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»Ist das so?« Ich blickte zu Brodie Cooper auf, der über uns aus der Takelage gestiegen kam. Die schmutzigen, schwieligen Fußsohlen waren das Einzige, was wir von ihm sehen konnten. Ich fand, dass beide Seiten nicht unrecht hatten. »Sogar du?«

»Oh, aye. Ich bin ein dreckiger, übelriechender gwao-fe – das bedeutet fremder Teufel –, der wie ein Wiesel stinkt – ich glaube, das ist es, was huang-shu-lang bedeutet – und ein Gesicht hat wie ein Gnom«, schloss er fröhlich.

»Das hat er alles zu dir gesagt?« Es schien mir eine seltsame Art zu sein, sich bei seinem Lebensretter zu revanchieren. Jamie sah mich mit hochgezogener Augenbraue an.

»Ist dir vielleicht schon einmal aufgefallen, dass sehr kleine Männer alle Hemmungen verlieren, dir irgendetwas zu sagen, wenn sie getrunken haben?«, fragte er. »Ich vermute, der Brandy lässt sie ihre Größe vergessen; sie glauben dann, sie sind große haarige Kerle, und stolzieren furchtbar herum.«

Er wies kopfnickend auf Mr. Willoughby, der geschäftig vor sich hin malte. »Er ist etwas umsichtiger, wenn er nüchterner ist, aber das ändert nichts an dem, was er denkt. Es nagt furchtbar an ihm, aye? Vor allem, weil er genau weiß, dass ihm vermutlich irgendjemand den Schädel einschlagen oder ihn in einer stillen Nacht zum Fenster hinaus ins Meer werfen würde, wenn ich nicht wäre.«

Sein Ton war zwar sachlich und gelassen, doch mir waren die Seitenblicke nicht entgangen, die uns die Seeleute im Vorübergehen zuwarfen, und mir war längst klar, warum sich Jamie so ausgiebig an der Reling mit mir unterhielt. Falls noch irgendjemand daran zweifelte, dass Mr. Willoughby unter Jamies Schutz stand, wurde er zügig eines Besseren belehrt.

»Du hast ihm also das Leben gerettet, ihm Arbeit gegeben und Schwierigkeiten von ihm ferngehalten, und dafür beleidigt er dich und hält dich für einen ungebildeten Barbaren«, sagte ich trocken. »Reizender kleiner Kerl.«

»Aye, nun ja.« Der Wind hatte sich etwas gedreht und Jamie eine Haarsträhne ins Gesicht geblasen. Er strich sie hinter sein Ohr zurück und beugte sich dichter zu mir herüber, so dass sich unsere Schultern fast berührten. »Soll er doch sagen, was er will; ich bin der Einzige, der ihn versteht.«

»Tatsächlich?« Ich legte meine Hand auf die seine, die sich auf die Reling stützte.

»Nun, verstehen ist vielleicht zu viel gesagt«, gab er zu. Er senkte den Blick auf das Deck zwischen seinen Füßen. »Aber ich weiß noch«, sagte er leise, »wie es ist, wenn man nichts mehr hat außer seinem Stolz – und einem Freund.«

Ich erinnerte mich an das, was Innes gesagt hatte, und fragte mich, ob der einarmige Mann sein Freund in der Not gewesen war. Ich wusste, was er meinte; ich hatte Joe Abernathy gehabt und war mir bewusst, was das für mich bedeutet hatte.

»Ja, ich hatte einen Freund im Krankenhaus …«, begann ich, wurde aber durch laute Ekelrufe unterbrochen, die unter meinen Füßen erschollen.

»Verdammt! Feuer des Hades! Dieser schmutzfressende Sohn eines Schweinefurzes!«

Ich blickte verblüfft nach unten, begriff dann aber anhand der gedämpften irischen Flüche, die von dort nach oben drangen, dass wir jetzt direkt über der Kombüse standen. Das Geschrei war so laut, dass es die Aufmerksamkeit der Seeleute weiter vorn erregte, und eine kleine Gruppe von Seeleuten sammelte sich um uns und beobachtete fasziniert, wie der schwarz umwickelte Kopf des Kochs aus der Luke kam und den Umstehenden wilde Blicke zuwarf.

»Ihr pickelärschigen Nichtsnutze!«, brüllte er. »Was glotzt ihr denn so? Zwei von euch faulen Schuften, bewegt eure Ärsche hier herunter und werft diesen Mist über Bord! Glaubt ihr vielleicht, ich klettere hier den ganzen Tag die Leiter hinauf mit meinem halben Bein?« Der Kopf verschwand abrupt, und mit einem gutmütigen Schulterzucken winkte Picard einem der jüngeren Matrosen, ihn nach unten zu begleiten.

Sogleich erscholl Stimmengewirr, unten rumpelte ein großer Gegenstand umher, und ein furchtbarer Gestank attackierte meine Nase.

»Ach, du lieber Himmel!« Ich riss ein Taschentuch hervor und schlug es mir vor die Nase; dies war nicht das erste Mal, dass hier etwas stank, und ich bewahrte immer ein in Wintergrün getränktes Leinentüchlein in meiner Tasche auf. »Was ist das?«

»Dem Geruch nach ein totes Pferd. Und zwar ein sehr altes Pferd, das schon sehr lange tot ist.« Jamies lange, schmale Nase wirkte etwas verkniffen um die Nasenlöcher, und ringsum hielten sich die Seeleute würgend die Nasen zu und ließen sich wenig schmeichelhaft über den Gestank aus.

Maitland und Grosman, die zwar die Gesichter von ihrer Last abgewandt hielten, aber dennoch etwas grün aussahen, hievten ein großes Fass durch die Luke hindurch an Deck. Der Deckel war ein Stück geöffnet worden, und ich erhaschte einen kurzen Blick auf eine gelblich weiße Masse, die schwach in der Sonne glänzte. Sie schien sich zu bewegen. Ein Heer von Maden.

»Ihh!«, entfuhr es mir unwillkürlich. Die beiden Seemänner sagten zwar nichts und hielten die Lippen fest aufeinandergepresst, doch sie sahen beide so aus, als pflichteten sie mir bei. Gemeinsam bugsierten sie das Fass zur Reling und warfen es über Bord.

Wer von der Mannschaft nicht anderweitig zu tun hatte, sammelte sich an der Reling, um zuzusehen, wie das Fass im Kielwasser tanzte, und sich von Murphys unverhohlen gotteslästerlicher Meinung über den Schiffsausrüster, der es ihm verkauft hatte, unterhalten zu lassen. Manzetti, ein kleiner italienischer Seemann mit einem dicken roten Pferdeschwanz, stand an der Reling und lud eine Muskete.

»Hai«, erklärte er, als er sah, dass ich ihn beobachtete, und seine Zähne glänzten unter seinem Schnurrbart auf. »Sehr gut zum Essen.«

»Ar«, sagte Sturgis zustimmend.

Die Männer sammelten sich am Heck, um zuzusehen. Ich wusste, dass es hier Haie gab; Maitland hatte mir gestern Abend zwei dunkle, bewegliche Umrisse gezeigt, die sich im Schatten der Bordwand hielten und scheinbar mühelos nur durch das kaum merkliche Pendeln ihrer sichelförmigen Schwänze mit dem Schiff mithielten.

»Da!« Aus mehreren Kehlen stieg ein Aufschrei auf, als das Fass plötzlich im Wasser ruckte. Eine Pause, und Manzetti zielte sorgfältig in die Nähe des schwimmenden Fasses. Noch ein Ruck, als wäre etwas heftig dagegen gestoßen, und noch einer.

Das Wasser war zwar schlammgrau, aber so klar, dass mein Blick flüchtig auf etwas fiel, das sich mit großer Geschwindigkeit unter der Oberfläche bewegte. Noch ein Ruck, das Fass drehte sich auf die Seite, und plötzlich wurde das Wasser von der scharfen Kante einer Flosse zerteilt und perlte von einem grauen Rücken ab, der für eine Sekunde auftauchte.

Die Muskete entlud sich donnernd neben mir, und eine Wolke aus Schwarzpulverrauch trieb mir die Tränen in die Augen. Die Beobachter stießen einen Ausruf aus, und als mein Blickfeld wieder klarer wurde, konnte ich sehen, dass sich ein bräunlicher Fleck rings um das Fass ausbreitete.

»Hat er den Hai getroffen oder das Pferdefleisch?«, fragte ich Jamie leise hinter vorgehaltener Hand.

»Das Fass«, sagte er mit einem Lächeln. »Trotzdem ein guter Schuss.«

Einige weitere Schüsse gingen ins Leere, während das Fass einen wilden Tanz begann und die Haie wie von Sinnen danach schnappten. Weiße und braune Fetzen flogen aus dem zerbrochenen Fass, und ein großer Ring aus Fett, verfaultem Blut und Splittern breitete sich um das Festmahl der Haie aus. Wie von Zauberhand erschienen Seevögel und tauchten einzeln oder zu zweit nach Leckerbissen.

»Zwecklos«, sagte Manzetti schließlich. Er ließ die Muskete sinken und wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. »Zu weit weg.« Er schwitzte und war vom Hals bis zum Haaransatz mit Schwarzpulverflecken übersät; die Handbewegung hinterließ einen weißen Streifen quer über seinen Augen, der wie eine Waschbärenmaske aussah.

»Ein anständiges Stück Hai würde mir gut schmecken«, sagte die Stimme des Kapitäns neben mir. Ich wandte mich zur Seite und sah, wie er sich nachdenklich über die Reling beugte, um das Schlachtfeld zu begutachten. »Vielleicht könnten wir ja ein Boot zu Wasser lassen, Mr. Picard.«