Выбрать главу

»Worauf es hinausläuft, denke ich, ist das Bewusstsein, dass man nicht Gott ist.« Er hielt inne, dann fügte er leise hinzu: »Und das aufrichtige Bedauern, dass man es nicht sein kann.«

Ich seufzte und spürte, wie die Anspannung ein wenig von mir abfiel. Der kühle Wind hob mir das schwere Haar aus dem Nacken, und die gelockten Enden wehten mir über das Gesicht, sanft wie eine Berührung.

»Ja«, sagte ich.

Er zögerte einen Moment, als wüsste er nicht, was er als Nächstes sagen sollte, dann beugte er sich vor, ergriff meine Hand und küsste sie schlicht und ungekünstelt.

»Gute Nacht, Mrs. Malcolm«, sagte er und wandte sich ab. Seine Schritte hallten laut über das Deck.

Er war noch nicht mehr als ein paar Meter an mir vorüber, als ihn ein vorbeieilender Seemann erspähte und mit einem Ausruf stehen blieb. Es war Jones, einer der Stewards.

»Mylord! Ihr solltet Euch doch nicht außerhalb Eurer Kajüte aufhalten, Sir! Die Nachtluft ist tödlich, und die Seuche wütet an Bord … und der Befehl des Kapitäns … was denkt sich Euer Leibdiener nur, Sir, Euch so umherspazieren zu lassen?«

Mein Bekannter nickte entschuldigend.

»Jaja, ich weiß. Ich hätte nicht an Deck kommen sollen; ich hatte nur das Gefühl, ich ersticke, wenn ich noch einen Moment länger in der Kajüte bleibe.«

»Lieber erstickt als an der blutigen Plage krepiert, Sir, wenn Ihr mir meine Ausdrucksweise verzeiht«, erwiderte Jones ernst. Mein Bekannter widersprach ihm nicht, sondern verschwand nur murmelnd in der Dunkelheit des Achterdecks.

Ich streckte die Hand aus und packte Jones im Vorübergehen am Ärmel, was ihn mit einem wortlosen Schreckenslaut zusammenfahren ließ.

»Oh! Mrs. Malcolm«, sagte er, als er sich wieder fasste, eine knochige Hand auf seiner Brust gespreizt. »Himmel, ich dachte, Ihr wärt ein Geist, Ma’am. Verzeihung.«

»Ebenfalls«, sagte ich höflich. »Ich wollte nur fragen – wer war der Mann, mit dem Ihr gerade gesprochen habt?«

»Oh, das?« Jones verdrehte den Kopf, um hinter sich zu blicken, doch Mr. Grey war längst verschwunden. »Nun, das ist Lord John Grey, Ma’am, der neue Gouverneur von Jamaica.« Er blickte mit einem vorwurfsvollen Stirnrunzeln in die Richtung, die mein Bekannter eingeschlagen hatte. »Er sollte sich nicht hier oben aufhalten; der Kapitän hat die strikte Order erteilt, dass er unten in Sicherheit bleiben soll. Was uns jetzt noch fehlt, ist, dass wir mit einem toten Politiker an Bord in den Hafen einlaufen, dann ist endgültig die Hölle los, Ma’am, verzeiht mir den Ausdruck.«

Er schüttelte missbilligend den Kopf, dann nickte er mir zu.

»Geht Ihr schlafen, Ma’am? Soll ich Euch eine schöne Tasse Tee und vielleicht etwas Zwieback hinunterbringen?«

»Nein danke, Jones«, sagte ich. »Ich mache noch einen Kontrollgang im Krankendeck, ehe ich zu Bett gehe. Ich brauche nichts.«

»Nun, falls doch, Ma’am, sagt es nur. Jederzeit. Gute Nacht, Ma’am.« Er fasste sich kurz an die Stirnlocke und eilte davon.

Ich blieb noch einen Moment allein an der Reling stehen, ehe ich mich unter Deck begab, und sog mir die reine, frische Luft tief in die Lungen. Es waren noch viele Stunden bis zum Morgengrauen; die Sterne brannten hell und klar über meinem Kopf, und ich begriff ganz plötzlich, dass der Augenblick der Gnade, um den ich wortlos gebetet hatte, doch noch gekommen war.

»Es stimmt«, sagte ich schließlich laut an das Meer gerichtet und den Himmel. »Ein Sonnenuntergang hätte nicht gereicht. Danke«, fügte ich hinzu und ging nach unten.

Kapitel 49

Land in Sicht!

Es stimmt, was die Seeleute sagen. Man kann das Land riechen, lange bevor man es sieht. Auch nach so langer Reise war der Ziegenstall im Frachtraum ein überraschend angenehmer Ort. Es gab zwar kein frisches Stroh mehr, und die Hufe der Ziegen klapperten unruhig auf den blanken Bohlen auf und ab. Dennoch, die Kothäufchen wurden täglich zusammengefegt und ordentlich in Körben gesammelt, aus denen man sie über Bord warf, und Annekje Johansen brachte ihnen jeden Morgen trockenes Heu für ihre Krippe. Es roch kräftig nach Ziege, doch das war ein sauberer Tiergeruch, geradezu angenehm im Vergleich mit dem Gestank der ungewaschenen Seemänner.

»Komma, komma, komma, dyr get«, gurrte sie und lockte einen Jährling mit einer zusammengedrehten Handvoll Heu in ihre Reichweite, Das Tier streckte vorsichtig die Lippen vor und wurde prompt am Hals gepackt und nach vorn gezogen, bis sein Kopf fest unter Annekjes sehnigem Arm steckte.

»Eine Zecke?«, fragte ich und trat näher, um ihr zu helfen. Annekje blickte auf und schenkte mir ihr breites Zahnlückenlächeln.

»Guten Morgen, Mrs. Claire«, sagte sie. »Ja, eine Zecke. Hier.« Sie nahm das Schlappohr der jungen Ziege in die Hand und verdrehte die seidige Kante, um mir die Blaubeerkugel einer blutgefüllten Zecke zu zeigen, die sich tief in die weiche Haut gegraben hatte.

Sie umklammerte die Ziege, um sie still zu halten, und klemmte sich die Zecke energisch zwischen zwei Fingernägel. Sie zog sie mit einer Drehung heraus, und die Ziege wand sich jammernd, während ein kleiner Blutstropfen an der Stelle aufquoll, von der die Zecke entfernt worden war.

»Halt«, sagte ich, als sie ansetzte, das Tier loszulassen. Sie sah mich neugierig an, ließ aber nicht los und nickte. Ich nahm die Alkoholflasche, die ich am Gürtel trug wie eine Handfeuerwaffe, und goss ein paar Tropfen über das Ohr. Es war weich und fein, die kleinen Adern unter der Seidenhaut deutlich zu sehen. Die Augen der Ziege mit ihren quadratischen Pupillen quollen noch weiter vor, und sie streckte aufgeregt meckernd die Zunge heraus.

»Kein wundes Ohr«, sagte ich zur Erklärung, und Annekje nickte beifällig.

Dann war das Zicklein frei und tauchte hüpfend zurück in die Herde, wo es mit dem Kopf an die Flanke seiner Mutter stieß und hektisch nach milchigem Trost suchte. Annekje sah sich nach der fortgeworfenen Zecke um und fand sie auf dem Deck, wo ihre winzigen Beinchen nicht imstande waren, den geschwollenen Körper zu bewegen. Sie zerquetschte sie beiläufig mit dem Absatz, und auf der Planke blieb ein winziger dunkler Fleck zurück.

»Wir kommen zum Land?«, fragte ich, und sie nickte mit einem breiten, glücklichen Lächeln. Sie wies mit einer ausladenden Handbewegung nach oben, wo die Sonne durch das Deckengitter fiel.

»Ja. Riechen?«, sagte sie und zog zur Demonstration heftig die Nase hoch. Sie strahlte. »Land, ja! Wasser, Gras. Gut, guuut!«

»Ich muss an Land gehen«, sagte ich und beobachtete sie genau. »Still. Geheim. Nicht sagen.«

»Ah?« Annekje bekam große Augen, und sie betrachtete mich nachdenklich. »Nicht sagen Kapitän, ja?«

»Niemand sagen«, sagte ich und nickte heftig. »Könnt Ihr helfen?«

Einen Moment war sie still und überlegte. Sie war eine kräftige, gemütliche Frau und erinnerte mich an ihre Ziegen, die sich fröhlich an das seltsame Leben an Bord anpassten, sich an Heu und warmer Gesellschaft erfreuten und trotz des wankenden Decks und des stickigen Halbdunkels im Frachtraum gediehen.

Mit derselben Aura der Anpassungsfähigkeit blickte sie zu mir auf und nickte ruhig.

»Ja, ich helfe.«

Es war nach Mittag, als wir den Anker vor einer Insel warfen, von der mir einer der Kadetten sagte, es sei Watlings Island.

Ich blickte mit beträchtlicher Neugier über die Reling. Diese flache Insel mit ihren breiten weißen Stränden und den Reihen kleiner Palmen hatte früher den Namen San Salvador getragen. Derzeit zu Ehren eines berüchtigten Freibeuters aus dem vergangenen Jahrhundert umbenannt, war dieses Fleckchen Land vermutlich das erste gewesen, was Christoph Columbus von der Neuen Welt zu Gesicht bekam.

Ich hatte Columbus zwar den beachtlichen Vorteil voraus, dass ich genau gewusst hatte, dass das Land da war, doch ich empfand dennoch ein schwaches Echo der Freude und Erleichterung, die die Seeleute dieser winzigen hölzernen Karavellen bei dieser ersten Landung verspürt haben mussten.