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Doch das Meer in meinem Rücken war leer, die Porpoise nirgendwo in Sicht. Ich war entkommen.

Jetzt war alles, was noch zu tun blieb, an Land zu gehen, Wasser zu finden, ein schnelles Transportmittel nach Jamaica zu finden und Jamie und die Artemis zu finden, möglichst, ehe es die Königliche Marine tat. Den ersten Punkt auf der Tagesordnung würde ich möglicherweise noch hinbekommen.

Das bisschen, was ich von Postkarten und aus Reisebroschüren über die Karibik wusste, hatte in meinem Kopf ein Bild von weißen Sandstränden und kristallklaren Lagunen geprägt. Hier jedoch wurde alles von dichter, unansehnlicher Vegetation beherrscht, die in ausgesprochen klebrigem, dunkelbraunem Schlamm steckte.

Die kräftigen, strauchähnlichen Pflanzen mussten Mangroven sein. Sie erstreckten sich in sämtliche Richtungen, so weit ich sehen konnte; mir blieb nichts anderes übrig, als sie zu durchsteigen. Ihre Wurzeln, über die ich regelmäßig stolperte, erhoben sich in großen Bögen aus dem Schlamm wie Krocket-Tore, und die glatten, hellgrauen Zweige wuchsen in Büscheln wie Fingerknochen und schnappten im Vorübergehen nach meinem Haar.

Ganze Schwärme kleiner roter Krebse rannten bei meinem Näherkommen aufgeregt davon. Meine Füße sanken bis zu den Knöcheln im Schlamm ein, und ich entschied mich jetzt doch, meine Schuhe auszuziehen, auch wenn sie inzwischen längst durchnässt waren. Ich wickelte sie in meinen feuchten Rock, den ich bis über die Knie raffte, und holte vorsichtshalber das Fischmesser hervor, das mir Annekje gegeben hatte. Ich sah zwar nichts Bedrohliches, doch mit einer Waffe in der Hand fühlte ich mich besser.

Anfangs war mir die aufgehende Sonne auf meinen Schultern willkommen, da sie mir die unterkühlte Haut wärmte und die Kleider trocknete. Innerhalb einer Stunde jedoch wünschte ich, sie würde hinter einer Wolke verschwinden. Je höher die Sonne stieg, desto stärker schwitzte ich; ich war bis zu den Knien mit trocknendem Schlamm bedeckt und wurde jeden Moment durstiger.

Ich versuchte zu sehen, wie weit die Mangroven reichten, doch sie waren höher als ich, und alles, was ich erspähen konnte, war ein wogendes Meer aus schmalen, graugrünen Blättern.

»Es kann doch nicht sein, dass die ganze verdammte Insel aus Mangroven besteht«, murmelte ich und kämpfte mich weiter. »Irgendwo muss es doch hier Festland geben.« Und Wasser, hoffte ich.

Ein Geräusch, als würde neben mir eine kleine Kanone abgefeuert, erschreckte mich so, dass ich das Fischmesser fallen ließ. Hektisch tastete ich im Schlamm danach, dann warf ich mich auf den Bauch, als etwas Großes an meinem Kopf vorübersauste und mich nur um Zentimeter verfehlte.

Es klapperte laut im Laub, und dann ertönte ein beiläufig klingendes »Kwark?«.

»Was?«, krächzte ich. Ich setzte mich vorsichtig hin, das Messer in der einen Hand, und wischte mir mit der anderen die feuchten, schlammverklebten Locken aus dem Gesicht. Knapp zwei Meter von mir entfernt saß ein großer schwarzer Vogel auf einer Mangrove und betrachtete mich kritisch.

Er beugte geziert den Kopf vor und stellte sein glänzendes schwarzes Gefieder zur Schau, als wollte er seine makellose Erscheinung mit meinem heruntergekommenen Aussehen vergleichen.

»Na wunderbar«, sagte ich sarkastisch. »Du kannst schließlich auch fliegen, Kumpel.«

Der Vogel hörte auf, den Hals zu recken, und beäugte mich tadelnd. Dann hob er den Schnabel, plusterte die Brust auf, und als wollte er seine überlegene Eleganz noch weiter betonen, entfaltete er plötzlich eine große, leuchtend rote Hauttasche, die ihm vom Halsansatz über den halben Körper lief.

»Bummm!«, sagte er und wiederholte das Kanonengeräusch, das mich vorhin bereits erschreckt hatte. Auch diesmal erschrak ich, aber nicht mehr so sehr.

»Lass das doch«, sagte ich gereizt. Ohne mich zu beachten, schlug der Vogel langsam mit dem Flügeln, machte es sich wieder bequem und donnerte erneut los.

Über uns erscholl plötzlich ein rauher Ausruf, und unter lautem Geflatter landeten zwei weitere große schwarze Vögel ein paar Meter entfernt auf einer Mangrove. Da er sich durch sein Publikum ermuntert fühlte, donnerte der erste Vogel in regelmäßigen Abständen drauflos, und die Hauttasche leuchtete vor Erregung. Innerhalb von Sekunden waren noch drei weitere schwarze Gestalten über mir aufgetaucht.

Ich war mir zwar einigermaßen sicher, dass es keine Geier waren, doch mir war trotzdem nicht danach zu bleiben. Ich hatte noch einige Meilen vor mir, bis ich schlafen konnte – oder Jamie fand. Wie die Chancen standen, ihn rechtzeitig zu finden, das war etwas, worüber ich mir lieber keine Gedanken machte.

Eine halbe Stunde später hatte ich kaum Fortschritte gemacht und hatte nach wie vor das Donnern meines anspruchsvollen Bekannten im Ohr, in das jetzt einige ähnlich redselige Freunde einstimmten. Keuchend vor Anstrengung, suchte ich mir eine dicke Wurzel und setzte mich.

Meine Lippen waren aufgesprungen und trocken, und der Gedanke an Wasser nahm mich derart in Anspruch, dass er quasi alles andere verdrängte, sogar Jamie. Ich hatte mich so lange durch die Mangroven gekämpft, dass es mir ewig vorkam, doch immer noch konnte ich den Ozean hören. Anscheinend musste mir die Flut sogar gefolgt sein, denn während ich dasaß, floss eine dünne Schicht schäumendes, schmutziges Meerwasser zwischen den Mangrovenwurzeln hindurch und berührte flüchtig meine Zehen, ehe sie sich wieder zurückzog.

»Wasser, Wasser überall«, sagte ich reumütig, während ich zusah, »und kein einziger Tropfen zu trinken.«

Eine kleine Bewegung im feuchten Schlamm zog meinen Blick auf sich. Als ich mich niederbückte, sah ich mehrere kleine Fische einer Art, die ich noch nie gesehen hatte. Statt klatschend dazuliegen und nach Atem zu ringen, saßen diese Fische auf ihre Brustflossen gestützt aufrecht da und sahen ganz so aus, als spielte es keinerlei Rolle, dass sie nicht im Wasser waren.

Fasziniert beugte ich mich noch dichter über sie, um sie zu betrachten. Einer oder zwei rutschten zwar auf ihren Flossen beiseite, doch es schien sie nicht zu stören, dass man sie ansah. Feierlich glotzend erwiderten ihre Glupschaugen meinen Blick. Erst als ich mich noch weiter näherte, begriff ich, dass sie deshalb zu glotzen schienen, weil jeder Fisch anscheinend nicht zwei, sondern vier Augen hatte.

Ich starrte eins der Tiere an, während ich spürte, wie mir der Schweiß zwischen den Brüsten hinunterrann.

»Entweder halluziniere ich«, sagte ich im Konversationston zu dem Fisch, »oder du

Der Fisch antwortete nicht, sondern hüpfte plötzlich auf und landete mehrere Zentimeter über dem Boden auf einem Ast. Vielleicht spürte er ja etwas, denn im nächsten Moment kam eine weitere Welle herangespült, und diesmal plätscherte sie mir um die Knöchel.

Mit einem Mal legte sich willkommene Kühle über mich. Die Sonne war gehorsamst hinter einer Wolke verschwunden, und mit ihrem Verschwinden änderte sich die gesamte Atmosphäre des Mangrovenwaldes.

Die grauen Blätter klapperten, als plötzlich Wind aufkam, und all die kleinen Krebse, Fische und Sandflöhe verschwanden wie von Zauberhand. Sie wussten offensichtlich mehr als ich, und ich fand ihr Verschwinden ziemlich gespenstisch.

Ich blickte zu der Wolke auf, hinter der die Sonne verschwunden war, und schnappte nach Luft. Eine gewaltige, dunkelrote, kochende Wolkenmasse wälzte sich über die Hügel heran, so schnell, dass ich tatsächlich sehen konnte, wie sich die Vorderkante der Masse, von der Sonne in brennendes Weiß getaucht, auf mich zubewegte.

Die nächste Welle rauschte heran, fünf Zentimeter höher als die letzte, und es dauerte deutlich länger, bis sie wieder abfloss. Ich war zwar weder Fisch noch Krebs, aber inzwischen war auch mir klargeworden, dass ein Gewitter heraufzog, und zwar erstaunlich schnell.