Выбрать главу

Mr. Willoughby stieß ein leises Glucksen aus, dessen Ironie unüberhörbar war.

»Und das ist nicht das Ende der Widersprüche, die mein Leben nun bestimmen. Weil ich mich nicht überwinden konnte, meine Männlichkeit zu opfern, habe ich alles andere verloren – Ehre, Amt, Land. Und damit meine ich nicht nur das Land selbst mit den großen Fichtenwäldern der Tartarei, wo ich die Sommer verbrachte, den weiten Ebenen des Südens, den Flüssen voller Fische, sondern auch den Verlust meiner selbst. Meine Eltern sind entehrt, die Gräber meiner Ahnen verfallen, und vor ihren Bildern brennt kein Räucherwerk. Alle Ordnung, alle Schönheit ist dahin. Ich bin an einen Ort gekommen, an dem man die goldenen Worte meiner Dichtung für Hühnergackern hält und meine Pinselstriche für Hühnerspuren. Ich gelte weniger als der einfachste Bettler, der zur Unterhaltung der Massen Schlangen verschluckt und den Passanten gestattet, ihm die Schlange am Schwanz aus dem Mund zu ziehen, um von der Bezahlung von einem Tag zum nächsten zu leben.«

Mr. Willoughby blickte sich funkelnd unter seinen Zuhörern um und ließ keinen Zweifel daran, wie er diese Worte meinte.

»Ich bin in ein Land gekommen, dessen Frauen grobschlächtig sind und stinken wie Bären.« Der Chinese hob leidenschaftlich die Stimme, während Jamies Ton gleichmütig blieb und er zwar die Worte wiedergab, sie jedoch des Gefühls beraubte. »Sie sind Geschöpfe ohne Anmut, ohne Bildung, unwissend, übelriechend, ihre Körper voller widerlicher Haare wie Hunde! Und diese Geschöpfe – diese Geschöpfe! Verachten mich als gelben Wurm, so dass selbst die billigsten Huren nicht mit mir schlafen wollen. Um der Liebe zu den Frauen willen bin ich an einen Ort gekommen, an dem keine Frau der Liebe würdig ist!« An diesem Punkt hörte Jamie auf zu übersetzen, da er die finsteren Blicke der Seemänner sah, und versuchte stattdessen, den Chinesen zu besänftigen, indem er ihm seine kräftige Hand auf die blaue Seidenschulter legte.

»Aye, Mann. Ich verstehe. Und ich bin mir sicher, dass keiner von uns es in dieser Lage anders gemacht hätte. Ist es nicht so, Männer?«, fragte er und blickte sich mit vielsagend hochgezogenen Augenbrauen um.

Seine moralische Macht reichte aus, um den Männern ein widerstrebendes Murmeln der Zustimmung zu entlocken, doch ihr Mitgefühl mit Mr. Willoughbys Entbehrungen war bei diesem kränkenden Schluss verflogen. Spitze Bemerkungen über ungehemmte, undankbare Heiden ertönten gemeinsam mit überschwenglich bewundernden Komplimenten in meine und Marsalis Richtung, und die Männer zerstreuten sich.

Dann gingen auch Fergus und Marsali, nicht ohne dass Fergus kurz stehen blieb, um Mr. Willoughby mitzuteilen, dass jede weitere Bemerkung über europäische Frauen zur Folge haben würde, dass er, Fergus, sich gezwungen sehen würde, ihm, Mr. Willoughby, den Zopf um den Hals zu wickeln und ihn damit zu strangulieren.

Mr. Willoughby, der Spitzfindigkeiten und Drohungen gleichermaßen ignorierte, starrte einfach nur vor sich hin, und in seinen schwarzen Augen glänzten die Erinnerungen mit dem Grog um die Wette. Schließlich stand auch Jamie auf und streckte die Hand aus, um mir von meinem Fass hinunterzuhelfen.

Als wir uns zum Gehen wandten, streckte der Chinese die Hand aus und packte sich zwischen die Beine. Ohne jede Anzüglichkeit umfasste er seine Hoden, so dass sich die rundliche Masse unter der Seide abmalte. Er rollte sie langsam in der Handfläche hin und her und starrte sie gedankenverloren an.

»Manchmal«, sagte er wie zu sich selbst, »ich denke, nicht wert.«

Kapitel 46

Wir begegnen einem Tümmler

Mir war schon seit einiger Zeit bewusst, dass Marsali versuchte, sich ein Herz zu fassen und mich anzusprechen. Ich war ohnehin davon ausgegangen, dass sie es früher oder später tun würde; was auch immer sie mir gegenüber empfand, außer ihr war ich die einzige Frau an Bord. Ich tat mein Bestes, um ihr zu helfen, indem ich immer freundlich lächelte und ihr einen guten Morgen wünschte, aber sie war diejenige, die den ersten Schritt tun musste.

Schließlich war es inmitten des Atlantischen Ozeans so weit, einen Monat, nachdem wir Schottland verlassen hatten.

Ich saß in unserer gemeinsamen Kajüte und schrieb medizinische Notizen über eine kleine Amputation nieder – einer der Matrosen auf dem Vordeck hatte sich zwei Zehen zerquetscht. Ich hatte gerade eine Zeichnung der Operationsstelle angefertigt, als ein Schatten den Eingang der Kajüte verdunkelte, und als ich aufblickte, sah ich Marsali in der Tür stehen, das Kinn kampflustig vorgeschoben.

»Du musst etwas wissen«, sagte sie entschlossen. »Ich kann dich nicht leiden, und ich vermute, das weißt du auch, aber Pa sagt, du bist eine weise Frau, und ich glaube, du bist vielleicht aufrichtig, selbst wenn du eine Hure bist, also wirst du es mir ja vielleicht sagen.«

Es gab eine ganze Reihe möglicher Antworten auf diese bemerkenswerte Feststellung, doch ich verzichtete darauf, eine davon zu äußern.

»Vielleicht«, sagte ich und legte mein Schreibgerät beiseite. »Was ist es denn, was du wissen musst?«

Da sie sah, dass ich nicht wütend war, schlüpfte sie in die Kajüte und setzte sich auf den Schemel, der die einzig verfügbare Sitzgelegenheit war.

»Nun, es hat mit Kindern zu tun«, erklärte sie. »Und wie man sie bekommt.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Deine Mutter hat dir nicht gesagt, woher die kleinen Kinder kommen?«

Sie schnaubte ungeduldig und zog verächtlich die blonden Augenbrauen zusammen. »Natürlich weiß ich, woher sie kommen! Das weiß doch jeder Dummkopf. Die Frau lässt einen Mann seinen Schwanz zwischen ihre Beine stecken, und neun Monate später kommt es sie teuer zu stehen. Was ich wissen will, ist, wie man sie nicht bekommt.«

»Ich verstehe.« Ich betrachtete sie mit beträchtlichem Interesse. »Du möchtest kein Kind bekommen? Äh … wenn du erst richtig verheiratet bist, meine ich? Das möchten doch anscheinend die meisten jungen Frauen.«

»Nun ja«, sagte sie langsam und verknotete die Hand in ihrem Kleid. »Ich glaube, ich möchte auch irgendwann ein Baby bekommen. Weil ich es mir wünsche, meine ich. Wenn es vielleicht dunkles Haar hätte wie Fergus.« Ein verträumter Ausdruck huschte über ihr Gesicht hinweg, doch dann verhärtete sich ihre Miene wieder.

»Aber ich kann es nicht tun«, sagte sie.

»Warum denn nicht?«

Sie spitzte die Lippen und überlegte, dann zog sie sie wieder ein. »Nun, wegen Fergus. Wir haben noch nicht miteinander geschlafen. Bis jetzt konnten wir uns höchstens einmal hinter einer Luke küssen – das verdanken wir Pa und seinen verflixten Ansichten«, fügte sie bitter hinzu.

»Amen«, sagte ich nicht ohne Ironie.

»Häh?«

»Nicht wichtig«, sagte ich und winkte ab. »Was hat das damit zu tun, dass du keine Kinder möchtest?«

»Ich will, dass es für mich schön ist«, sagte sie ganz sachlich. »Wenn wir zu der Sache mit dem Schwanz kommen.«

Ich biss mir auf die Innenseite der Unterlippe.

»Ich … äh … würde sagen, das kommt auf Fergus an, aber ich fürchte, ich begreife nicht, was es mit Kindern zu tun hat.«

Marsali warf mir einen argwöhnischen Blick zu – ausnahmsweise ohne Feindseligkeit, sondern eher, als versuchte sie, mich irgendwie einzuschätzen.

»Fergus mag dich«, sagte sie.

»Ich habe ihn auch sehr gern«, erwiderte ich vorsichtig, denn ich war mir nicht sicher, worauf sie hinauswollte. »Ich kenne ihn schon sehr lange, seit seiner Kindheit.«

Sie entspannte sich plötzlich und ließ die schmalen Schultern ein wenig fallen.

»Oh. Dann weißt du wohl darüber Bescheid – wo er zur Welt gekommen ist?«

Plötzlich verstand ich ihren Argwohn.

»Das Bordell in Paris? Ja, ich weiß davon. Dann hat er es dir erzählt?«

Sie nickte. »Aye, das hat er. Vor langer Zeit, beim letzten Hogmanay.« Nun, für eine Fünfzehnjährige war ein Jahr vermutlich eine lange Zeit.