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Er brauchte unbedingt Hilfe, hatte er gesagt. Nun, er hatte recht, und ich war diese Hilfe. Ich holte tief Luft und malte mir das Chaos aus, das ich im Krankendeck zurückgelassen hatte. Es lag an mir, an mir allein, das Beste daraus zu machen.

Kapitän Leonard hatte das Logbuch offen auf dem Schreibtisch liegengelassen; sein Eintrag war halb fertig. Die Seite hatte einen kleinen feuchten Fleck; im Schlaf war ihm ein Tropfen Speichel aus dem Mund gelaufen. Plötzlich von gereiztem Mitleid überwältigt, blätterte ich um, weil ich dieses zusätzliche Anzeichen seiner Verletzlichkeit verstecken wollte.

Mein Blick fiel auf ein Wort auf der neuen Seite, und ich hielt inne. Es lief mir kalt über den Rücken, weil mir etwas einfiel. Als ich ihn so überraschend geweckt hatte, war der Kapitän aufgefahren, hatte mich gesehen und »Mrs. Fras–« gesagt, ehe er sich fing. Und der Name vor mir auf der Seite, das Wort, das meine Aufmerksamkeit erregt hatte, war »Fraser«. Er wusste, wer ich war – und wer Jamie war.

Hastig erhob ich mich, schloss die Tür und schob den Riegel vor. So würde ich zumindest gewarnt sein, falls jemand kam. Dann setzte ich mich an den Schreibtisch des Kapitäns, drückte die Seiten flach und begann zu lesen.

Ich blätterte rückwärts, bis ich den Eintrag über die Begegnung mit der Artemis vor drei Tagen fand. Kapitän Leonards Einträge unterschieden sich deutlich von denen seines Vorgängers, und meistens waren sie sehr kurz – kein Wunder, wenn man bedachte, wie viel er in jüngster Zeit um die Ohren gehabt hatte. Die meisten Einträge enthielten nur die üblichen Navigationsangaben und eine kurze Erwähnung der Männer, die seit dem vergangenen Tag gestorben waren. Die Begegnung mit der Artemis war jedoch notiert, ebenso wie meine Gegenwart.

3. Februar 1767. Gegen acht Glasen der Artemis begegnet, einem kleinen Zweimaster unter französischer Flagge. Haben sie angerufen und Schiffsarzt C. Malcolm an Bord geholt, um bei den Kranken zu helfen.

C. Malcolm, wie? Kein Wort davon, dass ich eine Frau war; möglich, dass er es für irrelevant hielt oder dass er es vermeiden wollte, dass man die Angemessenheit seines Tuns in Frage stellte. Ich wechselte zum nächsten Eintrag.

4. Februar 1767. Ich habe heute von Harry Tompkins, Matrose, die Information erhalten, dass ihm der Supercargo der Brigantine Artemis unter dem Namen James Fraser bekannt ist, alias Jamie Roy und Alexander Malcolm. Dieser Fraser ist ein Aufwiegler und berüchtigter Schmuggler, auf dessen Ergreifung die Königliche Zollbehörde eine beträchtliche Belohnung ausgesetzt hat. Ich erfuhr dies erst von Tompkins, nachdem wir die Artemis hinter uns gelassen hatten; ich hielt es nicht für angebracht, der Artemis nachzusetzen, da wir die Order haben, uns mit größtmöglicher Eile nach Jamaica zu begeben, unseres Passagiers wegen. Da ich jedoch versprochen habe, der Artemis dort ihren Schiffsarzt zurückzugeben, könnte es möglich sein, Fraser dort zu ergreifen.

Zwei Männer an der Krankheit gestorben – bei welcher es sich nach C. Malcolms Auskunft um Typhus handelt. Jno. Jaspers, Matrose, DD, Harty Kepple, Kombüsenmaat, DD.

Das war alles, der Eintrag des nächsten Tages beschränkte sich einzig auf unsere Position und die Niederschrift von sechs Todesfällen, neben deren Namen jeweils »DD« notiert war. Ich fragte mich, was das bedeutete, war aber zu abgelenkt, um mir Gedanken darüber zu machen.

Ich hörte Schritte durch den Gang kommen, und es gelang mir gerade noch, den Riegel zu öffnen, ehe das Klopfen des Proviantmeisters an der Tür ertönte. Ich hörte Mr. Overholts Entschuldigungen kaum; mein Kopf war zu sehr damit beschäftigt, sich einen Reim auf diese neue Entdeckung zu machen.

Wer in Dreiteufelsnamen war dieser verdammte Tompkins? Ich war mir sicher, dass ich ihm noch nie begegnet oder von ihm gehört hatte, und doch wusste er offensichtlich eine gefährliche Menge über Jamie. Was zwei Fragen nach sich zog: Wie war ein englischer Seemann an dieses Wissen gelangt – und wer besaß es sonst noch?

»… den Grog noch weiter rationiere, kann ich Euch noch ein Fass Rum geben«, sagte Mr. Overholt skeptisch. »Es wird den Männern nicht gefallen, aber wir könnten es schaffen; es sind ja nur noch zwei Wochen bis Jamaica.«

»Ob es ihnen gefällt oder nicht, ich brauche den Alkohol dringender als sie den Grog«, antwortete ich schroff. »Wenn sie sich zu sehr beklagen, sagt ihnen, wenn ich den Rum nicht bekomme, wird es möglicherweise keiner von ihnen bis nach Jamaica schaffen

Mr. Overholt seufzte und wischte sich die Schweißperlen von der glänzenden Stirn.

»Ich sage es ihnen, Ma’am«, sagte er, zu niedergeschlagen, um zu widersprechen.

»Gut. Oh, Mr. Overholt?« Er wandte sich mit fragender Miene um. »Was bedeutet die Legende ›DD‹? Ich habe gesehen, wie der Kapitän es in sein Logbuch geschrieben hat.«

Ein Hauch von Humor flackerte in den tief eingesunkenen Augen des Proviantmeisters auf.

»Es bedeutet ›Dienstentlassen, Dahingeschieden‹, Ma’am«, erwiderte er. »Für die meisten von uns der einzige Weg, die Marine Seiner Majestät zu verlassen.«

Während ich das Waschen der Kranken und ihre unablässige Versorgung mit gesüßtem Wasser und gekochter Milch beaufsichtigte, befassten sich meine Gedanken weiter mit dem Problem des mysteriösen Tompkins.

Das Einzige, was mir von dem Mann bekannt war, war seine Stimme. Möglich, dass er zu der gesichtslosen Horde zählte, deren Umrisse ich in der Takelage sah, wenn ich an Deck kam, um Luft zu schnappen, oder zu den anonymen Gestalten, die über die Decks hasteten und sich vergeblich mühten, allein die Arbeit dreier Männer zu erledigen.

Natürlich würde ich ihm begegnen, wenn er sich ansteckte; ich kannte die Namen aller Patienten auf dem Krankendeck. Doch ich konnte die Sache wohl kaum in der makaberen Hoffnung auf sich beruhen lassen, dass Tompkins Typhus bekam. Schließlich entschloss ich mich zu fragen; der Mann wusste vermutlich ohnehin, wer ich war. Selbst wenn er herausfand, dass ich mich nach ihm erkundigt hatte, konnte das kaum schaden.

Elias war der naheliegende Ausgangspunkt. Ich wartete mit meiner Frage, bis der Tag zu Ende ging, weil ich darauf baute, dass die Erschöpfung seine angeborene Neugier dämpfen würde.

»Tompkins?« Das runde Gesicht des Jungen verzog sich kurz zu einem Stirnrunzeln, dann erhellte es sich. »Oh ja, Ma’am. Einer der Seemänner auf dem Vorschiff.«

»Wo ist er an Bord gekommen, wisst Ihr das?« Es gab zwar keine gute Erklärung für mein plötzliches Interesse an einem Mann, dem ich noch nie begegnet war, doch glücklicherweise war Elias viel zu müde, um sich zu wundern.

»Oh«, sagte er vage, »in Spithead, glaube ich. Oder – nein! Jetzt weiß ich es, es war Edinburgh.« Er rieb sich mit den Fingerknöcheln unter der Nase entlang, um das Gähnen zu unterdrücken. »Das war es, Edinburgh. Ich würde mich gar nicht daran erinnern, aber sie haben ihn gepresst, und er hat fürchterliches Theater gemacht und behauptet, man dürfte ihn nicht pressen, er stünde unter Schutz, weil er für Sir Percival Turner beim Zoll arbeitete.« Das Gähnen siegte, und sein Mund öffnete sich weit, dann ließ es nach. »Aber er hatte nichts Schriftliches von Sir Percival dabei«, schloss er blinzelnd, »also war nichts zu machen.«

»Ein Zollagent also?« Das erklärte natürlich einiges.

»Mm-hm. Ja, Ma’am, meine ich.« Elias versuchte tapfer, wach zu bleiben, doch seine glasigen Augen waren auf die schwankende Laterne am Ende des Krankendecks gerichtet, und er schwankte im Rhythmus mit.

»Geht ins Bett, Elias«, erbarmte ich mich. »Ich mache hier fertig.«

Er schüttelte hastig den Kopf und versuchte, den Schlaf zu vertreiben.

»Oh nein, Ma’am! Ich bin nicht müde, kein bisschen!« Er griff ungeschickt nach dem Becher und der Flasche in meiner Hand. »Gebt mir das, Ma’am, und geht lieber selber schlafen.« Er war nicht zu überreden, sondern bestand hartnäckig darauf, bei der letzten Wasserzuteilung zu helfen, ehe er in seine Koje davonwankte.