Er war etwas mehr als mittelgroß, kräftig und breitschultrig, und die eigentlich freundliche Miene seines breiten, kühn geschnittenen Gesichts war mit Argwohn versetzt. Er war schäbig gekleidet, trug einen schweren Leinenbeutel quer über die Schulter geschlungen – und an seinem Gürtel hing eine Feldflasche aus Ziegenleder.
»Vous êtes Anglaise?«, wiederholte er seine Frage auf Französisch. »Comment ça va?«
»Ja, ich bin Engländerin«, sagte ich krächzend. »Dürfte ich bitte etwas Wasser haben?«
Seine Augen öffneten sich weit – sie waren haselgrün und hell –, doch er sagte nichts, sondern nahm nur den Lederbeutel von seinem Gürtel und reichte ihn mir.
Ich legte mir das Fischmesser auf das Knie, um es in Reichweite zu haben, und trank in tiefen Zügen, denn ich konnte kaum genug bekommen.
»Vorsichtig«, sagte er. »Es ist gefährlich, zu schnell zu trinken.«
»Ich weiß«, sagte ich und ließ ein wenig atemlos den Beutel sinken. »Ich bin Ärztin.« Ich hob die Feldflasche und trank noch einmal, zwang mich jedoch diesmal, langsamer zu schlucken.
Mein Retter betrachtete mich fragend – und das war wohl auch kaum ein Wunder. Von der See durchnässt und von der Sonne getrocknet, schlammverkrustet, schweißfleckig und mit wirrem Haar sah ich aus wie eine Bettlerin, noch dazu vermutlich wie eine geisteskranke Bettlerin.
»Ärztin?«, sagte er auf Englisch und bestätigte mir, dass seine Gedanken genau die Richtung eingeschlagen hatten, die ich vermutet hatte. Er betrachtete mich akribisch auf eine Weise, die sehr an den großen schwarzen Vogel erinnerte, dem ich vorhin begegnet war, und seine prägnanten schwarzen Augenbrauen hoben sich fast bis zu seinem Haaransatz.
»Ach nein«, sagte er nach einer deutlichen Pause.
»Ach doch«, sagte ich im selben Ton, und er lachte.
Er neigte förmlich den Kopf in meine Richtung. »In diesem Fall, Frau Doktor, gestattet mir, mich vorzustellen. Doktor Lawrence Stern von der Naturphilosophischen Gesellschaft München.«
Ich sah ihn blinzelnd an.
»Ein Naturalist«, erläuterte er und zeigte auf den Leinenbeutel an seiner Schulter. »Ich war auf dem Weg zu diesen Fregattenvögeln, in der Hoffnung, ihr Brutverhalten zu beobachten, als ich gehört habe, wie Ihr Euch, äh …«
»Mit einem Fisch unterhalten habt«, schloss ich. »Nun ja … Haben sie tatsächlich vier Augen?«, sagte ich, um das Thema zu wechseln.
»Ja – zumindest hat es den Anschein.« Er blickte auf den Fisch hinunter, der unser Gespräch gebannt zu verfolgen schien. »Sie scheinen ihre seltsam geformten Sehorgane im Wasser zu benutzen, wo das obere Augenpaar das Geschehen oberhalb der Wasseroberfläche zu beobachten scheint und das untere Paar gleichzeitig die Ereignisse darunter registriert.«
Dann sah er mich mit dem Hauch eines Lächelns an. »Würdet Ihr mir vielleicht die Ehre erweisen, mir Euren Namen mitzuteilen, Frau Doktor?«
Ich zögerte, weil ich mir nicht sicher war, was ich ihm sagen sollte. Ich ging die Ansammlung der verfügbaren Decknamen durch und entschied mich für die Wahrheit.
»Fraser«, sagte ich. »Claire Fraser. Mrs. James Fraser«, fügte ich der Vollständigkeit halber hinzu, aus dem vagen Gefühl heraus, dass mir mein ehelicher Status trotz meines Aussehens einen Hauch mehr Respektabilität verleihen könnte. Ich strich mir die Locke zurück, die mir in das rechte Auge hing.
»Euer Diener, Madame«, sagte er mit einer eleganten Verbeugung. Er rieb sich nachdenklich den Nasenrücken und sah mich an.
»Habt Ihr womöglich Schiffbruch erlitten?«, fragte er weiter. Es schien die logischste – wenn nicht die einzige – Erklärung für meine Anwesenheit zu sein, und ich nickte.
»Ich muss eine Möglichkeit finden, nach Jamaica zu gelangen«, sagte ich. »Meint Ihr, Ihr könnt mir helfen?«
Er starrte mich mit einem kleinen Stirnrunzeln an, als sei ich ein Exemplar einer Spezies, das er nicht recht einordnen könnte, doch dann nickte er. Er hatte einen breiten Mund, der zum Lächeln gemacht zu sein schien; sein Mundwinkel verzog sich nach oben, und er streckte die Hand aus, um mir aufzuhelfen.
»Ja«, sagte er. »Ich kann helfen. Aber ich glaube, erst suchen wir Euch etwas zu essen und vielleicht Kleider, ja? Ich habe einen Freund, der nicht allzu weit entfernt lebt. Ich bringe Euch zu ihm, ja?«
Angesichts des quälenden Durstes und der sich überstürzenden Ereignisse hatte ich kaum auf die Erfordernisse meines Magens geachtet. Bei der Erwähnung von Essbarem jedoch erwachte er augenblicklich und nachdrücklich zum Leben.
»Das«, sagte ich in der Hoffnung, ihn zu übertönen, »wäre wirklich sehr nett.« Ich strich mir das wirre Haar zurück, so gut es ging, duckte mich unter einem Ast hindurch und folgte meinem Retter in den Wald.
Wir traten aus einem Palmenhain ins Freie, und das Gelände öffnete sich zunächst zu einer großen Wiese, um sich dann vor uns zu einem breiten Hügel zu erheben. Auf dem Gipfel des Hügels konnte ich ein Haus sehen – oder zumindest eine Ruine. Ihre rissigen gelben Putzwände waren mit rosa Bougainvilleas und riesigen Guaven überwuchert, das Blechdach hatte mehrere weithin sichtbare Löcher, und das ganze Gebäude strahlte eine Atmosphäre traurigen Verfalls aus.
»Hacienda de la Fuente«, sagte mein neuer Bekannter und wies kopfnickend den Hügel hinauf. »Schafft ihr den Weg nach oben selbst, oder …« Er zögerte und betrachtete mich, als schätzte er mein Gewicht. »Ich könnte Euch vermutlich tragen«, sagte er mit einem wenig schmeichelhaften Unterton des Zweifels.
»Ich schaffe es selbst«, versicherte ich ihm. Meine wunden Füße schmerzten, und hier und dort hatten sich am Boden liegende Palmwedel in ihre Haut gebohrt, doch der Weg vor uns sah relativ eben aus.
Der Hang, der zum Haus hinaufführte, war kreuz und quer mit Schafspfaden übersät. Eine Reihe dieser Tiere graste friedlich unter der heißen Sonne Hispaniolas. Als wir zwischen den Bäumen hervorkamen, erspähte uns eins der Schafe und stieß ein kurzes, überraschtes Meckern aus. Wie ein Uhrwerk hoben sämtliche Schafe auf dem Hang synchron die Köpfe und starrten uns an.
Während mich unter den starren Blicken dieser Phalanx argwöhnischer Augen Verlegenheit beschlich, raffte ich meine schlammigen Röcke und folgte Dr. Stern zum Hauptweg, der seiner Breite nach nicht nur von Schafen benutzt wurde und den Hügel hinauf- und darüber hinwegführte.
Es war ein schöner, klarer Tag, und Schwärme oranger und weißer Schmetterlinge flatterten im Gras umher. Sie landeten auf den überall verstreuten Blüten, und hier und dort leuchtete ein gelber Schmetterling auf wie eine winzige Sonne.
Ich holte tief Luft. Es roch herrlich nach Gras und Blumen, vermischt mit einem schwächeren Hauch von Schafen und sonnengewärmtem Staub. Ein brauner Fleck landete gerade so lange auf meinem Ärmel, dass ich die Samtschuppen auf seinem Flügel sehen konnte und den kleinen, aufgerollten Schlauch seines Rüssels. Sein schmaler Bauch atmete pulsierend im Rhythmus der Flügelschläge, dann war er wieder fort.
Vielleicht war es die verheißene Hilfe, vielleicht das Wasser, die Schmetterlinge oder alles zusammen, doch die Last der Angst und Erschöpfung, mit der ich mich schon so lange abplagte, begann sich zu heben. Natürlich stand ich immer noch vor dem Problem, eine Transportmöglichkeit nach Jamaica zu finden, doch jetzt, da mein Durst gestillt war, ein Freund zur Stelle und das Mittagessen möglicherweise zum Greifen nah war, schien auch dies nicht mehr die unmögliche Aufgabe zu sein, als die ich es in den Mangroven gesehen hatte.
»Da ist er ja!« Lawrence blieb stehen und wartete, bis ich ihn auf dem Weg eingeholt hatte. Er zeigte bergauf in Richtung einer schmalen, drahtigen Gestalt, die vorsichtigen Schrittes von oben auf uns zukam. Ich blinzelte die Gestalt an, die zwischen den Schafen hindurchwandelte, welche ihr jedoch keine Beachtung zu schenken schienen.
»Jesus!«, sagte ich. »Es ist Franz von Assisi.«
Lawrence warf mir einen überraschten Blick zu.
»Nein, weder noch. Ich sagte doch, er ist Engländer.« Er hob einen Arm und rief: »Hola, Señor Fogden!«