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Ich blickte mich um, sah aber nichts außer den Mangroven, die sich scheinbar endlos rings um mich ausbreiteten. Nichts, was ich als Unterschlupf benutzen konnte. Dennoch, von einem Wolkenbruch im Freien erwischt zu werden, war wohl im Moment kaum das Schlimmste, was passieren konnte. Meine Zunge fühlte sich trocken und klebrig an, und ich leckte mir die Lippen bei dem Gedanken an kühlen, süßen Regen, der mir ins Gesicht prasselte.

Das Rauschen einer neuen Welle, die mir halb bis zum Schienbein ging, brachte mir plötzlich zu Bewusstsein, dass ich in Gefahr war, mehr als nur nass zu werden. Ein rascher Blick in die oberen Mangrovenäste zeigte mir getrocknete Algenbüschel, die sich in den Zweigen und Gabelungen verfangen hatten – der höchste Wasserstand, deutlich über meinem Kopf.

Im ersten Moment empfand ich Panik und versuchte, mich zu beruhigen. Wenn ich hier die Orientierung verlor, war ich erledigt. »Kühl bleiben, Beauchamp«, murmelte ich mir zu und erinnerte mich an einen Ratschlag, den man mir als Assistenzärztin gegeben hatte: »Das Erste, was man bei einem Herzinfarkt tun sollte, ist, sich selbst den Puls zu fühlen.« Ich lächelte bei der Erinnerung daran und spürte, wie die Panik sofort verebbte. Als Geste fühlte ich mir den Puls; etwas schnell, aber kräftig und regelmäßig.

Also schön, welche Richtung? Auf den Berg zu; er war das Einzige, was ich über dem Mangrovenmeer sehen konnte. So schnell ich konnte, schob ich mich durch das Geäst, ohne darauf zu achten, dass es mir die Röcke zerriss und dass jede Welle kräftiger an meinen Beinen zog. Der Wind kam hinter mir vom Meer und drückte das Wasser noch mehr in die Höhe. Er wehte mir ständig die Haare in die Augen und den Mund. Wieder und wieder strich ich es zurück und fluchte laut, um mich am Klang meiner Stimme zu trösten, doch meine Kehle war schnell so trocken, dass mich das Reden schmerzte.

Platschend ging ich weiter. Mein geraffter Rock löste sich immer wieder aus meinem Gürtel, und irgendwo verlor ich die Schuhe, die auf der Stelle in dem kochenden Schaum verschwanden, der mir inzwischen deutlich über die Knie reichte. Es schien nicht wichtig zu sein.

Die Flut reichte mir bis zur Mitte des Oberschenkels, als der Regen einsetzte. Unter heftigem Rauschen, das das Klappern der Blätter übertönte, fiel er wie ein Vorhang, der mich in Sekunden bis auf die Haut durchnässte. Anfangs verschwendete ich Zeit, indem ich vergeblich den Kopf in den Nacken legte und versuchte, die Rinnsale, die mir über das Gesicht liefen, in meinen offenen Mund zu lenken. Dann kam ich zur Vernunft; ich löste das Halstuch, das in meinem Ausschnitt steckte, ließ es vom Regen tränken und wrang es mehrere Male aus, um die Salzreste zu entfernen. Dann hielt ich es noch einmal in den Regen, um es zu durchnässen, hob mir das zusammengeknüllte Tuch an den Mund und saugte das Wasser heraus. Es schmeckte nach Schweiß, Seetang und grober Baumwolle. Es war köstlich.

Obwohl ich ständig weitergegangen war, befand ich mich nach wie vor in der Umklammerung der Mangroven. Die steigende Flut reichte mir fast bis zur Taille, und das Gehen wurde immer schwieriger. Nachdem ich meinen Durst vorerst gestillt hatte, senkte ich den Kopf und setzte mich in Bewegung, so schnell ich konnte.

Über den Bergen blitzte es, und gleich darauf ertönte Donnergrollen. Die Strömung der Flut war jetzt so stark, dass ich mich nur noch vorwärtsbewegen konnte, indem ich mich beim Heranrollen einer Welle halb rennend vom Wasser schieben ließ und mich dann an die nächstbeste Mangrove klammerte, während sich das Wasser zurückzog und an meinen schwimmenden Beinen sog.

Allmählich kam mir der Gedanke, dass es überhastet gewesen war, Kapitän Leonard und die Porpoise zu verlassen. Der Wind nahm immer noch zu und flutete mein Gesicht so sehr mit Regen, dass ich kaum noch sehen konnte. Seeleute sagen, dass die Tide mit jeder siebten Welle steigt. Also begann ich zu zählen, während ich mich weiter voranschleppte. Doch in Wirklichkeit war es die neunte Welle, die mich zwischen den Schulterblättern traf und mich zu Boden warf, ehe ich einen Ast packen konnte.

Hilflos hustend schlug ich um mich, gefangen in einem Strudel aus Sand und Wasser; dann stieß ich auf Grund und stellte mich wieder aufrecht hin. Die Welle hatte mich zwar halb ertränkt, doch sie hatte mich auch in eine andere Richtung gedreht. Ich sah mich nicht länger dem Berg gegenüber, dafür aber einem großen Baum, kaum mehr als fünf Meter entfernt.

Vier weitere Wellen, viermal wurde ich vorwärtsgesaugt, viermal klammerte ich mich grimmig fest, während das Wasser versuchte, mich zurückzureißen, dann fand ich mich am schlammigen Ufer eines kleinen Baches wieder, der durch die Mangroven floss und in einer kleinen Bucht ins Meer mündete. Rutschend und stolpernd kletterte ich die Böschung hinauf und rettete mich in die einladende Umarmung des Baumes.

Von einem Ausguck in vier Metern Höhe konnte ich den Mangrovensumpf hinter mir sehen und jenseits davon das offene Meer. Wieder änderte ich meine Meinung darüber, wie klug es gewesen war, die Porpoise zu verlassen; so katastrophal die Lage an Land sein mochte; draußen auf See war sie um einiges schlimmer.

Blitze zuckten über die kochende Wasseroberfläche hinweg, während Wind und Gezeiten darum kämpften, die Wellen zu beherrschen. Weiter draußen in der Mouchoir-Passage war der Wellengang so hoch, dass er an wogende Hügel erinnerte. Der Wind war jetzt so stark, dass er im Vorübersausen ein schrilles Pfeifen erzeugte und mich in meinen nassen Kleidern bis auf die Haut frieren ließ. Der Donner krachte gleichzeitig mit den Blitzen, während der Sturm über mich hinwegzog.

Die Artemis war langsamer als das Kriegsschiff; so langsam, hoffte ich, dass sie sich noch in Sicherheit weit draußen auf dem Atlantik befand.

Ich sah, wie dreißig Meter von mir entfernt ein Mangrovengebüsch getroffen wurde; das Wasser zischte kochend zurück, und einen Moment lag das trockene Land frei, ehe die Wellen zurückkehrten und die schwarzen Drähte der verkohlten Stämmchen ertränkten. Ich schlang meine Arme um den Baumstamm, drückte mein Gesicht an die Rinde und betete. Für Jamie und die Artemis. Für die Porpoise und Annekje Johansen, für Tom Leonard und den Gouverneur. Und für mich.

Es war heller Tag, als ich erwachte. Mein Bein klemmte zwischen zwei Ästen und war vom Knie abwärts taub. Halb kletterte, halb stürzte ich von meinem Ausguck und landete im flachen Wasser der Bachmündung. Ich schöpfte eine Handvoll Wasser, kostete es und spuckte es aus. Kein Salzwasser, aber ebenso untrinkbares Brackwasser.

Meine Kleider waren zwar feucht, doch innerlich war ich ausgetrocknet. Der Sturm war lange vorüber; mit Ausnahme der geschwärzten Mangroven war ringsum alles friedlich und normal. In der Ferne konnte ich das Dröhnen der großen schwarzen Vögel hören.

Brackwasser hier verhieß süßeres Wasser weiter bachaufwärts. Ich rieb mir das Bein, um das taube Gefühl zu vertreiben, dann humpelte ich über das Ufer.

Die Vegetation ging allmählich vom Graugrün der Mangroven in kräftigeres Grün über, bis mich ein dichter Teppich aus Gras und Moos dazu zwang, durch das Wasser zu gehen. Ich war so müde und durstig, dass ich nur ein kurzes Stück laufen konnte, ehe ich mich hinsetzen und ausruhen musste. Hier kamen dann mehrere der seltsamen kleinen Fische neben mir an das Ufer gehüpft und glotzten mich an, als wären sie neugierig.

»Nun, ich finde, ihr seht auch ziemlich komisch aus«, sagte ich zu einem von ihnen.

»Seid Ihr Engländerin?«, sagte der Fisch ungläubig. Ich fühlte mich so sehr an Alice im Wunderland erinnert, dass ich den Fisch im ersten Moment nur begriffsstutzig anblinzelte. Dann fuhr mein Kopf auf, und ich blickte dem Mann ins Gesicht, der das gesagt hatte.

Sein Gesicht war so verwittert und von der Sonne gebräunt, dass es wie Mahagoni aussah, doch das schwarze Haar, das sich aus seiner Stirn ringelte, war dicht und frei von Grau. Vorsichtig kam er hinter der Mangrove hervor, als hätte er Angst, mich zu erschrecken.