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»Nicht wichtig, Sir«, sagte die erste Stimme plötzlich unterwürfig. »Nur dass sich Tompkins hier sicher ist, dass er den Kerl kennt, der auf diesem Schiff war – den Hünen mit den roten Haaren. Er sagt …«

»Ich habe keine Zeit«, sagte der Kapitän kurz angebunden. »Erzählt es dem Maat, Tompkins, und ich kümmere mich später darum.«

Zu diesem Zeitpunkt war ich natürlich schon wieder auf halbem Weg die Leiter hinauf und hörte mit großen Ohren zu.

Die Luke verdunkelte sich, als Kapitän Leonard rückwärts die Leiter herunterzusteigen begann. Der junge Mann sah mich scharf an, doch ich hielt mein Gesicht bewusst von jedem Ausdruck frei und sagte nur: »Habt Ihr noch viel Proviant, Kapitän? Die Kranken müssen mit großer Sorgfalt ernährt werden. Ich gehe davon aus, dass es keine Milch an Bord gibt, aber …«

»Oh, wir haben Milch«, sagte er plötzlich fröhlicher. »Wir haben nämlich sechs Milchziegen. Die Frau des Kanoniers, Mrs. Johansen, kümmert sich ganz wunderbar um sie. Ich schicke sie nach unserem Gespräch mit dem Proviantmeister zu Euch.«

Mit knappen Worten stellte Kapitän Leonard mich Mr. Overholt, dem Proviantmeister, vor, und entfernte sich dann mit der Ermahnung, dass man mir auf jede mögliche Weise zu Diensten sein sollte. Mr. Overholt, ein kleiner, dicker Mann mit einer glänzenden Glatze blinzelte mir aus dem tiefen Kragen seines Rockes entgegen wie eine zu klein geratene Ausgabe von Humpty-Dumpty. Er murmelte unglücklich vor sich hin, wie knapp die Vorräte gegen Ende der Fahrt wurden und wie unglücklich das alles doch war, doch ich hörte ihm kaum zu. Ich war viel zu erregt damit beschäftigt, mir Gedanken über das Gehörte zu machen.

Wer war dieser Tompkins? Ich kannte seine Stimme nicht, und ich war mir auch sicher, dass ich den Namen noch nie gehört hatte. Wichtiger jedoch, was wusste er über Jamie? Und was würde Kapitän Leonard wohl mit diesem Wissen anfangen? Im Moment blieb mir nichts anderes übrig, als meine Ungeduld zu zügeln und mit der Hälfte meines Hirns, die nicht mit fruchtlosen Spekulationen beschäftigt war, im Gespräch mit Mr. Overholt herauszufinden, was uns für die Krankenspeisung zur Verfügung stand.

Nicht viel, wie sich herausstellte.

»Nein, sie können auf keinen Fall Pökelfleisch essen«, sagte ich entschlossen. »Und auch noch keinen Schiffszwieback, obwohl er vielleicht in Frage kommt, wenn sie sich zu erholen beginnen und wir ihn in abgekochter Milch einweichen. Wenn Ihr ihn vorher von den Maden befreit«, fügte ich noch hinzu.

»Fisch«, schlug Mr. Overholt in hoffnungslosem Tonfall vor. »Wir begegnen oft großen Makrelen- oder sogar Thunfisch-Schwärmen, wenn wir uns der Karibik nähern. Manchmal haben die Männer Glück, wenn sie mit Schnüren fischen.«

»Das könnte vielleicht gehen«, sagte ich geistesabwesend. »Im Anfangsstadium reichen gekochte Milch und Wasser, aber wenn sich die Männer zu erholen beginnen, sollten sie etwas Leichtes, Nahrhaftes zu sich nehmen – Suppe zum Beispiel. Ich nehme an, wir könnten Fischsuppe kochen. Es sei denn, Ihr hättet etwas anderes, was sich eignen würde?«

»Nun …« Mr. Overholt sah zutiefst beklommen aus. »Es gibt eine kleine Menge getrocknete Feigen, zehn Pfund Zucker, etwas Kaffee, ein paar Neapolitanerplätzchen und ein großes Fass Madeira, aber das können wir natürlich nicht benutzen.«

»Warum denn nicht?« Ich starrte ihn an, und er trat beklommen von einem Bein auf das andere.

»Nun, diese Vorräte sind für unseren Passagier gedacht«, sagte er.

»Was denn für ein Passagier?«, fragte ich verständnislos.

Mr. Overholt sah mich überrascht an. »Hat Euch der Kapitän das nicht gesagt? Wir haben den neuen Gouverneur der Insel Jamaica an Bord. Das ist der Grund – nun, ein Grund«, verbesserte er sich und betupfte sich nervös die Glatze mit einem Taschentuch, »für unsere Eile.«

»Wenn er nicht krank ist, kann der Gouverneur Pökelfleisch essen«, sagte ich entschlossen. »Das tut ihm gewiss gut. Wenn Ihr jetzt den Wein in die Kombüse bringen lassen würdet, ich habe zu tun.«

Mit einem der verbleibenden Seekadetten, einem kurzgewachsenen, kräftigen Jungen namens Pound, an meiner Seite unternahm ich einen hastigen Rundgang über das Schiff und verfügte gnadenlos über Mensch und Material. Pound, der neben mir hertrottete wie eine kleine, bissige Bulldogge, teilte sämtlichen überraschten, mürrischen Köchen, Zimmerleuten, Segelmachern, Frachtarbeitern und Mitgliedern der Putzkolonne mit, dass all meinen Wünschen – ganz gleich, wie unvernünftig – auf Befehl des Kapitäns unverzüglich Folge zu leisten war.

Quarantäne war das Wichtigste. Sobald das Zwischendeck fertig geschrubbt und gelüftet war, würde man die Patienten wieder hinuntertragen müssen, wobei ihre Hängematten jedoch mit reichlich Abstand neu aufzuhängen waren – die nicht betroffene Besatzung würde an Deck schlafen müssen – und für ausreichende Toiletten zu sorgen war. Ich hatte in der Kombüse zwei große Kessel gesehen, die ich für geeignet hielt. Ich setzte eine rasche Notiz auf die Liste in meinem Kopf und hoffte, dass der Chefkoch nicht so besitzergreifend an seinen Kochgefäßen hing, wie es Murphy tat.

Ich folgte Pounds rundem Kopf mit den kurzgeschnittenen Locken hinunter in den Frachtraum, wo wir nach gebrauchten Segeln suchten, die sich zu Lappen verarbeiten ließen. Ich war nur mit halbem Kopf bei meiner Liste; die andere Hälfte dachte über die mögliche Ursache des Typhusausbruchs nach. Die Krankheit, die durch eine Salmonellenart verursacht wurde, breitete sich normalerweise über den Verdauungstrakt aus und wurde über urin- oder kotverschmutzte Hände weitergetragen.

Angesichts der Hygienegewohnheiten von Seeleuten konnte jeder Mann an Bord der Überträger der Krankheit sein. Am wahrscheinlichsten jedoch war es jemand, der in der Küche arbeitete, wenn man die plötzliche und weitreichende Natur des Ausbruchs betrachtete – der Koch, einer seiner beiden Maate oder möglicherweise einer der Stewards. Ich würde herausfinden müssen, wie viele es davon gab, in welchen Messen sie auftischten und ob jemand in den letzten vier Wochen den Dienst gewechselt hatte – nein, fünf Wochen, verbesserte ich mich. Die Krankheit war vor vier Wochen ausgebrochen, doch ich durfte die Inkubationszeit nicht vergessen.

»Mr. Pound?«, rief ich, und am Fuß der Leiter blickte sein rundes Gesicht zu mir auf.

»Ja, Ma’am?«

»Mr. Pound – wie heißt Ihr eigentlich mit Vornamen?«, fragte ich.

»Elias, Ma’am«, sagte er mit etwas verwunderter Miene.

»Macht es Euch etwas aus, wenn ich Euch so nenne?« Ich nahm unten die letzte Sprosse der Leiter und lächelte ihn an. Zögernd erwiderte er das Lächeln.

»Äh … nein, Ma’am. Es könnte aber sein, dass es den Kapitän stört«, fügte er vorsichtig hinzu. »So etwas gehört sich bei der Marine nicht, wisst Ihr.«

Elias Pound konnte höchstens siebzehn oder achtzehn sein; ich bezweifelte, dass Kapitän Leonard mehr als fünf oder sechs Jahre älter war. Dennoch, Protokoll war Protokoll.

»Ich werde in der Öffentlichkeit der Marine alle Ehre machen«, sagte ich und verkniff mir ein Lächeln. »Aber wenn wir zusammenarbeiten, wird es einfacher sein, wenn ich Euch beim Vornamen nenne.« Im Unterschied zu ihm wusste ich, was vor uns lag – Stunden, Tage, möglicherweise Wochen der Arbeit und Erschöpfung, in denen alles verschwimmen und nur die Gewohnheit und der blinde Instinkt – und die Überzeugungskraft eines unermüdlichen Anführers – all diejenigen auf den Beinen halten würden, die für die Kranken sorgten.

Ich war zwar alles andere als unermüdlich, doch ich würde zumindest den Eindruck erwecken müssen. Mit der Hilfe von zwei oder drei anderen war das zu schaffen; ich würde sie lehren müssen, meine Augen und Hände zu ersetzen und weiterzumachen, wenn ich mich ausruhen musste. Das Schicksal – und Kapitän Leonard – hatte Elias Pound zu meiner neuen rechten Hand bestimmt; am besten stellte ich sofort ein Vertrauensverhältnis her.

»Wie lange fahrt Ihr schon zur See, Elias?«, fragte ich und blieb stehen, um ihm nachzublicken, während er sich unter einer niedrigen Plattform hindurchduckte, auf der eine übelriechende Kette in großen Schlingen zusammengerollt lag. Jedes Kettenglied war mehr als doppelt so groß wie meine Faust. Die Ankerkette?, fragte ich mich und berührte sie neugierig. Sie sah aus, als könnte man die Queen Elizabeth damit verankern, ein Gedanke, der mir tröstlich erschien.