»Seit ich sieben war, Ma’am«, sagte er und kam rückwärts wieder auf mich zu. Er zog eine große Truhe hinter sich her. Als er sich aufrichtete, keuchte er vor Anstrengung und wischte sich das runde, treuherzige Gesicht. »Mein Onkel kommandiert die Triton und hat mir dort einen Platz besorgt. Ich fahre zum ersten Mal auf der Porpoise mit, habe in Edinburgh angeheuert.« Er klappte die Truhe auf, so dass eine Ansammlung rostfleckiger Chirurgenwerkzeuge zum Vorschein kam – zumindest hoffte ich, dass es Rost war – und eine bunte Mischung verschlossener Flaschen und Gläser. Eins der Gläser hatte einen Sprung, und feiner weißer Gipsstaub hatte sich über die ganze Truhe gelegt.
»Das ist das, was Mr. Hunter, der Schiffsarzt, dabeihatte, Ma’am«, sagte er. »Könnt Ihr es brauchen?«
»Weiß der Himmel«, sagte ich und sah mir die Truhe näher an. »Aber ich schaue es mir an. Aber bittet jemand anderen, die Truhe zum Krankendeck zu tragen, Elias. Ihr müsst mit mir kommen und ein ernstes Wort mit dem Koch reden.«
Während ich die Reinigung des Zwischendecks mit kochendem Meerwasser beaufsichtigte, befasste sich mein Kopf mit mehreren unterschiedlichen Gedankengängen.
Erstens legte ich mir im Geiste die notwendigen Schritte zur Bekämpfung der Krankheit zurecht. Zwei Männer, die schon zu weit dehydriert und entkräftet waren, waren gestorben, während man sie aus dem Zwischendeck trug, und lagen jetzt am hinteren Ende des Achterdecks, wo der Segelmacher sie dienstbeflissen für die Bestattung in ihre Hängematten einnähte und an den Füßen jeweils eine Kanonenkugel mit in die Hülle legte. Vier weitere würden die Nacht nicht überleben. Die Chancen der restlichen fünfundvierzig standen von hervorragend bis verschwindend; mit Glück und Können würde ich vielleicht die meisten retten. Doch wie viele Fälle brütete der Rest der Besatzung noch unentdeckt aus?
In der Kombüse kochten auf meine Anweisung riesige Wassermengen; heißes Meerwasser zum Putzen, abgekochtes Süßwasser zum Trinken. Ich setzte ein weiteres Feld zum Abhaken auf meine geistige Liste; ich musste Mrs. Johansen aufsuchen, die Herrin der Milchziegen, und dafür sorgen, dass auch die Milch sterilisiert wurde.
Ich musste die Kombüsenhelfer befragen; wenn sich ein konkreter Infektionsherd finden und isolieren ließ, würde das sehr dabei helfen, der Ausbreitung der Krankheit Einhalt zu gebieten. Noch ein Häkchen.
Zu Mr. Overholts tiefem Grauen wurde der gesamte auf dem Schiff verfügbare Alkohol im Krankendeck zusammengetragen. Ich konnte ihn zwar in der vorliegenden Form benutzen, doch es würde besser sein, reinen Alkohol zu haben. Ließ sich eine Methode zur Destillation finden? Mit dem Proviantmeister besprechen. Noch ein Häkchen.
Sämtliche Hängematten mussten ausgekocht und getrocknet werden, ehe die gesunden Seeleute darin schliefen. Das musste schnell geschehen, ehe die nächste Wache schlafen ging. Am besten ließ ich Elias einige Männer der Putzkolonne holen; ihnen lag der Wäschereidienst vermutlich am ehesten. Noch ein Häkchen.
Unter der wachsenden geistigen Aufgabenliste drängten sich vage, aber fortgesetzte Gedanken an den mysteriösen Tompkins und sein unbekanntes Wissen. Was auch immer es war, es hatte nicht zur Folge gehabt, dass wir den Kurs wechselten, um zur Artemis zurückzukehren. Entweder hatte Kapitän Leonard es nicht ernst genommen, oder er hatte es schlicht so eilig, nach Jamaica zu kommen, dass er sich durch nichts davon abhalten ließ.
Ich war einen Moment an der Reling stehen geblieben, um meine Gedanken zu sortieren. Ich schob mir das Haar aus der Stirn und hob das Gesicht in den reinigenden Wind, damit er den Gestank der Krankheit fortwehte. Aus einer Luke in meiner Nähe stiegen übelriechende Dampfwölkchen auf, weil unten mit heißem Wasser geputzt wurde. Es würde unten zwar besser sein, wenn sie dort fertig waren, aber mit frischer Luft würde es nicht zu vergleichen sein.
Ich blickte über die Reling hinaus und hoffte vergeblich darauf, ein Segel zu sehen, doch die Porpoise war allein, die Artemis – und Jamie – weit hinter uns.
Ich kämpfte den plötzlichen Ansturm der Einsamkeit und Panik nieder. Ich musste bald mit Kapitän Leonard sprechen. Die Antworten auf mindestens zwei meiner Probleme lagen bei ihm; der mögliche Ursprung des Typhusausbruchs – und die Rolle, die der unbekannte Mr. Tompkins für Jamie spielte. Doch im Moment gab es Dringenderes zu tun.
»Elias!«, rief ich, denn ich wusste, dass er irgendwo in Hörweite sein würde. »Bitte bringt mich zu Mrs. Johansen und den Ziegen.«
Kapitel 47
Und hatten die Pest an Bord
Zwei Tage später hatte ich immer noch keine Zeit gefunden, mit Kapitän Leonard zu reden. Zweimal hatte ich seine Kajüte aufgesucht, doch der junge Kapitän war entweder fort oder nicht zu sprechen gewesen – er bestimmte unsere Position, wie man mir mitteilte, oder studierte die Seekarten oder war mit anderen Besonderheiten der Seefahrt beschäftigt.
Mr. Overholt war dazu übergangen, mir und meinen unersättlichen Forderungen aus dem Weg zu gehen, indem er sich in seiner Kajüte einschloss und sich zum Schutz vor der Krankheit ein Duftgefäß mit getrocknetem Salbei und Ysop um den Hals hängte. Die einsatzfähigen Besatzungsmitglieder, die dazu eingeteilt worden waren, das Schiff zu reinigen und die Kranken zu transportieren, waren zunächst antriebslos und skeptisch gewesen, doch ich hatte sie bedrängt und beschimpft, sie finster angeblickt und angebrüllt und war kreischend mit dem Fuß aufgestampft, bis sie sich allmählich in Bewegung setzten. Ich kam mir eher wie ein Schäferhund als wie eine Ärztin vor – ich hatte so lange knurrend nach ihren Fersen geschnappt, dass ich jetzt heiser war vor Anstrengung.
Doch es funktionierte; unter der Besatzung breitete sich neue Hoffnung aus und das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun – ich konnte es spüren. Vier neue Todesfälle, und zehn neue Krankmeldungen, doch die stöhnenden Schmerzenslaute aus dem Zwischendeck hatten deutlich nachgelassen, und die Gesichter der noch Gesunden drückten jene Erleichterung aus, die daher kommt, dass man etwas tut – und wenn es irgendetwas ist. Bis jetzt war es mir nicht gelungen, den Krankheitsherd zu finden. Wenn mir das gelang und ich neue Ansteckungen verhindern konnte, würde ich – möglicherweise – imstande sein, die Katastrophe im Lauf einer Woche zu beenden, solange die Porpoise noch genügend Männer hatte, die sie in Fahrt hielten.
Eine rasche Überprüfung der überlebenden Besatzungsmitglieder hatte zwei Männer ans Licht gebracht, die im Gefängnis in den Dienst gepresst worden waren, wo sie wegen illegaler Alkoholherstellung eingesessen hatten. Ich hatte mich dankbar auf sie gestürzt und ihnen die Aufgabe gestellt, eine Destille zu konstruieren, in welcher – zum Entsetzen der Mannschaft – der halbe Rumvorrat des Schiffs zu reinem Alkohol zur Desinfektion destilliert wurde.
Ich hatte einen der überlebenden Kadetten am Eingang des Krankendecks und einen vor der Kombüse postiert und beide mit einer Schüssel reinem Alkohol und der Anweisung ausgestattet, dafür zu sorgen, dass niemand hineinging oder herauskam, ohne seine Hände einzutauchen. Neben jedem Kadetten stand ein Marinesoldat mit seinem Gewehr, der darauf zu achten hatte, dass niemand den Inhalt des Fasses trank, in welches der Alkohol geschüttet wurde, wenn er zu verschmutzt war, um ihn weiter zu benutzen.
In Mrs. Johansen, der Frau des Kanoniers, hatte ich eine unerwartete Verbündete gefunden. Sie war eine intelligente Frau Mitte dreißig, die – obwohl sie nur ein paar Worte Englisch radebrechte und ich überhaupt kein Schwedisch sprach – verstand, was ich wollte, und es tat.