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»Mach dir keine Gedanken, Sassenach«, sagte er leise. »Ich komme schon irgendwie zurecht. Aber ich halte es für das Beste, wenn unser Name vorerst Malcolm ist.«

Er tätschelte meine Hand, dann ließ er sie los und trat vor, hoch aufgerichtet und auf alles gefasst. Ich folgte ihm etwas langsamer. Als das Boot beilegte, sah ich, wie Kapitän Raines erstaunt die Augenbrauen hochzog.

»Gott steh uns bei, was ist denn das?«, murmelte er, als ein Kopf über der Reling der Artemis erschien.

Es war ein junger Mann, vielleicht Mitte zwanzig, jedoch mit abgehärmtem Gesicht und hängenden Schultern. Er hatte sich einen Uniformrock, der ihm zu groß war, über ein schmutziges Hemd gezerrt, und er wankte ein wenig, als sich das Deck der Artemis unter ihm hob.

»Ihr seid der Kapitän dieses Schiffs?« Die Augen des Engländers waren rotgerändert vor Müdigkeit, doch er identifizierte Raines auf den ersten Blick inmitten der Horde grimmiger Gesichter. »Ich bin Thomas Leonard, Kapitän der HMS Porpoise. Um Himmels willen«, sagte er mit heiserer Stimme, »habt Ihr einen Arzt an Bord?«

Bei einem Glas Portwein, das man ihm unter Deck argwöhnisch anbot, erklärte Kapitän Leonard, dass die Porpoise Opfer einer ansteckenden Krankheit geworden war, die vor etwa vier Wochen ausgebrochen war.

»Es hat die halbe Besatzung erwischt«, sagte er und wischte sich einen roten Tropfen von den Bartstoppeln am Kinn. »Wir haben bis jetzt dreißig Mann verloren, und es sieht ganz so aus, als sollten es noch viel mehr werden.«

»Ihr habt Euren Kapitän verloren?«, fragte Raines.

Leonards schmales Gesicht errötete leicht. »Der … der Kapitän und die beiden ranghöchsten Leutnants sind letzte Woche gestorben, genau wie der Schiffsarzt und sein Maat. Ich war der Dritte Offizier.« Das erklärte sowohl seine überraschende Jugend als auch seine Nervosität; es hätte jeden in den Grundfesten erschüttert, sich plötzlich als alleiniger Kommandeur eines großen Schiffs mit sechshundert Mann und einer grassierenden Seuche an Bord wiederzufinden.

»Falls Ihr irgendjemanden an Bord habt, der über medizinische Erfahrung verfügt …« Er blickte hoffnungsvoll von Kapitän Raines zu Jamie, der mit leicht gerunzelter Stirn neben dem Schreibtisch stand.

»Ich bin die Schiffsärztin der Artemis, Kapitän Leonard«, sagte ich von der Tür aus. »Was für Symptome haben Eure Männer denn?«

»Ihr?« Der Kopf des jungen Kapitäns fuhr zu mir herum, und er starrte mich an. Sein Kiefer hing offen und zeigte mir die pelzige Zunge und die fleckigen Zähne eines Menschen, der Tabak kaut.

»Meine Frau ist eine Heilerin, wie man sie nicht häufig findet, Kapitän«, sagte Jamie nachsichtig. »Wenn Ihr hier seid, weil Ihr Hilfe sucht, rate ich Euch, ihre Fragen zu beantworten und zu tun, was sie Euch sagt.«

Leonard blinzelte, doch dann holte er tief Luft und nickte. »Ja. Nun, es scheint mit stechenden Bauchkrämpfen anzufangen, dazu furchtbarer Durchfall und Erbrechen. Die betroffenen Männer klagen über Kopfschmerzen, und sie haben hohes Fieber. Sie …«

»Haben einige von ihnen Ausschlag auf dem Bauch?«, unterbrach ich ihn.

Er nickte zustimmend. »Ja. Und manche von ihnen bluten auch aus dem Arsch. Oh, Verzeihung, Ma’am«, sagte er plötzlich verlegen. »Ich wollte nicht respektlos sein; nur dass …«

»Ich glaube, ich weiß, was das sein könnte«, unterbrach ich seine Entschuldigungen. Ein Gefühl der Erregung stieg in mir auf; das Gefühl der zum Greifen nahen Diagnose und der Gewissheit, wie damit zu verfahren war. Wie ein Schlachtross beim Ruf der Fanfaren, dachte ich voll ironischer Belustigung. »Ich müsste sie mir ansehen, um sicherzugehen, aber …«

»Meine Frau wird Euch gern ihren Rat erteilen, Kapitän«, sagte Jamie entschlossen. »Aber sie kann leider nicht an Bord Eures Schiffs gehen.«

»Seid Ihr sicher?« Kapitän Leonard ließ den Blick zwischen uns hin- und herschweifen, und seine Augen waren voll Verzweiflung und Enttäuschung. »Wenn sie nur einen Blick auf meine Besatzung werfen würde …«

»Nein«, sagte Jamie im selben Moment, in dem ich »Ja, natürlich« erwiderte.

Im ersten Moment herrschte betretenes Schweigen. Dann erhob sich Jamie, sagte höflich: »Ihr entschuldigt uns, Kapitän Leonard«, und zerrte mich am Arm aus der Kajüte und durch den Gang in den hinteren Frachtraum.

»Bist du verrückt geworden?«, zischte er, ohne meinen Arm loszulassen. »Du kannst doch nicht ernsthaft darüber nachdenken, auch nur einen Fuß auf ein Schiff zu setzen, das die Pest an Bord hat! Dein Leben zu riskieren und die Besatzung und den Jungen, und das alles wegen eines Haufens Engländer?«

»Es ist nicht die Pest«, sagte ich und versuchte, mich zu befreien. »Und ich würde mein Leben nicht riskieren. Lass meinen Arm los, du verflixter Schotte!«

Er ließ los, blockierte aber die Leiter und sah mich finster an.

»Hör zu«, sagte ich um Geduld bemüht. »Es ist nicht die Pest; ich bin mir so gut wie sicher, dass es Typhus ist – des Ausschlags wegen. Das kann ich nicht bekommen; ich bin dagegen geimpft.«

Zweifel huschten über sein Gesicht hinweg. Trotz meiner Erklärungen neigte er nach wie vor dazu, Bakterien und Impfungen auf einer Stufe mit schwarzer Magie zu betrachten.

»Aye?«, sagte er skeptisch. »Nun, das mag ja sein, aber trotzdem …«

»Hör zu«, sagte ich und suchte nach Worten. »Ich bin Ärztin. Sie sind krank, und ich kann etwas dagegen tun. Ich … es ist … also, ich muss es tun, das ist alles!«

Ihrer Wirkung nach schien es diesen Worten an Eloquenz zu mangeln. Jamie lud mich mit hochgezogener Augenbraue ein fortzufahren.

Ich holte tief Luft. Wie sollte ich es erklären – das Bedürfnis zu berühren, den Drang zu heilen? Frank hatte es auf seine Weise verstanden. Es musste doch möglich sein, es Jamie begreiflich zu machen.

»Ich habe einen Eid abgelegt«, sagte ich. »Als ich Ärztin geworden bin.«

Auch die zweite Augenbraue hob sich. »Einen Eid?«, wiederholte er. »Was denn für einen Eid?«

Ich hatte ihn nur das eine Mal laut gesprochen. Dennoch, ich hatte ihn eingerahmt in meinem Büro hängen gehabt; ein Geschenk von Frank zu meinem Abschluss. Ich schluckte den kleinen Kloß im Hals herunter und las von dem Blatt vor meinem inneren Auge ab, was ich noch im Gedächtnis hatte.

»Ich schwöre, Apollon den Arzt und Asklepios und Hygieia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen anrufend, dass ich nach bestem Vermögen und Urteil diesen Eid und diese Verpflichtung erfüllen werde: Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht. Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten. Heilig und rein werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren. Welche Häuser ich betreten werde, ich will zu Nutz und Frommen der Kranken eintreten, mich enthalten jedes willkürlichen Unrechtes und jeder anderen Schädigung, auch aller Werke der Wollust an den Leibern von Frauen und Männern, Freien und Sklaven. Was ich bei der Behandlung sehe oder höre oder auch außerhalb der Behandlung im Leben der Menschen, werde ich, soweit man es nicht ausplaudern darf, verschweigen und solches als ein Geheimnis betrachten. Wenn ich nun diesen Eid erfülle und nicht verletze, möge mir im Leben und in der Kunst Erfolg zuteilwerden und Ruhm bei allen Menschen bis in ewige Zeiten; wenn ich ihn übertrete und meineidig werde, das Gegenteil

Als ich die Augen öffnete, blickte er nachdenklich auf mich hinunter. »Äh … Teile davon sind reine Tradition«, erklärte ich.

Sein Mundwinkel zuckte sacht. »Ich verstehe«, sagte er. »Nun, der Anfang klingt ein wenig heidnisch, aber die Stelle, an der du sagst, dass du niemanden verführen wirst, gefällt mir.«