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»Also schön«, sagte ich mit einem Seufzer. »Schickt mir für den Anfang ein Dutzend gesunde Besatzungsmitglieder.«

Ich kletterte auf das Quarterdeck, trat an die Reling und winkte Jamie zu, der am Steuerrad der Artemis stand und nach oben blickte. Trotz der Entfernung konnte ich sein Gesicht deutlich sehen; es war sorgenvoll, entspannte sich aber zu einem breiten Grinsen, als er mich sah.

»Kommst du jetzt zurück?«, rief er und benutzte die Hände als Trichter.

»Noch nicht!«, rief ich zurück. »Ich brauche zwei Stunden!« Ich hielt zwei Finger hoch, um meine Worte zu illustrieren, falls er mich nicht verstanden hatte. Dann trat ich von der Reling zurück, sah aber noch, wie das Lächeln aus seinem Gesicht verschwand. Er hatte mich gehört.

Ich sorgte dafür, dass man die Kranken auf das Achterdeck brachte, und ein Trupp Matrosen machte sich daran, sie ihrer verdreckten Kleider zu entledigen und sie mit Meerwasser aus den Pumpen abzuwaschen. Ich stand in der Kombüse und unterwies den Koch und seine Helfer in den nötigen Vorsichtsmaßnahmen im Umgang mit den Nahrungsmitteln, als ich die Bewegung des Decks unter meinen Füßen spürte.

Der Koch, mit dem ich gerade sprach, streckte die Hand aus und ließ den Riegel der Schranktür hinter sich zuschnappen. Mit größter Eile packte er einen losen Topf, der vom Regal hüpfte, schob einen großen Schinken am Spieß in einen Unterschrank und fuhr herum, um einen Deckel auf den kochenden Topf über dem Kombüsenfeuer zu knallen.

Erstaunt starrte ich ihn an. Ich hatte schon gesehen, wie Murphy genau dasselbe seltsame Ballett vollführte, wenn die Artemis die Segel setzte oder abrupt den Kurs wechselte.

»Was …«, sagte ich, doch dann brach ich die Frage ab und begab mich zum Quarterdeck, so schnell mich meine Füße trugen. Wir fuhren; obwohl die Porpoise so groß und massiv war, konnte ich die Vibration spüren, die den Kiel durchlief, als sich das Schiff in den Wind legte.

Als ich auf das Deck hinausstürmte, sah ich über mir eine Wolke geblähter Segel, und die Artemis fiel mit großer Geschwindigkeit hinter uns zurück. Kapitän Leonard stand neben dem Steuermann und sah sich nach der Artemis um, während dieser den Männern in der Takelage seine Kommandos zurief.

»Was macht Ihr hier?«, rief ich. »Verflixter kleiner Mistkerl, was geht hier vor?«

Der Kapitän blickte mich sichtlich verlegen an, biss jedoch stur die Zähne zusammen.

»Wir müssen nach Jamaica, so schnell es geht«, sagte er. Seine Wangen waren bereits vom rauschenden Meereswind rot gefleckt, sonst wäre er womöglich errötet. »Es tut mir leid, Mrs. Malcolm – ich bedaure die Notwendigkeit wirklich sehr, aber …«

»Kein Aber!«, sagte ich außer mir. »Haltet an! Dreht bei! Werft den verdammten Anker! Ihr könnt mich doch nicht einfach so mitnehmen!«

»Ich bedaure die Notwendigkeit«, wiederholte er hartnäckig. »Aber ich glaube, dass wir dringend Eurer fortgesetzten Dienste bedürfen, Mrs. Malcolm. Keine Sorge«, sagte er um eine Souveränität bemüht, die ihm nicht gelingen wollte. Er streckte die Hand aus, als wollte er mir auf die Schulter klopfen, überlegte es sich dann jedoch anders. Seine Hand sank an seine Seite.

»Ich habe Eurem Gemahl versprochen, dass Euch die Marine auf Jamaica ein Quartier zur Verfügung stellen wird, bis die Artemis dort eintrifft.«

Er zuckte zurück, als er meine Miene sah, weil er anscheinend fürchtete, dass ich mich auf ihn stürzen könnte – und das nicht ohne Grund.

»Wie meint Ihr das, Ihr habt es meinem Mann versprochen?«, sagte ich zähneknirschend. »Wollt Ihr damit sagen, dass J–, dass Euch Mr. Malcolm gestattet hat, mich zu entführen?«

»Äh … nein. Nein, das hat er nicht.« Der Kapitän schien dieses Gespräch furchtbar lästig zu finden. Er zog sich ein schmutziges Taschentuch aus dem Rock und wischte sich über Stirn und Nacken. »Er war leider äußerst unnachgiebig.«

»Unnachgiebig, wie? Nun, das bin ich auch!« Ich stampfte mit dem Fuß auf und zielte nach seinen Zehen, die ich nur deshalb verfehlte, weil er behende rückwärtssprang. »Wenn Ihr erwartet, dass ich Euch helfe, Ihr verdammter Entführer, denkt besser noch einmal nach!«

Der Kapitän steckte sein Taschentuch ein und schob das Kinn vor. »Mrs. Malcolm. Ihr zwingt mich, Euch dasselbe zu sagen wie Eurem Mann. Die Artemis segelt zwar unter französischer Flagge und mit französischen Papieren, doch ihre Besatzung besteht mehr als zur Hälfte aus Engländern oder Schotten. Ich hätte diese Männer hier in den Dienst pressen können – und ich könnte sie dringend brauchen. Stattdessen habe ich mich einverstanden erklärt, sie unbehelligt zu lassen, als Gegenleistung für die Gabe Eures medizinischen Wissens.«

»Ihr habt also stattdessen beschlossen, mich in Euren Dienst zu pressen. Und mein Mann war mit diesem … diesem Handel einverstanden?«

»Nein, das war er nicht«, sagte der junge Mann ziemlich trocken. »Der Kapitän der Artemis allerdings hat sich überzeugen lassen.« Er sah mich blinzelnd an; seine Augen waren geschwollen von tagelanger Schlaflosigkeit, und der übergroße Rock umflatterte seinen Oberkörper. Trotz seiner Jugend und seiner schlampigen Erscheinung besaß er ein beträchtliches Maß an Würde.

»Ich muss Euch um Verzeihung für etwas bitten, was Euch wie der Gipfel der Unhöflichkeit erscheinen muss, Mrs. Malcolm – aber die Wahrheit lautet, dass ich verzweifelt bin«, sagte er schlicht. »Ihr seid möglicherweise unsere einzige Chance. Ich muss sie nutzen.«

Ich öffnete den Mund, um zu antworten, doch dann schloss ich ihn. Trotz meiner Wut – und meiner tiefen Beklommenheit in Erwartung dessen, was Jamie wohl sagen würde, wenn ich ihn wiedersah –, empfand ich Mitgefühl mit seiner Lage. Es war absolut wahr, dass er ohne Hilfe Gefahr lief, den Großteil seiner Besatzung zu verlieren. Selbst mit meiner Hilfe würden wir noch Männer verlieren – doch das war etwas, worüber ich lieber nicht nachdachte.

»Also schön«, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen. »Also … schön!« Ich warf über die Reling hinweg einen Blick auf die schrumpfenden Segel der Artemis. Ich wurde zwar normalerweise nicht seekrank, doch ich empfand ein dumpfes Gefühl in der Magengrube, als das Schiff – und Jamie – zurückfiel. »Anscheinend habe ich ja keine große Wahl. Wenn Ihr so viele Männer wie möglich entbehren würdet, um das Zwischendeck zu schrubben – oh, und habt Ihr Alkohol an Bord?«

Er sah etwas überrascht aus. »Alkohol? Nun, wir haben den Rum für den Grog der Männer, und vermutlich lagern wir auch Wein in der Waffenkammer. Reicht Euch das?«

»Wenn es das ist, was Ihr habt, muss es reichen.« Ich versuchte, meine eigenen Gefühle zu verdrängen, um mich ganz mit der Situation zu befassen. »Ich werde mich wohl mit dem Proviantmeister unterhalten müssen.«

»Ja, natürlich. Kommt mit mir.« Leonard bewegte sich auf die Leiter zu, die unter Deck führte, dann hielt er errötend inne und bedeutete mir verlegen vorzugehen – womöglich entblößte ich noch beim Hinuntersteigen unsittlich meine unteren Extremitäten. Ich biss mir mit einer Mischung aus Wut und Belustigung auf die Unterlippe und ging auf die Leiter zu.

Ich war gerade unten angekommen, als ich über mir eine Auseinandersetzung hörte.

»Nein, ich sag dir doch, der Kapitän darf nicht gestört werden! Was auch immer du zu sagen hast, muss …«

»Lass mich los! Ich sage dir, wenn du mich nicht sofort mit ihm sprechen lässt, ist es zu spät!«

Und dann Leonards Stimme, plötzlich scharf, als er sich den Störenfrieden zuwandte. »Stevens? Was ist denn? Was ist los?«