»Wann seid Ihr geboren, Mr. Tompkins?«, fragte ich.
Im ersten Moment blinzelte er verständnislos, doch dann sagte er: »Im Jahr des Herrn 1713, Mrs. Fraser. Warum?«
»Kein Grund«, sagte ich und winkte ihm zu gehen. Ich sah zu, wie er langsam durch den Korridor torkelte, bis er an der Leiter verschwand wie ein Sack Hafer. Ich würde Mr. Willoughby fragen müssen, um ganz sicherzugehen, doch im Moment hätte ich mein Hemd darauf verwettet, dass 1713 ein Jahr der Ratte gewesen war.
Kapitel 48
Augenblick der Gnade
Im Lauf der folgenden Tage stellte sich Routine ein, so wie es stets selbst unter verzweifelten Umständen geschieht, wenn sie lange genug andauern. Die Stunden nach einer Schlacht sind von Hektik und Chaos geprägt, und vom Handeln einer Sekunde hängen Menschenleben ab. Hier kann ein Arzt zum Helden werden, weil er die Gewissheit besitzt, dass die Blutung, die er gerade gestillt hat, ein Leben gerettet hat, dass sein rasches Einschreiten eine Gliedmaße rettet. Doch bei einer Epidemie gibt es so etwas nicht.
Dann kommen die langen Tage des unablässigen Wachens und der Schlachten auf dem Feld der Bakterien – und ohne geeignete Waffen hilft hier nur Verzögerungstaktik. Wieder und wieder tut man die kleinen Dinge, die vielleicht nicht heilen, die aber getan werden müssen, um den unsichtbaren Feind der Erkrankung zu bekämpfen, während man die schwache Hoffnung hegt, dass man den Körper lange genug unterstützen kann, bis er mehr Ausdauer zeigt als sein Angreifer.
Eine Seuche ohne Arznei zu bekämpfen ist wie der Ansturm gegen einen Schatten, gegen die Dunkelheit, die sich so unausweichlich wie die Nacht ausbreitet. Ich kämpfte jetzt seit neun Tagen, und sechsundvierzig weitere Männer waren gestorben.
Dennoch erhob ich mich jeden Tag im Morgengrauen, spritzte mir Wasser in die trockenen Augen und begab mich erneut auf das Schlachtfeld, unbewaffnet bis auf mein Durchhaltevermögen – und ein Fass Alkohol.
Hin und wieder gab es Siege, doch selbst diese hinterließen einen bitteren Nachgeschmack. Ich hatte den vermutlichen Infektionsherd gefunden – einen der Kombüsenmaate, ein Mann namens Howard. Nachdem er zunächst in einer der Kanonenbesatzungen gedient hatte, war Howard vor sechs Wochen in die Kombüse versetzt worden, nachdem er einen Unfall beim Rückstoß einer Geschützlafette gehabt hatte und sich mehrere Finger zerquetscht hatte.
Howard hatte in der Kanoniersmesse bedient, und der erste bekannte Krankheitsfall war – den unvollständigen Aufzeichnungen des verstorbenen Arztes, Dr. Hunter, zufolge – einer der Marinesoldaten gewesen, die dort aßen. Vier weitere Fälle, alle aus der Kanoniersmesse, und dann hatte die Ausbreitung begonnen, weil die infizierten, aber noch bewegungsfähigen Männer die tödliche Ansteckung auf den Abtritten verschmierten, wo andere sie mitnahmen und an die ganze Besatzung weitergaben.
Howards Eingeständnis, dass er diese Krankheit schon auf anderen Schiffen miterlebt hatte, auf denen er gedient hatte, reichte aus, um die Sache zu besiegeln. Allerdings hatte sich der Koch, dem es genauso an Personal mangelte wie dem gesamten Schiff, resolut geweigert, auf einen wertvollen Helfer zu verzichten, und das nur wegen »der albernen Ideen einer gottverdammten Frau!«.
Elias konnte ihn nicht überreden, und ich war gezwungen gewesen, den Kapitän zu rufen, der die Natur des Notfalls missverstand und mit mehreren bewaffneten Soldaten erschien. Es folgte eine sehr unangenehme Szene in der Kombüse, und man hatte Howard auf das Beiboot gebracht – den einzigen Ort, der so etwas wie Quarantäne ermöglichte –, wo er verwirrt protestierte und wissen wollte, was er verbrochen hatte.
Als ich schließlich aus der Kombüse emporstieg, sank die Sonne flammend in den Ozean und pflasterte die See im Westen mit Gold wie die Straßen des Himmels. Einen Moment, nur einen Moment blieb ich stehen, gebannt von dem Anblick.
Es war schon so oft geschehen, doch es überraschte mich jedes Mal. Stets inmitten großer Anspannung, wenn ich bis zur Hüfte in Sorgen und Trauer watete, wie es bei Ärzten nun einmal vorkommt, und dann schaute ich aus einem Fenster, öffnete eine Tür, blickte in ein Gesicht, und da war er dann, unerwartet und unverwechselbar. Ein Moment des Friedens.
Das Licht breitete sich vom Himmel bis zum Schiff aus, und der weite Horizont war nicht länger ein Ort der Leere, der uns bedrohte, sondern ein Hort des Glücks. In diesem Moment lebte ich im Zentrum der Sonne, gewärmt und rein; der Gestank und die Bilder der Krankheit fielen von mir ab, und die Bitterkeit hob sich von meinem Herzen.
Ich hielt nie danach Ausschau, suchte nicht nach einem Namen dafür, doch ich wusste stets, wenn das Geschenk des Friedens da war. Ich stand in aller Stille da, solange der Moment dauerte, und fand es seltsam – und auch wieder nicht –, dass mich die Gnade selbst hier ereilte.
Dann änderte sich das Licht kaum merklich, der Moment ging vorüber und ließ mir wie jedes Mal für eine Weile das Echo seiner Gegenwart. Mit einem Reflex der Dankbarkeit bekreuzigte ich mich und ging unter Deck, und meine angeschlagene Rüstung strahlte einen schwachen Glanz aus.
Elias Pound wurde vier Tage später durch den Typhus dahingerafft. Es war eine heftige Erkrankung; er kam mit fieberschweren Augen zum Krankenbett und zuckte vor jedem Licht zurück; sechs Stunden später lag er im Delirium und konnte sich nicht mehr erheben. Bei Anbruch des nächsten Tages presste er mir den kurzgeschorenen Kopf an die Brust, nannte mich »Mutter« und starb in meinen Armen.
Den ganzen Tag über tat ich, was getan werden musste, und bei Sonnenuntergang stand ich an Kapitän Leonards Seite, als er die Begräbnisriten las. Die leblose Hülle des Seekadetten Pound wurde dem Meer überlassen, umhüllt von seiner Hängematte.
Ich lehnte die Einladung des Kapitäns zum Abendessen ab und ging stattdessen zum Achterdeck, um mich neben einer der großen Kanonen in eine entlegene Ecke zu setzen, so dass ich über das Wasser hinausblicken konnte, ohne dass jemand mein Gesicht sah. Die Sonne versank in goldener Glorie, gefolgt von einer samtigen Sternennacht, doch diesmal blieb der Friede aus.
Mit der Dunkelheit, die sich über das Schiff senkte, verlangsamten sich allmählich all seine Bewegungen. Ich lehnte den Kopf an die Kanone und schmiegte die Wange an das kühle, polierte Metall. Ein Seemann kam schnellen Schrittes vorüber, ganz auf seine Aufgaben konzentriert, dann war ich allein.
Es tat einfach nur weh; mein Kopf dröhnte, mein Rücken war steif und meine Füße geschwollen, doch nichts davon war von Bedeutung, verglichen mit dem tieferen Schmerz, der mir das Herz verknotete.
Jeder Arzt hasst es, wenn er einen Patienten verliert. Der Tod ist der Feind, und jemanden, einen Schützling, an den Engel der Finsternis zu verlieren, bedeutet eine persönliche Niederlage, die nicht nur mit der normalen, menschlichen Trauer über den Verlust und das Grauen angesichts der Endgültigkeit des Todes einhergeht, sondern mit der Wut des Verrats und der Ohnmacht. Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang hatte ich an diesem Tag dreiundzwanzig Männer verloren. Elias war nur der Erste gewesen.
Mehrere von ihnen waren gestorben, während ich ihre Körper mit Wasser benetzte oder ihre Hände hielt; andere waren allein in ihren Hängematten gestorben, weil ich nicht rechtzeitig zu ihnen gelangen konnte. Eigentlich hatte ich gedacht, ich hätte mich mit der Realität dieser Zeit abgefunden, doch den zuckenden Körper eines achtzehnjährigen Matrosen zu halten, dessen Eingeweide sich in Blut und Wasser auflösten, und gleichzeitig zu wissen, dass Penizillin die meisten von ihnen hätte retten können … und keins zu haben, das quälte mich wie ein Magengeschwür und nagte an meiner Seele.