papiers von vorn. Er arbeitete rasch und mit sicherem Strich, und es war, als beobachtete man einen Tänzer oder Fechter, der genau wusste, wohin er trat.