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»Da habe ich ihm gesagt, dass ich ihn liebe«, fuhr sie fort. Ihr Blick war fest auf ihren Rock geheftet, und ihre Wangen liefen zartrosa an. »Und er hat gesagt, er liebt mich auch, aber meine Mutter würde uns niemals ihre Einwilligung geben. Und ich habe gesagt, warum denn nicht, es wäre doch nichts Schlimmes daran, dass er Franzose ist, es könnte doch nicht jeder Schotte sein, und dass ich auch nicht glaube, dass es an seiner Hand liegt – schließlich hätte ja Mr. Murray auch ein Holzbein, und ihn hat Mutter auch gern –, aber dann hat er gesagt, nein, nichts davon, und dann hat er es mir erzählt – von Paris, meine ich, und dass er in einem Bordell geboren wurde und Taschendieb war, bis er Pa begegnet ist.«

Sie hob den Kopf, und ihre hellblauen Augen blickten mich ungläubig an. »Ich glaube, er hatte gedacht, es würde mich stören«, sagte sie staunend. »Er hat versucht zu gehen und hat gesagt, wir könnten uns nicht mehr sehen. Nun ja …«, sie zuckte mit den Schultern und schüttelte sich das blonde Haar aus dem Gesicht. »Ich habe ihn schnell eines Besseren belehrt.« Dann blickte sie mir direkt in die Augen, die Hände auf dem Schoß verschränkt.

»Ich wollte es nicht ansprechen, falls du es nicht ohnehin weißt. Aber da du es weißt … nun, es ist nicht Fergus, um den ich mir Gedanken mache. Er sagt, er weiß, wie es geht, und dass es schön für mich sein wird, wenn wir die ersten ein, zwei Male hinter uns haben. Aber das ist nicht das, was meine Mama mir erzählt hat.«

»Was hat sie dir denn erzählt?«, fragte ich fasziniert.

Zwischen ihren hellen Augenbrauen tauchte eine kleine Falte auf. »Also …«, sagte Marsali langsam, »eigentlich hat sie es nicht ausgesprochen – allerdings hat sie, als ich ihr von Fergus und mir erzählt habe, gesagt, er würde mir schreckliche Dinge antun, weil er unter Huren gelebt hat und seine Mutter eine war –, es war eher so, dass … ihr Verhalten es ausgedrückt hat.«

Ihr Gesicht war jetzt leuchtend rot, und sie hielt den Blick auf ihren Schoß gerichtet, wo sich ihre Finger in den Stoff ihres Rockes krallten. Der Wind schien stärker zu werden; kleine blonde Haarsträhnen hoben sich von ihrem Kopf und wehten sanft im Luftzug des Fensters.

»Als ich zum ersten Mal geblutet habe, hat sie mir gesagt, was ich tun muss und dass es Teil von Evas Fluch ist und ich einfach damit leben muss. Und ich habe gefragt, was Evas Fluch ist? Und sie hat mir aus der Bibel vorgelesen, dass der heilige Paulus schreibt, dass Frauen aufgrund von Evas Taten furchtbare, schmutzige Sünder sind, dass sie aber dennoch erlöst werden können, indem sie leiden und Kinder bekommen.«

»Ich habe noch nie viel von Paulus gehalten«, stellte ich fest, und sie blickte verblüfft auf.

»Aber seine Worte stehen in der Bibel!«, sagte sie schockiert.

»Genau wie eine ganze Reihe anderer Dinge«, sagte ich trocken. »Du kennst doch die Geschichte von Gideon und seiner Tochter? Oder die von dem Mann, der seine Frau von einer Verbrecherbande zu Tode vergewaltigen ließ, damit sie ihn nicht erwischten? Gottes Auserwählte, genau wie der heilige Paulus. Aber bitte erzähle weiter.«

Eine Minute gaffte sie mich an, doch dann schloss sie den Mund und nickte ein wenig verdattert.

»Aye, nun ja. Mutter hat gesagt, es bedeutet, dass ich bald alt genug für die Ehe bin, und wenn ich heiratete, sollte ich nicht vergessen, dass es die Pflicht einer Frau ist zu tun, was ihr Mann will, ob es ihr gefällt oder nicht. Und sie hat so traurig ausgesehen, als sie das gesagt hat … dass ich dachte, was auch immer die Pflicht einer Frau ist, es muss furchtbar sein, und nach dem, was Paulus über das Leiden und das Austragen von Kindern gesagt hat …«

Sie hielt inne und seufzte. Ich saß schweigend da und wartete. Schließlich fuhr sie stockend fort, als fiele es ihr schwer, die richtigen Worte zu finden.

»Ich kann mich nicht an meinen Vater erinnern. Ich war erst drei, als ihn die Engländer mitgenommen haben. Aber als meine Mutter Jamie … Jamie geheiratet hat, war ich alt genug, um zu sehen, wie es zwischen ihnen war.« Sie biss sich auf die Unterlippe; sie war es nicht gewohnt, Jamie bei seinem Namen zu nennen.

»Pa – Jamie meine ich –, er ist ein guter Mensch, glaube ich; zumindest war er immer gut zu Joan und zu mir. Aber ich habe auch gesehen, wie er meiner Mutter die Hand um die Taille legte und versucht hat, sie an sich zu ziehen – und sie vor ihm zurückgewichen ist.« Wieder nagte sie an ihrer Lippe, dann fuhr sie fort.

»Ich konnte sehen, dass sie Angst hatte; sie mochte es nicht, wenn er sie berührte. Aber ich habe nie gesehen, dass er etwas getan hätte, wovor man Angst haben müsste, nicht, wenn wir dabei waren – also dachte ich, es müsste etwas sein, was er tat, wenn sie im Bett waren und allein. Joan und ich haben uns immer gefragt, was es wohl sein könnte; Mama hatte nie blaue Flecken im Gesicht oder auf den Armen, und sie ist auch nicht gehumpelt – nicht wie Magdalen Wallace, die immer von ihrem Mann geschlagen wird, wenn er am Markttag betrunken ist. Also dachten wir nicht, dass Pa sie schlägt.«

Marsali leckte sich über die Lippen, die von der warmen Salzluft ausgetrocknet waren, und ich schob ihr den Wasserkrug hin. Sie bedankte sich mit einem Nicken und schenkte sich einen Becher ein.

»Also dachte ich«, sagte sie, ohne den Blick von dem einströmenden Wasser abzuwenden, »es muss daran liegen, dass Mama Kinder bekommen hat – uns – und wusste, dass es wieder schrecklich werden würde, und dass sie aus Angst nicht mit … mit Jamie ins Bett gehen wollte.«

Sie trank einen Schluck, dann stellte sie den Becher hin und sah mich direkt an. Dabei schob sie herausfordernd das Kinn vor.

»Ich habe dich mit meinem Pa gesehen«, sagte sie. »Nur diesen einen Moment, ehe er mich gesehen hat. Ich … ich glaube, dass du es genossen hast, was er im Bett mit dir gemacht hat.«

Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

»Nun … ja«, sagte ich ein wenig schwach. »Das habe ich.«

Sie grunzte zufriedengestellt. »Mmphm. Und du hast es gern, wenn er dich berührt; das habe ich gesehen. Nun denn. Du hast keine Kinder. Und ich habe gehört, dass es Möglichkeiten für eine Frau gibt zu vermeiden, dass sie Kinder bekommt. Es scheint nur niemand zu wissen, wie es geht, aber wenn du eine weise Frau bist, musst du es ja wissen.«

Sie legte den Kopf zur Seite und betrachtete mich.

»Ich hätte gern ein Baby«, gestand sie, »aber wenn ich dazwischen wählen muss, ein Kind zu bekommen oder Fergus zu lieben, fällt die Wahl auf Fergus. Es wird also kein Kind geben – wenn du mir sagst, wie.«

Ich strich mir die Locken hinter das Ohr und fragte mich, wo in aller Welt ich anfangen sollte.

»Nun«, sagte ich und holte tief Luft, »erst einmal habe ich Kinder.«

Bei diesen Worten bekam sie große Augen.

»Tatsächlich? Weiß Pa – weiß Jamie davon?«

»Natürlich weiß er es«, erwiderte ich gereizt. »Es waren seine Kinder.«

»Ich habe nie etwas davon gehört, dass Pa irgendwelche Kinder hat.« Ihre blassblauen Augen verengten sich argwöhnisch.

»Ich vermute, er war nicht der Meinung, dass es dich etwas angeht«, sagte ich vielleicht ein wenig schärfer als notwendig. »Und es geht dich ja auch nichts an«, fügte ich hinzu, doch sie zog einfach nur die Augenbrauen hoch und blickte weiter argwöhnisch vor sich hin.

»Das erste Baby ist gestorben«, sagte ich und kapitulierte. »In Frankreich. Sie ist dort beerdigt. Meine … meine zweite Tochter ist jetzt erwachsen; sie wurde kurz nach Culloden geboren.«

»Dann hat er sie noch nie gesehen? Seine erwachsene Tochter?«, fragte Marsali langsam und runzelte die Stirn.

Ich schüttelte den Kopf, denn im ersten Moment konnte ich nichts sagen. Ich schien etwas in der Kehle zu haben und griff nach dem Wasser. Marsali schob den Krug zerstreut in meine Richtung und lehnte sich dabei gegen die Schaukelbewegung des Schiffs.

»Das ist sehr traurig«, sagte sie leise vor sich hin. Dann blickte sie zu mir auf, und wieder runzelte sie konzentriert die Stirn, während sie versuchte, sich einen Reim auf das Gehörte zu machen.