Der Bootsmann wandte sich mit einem dienstbeflissenen Ausruf ab, und die Artemis drehte bei und hielt in einem kleinen Kreis wieder auf das dahintreibende Fass zu. Man ließ ein kleines Boot hinab, das Manzetti nebst Muskete enthielt sowie drei Seemänner, die mit Fischhaken und Seilen bewaffnet waren.
Bis sie die Stelle erreichten, war von dem Fass nicht mehr übrig als ein paar verstreute Holzstückchen. Doch es herrschte immer noch reges Treiben; das Wasser kochte geradezu, weil sich die Haie unter der Oberfläche wanden, und die Szene verschwand beinahe vollständig hinter einer Wolke kreischender Meeresvögel. Vor meinen Augen hob sich plötzlich ein aufgerissenes, spitzes Maul aus dem Wasser, packte einen der Vögel und verschwand, und das alles in einem Wimpernschlag.
»Hast du das gesehen?«, sagte ich ehrfürchtig. Mir war zwar durchaus bewusst, dass Haie reichlich mit Zähnen ausgestattet waren, doch diese praktische Demonstration beeindruckte mich deutlich mehr als jede Fotoserie im National Geographic-Magazin.
»Großmutter, warum hast du so große Zähne?«, fragte Jamie, der ebenfalls beeindruckt klang.
»So ist es«, sagte eine liebenswürdige Stimme an meiner Seite. Ich wandte den Kopf und sah Murphy grinsend neben mir stehen. Sein breites Gesicht leuchtete vor Schadenfreude. »Wird den Mistviechern aber herzlich wenig nützen, wenn wir ihnen eine Kugel durch das verdammte Hirn jagen!« Er hämmerte mit seiner kräftigen Faust auf die Reling und brüllte: »Hol mir eins von diesen Viechern, Manzetti! Dich erwartet eine Flasche Brandy, wenn du das tust!«
»Ist es eine persönliche Angelegenheit für Euch, Mr. Murphy?«, fragte Jamie höflich. »Oder berufliches Interesse?«
»Beides, Mr. Fraser, beides«, erwiderte der Koch, der die Jagd gebannt beobachtete. Er trat mit dem Holzbein vor die Bordwand, und es pochte hohl. »Sie haben zwar ein Stück von mir verspeist«, sagte er mit lustvollem Ingrimm, »aber dafür habe ich einige mehr von ihnen verspeist!«
Das Boot war hinter dem Vorhang aus flatternden Vögeln kaum zu sehen, und durch ihr Kreischen war es kaum möglich, irgendetwas anderes zu hören als Murphys Kriegsrufe.
»Haisteak mit Senf!«, brüllte Murphy, der in seiner rachsüchtigen Ekstase die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen hatte. »Gesottene Leber mit Senfgürkchen! Ich mache Suppe aus deinen Flossen und lege deine Augen in Sherry ein, du Mistvieh!«
Ich sah Manzetti, der am Bug kniete, mit der Muskete zielen, sah das schwarze Rauchwölkchen, als er feuerte. Und dann sah ich Mr. Willoughby.
Ich hatte ihn nicht von der Reling springen sehen; niemand hatte es gesehen, weil alle Blicke auf die Jagd geheftet waren. Doch da war er, ein Stück von dem Getümmel rings um das Boot entfernt, und sein kahlgeschorener Kopf glänzte wie ein Angelschwimmer, während er im Wasser mit einem enormen Vogel rang, dessen Flügel das Wasser aufwühlten wie ein Schneebesen.
Durch meinen Ausruf alarmiert, riss Jamie seinen Blick von der Jagd los, glotzte einen Moment ins Wasser, und ehe ich mich bewegen oder etwas sagen konnte, hockte er selbst auf der Reling.
Mein Schreckensschrei erscholl gleichzeitig mit Murphys überraschtem Brüllen, doch schon war Jamie fort, und es spritzte kaum, als er dicht neben dem Chinesen eintauchte.
An Deck erhob sich jetzt ein Gewirr von Rufen – und Marsali kreischte schrill –, als alle begriffen, was geschehen war. Jamies nasser roter Kopf tauchte neben Mr. Willoughby auf, und in Sekunden hatte er dem Chinesen den Arm fest um den Hals gelegt. Mr. Willoughby klammerte sich fest an den Vogel, und ich war mir im ersten Moment nicht sicher, ob Jamie ihn retten oder erwürgen wollte, doch dann schlug er mit den Beinen und begann, die ringende Masse aus Mensch und Vogel zum Schiff zurückzuziehen.
Triumphgeschrei aus dem Boot, und ein dunkelroter Kreis breitete sich im Wasser aus. Es klatschte heftig, als ein Hai mit dem Haken fixiert und mit einem Seil am Schwanz hinter dem Boot hergezogen wurde. Dann brach Verwirrung aus, als die Männer im Boot bemerkten, was im Wasser sonst noch vor sich ging.
Taue wurden erst über die eine, dann die andere Bordwand geworfen, und die Seeleute rannten aufgeregt hin und her, unentschlossen, ob sie bei der Rettung oder beim Einholen des Hais helfen sollten, doch schließlich wurden Jamie und seine Anhängsel steuerbord an Deck gehievt, und der gefangene Hai – dem seine hungrigen Kameraden noch mehrere große Stücke aus dem Körper bissen – wurde immer noch kraftlos schnappend backbord hochgezogen.
»Grund … güti … ger«, sagte Jamie, dessen Brust sich heftig hob und senkte. Er lag flach auf dem Deck und schnappte nach Luft wie ein gestrandeter Fisch.
»Geht es dir gut?« Ich kniete mich neben ihn und wischte ihm mit dem Rocksaum das Wasser aus dem Gesicht. Er lächelte mich schief an und nickte keuchend.
»Himmel«, sagte er schließlich und setzte sich. Er schüttelte den Kopf und nieste. »Ich war mir sicher, dass ich gefressen werde. Die Dummköpfe in dem Boot haben auf uns zugehalten, und sie waren von Haien umringt, die unter Wasser nach dem Hai am Haken geschnappt haben.« Er massierte sich vorsichtig die Waden. »Es ist sicherlich nur überempfindlich von mir, aber die Vorstellung, ein Bein zu verlieren, hat mir schon immer furchtbare Angst gemacht. Das kommt mir beinahe schlimmer vor, als geradewegs getötet zu werden.«
»Am liebsten wäre es mir, wenn du beides vermeidest«, sagte ich trocken. Er begann jetzt zu zittern; ich zog mein Schultertuch aus und legte es ihm um, dann sah ich mich nach Mr. Willoughby um.
Der kleine Chinese, der sich nach wie vor hartnäckig an seine Beute klammerte, einen jungen Pelikan, ignorierte sowohl Jamie als auch die Flut der Beschimpfungen, die sich über ihn ergoss. Er begab sich triefend unter Deck, vor körperlichen Übergriffen geschützt, weil sein Gefangener mit dem Schnabel klapperte und so verhinderte, dass ihm jemand zu nahe kam.
Ein brutales Klatschen und ein triumphierendes Krähen auf der anderen Seite des Decks kündete davon, dass sich Murphy einer Axt bedient hatte, um seinen Erzfeind ins Jenseits zu befördern. Die Seemänner drängten sich mit gezückten Messern um den Kadaver, um sich ein Stück der Haut zu sichern. Weitere begeisterte Hackgeräusche, und dann kam Murphy strahlend vorübergeschlendert, unter dem Arm ein ausgewähltes Schwanzstück, in der Hand die gewaltige gelbe Leber in einem Netz, auf der Schulter die blutige Axt.
»Nicht ertrunken, wie?«, sagte er und raufte Jamie mit der freien Hand das feuchte Haar. »Ich habe zwar keine Ahnung, warum Ihr Euch solche Mühe mit dem kleinen Mistkerl macht, aber ich muss sagen, tapfer, tapfer. Ich koche Euch eine schöne Suppe aus dem Schwanz gegen die Unterkühlung«, versprach er und humpelte davon, während er sich lauthals Speisepläne zurechtlegte.
»Warum hat er das getan?«, fragte ich. »Mr. Willoughby, meine ich.«
Jamie schüttelte den Kopf und putzte sich mit dem Hemdschoß die Nase.
»Zur Hölle, wenn ich das weiß. Ich nehme an, er wollte den Vogel haben, aber ich kann nicht sagen, warum. Vielleicht zum Essen?«
Murphy, der das hörte, fuhr stirnrunzelnd an der Oberkante der Kombüsenleiter herum.
»Pelikane kann man nicht essen«, sagte er und schüttelte missbilligend den Kopf. »Schmecken nach Tran, egal, wie man sie zubereitet. Und weiß der Himmel, was ein Pelikan hier draußen zu suchen hat; eigentlich gibt es sie nur in Küstennähe. Vermutlich von einem Sturm aufs Meer geweht. Tolpatschige Viecher.« Er murmelte glücklich irgendetwas von getrockneter Petersilie und Cayenne, dann verschwand sein kahler Kopf in seinem Reich.
Jamie lachte und stand auf.
»Aye, nun ja, vielleicht will er ja auch nur die Federn haben, um sich Schreibwerkzeuge daraus zu machen. Komm mit nach unten, Sassenach. Du kannst mir helfen, mir den Rücken abzutrocknen.«