Die Schatulle mit den Spritzen und Ampullen war in der Tasche meines zweiten Rocks auf der Artemis zurückgeblieben. Wenn ich sie gehabt hätte, hätte ich sie nicht benutzen können. Wenn ich sie benutzt hätte, hätte ich nicht mehr als einen oder zwei von ihnen retten können. Doch selbst mit diesem Wissen tobte ich gegen die Vergeblichkeit meines Kampfes an und biss die Zähne zusammen, bis mir der Kiefer schmerzte, während ich von einem Mann zum nächsten ging, bewaffnet allein mit gekochter Milch und Zwieback und meinen beiden leeren Händen.
Meine Gedanken folgten noch einmal den schwindelerregenden Pfaden, die meine Füße im Lauf des Tages genommen hatten, und sahen Gesichter – die sich vor Schmerz verzerrten oder sich langsam in der Erschlaffung des Todes glätteten, doch alle waren auf mich gerichtet. Auf mich. Ich hob meine nutzlose Hand und ließ sie fest auf die Reling prallen. Ich tat es noch einmal und noch einmal und tobte so sehr vor Wut und Schmerz, dass ich das Brennen der Schläge kaum spürte.
»Aufhören!«, sagte eine Stimme hinter mir, und eine Hand nahm mein Handgelenk, um den nächsten Schlag zu verhindern.
»Loslassen!« Ich wand mich, doch seine Umklammerung war zu fest.
»Hört auf damit«, wiederholte er entschlossen. Sein anderer Arm legte sich um meine Taille, und er zog mich von der Reling zurück. »Ihr dürft das nicht tun«, sagte er. »Ihr verletzt Euch noch.«
»Es ist mir egal, verdammt!« Ich wehrte mich gegen seinen Griff, doch dann gab ich auf und sackte zusammen. Was spielte es schon für eine Rolle?
Dann ließ er mich los, und als ich mich umdrehte, fand ich mich einem Mann gegenüber, den ich noch nie gesehen hatte. Er war kein Seemann; seine Kleidung war zwar vom langen Tragen zerknittert und schmuddelig, doch sie war ursprünglich sehr gut gewesen; der taubengraue Rock und die Weste waren ihm vorteilhaft auf den schlanken Leib geschneidert, und die verwelkte Spitze an seinem Hals stammte aus Brüssel.
»Wer zum Teufel seid Ihr?«, sagte ich erstaunt. Ich wischte mir über die feuchten Wangen, zog die Nase hoch und versuchte instinktiv, mir das Haar zu glätten. Ich hoffte, dass die Schatten mein Gesicht verbargen.
Er lächelte schwach und reichte mir ein Taschentuch, das zwar zerknittert war, aber sauber.
»Mein Name ist Grey«, sagte er mit einer kleinen, eleganten Verbeugung. »Ich vermute, Ihr müsst die berühmte Mrs. Malcolm sein, deren Heldenhaftigkeit Kapitän Leonard in den höchsten Tönen lobt.« Ich verzog das Gesicht, und er hielt inne.
»Es tut mir leid«, sagte er. »Habe ich etwas Falsches gesagt? Ich entschuldige mich, Madame, es war nicht meine Absicht, Euch zu kränken.« Der Gedanke schien ihn zu betrüben, und ich schüttelte den Kopf.
»Es ist nichts Heldenhaftes daran, Menschen sterben zu sehen«, sagte ich. Meine Stimme war belegt, und ich hielt inne, um mir die Nase zu putzen. »Ich bin einfach nur da, das ist alles. Danke für das Taschentuch.« Ich zögerte, denn ich wollte ihm das benutzte Taschentuch nicht zurückgeben, wollte es aber auch nicht einfach einstecken. Er löste das Dilemma mit einer kleinen Handbewegung.
»Kann ich sonst noch etwas für Euch tun?« Er zögerte unentschlossen. »Ein Glas Wasser? Brandy vielleicht?« Er kramte in seinem Rock und zog eine kleine Silberflasche mit einem eingravierten Wappen hervor, die er mir anbot.
Ich nahm sie, nickte dankend und trank einen Schluck, der so groß geriet, dass ich husten musste. Der Brandy lief mir brennend durch die Kehle, doch ich nippte noch einmal, diesmal vorsichtiger, und spürte, wie er mich wärmte, mir die Schmerzen nahm und mich kräftigte. Ich holte tief Luft und trank noch etwas. Es half.
»Danke«, sagte ich etwas heiser und reichte ihm die Flasche zurück. Das erschien mir etwas abrupt, und ich fügte hinzu: »Ich hatte ganz vergessen, dass man Brandy auch trinken kann. Ich habe die Männer im Krankendeck damit gewaschen.« Dieser Satz führte mir die Ereignisse des Tages erneut mit niederschmetternder Intensität vor Augen, und ich ließ mich wieder auf die Pulverkiste sinken, auf der ich gesessen hatte.
»Dann wütet die Krankheit also unvermindert?«, fragte er leise. Er stand vor mir, und der Schein einer Laterne in unserer Nähe glänzte auf seinem dunkelblonden Haar.
»Nicht unvermindert, nein.« Ich schloss die Augen und fühlte mich unaussprechlich trostlos. »Wir hatten heute nur einen neuen Fall. Gestern waren es vier, und vorgestern sechs.«
»Das klingt doch hoffnungsvoll«, stellte er fest. »Als wärt Ihr im Begriff, die Krankheit zu besiegen.«
Ich schüttelte langsam den Kopf. Er fühlte sich dumpf und schwer an wie eine der Kanonenkugeln, die in flachen Tonnen neben den Kanonen aufgestapelt lagen.
»Nein. Alles, was wir tun, ist zu verhindern, dass sich noch mehr Männer anstecken. Es gibt nichts, was ich für die tun kann, die es schon haben.«
»Ist das so.« Er beugte sich vor und nahm eine meiner Hände, die ich ihm überrascht überließ. Er fuhr sacht mit dem Daumen über die Blase an der Stelle, wo ich mich beim Milchkochen verbrannt hatte, und berührte meine Fingerknöchel, die vom fortwährenden Kontakt mit dem Alkohol rot und aufgesprungen waren.
»Dem Anschein nach seid Ihr sehr aktiv gewesen, Madame, für jemanden, der nichts tut«, sagte er trocken.
»Natürlich tue ich etwas!«, fuhr ich ihn an und riss meine Hand zurück. »Es nützt nur nichts!«
»Gewiss …«, begann er.
»Es hilft nicht!« Ich hieb mit der Faust auf die Kanone, und der geräuschlose Schlag erschien mir wie ein Symbol für die ganze schmerzvolle Vergeblichkeit des Tages. »Wisst Ihr, wie viele Männer ich heute verloren habe? Dreiundzwanzig! Ich bin seit dem Morgengrauen auf den Beinen, habe bis zu den Ellbogen in Schmutz und Erbrochenem gestanden, und die Kleider haben mir am Leib geklebt, und nichts davon hat etwas genützt! Ich konnte nicht helfen! Versteht Ihr mich? Ich konnte nicht helfen!«
Sein Gesicht war abgewandt und im Dunklen verborgen, doch seine Schultern waren steif.
»Ich verstehe Euch«, sagte er leise. »Ihr beschämt mich, Madam. Ich bin auf Befehl des Kapitäns in meiner Kajüte geblieben, doch ich hatte keine Ahnung, dass sich die Umstände so verhalten, wie Ihr es beschreibt, sonst wäre ich dennoch gekommen, um zu helfen, das versichere ich Euch.«
»Warum?«, sagte ich verständnislos. »Es ist doch nicht Eure Aufgabe.«
»Ist es denn die Eure?« Er fuhr zu mir herum, und ich sah, dass er ein attraktiver Mann war, vielleicht Ende dreißig, mit empfindsamen, feinen Gesichtszügen und großen, blauen, erstaunt geweiteten Augen.
»Ja«, sagte ich.
Er betrachtete einen Moment mein Gesicht, und Nachdenklichkeit trat an die Stelle seiner Überraschung.
»Ich verstehe.«
»Nein, das tut Ihr nicht, aber das spielt keine Rolle.« Ich presste mir die Fingerspitzen fest gegen die Stirn, so wie es mir Mr. Willoughby gegen Kopfschmerzen gezeigt hatte. »Wenn der Kapitän meint, Ihr sollt in Eurer Kajüte bleiben, dann solltet Ihr das vermutlich tun. Ich habe genug Helfer im Krankendeck; es ist nur, dass … einfach nichts wirkt«, schloss ich und ließ meine Hände fallen.
Er trat an die Reling, ein kleines Stück von mir entfernt, und blickte über die dunkle Wasserfläche hinweg, die hier und dort aufglitzerte, wenn sich irgendwo der Sternenschein in einer Welle fing.
»Doch, ich verstehe«, wiederholte er, als spräche er mit den Wellen. »Ich hatte gedacht, Eure Bestürzung entspränge nur dem natürlichen Mitgefühl einer Frau, doch ich sehe, dass es etwas völlig anderes ist.« Er hielt inne, die Hände auf der Reling, eine undeutliche Gestalt im Sternenschein.
»Ich bin selbst Soldat gewesen, Offizier«, sagte er. »Ich weiß, was es bedeutet, Menschenleben in der Hand zu haben – und sie zu verlieren.«
Ich schwieg, und er verstummte. In der Ferne erklangen weiter die üblichen Schiffsgeräusche, gedämpft durch die Nacht und den Mangel an Männern, die Geräusche verursachen konnten. Schließlich seufzte er und wandte sich wieder zu mir um.