Einer der Matrosen ging gefährlich dicht am Rand des Blattes vorbei und hätte um ein Haar den schmutzigen Fuß auf das schneeweiße Papier gesetzt. Einige Augenblicke später machte es ein weiterer Mann genauso, obwohl er genug Platz hatte. Dann kam der erste Mann zurück, diesmal so achtlos, dass er im Vorübergehen das kleine Töpfchen mit der schwarzen Tinte umstieß.
»Tck!«, rief der Seemann verärgert aus. Er fuhr mit dem Fuß über den schwarzen Fleck auf dem ansonsten makellosen Deck. »Gottloser Heide! Nun seht euch an, was er getan hat!«
Der zweite Mann, der jetzt wieder zurückkam, blieb neugierig stehen. »Auf dem sauberen Deck? Das wird Kapitän Raines aber gar nicht freuen, wie?« Er nickte Mr. Willoughby mit gespielter Kumpanei zu. »Am besten leckst du das schnell auf, Kleiner, ehe der Kapitän kommt.«
»Aye, das wäre gut; auflecken. Los jetzt!« Der erste Mann trat noch einen Schritt an die sitzende Gestalt heran, und sein Schatten fiel auf das Blatt wie ein Fleck. Mr. Willoughbys Lippen spannten sich kaum merklich an, doch er blickte nicht auf. Er vollendete die zweite Spalte, stellte das Farbtöpfchen wieder hin, tauchte den Pinsel ein, ohne den Blick von seinem Blatt abzuwenden, und begann eine dritte Spalte. Seine Hand bewegte sich unbeirrt.
»Ich sagte«, begann der erste Seemann laut, hielt aber überrascht inne, als ein großes weißes Taschentuch vor ihm auf das Deck flatterte und den Farbklecks verdeckte.
»Verzeihung, die Herren«, sagte Jamie. »Ich scheine etwas verloren zu haben.« Er nickte den Seemännern freundlich zu, bückte sich und hob das Taschentuch auf, so dass nichts als ein schwacher Streifen auf dem Deck zurückblieb. Die Seemänner wechselten einen unsicheren Blick, dann sahen sie Jamie an. Der eine Mann erblickte die blauen Augen über dem unverbindlich lächelnden Mund und erbleichte. Er wandte sich hastig ab und zupfte seinen Kameraden am Ärmel.
»Keine Ursache, Sir«, murmelte er. »Komm mit, Joe, wir werden hinten gebraucht.«
Jamie würdigte weder die davongehenden Seemänner noch Mr. Willoughby eines Blickes, sondern kam auf mich zu und steckte sich das Taschentuch wieder in den Ärmel.
»Ein herrlicher Tag, nicht wahr, Sassenach?«, sagte er. Er warf den Kopf zurück und atmete tief ein. »Die Luft ist erfrischend, aye?«
»Für manche anscheinend mehr als für andere«, sagte ich belustigt. Just an diesem Punkt des Decks roch es ziemlich kräftig nach den mit Aluminiumsalz gegerbten Häuten unten im Frachtraum.
»Das war lieb von dir«, sagte ich, als er sich neben mir an die Reling lehnte. »Meinst du, ich sollte Mr. Willoughby meine Kajüte zum Schreiben anbieten?«
Jamie prustete leise. »Nein. Ich habe ihm gesagt, er kann meine Kajüte benutzen oder zwischen den Mahlzeiten den Tisch in der Messe, aber er möchte lieber hier sein – der sture kleine Dummkopf.«
»Nun, vermutlich ist das Licht besser«, sagte ich skeptisch und betrachtete die kleine vornübergebeugte Gestalt, die hartnäckig neben dem Mast hockte. In diesem Moment hob ein Windstoß das Papier an; Mr. Willoughby drückte es prompt zu Boden und hielt es mit der einen Hand fest, während er mit der anderen seine kurzen, zielsicheren Pinselstriche fortsetzte. »Aber bequem sieht es nicht aus.«
»Das ist es auch nicht.« Jamie fuhr sich etwas enerviert mit den Fingern durch das Haar. »Er macht es mit Absicht, um die Besatzung zu provozieren.«
»Nun, wenn es das ist, worauf er hinauswill, ist er ja auf einem guten Weg«, stellte ich fest. »Aber warum denn, in aller Welt?«
Jamie prustete noch einmal.
»Aye, nun ja, es ist kompliziert. Bist du schon einmal einem Chinesen begegnet?«
»Einigen, aber ich nehme an, in meiner Zeit sind sie ein bisschen anders«, sagte ich trocken. »Zum einen tragen sie weder Zöpfe noch Seidenpyjamas, zum anderen sind sie nicht von Damenfüßen besessen – zumindest haben sie mir nichts davon erzählt, falls es doch so war«, fügte ich fairerweise hinzu.
Jamie lachte und kam ein paar Zentimeter näher, so dass seine Hand auf der Reling die meine streifte.
»Nun, es hat mit den Füßen zu tun«, sagte er. »Jedenfalls hat es damit angefangen. Josie, eine von Madame Jeannes Huren, hat Gordon davon erzählt, und natürlich hat er es längst allen weitergesagt.«
»Was in aller Welt ist denn mit den Füßen?«, wollte ich wissen, denn jetzt wurde die Neugier doch zu groß. »Was macht er damit?«
Jamie hustete, und leise Röte stieg ihm in die Wangen. »Nun, es ist ein bisschen …«
»Du kannst mir nichts erzählen, was mich schockieren würde«, versicherte ich ihm. »Ich habe in meinem Leben nämlich schon eine Menge Dinge gesehen – davon eine ganze Reihe in deiner Gegenwart.«
»Da hast du wohl recht«, sagte er grinsend. »Aye, nun ja, es geht weniger um das, was er tut, sondern – nun ja, in China bindet man den Damen von edlem Geblüt die Füße ab.«
»Ich habe davon gehört«, sagte ich und fragte mich, was das Theater sollte. »Angeblich bekommen sie davon kleine, anmutige Füße.«
Jamie prustete erneut. »Anmutig, aye? Weißt du, wie es gemacht wird?« Und er begann, es mir zu erzählen.
»Sie nehmen die kleinen Mädchen – nicht älter als ein Jahr, aye? – und biegen ihnen die Zehen unter den Fuß, bis sie die Ferse berühren. Dann wickeln sie Bandagen um den Fuß, um ihn in dieser Position zu halten.«
»Autsch!«, sagte ich unwillkürlich.
»Autsch, genau«, sagte er trocken. »Hin und wieder nehmen ihnen die Kindermädchen die Bandagen ab, um den Fuß zu reinigen, legen sie aber sofort wieder an. Nach einer Weile faulen ihnen die Zehen ab. Und wenn sie erwachsen werden, haben die armen Kleinen am Ende ihrer Beine nur noch gequetschte Knochen und Haut, kleiner als meine Faust.« Seine geschlossene Faust klopfte zur Illustration leise gegen das Holz der Reling. »Aber sie gelten dann als wunderschön«, schloss er. »Anmutig, wie du sagst.«
»Das ist ja widerlich!«, sagte ich. »Aber was hat das denn mit …« Ich sah mich nach Mr. Willoughby um, doch falls er uns hörte, ließ er es sich nicht anmerken; der Wind wehte aus seiner Richtung auf uns zu und trug unsere Worte auf das Meer hinaus.
»Sagen wir, das hier wäre ein Mädchenfuß, Sassenach«, sagte er und hielt die rechte Hand flach vor sich hin. »Biege die Zehen so, dass sie die Ferse berühren, und was hast du in der Mitte?« Er krümmte die Finger zu einer losen Faust.
»Was denn?«, sagte ich verwirrt. Jamie streckte den Mittelfinger seiner linken Hand aus und stieß ihn mit einer unverwechselbaren, eindeutigen Geste abrupt durch die Mitte seiner Faust.
»Ein Loch«, sagte er knapp.
»Das ist nicht dein Ernst! Das ist der Grund, warum sie es tun?«
Seine Stirn runzelte sich sacht, dann glättete sie sich. »Oh, ob ich scherze? Absolut nicht, Sassenach. Er meint«, sagte er mit einem angedeuteten Nicken in Mr. Willoughbys Richtung, »es ist ein äußerst bemerkenswertes Gefühl. Für einen Mann.«
»Oh, dieser kleine Perverse!«
Jamie lachte über meine Entrüstung.
»Aye, ungefähr das denkt die Besatzung auch. Natürlich bekommt er von einer europäischen Frau nicht ganz dasselbe, aber so wie ich es verstehe … versucht er es hin und wieder.«
Allmählich verstand ich das allgemeine Gefühl der Feindseligkeit gegenüber dem kleinen Chinesen. Selbst meine kurze Bekanntschaft mit der Besatzung der Artemis hatte mich gelehrt, dass Seemänner im Großen und Ganzen meist ritterliche Kreaturen waren und eine ausgeprägte romantische Ader hatten, wenn es um Frauen ging – zweifellos, weil sie den größten Teil des Jahres ohne weibliche Gesellschaft lebten.
»Hm«, sagte ich mit einem argwöhnischen Blick in Mr. Willoughbys Richtung. »Nun, das erklärt ihr Verhalten, aber was ist denn mit ihm?«
»Das ist es, was ein kleines bisschen kompliziert ist.« Jamies Mund verzog sich zu einem ironischen Lächeln. »Siehst du, für Mr. Yi Tien Cho, vormals aus dem chinesischen Königreich der Himmel, sind wir die Barbaren.«