Mein Herz setzte einen Schlag aus.
»Wer war denn der Partner?«, fragte ich. Mir gingen die Namen und Gesichter der sechs Schmuggler durch den Kopf – kleine Fische. Keine Idealisten, keiner von ihnen. Aber wer von ihnen war nicht durch Loyalität gebunden?
»Ich weiß es nicht. Nein, es ist wahr, ich schwöre es! Au!«, sagte er panisch, als ich ihm die Nadel in die Haut stieß.
»Ich tue Euch nicht absichtlich weh«, versicherte ich ihm und verstellte meine Stimme, so gut ich es konnte. »Aber ich muss die Wunde nähen.«
»Au! Au! Ich weiß es nicht, wirklich nicht! Ich würde es Euch sagen, wenn ich es wüsste, so wahr Gott mein Zeuge ist!«
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte ich und konzentrierte mich auf meine Nadel.
»Oh! Bitte hört auf! Nur einen Moment! Ich weiß nur, dass es ein Engländer war! Das ist alles!«
Ich hielt inne und starrte zu ihm auf. »Ein Engländer?«, sagte ich verständnislos.
»Ja. Das hat Sir Percival gesagt.« Er sah mich an, und auf den Wimpern beider Augen bebten Tränen. Ich beendete den letzten Stich, so sanft ich konnte, und verknotete den Faden. Wortlos stand ich auf, schenkte ihm einen kleinen Schluck Brandy aus meiner persönlichen Flasche ein und reichte ihn ihm.
Er trank ihn dankbar, und danach schien es ihm deutlich besserzugehen. Ob aus Dankbarkeit oder aus schierer Erleichterung über das Ende der Prozedur – er erzählte mir den Rest der Geschichte. Auf der Suche nach Beweisen, auf die man eine Anklage wegen Aufwiegelei stützen konnte, hatte er sich in die Druckerei an der Carfax Close begeben.
»Ich weiß, was dort geschehen ist«, versicherte ich ihm. Ich drehte sein Gesicht zum Licht und betrachtete die Brandnarben. »Ist es noch schmerzhaft?«
»Nein, aber anfangs ist es furchtbar gewesen«, sagte er. Durch seine Verletzung verhindert, war Tompkins nicht an dem Hinterhalt in Arbroath beteiligt gewesen, doch er hatte gehört – »nicht direkt, aber ich habe es gehört, wisst Ihr«, sagte er mit einem gerissenen Kopfnicken –, was sich dort zugetragen hatte.
Sir Percival hatte Jamie vor einem Hinterhalt gewarnt, um zu verhindern, dass Jamie glaubte, er hätte etwas damit zu tun, und möglicherweise die Einzelheiten ihrer finanziellen Absprache an Stellen erwähnte, wo eine solche Enthüllung Sir Percivals Interessen schaden würde.
Zur selben Zeit hatte Sir Percival – durch den Partner, den mysteriösen Engländer – von dem Ersatzplan mit dem französischen Schiff erfahren und den Hinterhalt am Strand von Arbroath eingefädelt.
»Aber was ist mit dem Zolloffizier, der an der Straße umgebracht wurde?«, fragte ich scharf. Ich konnte einen kleinen Schauder bei dem Gedanken an dieses grauenvolle Gesicht nicht unterdrücken. »Wer hat das getan? Es gibt unter den Schmugglern nur fünf Männer, die es hätten tun können, und keiner von ihnen ist Engländer!«
Tompkins rieb sich mit der Hand über den Mund; er schien sich nicht im Klaren zu sein, ob es klug war, es mir zu erzählen, oder nicht. Ich ergriff die Brandyflasche und stellte sie ihm hin.
»Oh, danke, Mrs. Fraser! Ihr seid ein echter Christenmensch, das werde ich jedem sagen, der mich fragt.«
»Spart Euch die Sympathiebekundungen«, sagte ich trocken. »Erzählt mir einfach, was Ihr über den Zolloffizier wisst.«
Er füllte den Becher und leerte ihn mit langsamen Zügen. Dann stellte er ihn mit einem zufriedenen Seufzer hin und leckte sich die Lippen.
»Es war keiner von den Schmugglern, der ihn erledigt hat. Es war sein eigener Kamerad.«
»Was!« Ich fuhr erschrocken zurück, doch er nickte und kniff das gesunde Auge zu, um mir zu bedeuten, dass er nicht log.
»So ist es, Mrs. Fraser. Sie waren doch zu zweit, nicht wahr? Nun, einer von ihnen hatte seine Anweisungen, nicht wahr?«
Diese Anweisungen hatten gelautet zu warten, bis eventuelle Schmuggler, die dem Hinterhalt am Strand entkamen, die Straße erreicht hatten, woraufhin der Zolloffizier seinem Partner in der Dunkelheit eine Schlinge über den Kopf ziehen und ihn schnell erwürgen sollte, um ihn dann aufzuknüpfen und ihn als Beweis für die mörderische Brutalität der Schmuggler zurückzulassen.
»Aber warum?«, fragte ich verwirrt und entsetzt. »Welchen Zweck sollte das haben?«
»Begreift Ihr denn nicht?« Tompkins schien überrascht, als sei die Logik der Situation doch gar nicht zu übersehen. »Es war uns nicht gelungen, in der Druckerei an Beweisstücke zu gelangen, die Fraser der Aufwiegelei überführten, und da die Werkstatt vollständig niedergebrannt war, war jede Chance dahin. Auch hatten wir Fraser nie auf frischer Tat mit der Ware ertappt, nur einige der kleinen Fische, die für ihn gearbeitet haben. Einer der anderen Agenten glaubte zu wissen, wo die Ware gelagert wurde, doch ihm ist irgendetwas zugestoßen – vielleicht hat ihn Fraser erwischt und ihn gekauft, denn er ist letzten November eines Tages verschwunden und wurde nie wieder gesehen – und das Versteck der Schmuggelware natürlich auch nicht.«
»Ich verstehe.« Ich schluckte bei dem Gedanken an den Mann, der mich auf der Treppe des Bordells behelligt hatte. Was wohl aus diesem Likörfass geworden war? »Aber …«
»Nun, ich erzähle es Euch, Mrs. Fraser, wartet nur.« Tompkins hob mahnend die Hand. »Hier ist also Sir Percival, der weiß, dass ihm ein seltener Fall winkt, ein Mann, der nicht nur einer der größten Schmuggler am Firth ist und der Autor einiger der erstklassigsten aufrührerischen Schriften, die zu sehen ich je das Privileg hatte, sondern der außerdem ein begnadigter jakobitischer Verräter ist, dessen Name den Prozess von einem Ende des Königreichs zum anderen zur Sensation machen würde. Und das einzige Problem ist«, sagte er schulterzuckend, »dass es keine Beweise gibt.«
Tompkins’ Erklärung des Plans fügte sich auf grauenvolle Weise zu einem Sinn zusammen. Wenn man einen festgenommenen Schmuggler des Mordes an einem Zollbeamten im Dienst bezichtigte, würde dieser nicht nur eines Kapitalverbrechens angeklagt werden, sondern ein solcher Mord war auch ein grauenvolles Verbrechen, das einen gewaltigen öffentlichen Aufschrei auslösen würde. Die selbstverständliche Akzeptanz, die die Schmuggler in der Bevölkerung genossen, würde ihnen in einer Angelegenheit von solch hinterhältiger Brutalität keinen Schutz bieten.
»Euer Sir Percival hat ja das Zeug zu einem erstklassigen Schurken«, stellte ich fest. Tompkins nickte nachdenklich und blinzelte in seinen Becher.
»Nun, da habt Ihr recht, Mrs. Fraser; ich werde nicht sagen, dass Ihr unrecht habt.«
»Und der getötete Zolloffizier – ich vermute, er kam nur gerade passend daher?«
Tompkins kicherte und versprühte feinen Brandynebel. Auch sein anderes Auge schien jetzt zu verschwimmen.
»Oh, sehr passend, Mrs. Fraser, in mehrfacher Hinsicht. Um ihn braucht Ihr nicht zu trauern. Es gab viele Leute, die froh waren, Tom Oakie baumeln zu sehen – nicht zuletzt Sir Percival.«
»Ich verstehe.« Ich befestigte den Verband an seiner Wade. Es wurde allmählich spät; ich würde bald zum Krankendeck zurückkehren müssen.
»Am besten rufe ich jemanden, der Euch zu Eurer Hängematte bringt«, sagte ich und nahm ihm die beinahe leere Flasche aus der widerstandslosen Hand. »Euer Bein sollte mindestens drei Tage Ruhe haben; sagte Eurem Offizier, dass ich gesagt habe, Ihr könnt nicht an Deck gehen, ehe ich die Fäden gezogen habe.«
»Das werde ich tun, Mrs. Fraser, und ich danke Euch für Eure Güte gegenüber einem armen, unglückseligen Seemann.« Tompkins versuchte, sich hinzustellen, und blickte überrascht drein, als es ihm misslang. Ich schob ihm eine Hand in die Achselhöhle, hievte ihn zum Stehen hoch, und da er mein Angebot, ihm Hilfe zu holen, ablehnte, half ich ihm zur Tür.
»Ihr braucht Euch keine Sorgen um Harry Tompkins zu machen, Mrs. Fraser«, sagte er, während er in den Korridor wankte. Er wandte sich um und kniff mir ein Auge. »Der alte Harry landet immer auf den Füßen, ganz gleich, was geschieht.« Während ich ihn mir ansah mit seiner langen Nase und der vom Alkohol geröteten Nasenspitze, seinen großen, durchscheinenden Ohren und dem einsamen, hinterlistigen braunen Auge, wurde mir plötzlich klar, woran er mich erinnerte.