Wenn man lange genug an Bord eines auf und ab rollenden Schiffs verweilt, vergisst man, wie es ist, an Land zu gehen – man wird seefest. Es ist eine Metamorphose wie die Verwandlung von der Kaulquappe zum Frosch, ein schmerzloser Wechsel von einem Element zum anderen. Doch riecht und sieht man Land, erinnert man sich daran, dass man für die Erde geboren wurde, und plötzlich sehnen sich die Füße nach der Berührung festen Bodens.
Im Moment bestand das Problem darin, tatsächlich festen Boden unter die Füße zu bekommen. Watlings Island war für uns nur eine Pause, um unseren ernstlich dezimierten Wasservorrat aufzufrischen, ehe wir zwischen den Windward Isles hindurch auf Jamaica zusteuerten. Es war eine Fahrt von mindestens einer weiteren Woche, und die vielen Kranken an Bord, die reichlicher Flüssigkeitszufuhr bedurften, hatten die großen Wasserfässer im Frachtraum beinahe trockengelegt.
San Salvador war zwar eine kleine Insel, doch ich hatte aus vorsichtigen Unterhaltungen mit meinen Patienten erfahren, dass in ihrem zentralen Hafen in Cockburn Town reger Schiffsverkehr herrschte. Es mochte nicht der ideale Ort für meine Flucht sein, doch es sah so aus, als bliebe mir nicht viel anderes übrig; ich hatte nicht die Absicht, mich auf Jamaica in die »Gastfreundschaft« der Marine zu begeben und als Köder zu dienen, der Jamie zu seiner Festnahme lockte.
Obwohl die ganze Besatzung nach Land hungerte, durfte es nur der Trupp betreten, der das Wasser holte und jetzt mit seinen Fässern und Rutschen den Pigeon Creek hinauffuhr, vor dessen Mündung wir ankerten. Einer der Marinesoldaten stand am Kopf der Landebrücke und verhinderte jeden Versuch zu gehen.
Wer von der Besatzung nicht mit der Wasser-Expedition zu tun hatte oder Wache hielt, stand an der Reling und plauderte, lachte oder hielt einfach nur den Blick auf die Insel gerichtet, die den Traum der Hoffnung erfüllte. Ein Stück weiter das Deck hinunter fiel mir ein langer blonder Pferdeschwanz ins Auge, der im Uferwind wehte. Auch der Gouverneur war aus der Abgeschiedenheit aufgetaucht und hielt das blasse Gesicht zur Tropensonne emporgewandt.
Ich wäre gern zu ihm gegangen, um mit ihm zu sprechen, doch dazu war keine Zeit. Annekje war bereits nach unten gegangen, um die Ziege zu holen. Ich wischte mir die Hände an meinem Rock ab und verschaffte mir einen letzten Überblick. Nicht mehr als zweihundert Meter bis zu dem dichten Wäldchen aus Palmen und Gebüsch. Wenn ich es von der Landebrücke in den Dschungel schaffte, glaubte ich, eine gute Chance zur Flucht zu haben.
Dank seiner Eile, Jamaica zu erreichen, war es unwahrscheinlich, dass sich Kapitän Leonard mit dem Versuch aufhalten würde, mich zu fangen. Und wenn sie mich fingen – nun, der Kapitän konnte mich kaum für den Versuch bestrafen, das Schiff zu verlassen, ich war weder Seemann noch offizielle Gefangene.
Die Sonne schien auf Annekjes blonden Kopf, als sie vorsichtig die Leiter heraufgestiegen kam, eine junge Ziege gemütlich an ihre breite Brust gedrückt. Ein rascher Blick, um sich zu überzeugen, dass ich in Stellung war, dann hielt sie auf die Landebrücke zu.
Annekje sprach den Wachtposten mit ihrer merkwürdigen Mischung aus Englisch und Schwedisch an, zeigte erst auf die Ziege, dann an das Ufer und beharrte darauf, dass das Tier frisches Gras brauchte. Der Soldat schien sie zwar zu verstehen, blieb aber unnachgiebig.
»Nein, Ma’am«, sagte er durchaus respektvoll, »es darf niemand an Land, außer zum Wasserholen; Befehl des Kapitäns.«
Außer Sichtweite beobachtete ich, wie sie weiter mit ihm diskutierte, ihm das Zicklein drängend ins Gesicht hielt, ihn einen Schritt zurückbugsierte, einen Schritt zur Seite, ihn kunstvoll so aus dem Weg manövrierte, dass ich hinter ihm vorüberschlüpfen konnte. Nur noch ein Moment jetzt; er stand beinahe richtig. Sobald sie ihn vom Kopf der Landebrücke fortmanövriert hatte, würde sie die Ziege fallen lassen und beim Einfangen so viel Verwirrung verursachen, dass mir etwa eine Minute zur Flucht bleiben würde.
Ich trat nervös von einem Bein auf das andere. Ich war barfuß; so würde ich auf dem Sandstrand besser laufen können. Der Wachtposten bewegte sich; sein rotberockter Rücken war mir jetzt vollständig zugewandt. Ein Schritt noch, dachte ich, nur noch ein Schritt.
»So ein schöner Tag, nicht wahr, Mrs. Malcolm?«
Ich biss mir auf die Zunge.
»Sehr schön, Kapitän Leonard«, sagte ich unter Schwierigkeiten. Mir schien das Herz stehengeblieben zu sein, als er mich ansprach. Jetzt schlug es weiter, viel schneller als sonst, als wollte es die verlorene Zeit aufholen.
Der Kapitän trat an meine Seite und blickte über die Reling hinweg. In seinem jungen Gesicht leuchtete das Glück des Columbus. Obwohl ich den ausgeprägten Wunsch verspürte, ihn über Bord zu stoßen, musste ich bei seinem Anblick doch widerstrebend lächeln.
»Diese Landung ist ebenso sehr Euer Sieg wie der meine, Mrs. Malcolm«, sagte er. »Ich bezweifle, dass wir die Porpoise ohne Euch je an Land gebracht hätten.« Er berührte schüchtern meine Hand, und ich lächelte erneut, etwas weniger widerstrebend.
»Ich bin mir sicher, dass es Euch gelungen wäre, Kapitän«, sagte ich. »Ihr scheint mir ein sehr fähiger Seemann zu sein.«
Er lachte und errötete. Aus Anlass der Landung hatte er sich rasiert, und seine glatten Wangen glänzten rosig und nackt.
»Nun, es liegt zum Großteil an den Matrosen, Ma’am; ich kann sagen, dass sie sich wacker geschlagen haben. Und ihren Einsatz verdanken wir wiederum Eurem Können als Ärztin.« Er sah mich an, und seine braunen Augen glänzten ernst.
»Eigentlich, Mrs. Malcolm, kann ich gar nicht sagen, was uns Euer Können und Eure Güte bedeutet haben. Ich … ich habe vor, dies auch dem Gouverneur mitzuteilen und Sir Greville – dem königlichen Kommissionär auf Antigua. Ich werde einen Brief schreiben, ein aufrichtiges Zeugnis Eurer Person und Eurer Bemühungen um unseretwillen. Vielleicht … vielleicht hilft das ja.« Er senkte den Blick.
»Hilft wobei, Kapitän?« Mein Herz schlug immer noch schnell.
Kapitän Leonard biss sich auf die Unterlippe, dann blickte er auf.
»Ich hatte eigentlich nicht vor, etwas zu Euch zu sagen, Ma’am. Doch … ich kann wirklich nicht ehrenhaft weiter schweigen. Mrs. Fraser, ich kenne Euren Namen, und ich weiß, wer Euer Mann ist.«
»Tatsächlich?«, sagte ich und versuchte, mich im Griff zu behalten. »Wer ist er denn?«
Die Miene des Jungen war überrascht. »Aber Ma’am, er ist ein Verbrecher.« Er erbleichte etwas. »Ihr meint … Ihr wusstet das nicht?«
»Doch, ich wusste es«, sagte ich trocken. »Aber warum erzählt Ihr es mir?«
Er leckte sich über die Lippen, sah mir jedoch tapfer in die Augen. »Als ich die Identität Eures Mannes erfahren habe, habe ich es in das Logbuch des Schiffs geschrieben. Ich bedaure diese Handlungsweise jetzt, doch es ist zu spät; die Information ist offiziell. Sobald ich Jamaica erreiche, muss ich die dortigen Behörden von seinem Namen und seinem Ziel unterrichten, ebenso wie den Kommandeur der Marinegarnison auf Antigua. Man wird ihn ergreifen, wenn die Artemis vor Anker geht.« Er schluckte. »Und wenn man ihn ergreift …«
»Wird er gehängt«, beendete ich, was er nicht herausbrachte. Der Junge nickte wortlos. Sein Mund öffnete und schloss sich auf der Suche nach Worten.
»Ich habe schon mit angesehen, wie Männer hängen«, sagte er schließlich. »Mrs. Fraser, ich kann nur – ich –« Er hielt inne, rang um Beherrschung und fand sie. Er richtete sich auf und blickte mich geradewegs an. Seine Freude über die Landung ertrank in plötzlichem Elend.
»Es tut mir leid«, sagte er leise. »Ich kann Euch nicht um Vergebung bitten; ich kann nur sagen, dass es mir furchtbar leidtut.«
Er machte auf dem Absatz kehrt und ging davon. Direkt vor ihm stand Annekje Johansen, die mit der Ziege auf dem Arm immer noch erregt mit dem Wachtposten stritt.
»Was ist denn das?«, wollte Kapitän Leonard aufgebracht wissen. »Entfernt dieses Tier auf der Stelle vom Deck! Mr. Holford, was denkt Ihr Euch nur?«